Ypern

Die Stadt, die mit den Toten lebt.

Deutsch­land­funk (2003).

YPERN, MENENTOR / LEBHAFTES STIMMENGEWIRR

Autor  Kein Stadt­tor – ein Tri­umph­bo­gen … Viel zu groß für das kleine Ypern, 35 000 Ein­wohn­er. Das Riesen­tor an der Aus­fall­straße nach Menen  ist ein Siegerdenkmal. Und nicht das einzige in Flan­dern. Denn der Sieg war blutig. 55 000 Namen sind hier einge­meißelt — tote Englän­der, Aus­tralier, Neu-Seelän­der, Kanadier und  Kolo­nial­sol­dat­en. Die Stadt ist von frem­den Toten beset­zt.

Wir sind fünf-, sechs­hun­dert — wir Touris­ten, die jet­zt schla­gar­tig ver­s­tum­men und ein passendes Gesicht auf­set­zen. 

DAS STIMMENGEWIRR EBBT AB / TROMPETENSIGNAL

Ansage 

REDNER … These sto­ries are sto­ries of mud and blood, of unspeak­able suf­fer­ing and lim­it­less human endurance. How­ev­er they are also sto­ries of courage and devo­tion to duty, of com­rade­ship and self-sac­ri­fice… 

Sprech­er  Schlamm- und Blut­geschicht­en … unaussprech­lich­es Leid und gren­zen­los­es Durch­hal­ten … Mut und Hingabe … Kam­er­ad­schaft, Opfer…

DASSELBE AUF NIEDERLÄNDISCH / DARAUF:

Autor  Ein Gedränge wie bei der Wach­ablö­sung vor West­min­ster Palace oder an der Kreml­mauer. Der Papst war schon da, Präsi­dent Bush der Ältere, Mut­ter There­sa, Shi­mon Peres … Jeden Abend dieses Rit­u­al, seit 1928.

REDNER  …Today we com­mem­o­rate in par­tic­u­lar 14th August 1915. Cap­tain May­nard Per­cy Andrews of the 1st / 4th Bat­tal­ion, The Duke of Wellington’s Reg­i­ment. When one of his men — Pri­vate Lee — was bad­ly wound­ed by a shell, Cap­tain Andrews assessed that he need­ed to be got to the dress­ing sta­tion as a mat­ter of urgency. As it was impos­si­ble to car­ry a stretch­er through the flood­ed com­mu­ni­ca­tion trench…    

Sprech­er  Wir gedenken Cap­tain Andrews. Ein Sol­dat aus sein­er Ein­heit war ver­wun­det wor­den. Der Verbindungs­graben über­schwemmt. Ungedeckt tru­gen sie den Kam­er­aden aus der Feuer­zone.  Dann, im let­zten Augen­blick, ein Tre­f­fer. Cap­tain Andrews ret­tete ein Leben und bezahlte mit dem eige­nen.

SPRECHER  Now your atten­tion in silence for the Last Post ! 

ZAPFENSTREICH

ZWEITER SPRECHER(David Bartlett)  … They shall grow not old, as we that are left grow old. Age shall not weary them nor the years con­demn. At the going down of the sun and in the morn­ing we will remem­ber them …  

MEHRERE STIMMEN  We will remem­ber them…  

STIMMENGEWIRR UND VERKEHRSLÄRM SETZEN WIEDER EIN / EINE FOLKLORISTISCHE MUSIK

Autor  Da geht ein Papp­bech­er herum –  mit gutem, altem Whiskey! 

Auf Cap­tain Andrews !” Und jet­zt ab in die Cafés am Mark­t­platz. 

Das rein­ste Mit­te­lal­ter, wie gemalt ! Und so gut erhal­ten! 

HISTORIKER (DEUTSCH)  Der ganze Stadt­bere­ich ist von der deutschen Artillerie zer­schossen wor­den. Bei der Zweit­en Schlacht von Ypern – das ist April / Mai 1915 – war dann die Beschießung so stark – dann hat man die Bevölkerung endgültig evakuiert. 

Autor  Ypern, Ieper oder Wipers (im Jar­gon der  Englän­der) war 1918 prak­tisch aus­radiert, ein flach­er Schut­thaufen wie später Stal­in­grad, wie die Alt­stadtk­erne von Warschau oder Danzig — vier Jahre lang gehal­ten von den Englän­dern, belagert und zer­schossen von den Deutschen.

HISTORIKER (DEUTSCH) Eines der weni­gen Gebäude, die während des Kriegs nicht voll­ständig zer­stört wur­den, war das Gefäng­nis – also müssen die Mauern sehr gut gewe­sen sein.

STADTFÜHRERIN (DEUTSCH)  … Und man sagte, dass 1919, als alles vor­bei war, ein Reit­er über die Stadt schauen kon­nte – also nichts war höher als der Reit­er, der da war … Das Bild sagt alles …

BATTLE FIELD TOUR (I) / KARTEN WERDEN AUSGEBREITET / BERATUNG 

AM STRASSENRAND / IM HINTERGRUND DIE GERÄUSCHE EINER SCHNELL-STRASSE

STIMMEN  … The motor­way goes up to this part … Tyne Cot … The rail­way line … Thames bunker … This is still the orig­i­nal rail­way line … When we come in to Zon­nebeke we turn left and then we turn right… 

Autor  Die Urenkel von Cap­tain Andrews auf der Suche nach dem Ort, wo ihn 

die deutsche Kugel noch im let­zten Augen­blick erwis­cht hat, damals -1915. 

STIMMEN  

Autor  Ihr Guide heißt David Bartlett. Ein­er der vie­len Englän­der hier. Hat sich mit den Toten ein­gerichtet. 

STIMMEN  …  Every­thing was a mud­dy morast … They would have had to erect signs to say: This is Zon­nebeke, this is West­hoek – there was noth­ing left …

Sprech­er  Damals nur Morast. Die mussten Schilder auf­stellen. Von den Ortschaften war nichts mehr übrig…

Autor  Das sind die “Killing Fields”, die Blutäck­er… Zu Anfang war der Krieg noch Han­dar­beit. Man musste laden, schießen, zus­toßen, das Bajonett im Feind herum­drehen … Hier war alles Front. 

Heute eine Fried­hof­s­land­schaft. Rund um Ypern 150 britis­che Sol­daten­fried­höfe. 

Sprech­er  …Enclo­sure Nr. 3 — Elzen­walle Brasserie Ceme­tery — Ridge Wood Mil­i­tary Ceme­tery — Bed­ford House Ceme­tery — Hedge Row Trench Ceme­tery — Larch Wood Ceme­tery — Rail­way Dugouts Bur­ial Ground — Blauwe­poort Farm Ceme­tery — 1st Aus­tralian Tun­nelling Memo­r­i­al Hill 60 …

IN DER STADT / FÜHRERIN (DEUTSCH)  Schon 1919 kamen viele Touris­ten … Katas­tro­phen­touris­ten … Und man hat­te schon Führer geschrieben, man machte Cafés … Das war eigentlich der Anfang …

HISTORIKER  Diese “Miche­lin-Bat­tle­field-Tours”, die kom­men schon 1919 auf den Markt. Und es ist inter­es­sant, dass Miche­lin heutzu­tage noch eine Son­derkarte hat, wo all die Fried­höfe drauf sind.

SprecherinHotel Bri­tan­nic, The Albion Hotel, Tea­room, The Times Bar,  

Old Tom…

HISTORIKER  Wir haben kaum Kosten damit – die Fried­höfe wer­den von den Briten selb­st gepflegt. Also für die Ecke ist das heutzu­tage ganz klar Gewinn. 

BATTLE FIELD TOUR (II) / BARTLETT  … This is point A … The bot­tom of the trench line … This is D … A, B, C, D …  (HANDYSIGNAL)

Autor  “…In Flan­ders fields the pop­pies blow / Between the cross­es, row on row /
That mark our place … We are the Dead …”  John McCrae schrieb das 1915. 

1918 war er tot. Die “Killing Fields” – um- und umge­graben, gut gedüngt – waren voller pop­pies – Klatschmohn – nach dem “Großen Krieg”. Blutrot.

IN-FLANDERS-FIELDS”- MUSEUM EINBLENDEN 

WEIBLICHE STIMME (LAUTSPRECHER / DEUTSCH)  … Wenn man alle diese Ver­wüs­tun­gen sieht, die bren­nen­den Dör­fer und Städte, die ausgenomme­nen Keller und Spe­ich­er, die toten oder hal­b­ver­hungerten Tiere, das brül­lende Vieh in den Zuck­er­rüben­feldern, und dann die Toten, die Toten und Toten … 

Autor  “In Flan­ders Fields” heißt das Kriegsmu­se­um in den Tuch­hallen von Ypern. 

Piet Chie­lens, der Koor­di­na­tor, nen­nt es “ein Kriegsmu­se­um mit Friedens­botschaft”. 

PIET CHIELENS (NIEDERLÄNDISCH)

Sprech­er  Wir haben einen Über­schuss an Toten hier: 100 000 Men­schen auf der Erde, 600 000 darunter. Ich müsste an einem anderen Ort auf der Welt geboren sein, um das nicht zur Ken­nt­nis zu nehmen ! Der Tod eines Sol­dat­en ist so unheroisch.  Zwei von drei Gefal­l­enen, die hat es ein­fach zer­ris­sen – eine Granate und Bumm. Keine let­zten Worte. 

CHIELENS  … Blown to bits …

ATMO HOCH UND WEG

Zweit­er Sprech­er (ZITIERT)   “Die  Kerls da drüben mussten denken, wir seien blind oder dumm. Täglich kamen sie bei klarem Wet­ter auf den Turm, liefen auf der Plat­tform herum und gaben von oben mit der Hand Zeichen. Blitzschnell war von meinem Major der Entschluss gefasst, die Türme umzuschießen — “Na, das ist ja so ein Ziel für uns, die wer­den wir schon kriegen!” — Schnell waren Befehle gegeben, Mörs­er geladen und – bums – sauste die erste Granate im Bogen nach Ypern…”

Autor  Ein Kriegstage­buch:

Zweit­er Sprech­er  “Meinen lieben Eltern gewid­met”. 

Autor  Thomas Friz,  früher ein Mit­glied der Gruppe  “Zupfgeigen­hansel”, hat es dem Muse­um ver­ma­cht. 

THOMAS FRIZ   Im Grunde sind es die Impres­sio­nen meines damals sehr jun­gen Groß-vaters, der sich alles von der Seele schreibt … Wenn ich als Enkel das lesen muss, wie bösar­tig die Englän­der sind und “denen haben wir’s mal wieder gegeben”, und wo die zwei Englän­der da oben am Turm run­ter­guck­en, und dann der Groß­vater schreibt: “Da wird aber drauf geballert, dass die Hei­de zit­tert !” So ganz zynisch eigentlich, aber so frech auch … Plöt­zlich war Ruhe, die hat man run­terge­holt … Es ist harte Kost ! Groß­vater war Pfar­rer !  Der war total vernar­rt in diese nationale Auf­bruchsstim­mung wie eben alle: Und ich kann mich noch erin­nern – wir waren immer in den Som­mer­fe­rien bei meinem Groß­vater im Pfar­rhaus – und wenn der Opa vom Krieg erzählte, das war feier­lich. Das war Kino !

Zweit­er Sprech­er  “… Ein Beben drüben im ganzen Bau, und hier auf den 

Gesichtern der Offiziere ein befriedigtes Lachen. Das war ein Kun­st­stück ! Jet­zt fol­gte Schuss auf Schuss. In sich zusam­men brach der Turm. Denen, die da oben so waghal­sig ges­tanden und beobachtet, wird wohl die Lust zum Auss­chauen 

ver­gan­gen sein…”

MUSEUMSAKUSTIK: EIN HEFTIGER GRANATEINSCHLAG

Autor  Wir betra­cht­en ein Mod­ell des zer­störten Ypern 1918, und wir sehen Dres­den und Berlin 1945.

FRIEDENSKONZERT-ATMO EINBLENDEN 

An diesem Abend tritt Thomas Friz bei einem Frieden­skonz­ert auf dem Tyne Cot Ceme­tery auf, dem größten Sol­daten­fried­hof des British Empire. 12 000 strahlend weiße Grab­steine, umgeben von Mais­feldern und Wiesen mit schwarzbun­tem Rind­vieh. Zwis­chen den Gräbern spie­len die Kinder. 

Ein Text von Kurt Tuchol­sky, Melodie Hans Eißler.

FRIZ SINGTDER GRABEN

Mut­ter, wozu hast Du Deinen aufge­zo­gen / Hast Dich zwanzig Jahr’ um ihn gequält ? /

Wozu ist er Dir in Deinen Arm geflo­gen / Und Du hast ihm leise was erzählt? / Bis sie ihn Dir weggenom­men haben /  Für den Graben, Mut­ter, für den Graben! (…)

EIN OMNIBUS HÄLT / LUFTDRUCKBREMSE / ENGLISCHE TOURISTENGRUPPE  STEIGT AUS

Autor  Daspri­vates Kriegsmu­se­um an der N 8,  gle­ich neben dem Erleb­nis­park mit der höch­sten Wasser­rutschbahn Europas. 

GERÄUSCHE UND GEKREISCH AUS DEMBELLEWAERDEPARK”   

Man betritt das Muse­um durch eine Gasse aus Sand­säck­en. Der Ein­gang von Mörser­granat­en flankiert. An der Rezep­tion ein reich­haltiges Ange­bot an trench art, Schützen­graben-Kun­st: Zün­der und Patro­nen, blank poliert, mit Gold­kettchen. Toys for boys.

FREMDENFÜHRERIN  Be care­ful – there is a slope here !  

IM INNEREN DES MUSEUMS:

FREMDENFÜHRERIN  Look here – I explain the map that you can under­stand the war … The fist bat­tle here was a Ger­man attack, 1914 … 1915 anoth­er Ger­man attack … 1917 Passendale bat­tle … 

Sprecherin  Der erste deutsche Angriff … der zweite … 

FREMDENFÜHRERIN  If the Ger­mans suc­ceed­ed to catch Ieper, they should have reached the coast and with their Big Berta canon should have reached Great Britain ‘cause that could fire as far as 70 miles…

Sprecherin  Beim Fall von Ypern wäre Deutsch­land bis zur Küste durchge­brochen.

Und die “Dicke Berta” schoß 70 Meilen weit. Bis nach Eng­land.

FREMDENFÜHRERIN  I show you some­thing else: Gas 1915 !  The Ger­mans were using Chlo­rine gas. It was in bot­tles – thou­sands of them. And on the 22nd of April, 5 o’clock in the after­noon, the wind was good. So it was then, the famous green­ish yel­low­ish cloud came out of the field.   

Sprecherin  Am 22. April 1915, fünf Uhr nach­mit­tags, kroch zum ersten Mal diese grün­lichgelbe Wolke übers Schlacht­feld. Chlor­gas.

FREMDENFÜHRERIN  They absolute­ly not knew what it was. And the Ger­mans – they were not very lucky with their gas either. Because after a while the wind changed. And they had about 3000 killed by their own gas.

Sprecherin  Die hat­ten noch gar keine Erfahrung. Auch nicht die Deutschen. Der Wind drehte. 3000 star­ben an ihrem eige­nen Gas.

GASALARM / JEMAND BETÄTIGT DIE BETREFFENDE EISENRÖHRE IM MUSEUM

Autor Gasalarm —

TÜRGERÄUSCH  “Thank you – good bye !” 

STIMMEN / DIE GERÄUSCHE VON SPITZHACKEN UND SCHAUFELN

Autor  Das neue Indus­trievier­tel von Ypern – links eine Fen­ster- und Türen­fab­rik, 

in den Hallen rechts wer­den Champignons gezüchtet. Es stinkt nach Pfer­demist. 

Zwei Jahre haben sie noch Zeit – die “Dig­gers”, dieser Club von Ama­teur-Kriegsarchäolo­gen. Dann wächst endgültig die Stadt darüber. 

JUNGER MANN (STELLT SEINE KOLLEGEN VOR / NIEDERLÄNDISCH

Autor  Met­al­lar­beit­er, Stu­dent, Elek­tron­iker, Pen­sion­iert­er Post­bote … Kein His­torik­er wüsste mehr über dieses Schlacht­feld. 

André, der Vorar­beit­er, zeigt ein Album. Das alles haben sie hier freigelegt: unterirdis­che Kom­man­dostellen, Tun­nel, Muni­tion und Stachel­draht, Bajonette, Stahlhelme … Gür­telschnallen, falsche Zähne, Kochgeschirr, Besteck, prim­i­tive Gas­masken, Erken­nungs­marken, Pfeifen, Stiefel, Eheringe …  Und natür­lich Waf­fen  — alles bestens kon­serviert in der blauen Ton­erde von Ypern.

Nie­mand bückt sich mehr nach den Gewehrkugeln, die über­all herum­liegen. 

Eis­erne Ernte”, sagen die Bauern.

DIGGER (DEUTSCH)  … Deutsche Lin­ie da – britis­che Lin­ie hier … Sie sehen den Abstand ! Keine 100 Meter !  (NIEDERLÄNDISCH) Das ist ein Dra­ma und bleibt ein Dra­ma !

(DEUTSCH)  Das ist vom Ersten Weltkrieg !

Autor  Ein Fet­zen Stoff von ein­er Mil­itärdecke. Ein­fach so (…) Ein Unter­stand, einge­sackt im Lehm­bo­den, voll Wass­er. Schwarze Holzreste.

Sprech­er  (ÜBERSETZT)  Eisen­bahn­schwellen und Wind­müh­len­flügel …

DIGGER (DEUTSCH)  Das ist die Arbeit von den deutschen Sol­dat­en … 

Sprech­er  (ÜBERSETZT)   Block­baumeth­ode. Die Briten haben das dann noch verbessert.

Autor  Ver­schiedene Stile und Tech­niken … Stel­lungs­baukun­st …  

Sprech­er  Hier haben wir zwei deutsche Sol­dat­en gefun­den … 22 Meter Abstand … Preußis­che Husaren… 

DIGGER (DEUTSCH)  Der eine lag hier, der andere hier …

Autor  50 Deutsche haben sie hier aus­ge­bud­delt, in drei Jahren. “Jed­er gefun­dene Sol­dat, der von uns ein Grab bekommt, ist ein Erfolg”, sagt ein blass­er junger Mann. 

Sprech­er  (ÜBERSETZT)  Wir suchen keine Sol­dat­en, aber find­en sie ! 

Die rufen nicht “Hier !”

Autor  Selt­same Fasz­i­na­tion .…

Sprech­er  (ÜBERSETZT)  Nach dem Krieg waren die Leute ein­fach abges­tumpft. Über­all Knochen. Kinder spiel­ten Fußball mit Toten­schädeln. So ist das…

WIR BETRETEN DIE ST.MARTINS-KATHEDRALE / LEISE ORGELMUSIK

STADTFÜHRERIN (SPRICHT LEISE / DEUTSCH)  Das Interieur der Kathe­drale ist auch treu nachge­baut wor­den …  Man hat einige Sachen ret­ten kön­nen, wie zum Beispiel die Grab­mäler, die hier auch zu sehen sind…  

AUTOR  Und das war alles in Schutt und Asche hier ?

 STADTFÜHRERIN  Jaja !  … 

Autor  St. Mar­tin, zer­stört am 2. 11. 1914.  Von dieser Leis­tung deutsch­er Kanon­iere hat der Groß­vater des deutschen Sängers Thomas Friz in seinem Tage­buch geschwärmt.

STADTFÜHRERIN  Das ist “Maria von Toene” , sie hat uns vor den Englis­chen beschützt im 14. Jahrhun­dert und ist eigentlich Schutzheilige der Stadt gewor­den … Es hat nur acht Jahre gedauert, dass man das alles so schnell wieder aufge­baut hat … In acht Jahren, das ist ein Wun­der! 

PIET CHIELENS (NIEDERLÄNDISCH)

Sprech­er  (ÜBERSETZT)  Churchill und sein Anhang woll­ten Ypern als Ruine bewahren … 

PIET CHIELENS  “… Ein sehr impe­ri­al­is­tis­ch­er Stand­punkt … This is a holy place to the British race…”  

Sprech­er  Ein Drit­tel aller Britis­chen Krieg­sopfer sind bei Ypern gestor­ben – 

250 000 von 750 000. Eine Viertelmil­lion !

Autor  Jules Coomans, der Stadtar­chitekt, hat­te einen Kof­fer voller Bau­pläne nach Frankre­ich gerettet. Schon 1919 kamen die ersten Bewohn­er zurück. Sie wohn­ten in Barack­en auf dem Schlacht­feld. Stein für Stein wuchs Ypern wieder aus dem Lehm­bo­den.

HISTORIKER  Das war auch ein ganz Komis­ch­er – dieser Koomans. Der ist hier um 1905 Stadtar­chitekt gewor­den, und der hat­te so den Gedanken, wie man in Köln noch im 

19. Jahrhun­dert den Dom vol­len­det hat … Der wollte unbe­d­ingt zum Beispiel die Kathe­drale (da war der Spitz­turm nicht drauf) unbe­d­ingt gotisch, also neo-gotisch, fer­tig stellen. 

Seinen großen Tri­umph hat er eigentlich gefeiert, als er die Kathe­drale wieder aufge­baut hat. Der Turm ist jet­zt höher, als er je war. 

STADTFÜHRERIN  Das ist eigentlich alles eine große Lüge. Man sagt auch immer: 

Die Lüge von Ypern” … Ypern ist eine große Lüge ! 

Autor  Von weit­em, wenn die Türme aus dem Mor­gen­nebel über Rüben­feldern auf­tauchen, gle­icht Ypern immer noch einem Land­schafts­bild von Jan Ver­meer. 

PIET CHIELENS (NIEDERLÄNDISCH)  

Sprech­er (ÜBERSETZT) Wenn du in die Innen­stadt von Ypern kommst – ja wo ist da der Krieg ? Nir­gends ! Du bist im Mit­te­lal­ter. In einem Neo-Mit­te­lal­ter freilich, wie es im 19. Jahrhun­dert Mode war. Ypern ist heute mit­te­lal­ter­lich­er, als es jemals war – eine eher roman­tis­che Rem­i­niszenz an die glo­r­re­iche Zeit der flämis­chen Städte.

Eine winzige Ruine hin­ter St. Mar­tin —  das ist alles was von der Zer­störung übrig blieb. Und das ist das Prob­lem: Man will nicht wirk­lich ler­nen aus der Geschichte! 

IN-FLANDERS-FIELDS-MUSEUM

AUTOR Where do you come from ?

ERSTER BESUCHER  Aus­tralia … My inter­est is in mil­i­tary his­to­ry …

Autor  Dieser Aus­tralier inter­essiert sich für Mil­itärgeschichte.

AUTOR  And how are you sat­is­fied with this muse­um ?

ZWEITER BESUCHER  It’s a fair crit­i­cism … 

Autor  Das Muse­um ist OK – kri­tisch aber fair !

ERSTER BESUCHER  There is not much joy in war. But there is some  … com­rade­ship, ideals – I mean, these are very pos­i­tive things ! 

Autor  Na, viel Freude macht der Krieg ja nicht. Aber Kam­er­ad­schaft, Ide­ale – sind das keine Plus­punk­te?

ZWEITER BESUCHER  The trag­ic thing is, that it hap­pened again in 1939 and that would be trag­ic now if – because of Sep­tem­ber 11th – some crazy Mus­lim-Chris­t­ian war breaks out. 

Zweit­er Sprech­er  Das Tragis­che war ja die Wieder­hol­ung 1939. Und jet­zt, nach dem 11. Sep­tem­ber, schla­gen sich vielle­icht die Moslems und die Chris­ten!

BESUCHERIN  … The sheer num­bers of peo­ple and hors­es  is mind bug­gling … 

Sprecherin  Diese Menge an Leuten und Pfer­den – das haut einen um! 

BESUCHERIN  … Things you don’t think about – all the noise – so much sound ! It must have been ter­ri­ble !  It was going on all the time ! 24 hours a day ! How for­tu­nate we are that we didn’t have to go through it!  

Sprecherin  Wer denkt schon an den ganzen Lärm – das muss ja schreck­lich gewe­sen sein ! 24 Stun­den am Tag ! Was haben wir ein Glück, dass uns das 

erspart blieb !

DRITTER BESUCHER There can’t be a hap­py side of war ! There is noth­ing hap­py about war. I mean – it’s atro­cious that we keep doing it !  

Sprech­er  Nein, der Krieg hat über­haupt nichts “Schönes”. Ist das nicht grässlich, dass wir so weit­er­ma­chen?

VERKEHRSGERÄUSCHE  / SOUNDCHECK EINER BAND

MOPED / KOMMT UND WIRD ABGESTELLT

ERSTER JUGENDLICHER  (NIEDERLÄNDISCH)  

Autor  Kriegsmu­se­um, Zapfen­stre­ich … Manche find­en das ja inter­es­sant, sagt der junge Mann vor dem Musik-Café. Wir aber nicht. 

AUTOR  Why not ?

SEIN KUMPEL LÄSST MIT ABSICHT DEN MOPED-MOTOR AUFHEULEN

AUTOR Thank you – you are great !

ERSTER JUGENDLICHER  (NIEDERLÄNDISCH

Autor  Sie trinken lieber Bier (MÄDCHEN LACHT

ZWEITER JUGENDLICHER (NIEDERLÄNDISCH)  

Autor  Er sagt: Alles dreht sich hier nur um den Krieg … Über­all Fried­höfe…

ERSTER JUGENDLICHER  (ENGLISCH)  The ceme­ter­ies are always the same … 

I think – it’s good for tourism, but … It’s a show … It’s always the same show… 

It’s com­mer­cial­is­ing war ! They only have the muse­um to get some tourists here!

All the ceme­ter­ies here …  

Autor  Die Fried­höfe, das Muse­umalles nur Show. Gut für den Touris­mus. Der Krieg wird kom­merzial­isiert.

ANDERER JUGENDLICHER (ENGLISCH) … And the Bel­gian choco­late, of course ! The Bel­gian choco­late … Eng­lish peo­ple pay much too much for the choco­late… 

Autor  Fried­höfe und Schoko­lade. Die berühmte bel­gis­che Schoko­lade. 

Die Englän­der zahlen dafür ein Hei­den­geld !

ERSTER JUGENDLICHER  I live in a place where there are – I guess – in one kilo­me­tre cir­cle there about five ceme­ter­ies … I used to play on them as a kid. So I didn’t real­ize they were actu­al­ly ceme­ter­ies of sol­diers … We are just used to it – all those white lit­tle rocks stand­ing her … 

Autor  Dort, wo er wohnt, sind fünf Sol­daten­fried­höfe in einem Kilo­me­ter Umkreis. 

Als Kind hat er darauf gespielt – und er hat sich nichts dabei gedacht. Man gewöh­nt sich an die vie­len weißen Stein­brock­en, die ‘rum­ste­hen…

ANDERER JUGENDLICHER  You should do oth­er things than muse­ums … It’s use­less… 

If you look at TV, you see explod­ing faces all the time … If we look at these things, it doesn’t real­ly shock us any­more  … It’s like that … If  I see in the muse­um the movie of a man who gets cut his leg off it doesn’t real­ly touch me because I see so many peo­ple get­ting (it) blown away on TV … That’s nor­mal now … It’s a game…

Autor  Er hält Museen über­haupt für nut­z­los. Das Fernseh­pro­gramm, sagt er, wim­melt von Grausamkeit­en. Im Muse­um zeigen sie den Film, wie ein Bein amputiert wird, aber im Fernse­hen — da siehst Du jeden Tag zer­störte Gesichter und abge-

tren­nte Glied­maßen. Und es juckt dich nicht mehr. Ist wie ein Spiel.

ZWEITER JUGENDLICHER (NIEDERLÄNDISCH)

Autor  Fernse­hen ist Gehirn­wäsche. Das hat bei uns schon funk­tion­iert.

VOICE PROCESSING (LABORATORIUM VON L &  H / ORIGINALAUFNAHME

Autor  Und­so klang die Zukun­ft … Sie hieß: Flan­ders Lan­guage Val­ley – eine gesuchte Analo­gie zum Kali­for­nischen Sil­i­con Val­ley. Ypern träumte von ein­er High-Tech-Sied­lung für die Entwick­lung von Spracherken­nungs-Pro­gram­men. Inter­ak­tion zwis­chen Men­sch und Com­put­er. Der Rech­n­er als hochin­tel­li­gen­ter Sklave – Du redest Deutsch und Dein Geschäftspart­ner ver­ste­ht Dich auf Japanisch. In Sichtweite der mit­te­lal­ter­lichen Sky­line  kreative Wol­lust. Geis­tes­blitzge­wit­ter. Ein olymp­is­ches Dorf für die Top-Stars der IT-Branche. Train­ingscamp für Gehir­nakro­bat­en. 

KULISSE WEG

Und alles die Idee von zwei Nach­barn: Jo Lernout und Pol Haus­pie. 

Er hat sie gekan­nt:

Bart N. (NIEDERLÄNDISCH)

Sprech­er  (ÜBERSETZT)  Die waren wie Brüder, wie Zwill­inge. Paul Haus­pie, Buch­hal­ter aus Poperinge, exper­i­men­tierte mit Infor­matik. Nacht für Nacht saß er 

am Com­put­er. Lernout kommt aus Zille­beke dicht bei Ypern. Bei den bei­den hat es ein­fach klick gemacht !

Jo war mehr der Tech­niker. Pol kon­nte Men­schen motivieren. Die zwei funk­tion­ierten per­fekt. Pol hat­te etwas Mis­sion­ar­isches. Er wollte West­flan­dern aus der Versenkung holen.

Die Leute hier waren mut­los gewor­den. Krieg und immer nur Krieg – Fried­höfe, Denkmäler, Tod. Nun sollte West­flan­dern zur pro­gres­sivsten Ecke Europas wer­den. 

DEMO: SPRACHERKENNUNGS-PROGRAMM

Sprech­er Viele Mit­tel­ständler haben in ihr Flan­ders Lan­guage Val­ley große Sum­men investiert  … Bäck­er, Met­zger …  Ganz Ypern zog mit.

BÜRGERMEISTER (NIEDERLÄNDISCH)

Sprech­er  Die Botschaft war: Wir sind eine lebende Stadt …

Autor  … sagt der Bürg­er­meis­ter …

Sprech­er  …und Flan­ders Lan­guage Val­ley hätte dazu beige­tra­gen.

BÜRGERMEISTER  It was an oppor­tu­ni­ty … We have to know that until the Sev­en­ties 

most young peo­ple­had no chance to find a job here in this region. They had to work in Gent, Antwerp and Brus­sels. So this was an oppor­tu­ni­ty for young peo­ple who had a degree at uni­ver­si­ty  to find a job here in this region.  It was a unique oppor­tu­ni­ty – every­body thought, and every­body believed in that tech­nol­o­gy and in that project.

Sprech­er  Junge intel­li­gente Leute hat­ten ja keine Chance in dieser Gegend. Sie gin­gen alle weg – nach Gent, Antwer­pen, Brüs­sel. Das war nun die Gele­gen­heit.

Jed­er hier glaubte an das Pro­jekt.

Ypern auf dem Trip, wie benebelt. Jed­er will dabei sein, wenn der Wohl­stand aus­bricht.

VOICE PROCESSING HOCH UND WEG

BART N. (NIEDERLÄNDISCH)

Sprech­er  Die Bombe platzte, als die SEC in New York, die Nas­daq und Eas­daq kon­trol­liert, die Kore­anis­che Nieder­las­sung von L & H aufs Korn nahm. 

14 Prozent Umsatz soll­ten von dort stam­men. Das Wall­street Jour­nal brachte Reporter und Detek­tive auf Trapp. Was sie fan­den, war mehr eine Briefkas­ten­fir­ma – ein leeres Büro mit ein paar Com­put­ern drin. Nie­mand hat­te diesen Fir­men­zweig jemals kon­trol­liert. 

Flugs war die CIA im Spiel. Jo Lernout war ganz sich­er, dass “Ameri­ka” L & H ver­nicht­en wollte. 

Die Leute haben bis zulet­zt  Anteile gekauft. Es hieß nur: kaufen, kaufen ! Die Bankrott-Nachricht war unbe­grei­flich ! Da hat­ten zwei, die jed­er ken­nt, Mil­liar­den in den Sand geset­zt. Trotz­dem – nie­mand war ihnen wirk­lich böse. Jo und Pol durften ein­fach nicht die Bösewichter sein. “Ameri­ka”, “die Multi­na­tion­als”, “die Konkur­renten” waren schuld ! So denkt immer noch die Mehrheit.

Autor  Die Buch­staben von L & H sind längst ver­schwun­den. They had a dream …

AUTOR  Where is your mon­ey? 

Autor  Und Ihr Geld ?

BART N.  It’s gone … 

Sprech­er  Weg!  

Autor  Und Ypern blieb auf seinen Toten sitzen.

IN-FLANDERS-FIELDS-MUSEUM

MÄNNLICHE STIMME (LAUTSPRECHER / DEUTSCH)  … Ich war auf dem äußer­sten Ver­band­splatz, der direkt an dem äußer­sten Schützen­graben liegt – mit­ten in der großen Kanon­ade vor Ypern. In dem halb­dun­klen Unter­stand halb entk­lei­dete, blutüber­strömte Män­ner…

WEIBLICHE STIMME  They were very pathet­ic, the shell-shot boys; and a lot of them were very sen­si­tive about the fact that they were incon­ti­nent. They say: I’m ter­ri­bly sor­ry about it, sis­ter. It’s shak­ing me all over and I can’t con­trol it ! 

Sprecherin (ÜBERSETZT)  Ein jäm­mer­lich­er Anblick – diese Jungs, die es erwis­cht hat­te. Viele macht­en dauernd ins Bett. “Schwest­er, es tut mir so leid. Ich kann doch nichts dafür!” 

PIET CHIELENS (NIEDERLÄNDISCH)

Sprech­er  Das Muse­um sagt, ohne dass es an der Wand geschrieben ste­ht:

Nie wieder Krieg !” 

AUTOR (ENGLISCH)

Autor  Aber ist das nicht ein ger­adezu verzweifel­ter Ver­such, den Leuten das in die Köpfe zu häm­mern? 

CHIELENS  Too obvi­ous ? 

Autor  Alles … vielle­icht zu deut­lich ? fragt mich Piet Chie­lens, der Muse­umsmis­sion­ar.

Sprech­er  (ÜBERSETZT)  Das haben wir wieder und wieder disku­tiert … 

Aus unserem­Mu­se­um spricht der ernüchterte Sol­dat vom Kriegsende 1918. 

Unser Muse­um will nicht die Stimme von 1914 sein, als der Krieg noch ein Mit­tel der Poli­tik war. 

AUTOR (ENGLISCH)

Autor   Nicht jed­er wird diesen Stand­punkt unbe­d­ingt teilen …

CHIELENS (NIEDERLÄNDISCH)  

Sprech­er  Natür­lich … Viele der britis­chen Besuch­er, sich­er nicht alle, denken noch immer wie Robert Brook: 

CHIELENS (ENGLISCH)   “If I should die / think only this of me / that there is a cor­ner of for­eign field / that is for­ev­er Eng­land…”

Sprech­er  „Die Ecke, wo ich begraben bin, ist und bleibt ewig Eng­land”

Wir Bel­gi­er sind Paz­i­fis­ten gewor­den. Und ich bin ein Pro­dukt von diesem Land, das ist alles ! Beson­ders die Leute von Ypern haben ihre Lek­tion gel­ernt. Als es noch die Wehrpflicht gab, hat­te unser Bezirk die höch­ste Zahl an Ersatz­di­en­stleis­ten­den.

GUY GRUWEZ (ENGLISCH UND NIEDERLÄNDISCH)  

We must not vic­timise the sac­ri­fice … 

Autor  In diesem Tuch­hallen-Muse­um wer­den alle zu Opfern erk­lärt, beklagt der Chair­man der Last Post Asso­ci­a­tion. Er mag nicht das Gerede vom Kanonen­fut­ter.

Die Men­schen, sagt er, kämpften hier fürs Vater­land.

GUY GRUWEZ  … to fight for king and coun­try …You have pri­mar paci­fists and you have paci­fists who think!

Sprech­er  Nach sein­er Ansicht gibt es zwei Sorten Paz­i­fis­ten: die klu­gen und die naiv­en. Die naiv­en schieben ein­fach alles den Min­is­tern und den Gen­erälen in die Schuhe.

GUY GRUWEZ  Of course they made ter­ri­ble errors and they sac­ri­ficed much too many men. That’s a fact.

Sprech­er  Sie haben schreck­liche Fehler gemacht. Und es stimmt, dass sie manch­mal viel zu viele Män­ner opfer­ten. Unsere Tra­di­tion aber ist… Dankbarkeit!       

We remem­ber !

MENENTOR / DICHTE ATMOSPHÄRE / ZAPFENSTREICH

REDNER  … They shall grow not old, as we that are left grow old. Age shall not weary them nor the years con­demn. At the going down of the sun and in the morn­ing we will remem­ber them…

STIMMEN  We will remem­ber them…

EIN SCHOTTISCHER PIPER / LANGSAM AUSBLENDEN

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