Vita (Langfassung)

Geboren 1940 in Nord­mähren (jet­zt Tschechis­che Repub­lik).
Aussied­lung 1946 nach Ful­da, Hes­sen. 

Nach dem Abitur 1960: jour­nal­is­tis­che Aus­bil­dung (zwei­jähriges Zeitungsvolon­tari­at) und Studi­um (The­ater­wis­senschaft, Kun­st­geschichte, Pub­lizis­tik). Anschließend Zeitungsre­porter und Lokalredak­teur in Ful­da. Feuil­leton-Redak­teur in Berlin (DER ABEND).

Mit Kam­era­mann Heinz Pehlke bie Auße­nauf­nah­men für “In den Tod — Hur­ra!” (ZDF 1981)

1961, 62 und 63 frei­willige Arbeit­sein­sätze in Marokko, Griechen­land und Israel (Kib­buz).

1958–73 Mit­glied und zeitweilig Vor­sitzen­der der Ful­daer Kün­st­ler­gruppe “Junge Kun­st”.

1994 bis 1998 Redak­teur der Fea­ture-Abteilung des SFB Berlin. 
1970 bis 94 und wieder seit 1998 freiberu­flich­er Autor und Regis­seur.

Für das Fernse­hen in den siebziger Jahren zahlre­iche Jugend- und Kinder­sendun­gen. Mehrere Arbeit­en in der Rei­he “Das kleine Fernseh-spiel” / ZDF — u.a. “Men­sch Mut­ter” (Berlin­er Film­fest­spiele 1977, Deutsche Rei­he), “Das Gold der Elfen” (Berlin­er Film­fest­spiele 1978), “Willi und die Kam­er­aden” (Berlin­er Film­fest­spiele 1979 und Irish Film Fes­ti­val, Dublin). Fernseh-Fea­tures (u.a.“Fußball ist unser Leben”, “Für Fred­dy tu’ ich alles”, “Brief aus Sagorsk”)

Pri­vat­stu­dio Kopet­zky (Berlin, Kne­se­beck­straße 89) vor der Dig­i­tal­isierung 1995

Für den Hör­funk über 100 lange Fea­tures. Schw­er­punk­te: Erster und Zweit­er Weltkrieg; Gesellschaftlich­es Leben in der Bun­desre­pub­lik; Sowjetunion/Russland (Geschichtliche Darstel­lun­gen und All­t­agsre­porta­gen – Leningrad, Kiew, Min­sk, Kasach­stan, Usbek­istan, Ost-Sibirien); Südameri­ka; die Vere­ini­gung der bei­den deutschen Teil­staat­en.

Doku­men­tarische Senderei­hen: “Peter der Große”, “Katha­ri­na die Große”, “Meine Heimat­stadt Berlin” (mit Manuela Reichart, Wolf­gang Bauern­feind, Karl-Heinz Schmidt-Lauzemis), “Im Wider­stand” (Europäis­che Frauen während der deutschen Okku­pa­tion, 1987), “Die Belagerung der Macht” (Europäis­che Friedens­be­we­gung 1983/84), “Sol­dat­en”. 


Aus Mon­tage- und Mix­plä­nen für “Moskauer Zeit” (HR 1989)

Hör­spiele und Audio-Pro­jek­te: “Moskauer Zeit”, “Ohr — Schlacht — Feld”, “Zikaden­baum”, “A Fùria — Die Wut der Kinder”, “Europoly” (Gemein­schaft­spro­jekt des HR mit 15 europäis­chen Rund­funkanstal­ten). “Ein Tag in Europa”, 16 Stun­den, HR 1999 — “Ein Tag in der Stadt”, 16 Stun­den, HR 2001. “Der Ama­zonas”, dreistündi­ges Fea­ture für hr2-Radio­tag-Pro­jekt “Die großen Flüsse der Welt”, 2002 (Öffentliche Auf­führun­gen im Frank­furter Pal­men­garten und 2005 im Kul­turhaus Podewil, Berlin, sowie in der “Radio-Lounge / zeitraumex­it”, Mannheim 2007).

 

Buchveröf­fentlichun­gen: “In den Tod — Hur­ra !” (Deutsche Jugend vor Lange­mark 1914) — “Die andere Front” (Europäis­che Frauen in Krieg und Wider­stand) — “Peter der Große — Zar der neuen Zeit” (Doku­men­tarisch­er Roman) — “Katha­ri­na die Große” (Doku­men­tarisch­er Roman) — “Radio­jahre — Vom lin­earen Zeital­ter in die ver­net­zte Welt” (Werk­stat­tbuch, Online-Fas­sung 2012, Print­aus­gabe “Objek­tive Lügen — Sub­jek­tive Wahrheit­en” im Ver­lagshaus Mon­sen­stein und Van­ner­dat, Mün­ster; nun wieder kosten­los im Netz).

Organ­isierte Fea­ture-Work­shops in Deutsch­land, den USA, Brasilien, Mexiko, Ecuador, Argen­tinien, Kenia, Polen, Rumänien, Moldaw­ien, Tschechien, den Nieder­lan­den und der Repub­lik Irland. 

Beiträge zu mehreren Antholo­gien, u.a. Fea­ture-Hand­buch im UVK-Ver­lag mit Unter­stützung des SDR und SFB; Radio-Nova-Sam­mel­band (Rio de Janeiro) 1997; Textsamm­lun­gen Prix Italia 1996 und 1997; “De Radiodoc­u­men­taire” (Hil­ver­sum, 2000); “Radio Doc­u­men­tary” (Seoul, 2001); “Neue Deutsche Biogra­phie” (über Ernst Schn­abel).

Ein The­ater­stück im Auf­trag der Stadt Ful­da (“Der Zwerg des Fürst­bischofs — Barock­spek­takel mit Musik”) zum Stadtju­biläum 1994. Nach 2014 Kura­tor einiger Kun­stausstel­lun­gen in Ful­da und Wup­per­tal.

Mit­be­grün­der der Aktion “Jour­nal­is­ten war­nen vor dem Atom­krieg” (1983) 

Hei­drun Kopet­zky 1979 auf den Aran-Islands

Hei­drun Kopet­zky, eben­falls aus Nord­mähren stam­mend, ist mit dem Autor seit 1975 pri­vat und beru­flich ver­heiratet. Sie war lange Jahre Redak­tions-Sekretärin im Berlin­er “Spiegel”-Büro. Seit Mitte der achtziger Jahre gemein­same Arbeit an zahlre­ichen Funkpro­jek­ten. 

Pri­vates Ton­stu­dio (seit 1995 dig­i­tal).
Sohn Jan Kopet­zky, geboren 1976, arbeit­et als freier Fotograf. 

Das Pri­vat-Archiv Kopet­zky (120 dig­i­tal­isierte Sendun­gen und umfan­gre­ich­es Kon­text-Mate­r­i­al) wurde 2017 als Vor­lass in das Deutsche Rund­funkarchiv über­nom­men.


Radio in der Ersten Per­son
Eine kurze Arbeits-Biogra­phie


Werk­statt-Gespräch mit Char­ly Kowal­czyk (Bre­mer Medi­en­büro) zum Erscheinen der gedruck­ten Auflage von „Radio­jahre“ / „Objek­tive Lügen – Sub­jek­tive Wahrheit­en“ (10. 9. 2013)


Du nennst Dein Buch „Objek­tive Lügen – Sub­jek­tive Wahrheit­en“. Ein Titel, der bewusst provozieren soll?

Naja, ich kenne die Reak­tio­nen auf das Mantra mit den drei Buch­staben ICH mit­tler­weile zu gut: „Ach Du schon wieder auf dem Ego-Trip!“ Das geht mir langsam auf den Keks, und ich provoziere ein wenig zurück. Irgend­wie bin ich immer auf Abwehr eingestellt und möchte das doch gar nicht. Es gibt keinen Schrift­steller der Welt­geschichte, der es nötig hat­te, sein ICH so zu ver­drän­gen: „Ich bin das ja gar nicht.“ Im Gegen­teil. Als Leser kann ich davon aus­ge­hen, dass die eigene Biografie immer eine Rolle spielt – nicht 1:1 natür­lich. Nur im Doku­men­tarischen hält sich dieser Ruf nach „Objek­tiv­ität”. Allmäh­lich wird das lang­weilig.

Als Fea­ture-Autoren sind wir nun mal keine Fliegen­beinzäh­ler; nicht „Doku­men­taris­ten”, die ver­suchen, die Welt archivarisch zu fassen. Auch sind wir ander­er­seits keine Hör­spiel-Mach­er, die sich ihre eigene Wirk­lichkeit erschaf­fen. Kun­st darf alles. Unsere Hör­er haben das gute Recht, möglichst viel über eine The­matik, über einen Men­schen, über einen Ort zu  erfahren. Aber – und das ist mir eben wichtig: Wir kön­nen dies alles nur so erfahren, wie es diejeni­gen, die uns darüber erzählen, selb­st erfahren haben. 

Nie­mand kann behaupten, ein Ort, eine Per­son sei ger­ade so, wie es in diesen 55 Fea­ture-Minuten zu hören ist. Das ist – etwas zuge­spitzt – die Lüge, die ich meine. Die sub­jek­tive Wahrheit ist natür­lich auch nur in Anführungsze­ichen zu ver­ste­hen, denn Wahrheit in diesem Sinne gibt es ja auch nicht. Selb­st wenn wir unsere doku­men­tarische Arbeit nur am Schreibtisch erledi­gen, ist es unsere Per­spek­tive, die zählt: Wir wählen den Weg, wir wählen die Quellen.

Haben viele Autorin­nen und Autoren zu viel Respekt, ja fast Angst vor dem ICH

 Ja. Aber ich ver­ste­he das nicht. Denn wenn ich mit Leuten face-to-face zusam­men sitze und irgen­det­was erzäh­le, dann sitze ich da als Per­son, ich kann mich nicht … neu­tral­isieren. Das wäre wie ein Schaus­piel­er, der sich auf die Bühne stellt und sagt: „ICH BIN GAR NICHT DA.“

Es gibt aber die Scheu, sich selb­st als Autor einzubrin­gen…

Diese Scheu hat man uns so beige­bracht! In der Schule hieß es – jeden­falls bei uns Nachkriegskindern: „Fange keinen Satz mit ICH an!” Damit hab ich heute noch Schwierigkeit­en, ich ver­suche das ICH am Satzan­fang zu ver­mei­den. Warum ? Weil das große Ganze wichtiger ist als ich selb­st?  Es gibt ange­blich Redak­teure, die Autoren in ihrem eige­nen Stück nicht dulden.

Mach’ Dich weg….

Ja, schnei­de Dich raus! Ich höre das oft: „Du machst ja andauernd Hmmm, was soll das?“ Na gut, man kann es übertreiben, es kann auch störend und sehr eit­el sein, wenn man immer zeigen will ICH BIN DA. Alles ist eine Frage des Maßes und der Ehrlichkeit. Aber das gilt auch umgekehrt: dass ich meine Anwe­sen­heit nicht ver­schleiere. Die Zuhör­er ver­muten ohne­hin, dass ein­er da ist, der das Mikrophon hält, und ich möchte, dass man das spürt.

Du nennst Dein Buch Werk­stat­tbericht. Warum?

Das Leben ist ja nicht so gradlin­ig, dass man es wie ein Drehbuch erzählen kann. Die Eck­en und Kan­ten soll­ten erkennbar sein. Das Prob­lem bei dem Buch war, dass ich selb­st von Anfang an nicht so richtig sagen kon­nte, für wen ich das mache. Und deswe­gen hab’ ich mir auch keinen Ver­lag gesucht, der von mir ver­langt, dass ich ihm die „Ziel­gruppe” nenne. Das Ding war reif und musste ans Tages­licht. Ich hab so viele Noti­zen gemacht, ich hab jahre­lang unbe­wusst dafür gesam­melt. Im Keller lag das im Archiv, ich musste bloß zugreifen. Mir ging es darum, bes­timmte Kom­plexe, wie zum Beispiel mein Leib- und Magen­the­ma „Sub­jek­tiv­ität im doku­men­tarischen Fach”, als Haupt­the­ma her­auszustellen –– wer geht so ähn­lich ran wie ich oder ver­sucht es ganz anders ?

40 Jahre Fea­ture-Arbeit. Hat­test Du auch das Gefühl, Du möcht­est etwas hin­ter­lassen — Dein Ver­mächt­nis?

Ver­mächt­nis“ ist ein großes Wort. Aber diesen Drang hat fast jed­er in meinem Alter, ich bin 73. Möglich, dass zu viel in dieser Art pro­duziert wird, ganze Ver­lage leben davon. So vieles hast du ange­häuft im Leben, das du weit­ergeben möcht­est. Und du denkst: „Oh Gott, was mache ich jet­zt damit, ich habe gar nicht mehr viel Zeit.“ Das ist doch eine Gemein­heit, dass alles irgend­wann ein­mal unwider­ru­flich abbricht!

Mit Gewinn verkaufen kann man so ein Buch natür­lich nicht, das muss man sich leis­ten. Aber ich bin froh, dass meine Frau mit­spielt und nicht sagt: „Das inter­essiert doch nur Ver­rück­te wie uns!“ Sie denkt sich vielle­icht, dass ich unlei­dlich werde, wenn das nicht gedruckt wird, was da aus mir raus will.

Ich habe es gerne gele­sen, weil es anre­gend war, auch dass Du irgend­wann dazu überge­gan­gen bist, intu­itiv an Dein Mate­r­i­al ranzuge­hen.

Ich habe jedes neue The­ma immer als Aben­teuer emp­fun­den, selb­st The­men, die ich genau zu ken­nen glaubte, wie das Stück über den Beginn des ersten Weltkriegs — Lange­mark, West­front. Das Fea­ture hieß „In den Tod – Hur­ra!“ Ich hab ja noch die let­zten Über­leben­den auf deutsch­er und englis­ch­er Seite erlebt. Die waren alle schon über 80 Jahre, und das, worüber sie vor gut 30 Jahren erzählten, war der Höhep­unkt ihres Lebens gewe­sen, im Guten wie im Schlecht­en. 

Und wieder stapeln sich Bän­der und Büch­er über 1914 in meinem Büro für ein NDR-Fea­ture mit dem Titel „Feinde wie wir“ – obwohl ich Hei­drun und mir selb­st doch ver­sprochen hat­te … 

Das ist eben Aben­teuer – sei es nur die Recherche am Schreibtisch, im Netz, oder seien  es die großen Reisen. Wir waren ja viel unter­wegs. Das fing schon bei der Vor­bere­itung an. Also: die Kas­set­ten zurecht leg­en, die Labels aufk­leben, wie viele Kabel, Bat­te­rien, Wörter­büch­er, Land­karten … Als wir nach Sibirien gereist sind, im Win­ter 84/85 an die zweite Transsi­birische Eisen­bahn, die Baikal-Amur-Magis­trale, war die große Karte von diesem Sech­s­tel der Erde genan­nt Sow­je­tu­nion oder auch „Das Reich des Bösen” vor uns auf dem Berlin­er Sisaltep­pich aus­ge­bre­it­et, und wir zogen die Flu­grouten und Eisen­bahn­streck­en nach und hörten bei­de schon so etwas wie einen Grundt­ton, einen Gen­er­al­bass der geplanten Sendung.

Hast Du vorher fest­gelegt, wen Du wann triff­st? Oder hast Du alles auf Dich zukom­men lassen?

Es gibt natür­lich Adressen, wie Uri Avneri in Israel zum Beispiel, der mich natür­lich schon als Men­sch inter­essiert und den ich unbe­d­ingt auf­suchen wollte. Aber du bekommst natür­lich bei jedem The­ma viele Tipps, Geheimtipps sog­ar, und dann denkst du: Jet­zt habe ich schon so eine lange Liste, die müsste ich jet­zt abar­beit­en. Das ist ein falsch­er Ansatz, denn ich will ja in die Wirk­lichkeit hineinge­hen, nicht in eine Liste. Ich hat­te immer die Vorstel­lung von einem Fisch im Wass­er – mein­er Fisch-im-Wass­er-Meth­ode. Ich springe in einen Pool und schwimme zwis­chen den frem­den Fis­chen umher, und ich gucke links und ich gucke rechts und sie kom­men auf mich zu.

Erzäh­le mal ein Beispiel…

Wir haben eine Sendung gemacht über Jeri­cho im West­jor­dan­land, die „Haupt­stadt der Ungeduld“. Wir wohn­ten also in dem wun­der­schö­nen „Amer­i­can Colony Hotel“ in Jerusalem, wo auch schon Hem­ing­way gewohnt hat­te (wo wohnte der eigentlich nicht ?) Und dann hast du mor­gens die „Jerusalem Post“ auf Englisch gele­sen – was an dem Tag anste­ht, wo etwas passiert. Da haben wir gele­sen, dass eine poli­tis­che Aktion jugendlich­er Tho­ra-Stu­den­ten in Jeri­cho gegen die geplante Über­gabe der Stadt und ein­er ural­ten Syn­a­goge an die palästi­nen­sis­che Ver­wal­tung bevorste­ht. Das wussten wir vorher natür­lich nicht, das kon­nte in Berlin auch nie­mand wis­sen. 

Also ins Taxi und hin ! Wir stiegen in Jeri­chos kurz­er Haupt­straße aus dem Fahrzeug. Ich hat­te in so wichti­gen Sit­u­a­tio­nen immer schon vorher mein Gerät umgeschnallt und eingeschal­tet, um nichts zu ver­passen. Damals lief man noch mit Spulen-Ton­bandgerät, Kopfhör­ern und ziem­lich vielem Kabel­ge­bam­mel herum. Es sah schon recht pro­fes­sionell aus. 

Du hast noch nicht die Autotür zugemacht, da kommt ein Trupp smarter junger Leute auf dich zu, PLO-Aktivis­ten, Stu­den­ten, die eigentlich alle arbeit­s­los sind. Ein Straßen-Café ist ihr „Stützpunkt“. Sie laden dich zum Tee ein, und schon bist du im The­ma. Klar – die Leute wollen was von dir, sie wollen dich als Sprachrohr benutzen, und du benutzt die Gele­gen­heit für dich, für deine Sendung – wobei du ja den eige­nen kri­tis­chen Ver­stand nicht auss­chal­test. 

Nun sitzen wir mit den PLO-Leuten also zwei Stun­den zusam­men, wech­seln Ton­band­spule um Ton­band­spule, und dann fra­gen sie, ob du ein Flüchtlingslager besuchen möcht­est. Natür­lich möcht­est du ! Wir fahren hin, es ist nicht weit. Wir besuchen Fam­i­lien – PLO-Sym­pa­thisan­ten natür­lich. Du bist mit­ten­drin, wie ein Fisch im Wass­er eben. 

Ein paar Stun­den später wollen wir die neue Moschee anschauen, die mit viel aus­ländis­chem Geld mit­ten in Jeri­cho gebaut wor­den war. Da sind Leute von der Hamas. Sie führen uns herum, als würde ihnen das alles gehören, und schlep­pen uns dann zu ein­er Feier ins Kul­turhaus. Auch der Ter­min stand in kein­er Berlin­er Zeitung. 

Sie bugsieren uns also in einen Saal, groß wie eine Turn­halle und voller Men­schen, vor allem jun­gen Leuten, Frauen mit ihren blüten­weißen Kopftüch­ern auf der Empore, Män­ner unten. Hitze – und erhitzte Gemüter. Parolen wer­den skandiert, die ich nicht ver­ste­he. Gesänge, immer drän­gen­der und lauter, Trom­meln wirbel­ten. Das Ton­bandgerät läuft und läuft. Ein­er sagt: „You should go up on the stage – you are our hon­or­able guest !“ Und wo möchte ich denn für die Auf­nahme lieber hin als auf die Bühne neben den Imam, der da mit has­ser­füll­ter Stimme redet, brüllt, unter­brochen vom Getrom­mel und den Sprechchören ! Meine Kopfhör­er haben mir längst gesagt, dass ich da hin will – ran an den Speck, den akustis­chen.

Ich habe mir die Auf­nah­men der lan­gen Rede später über­set­zen lassen. Im Grunde läuft alles darauf hin­aus, die Israelis möglichst bald ins Meer zu treiben. Später gibt es eine The­at­er­auf­führung, bei der ein israelis­ch­er Siedler auf offen­er Bühne kalt­gemacht wird. Und alle sind begeis­tert, als er das Papp­schw­ert zwis­chen die Rip­pen kriegt.

Und gar nicht so anders erge­ht es uns ein, zwei Tage später bei den Siedlern. Sie zeigen uns live und in Echtzeit, wo die bib­lis­chen Szenen spiel­ten, die ihnen das Recht geben, hier zu sein auf diesem Hügel über Jeri­cho. Zum Beispiel den bren­nen­den Dorn­busch, haar­ge­nau: „A bit more to the right – right there. You got it !“ Und das alles mit vollem Ernst. Als Reporter musst du mit­machen, du lässt dich treiben – mit inter­essiertem Gesicht­saus­druck. Kein Ort für Debat­ten jet­zt. 

Und so kam es, dass wir mit Siedlern andern­tags in einem Protestzug durch das beset­zte Ost-Jerusalem marschiert sind, mit­ten im Getüm­mel und schw­er bewacht von israelis­chem Mil­itär.

Mit­ge­hen, Töne ein­sam­meln, das heißt ja nicht, dass man deren Auf­fas­sung ver­tritt.

Ja, natür­lich nicht, wir haben eigene Auf­fas­sun­gen. Es ist nicht nur die Pflicht der Berichter­stat­tung, son­dern es sind auch die physikalis­chen Umstände der Tonauf­nah­men, nah dabei zu sein. Die Bedin­gun­gen sind kom­pliziert­er als beim Fernse­hen. Mit dem Teleob­jek­tiv kannst du noch über 300 Meter hin­weg span­nende Nahauf­nah­men machen, aber nicht mit dem Mikro­fon. Du musst dort sein, wo „es“ passiert. 

Mir fällt eine frühe Sache ein – ein Fernse­hfea­ture über Fred­dy Quinn, den damals berühmten Schlager­sänger. Ich habe eine Geschichte gemacht von ein­er Heimar­bei­t­erin und ein paar ihrer Fre­undin­nen, die gefühlsmäßig mit diesem Sänger ver­heiratet waren, in ihrer Fan­tasie mit ihm gelebt haben, Tag und Nacht. Und mit ihr bin ich dann nach Lübeck gefahren, zu einem Gast­spiel des Sängers – zusam­men mit den zwei kleineren Kindern, die sie immer mit­nehmen musste, weil sie nie­man­den hat­te, der auf sie auf­passt. Ich habe mit  im sel­ben Hotelz­im­mer über­nachtet, um Stand­fo­tos zu schießen, wie sie ihre Kinder zu Bett bringt in dem bil­li­gen Hotel, weil sie für ein anderes kein Geld hat­te. Im Nach­hinein denke ich: Unglaublich! Das ging schon ein biss­chen zu weit. Würde ich heute nicht mehr machen.

War es zu voyeuris­tisch?

Ich benutze nicht so gern das Wort „voyeuris­tisch“. Es klingt zu abfäl­lig. Auch unsere Arbeit hat ja mit Hin­se­hen zu tun, akustisch und inhaltlich. Aber im men­schlichen Sinn war das eine zu große Nähe. Mar­ga, so hieß diese Mut­ter mit Vor­na­men, war eine Frau mit drei Kindern, die alle ein wenig aus dem Rud­er liefen, und sie arbeit­ete Tag und Nacht in einem fürchter­lich monot­o­nen Heimar­beit­er-Job. Ich würde nicht sagen, dass ich sie aus­ge­beutet habe, wir waren eigentlich damals befre­un­det, weil ich oft bei ihr zuhause war. Sie kam auch zu uns, als unser Sohn geboren wurde. Von Wei­h­nacht­en 1976 haben wir noch Fotos, als sie zu Besuch waren. 

Ich wollte wis­sen, wie es für die Kinder ist, die nichts mit dem Sänger anfan­gen kön­nen. Die Mut­ter ist ver­liebt in den Schlager­sänger Quinn und gibt dafür ihr ganzes Geld aus. Er mag sie schon gar nicht mehr sehen, er sagt: „Was machst Du denn schon wieder mit Deinen Kindern hier?“ Sie hat Angst, dass er sie auss­chimpft. Eine men­schlich sehr kom­plizierte Sit­u­a­tion. Und ich habe mich da rein gedrän­gelt.

Du hast daraus auch ein TV-Stück gemacht?

Fred­dy Quinn passte nicht, dass ich mich für diese Art weib­lich­er Fans inter­essierte. Er hätte sich andere gewün­scht und ver­suchte über den SFB-Rund­funkrat, die Ausstrahlung zu ver­hin­dern, weil er um sein Image bangte. Es waren ja alles vom Leben getretene Frauen. Die kan­nten einan­der. Sie alle liebten Fred­dy, und wenn er zu einem Gast­spiel fuhr, etwa nach Nor­we­gen, dann haben sie ihm Pullover gestrickt. Oder haben Geburt­stagstorten geback­en. Das geht schon zu Herzen. Wobei diese Hard­core-Fans auch Konkur­rentin­nen waren. Jede wollte ihn ja für sich haben. Sie braucht­en sich untere­inan­der. Nur wer selb­st so besessen war, kon­nte das nachvol­lziehen.

Ich habe den Film neulich an der Uni Pots­dam vorge­spielt; sah alles groß auf der Lein­wand. Da lief es mir kalt den Rück­en runter, ich dachte: „Mein lieber Mann! Diesem Elend so lang auf der häus­lichen Mattscheibe zuguck­en“ (LACHT). Trotz­dem würde ich es nicht als Voyeuris­mus beze­ich­nen. Voyeuris­mus hat was mit Aus­beu­tung zu tun für eigene Inter­essen. Autoren machen es zwar auch für sich, aber dem Auf­trag gemäß für das Pub­likum.

Du hast als Zeitungsre­porter in der “Ful­daer Zeitung” begonnen, bevor es Dich nach Berlin zog. 

Ich habe als Schüler der Ful­daer Zeitung ange­boten, über irgendwelche Jazz-Konz­erte in Frank­furt zu bericht­en, Duke Elling­ton zum Beispiel, und hab mir da meine 30 Mark ver­di­ent. Ja, ich habe eigentlich in der Zeitung schon ange­fan­gen fea­turemäßig zu arbeit­en. Als damals der Bumerang in Mode kam, habe ich so ein Ding mit einem Fotografen aus­pro­biert, und als das Holz zurück­kam, flog es uns natür­lich an die Birne. Bei der Zeitung „DER ABEND“  sind wir später Gold graben gegan­gen, weil jemand erzählt hat­te, dass er am Ufer der Hav­el einen Claim abgesteckt hat. Da ist die halbe Redak­tion mit Spat­en los­ge­zo­gen. Es war alles nicht so ernst. Aber da war schon die Ten­denz, als Autor mit dabei zu sein – teilzunehmen. 

Beim „ABEND“ war ich u. a. für die Jugend­seite zuständig. Ich hat­te mich auf eine freie Feuil­leton-Stelle bewor­ben, als Spezial­ist für „Show und Unter­hal­tung”. Von bei­dem hat­te ich nicht die ger­ing­ste Ahnung. Ich wollte ein­fach aus der Kle­in­stadt raus. Hab denen alles mögliche vorge­flunk­ert und den Job tat­säch­lich bekom­men. Die haben wahrschein­lich auch nie­man­den gekriegt für 900 Mark als Redak­teur.

Wie alt warst Du da?

Das war 1968 und ich war 28. Da kam ich mit­ten in die „Stu­den­ten­re­volte“. Ich wäre fast nach zwei Wochen wieder raus­ge­flo­gen, weil ich am Tag des Anschlags auf Rudi  Dutschke mit meinem Deux Chevaux bei den Demon­stran­ten war, die die Aus­liefer­ung der BILD-Zeitung block­ieren woll­ten. Andern­tags hat mich der Staatss­chutz nach Tem­pel­hof bestellt. Da kon­nte ich dann auf einem Foto sehen, wie sechs oder sieben Schut­zleute ver­sucht­en, meine Ente wegzuschlep­pen. Das ging nicht so leicht, weil die Kiste eine beson­dere Radaufhän­gung hat­te: Man hob das Auto hoch, aber die Räder blieben unten – wie bei einem Maikäfer. Das hat vor Ort eine große Gau­di aus­gelöst, sie kriegten die Ente nicht weg. Mein Ver­leger hat mich dann raus­ge­hauen, so kon­nte ich beim „ABEND“ bleiben. 

Das war eine tolle Zeit – ger­ade, wenn man aus der Prov­inz kommt. Meine erste Frau habe ich im Strahl von Wasser­w­er­fern vor dem Ameri­ka-Haus am Zoo ken­nen­gel­ernt. Wir waren bei­de pudel­nass. Ich hat­te eine kleine Stu­den­ten­bude in der Nähe und fragte sin­ngemäß: „Hät­ten Sie Lust auf eine Tasse Tee ?“

Wie bist Du dann zum Radio gekom­men?

Beim „ABEND” hat­te ich eine Kolumne einge­führt, die hieß „Plat­ten­tüte“, da wurde die neueste Pop­musik besprochen. Eines Tages flog die Redak­tion­stür auf, ein junger Mann rauschte here­in – es war der später sehr bekan­nte RIAS-Mod­er­a­tor Bar­ry Graves – und sagte unge­fähr, so eine Scheiße habe er schon lange nicht gele­sen: „Wer ist das, der da gar keine Ahnung hat?“ Da hab ich den Fin­ger gehoben. „Bitteschön“, sagte ich Kraft meines Amtes, „Machen Sie ’s bess­er !“ Und das hat er dann eine ganze Zeit lang erfol­gre­ich gemacht. 

Später bat ich drei Radio-Mod­er­a­toren von „SFB Beat“, ein­er beliebten aber keineswegs unpoli­tis­chen Popsendung, abwech­sel­nd die Plat­tenkri­tiken für unsere Zeitung zu schreiben. Ulli Her­zog, „Pfeifen-Lange“ und Hans-Dieter Franken­berg waren damals richtige Radiostars, sie beka­men bergeweise Fan­post. Und als ein­er von den Dreien fragte, warum ich nicht selb­st für den Rund­funk arbeite, war es das erste Mal, dass mir so etwas über­haupt in den Sinn kam.

Im Kollek­tiv

Ein­schub aus meinem Werk­buch
“Objek­tive Lügen – Sub­jek­tive Wahrheit­en”

»WuZ« (»Wir um Zwanzig«) heißt das wöchentliche Live-Fea­ture, »gefahren« von ein­er fes­ten Stu­dio-Mannschaft, oft in let­zter Minute. Manch­mal wer­den Ein­spiel-Bän­der »hin­ten« noch geschnit­ten, während »vorn« die Sendung schon läuft. Jedes Manuskript in mein­er Samm­lung trägt vier oder fünf Autoren-Namen. Im Zigaret­ten-Qualm nächtlich­er Sitzun­gen hat das Kollek­tiv Satz für Satz gemein­sam redigiert und meine kun­stvollen Meta­phern rei­hen­weise hin­gerichtet (…)

WuZ han­delt von Erziehung und Strafe, Sex, Jugend­krim­i­nal­ität; von »Gas­tar­beit­ern« und Wohnge­mein­schaften, Musikgeschäft und Wer­bung, von Behin­derten und sozialen Rand­grup­pen aller Art. Jugend­funk-Mitar­beit­er glauben Anfang der Sieziger fest an die gesellschaftsverän­dernde Kraft jed­er einzel­nen Sendung (…)

Und doch haben wir von »WuZ« und SFBeat ein­mal pro Woche rei­hum Sup­pen und Ein­töpfe gekocht, kar­ton­weise Rotwein aus dem Getränke-Dis­count über den Theodor-Heuss-Platz geschleppt, Janis Joplin gehört, getanzt und geflirtet. Dies der Voll­ständigkeit hal­ber.

In der Rückschau fällt mir auf, wie sehr jed­er von uns jun­gen Autoren seinem Leben einen indi­vidu­ellen Sinn geben wollte, der über Kar­riere und materiellen Ver­di­enst hin­aus­ging. Im »Kollek­tiv« klam­merten wir uns an die gle­iche »poli­tis­che Auf­gabe«, hin­ter der Fas­sade aber lebte das biographis­che ICH unaus­rot­tbar weit­er. Wir waren Ges­pal­tene. Wie die meis­ten Anhänger oder – in meinem Fall – Mitläufer der Außer­par­la­men­tarischen Oppo­si­tion rebel­lierten wir auch gegen den »bürg­er­lich-oppor­tunis­tis­chen Boden­satz« in uns selb­st. 


DAS UMFELD,

in dem wir uns eine Jugend­sendung wie »Wir um Zwanzig« denken müssen, markieren Arbeit­en wie »Die Sieben-Tage-Woche des Drahtwe­bers Rolf Piechot­ta« (Boldt/Garczyk), »Akko­rd« (Kratisch), »Nicht der Homo­sex­uelle ist per­vers, son­dern die Sit­u­a­tion, in der er lebt« (Praun­heim) oder »Ich heiße Erwin und bin 17 Jahre« (Runge), »Porträts junger Arbeit­er« (Stro­bel), »Liebe Mut­ter, mir geht es gut« (Ziew­er), »Vera Romeyke ist nicht trag­bar« (Renke Korn), Ulrike Mein­hofs Radio-Fea­tures (»Karl Wolff oder: Porträt eines anpas­sungs­fähi­gen Deutschen« und »Gefahr vom Fließband«), Max von der Grüns Geschicht­en aus der Arbeitswelt, Katha­ri­na de Fries (»Sie kön­nen keinen erziehen, den sie nicht haben«), Jochen Ziem (»Die Klasse­frau«), Inge­borg Drewitz (»Vater spielt mit mein­er Eisen­bahn«) und dazu passend die aufk­lärerische Peri­ode der«Schaubühne am Halleschen Ufer«.



Bre­mer Gespräch (Fort­set­zung):


Dein Ein­stieg zum Radio war also rein zufäl­lig?

Ja, zuerst beim Kinder- und Jugend­funk. Und nach ein paar Tagen wurde ich gefragt, ob ich einen Fernse­hfilm machen möchte. Ich gab zu bedenken, dass ich noch nie eine Kam­era aus der Nähe gese­hen hätte, und der Redak­teur sagte: „Die meis­ten hier auch nicht!“ So bin ich zum Fernse­hen gekom­men und hab den größten Teil der 70er Jahre par­al­lel zum Radio  Kinder- und Jugend­fernse­hen gemacht, später dann auch TV-Fea­tures und ein paar Sachen für die Rei­he „Das Kleine Fernsehspiel“ im ZDF

Damals hat­ten die Sender noch ordentlich Kohle …

Warum bist Du dann doch mehr Radio- als Fernseh-Autor gewor­den?

Es war in den 70er Jahren, als ich gemerkt habe, dass die Her­stel­lung eines Films ein sehr zäher Prozess ist, der einen wom­öglich mehr hemmt als beflügelt. Der tech­nis­che Stab war groß, selb­st bei Inter­views waren wir meis­tens vier Leute. Und die Gew­erkschaft hat sehr genau darauf geachtet, dass Arbeit­szeit­en einge­hal­ten wur­den. 

Das war so: Wenn du eine Szene in einem Spielfilm gedreht hast und viele Leute beschäftigt waren, und wir braucht­en Sonne, dann haben wir rumge­hangen und gewartet, dass die endlich wieder rauskommt. Sie kam auch kurz vor Fünf, pri­ma, wir haben alle zusam­mengerufen, aber es kon­nte passieren, dass der Kam­era­mann sagte: „Tut mir leid. Ich habe Feier­abend.“ Das ist mir mehrmals passiert. Ich ver­stand das ja auch, die Leute waren fest angestellt, die kon­nten nicht immer so, wie sich das freiberu­fliche Regis­seure aus­mal­ten. 

Das führte dazu, dass ich mir selb­st eine gebrauchte Kam­era-Aus­rüs­tung kaufte (ich blät­terte auf den Schlag ein paar Riesen hin), weil ich dachte: „Wenn die den Ham­mer hin­le­gen, dann fang ich erst richtig an !“ Das war natür­lich völ­liger Quatsch, weil das gar nicht vorge­se­hen war, dass sich da ein­er neben­her selb­st­ständig macht. Diese Kar­riere ist dann auf ele­gante Weise dadurch zu Ende gegan­gen, dass eines Tages zwei Krim­i­nal­beamte bei uns zu Hause auf­taucht­en und die Geräte kon­fiszierten. Die waren irgend­wo gestohlen wor­den, was wed­er der Gebraucht­waren­händler noch ich wis­sen kon­nten.

Hat es Dich zum Radio gezo­gen, weil Du der Film-Tea­mar­beit über­drüs­sig warst? Oder war es eine Entschei­dung für das Medi­um Rund­funk?

Bei­des. Ich hab erst später gemerkt, dass mich am Hörmedi­um beson­ders die abstrak­te Kom­po­nente reizt. Das heißt, die Per­son, die ich aufnehme, ist für den Zuhör­er äußer­lich nicht fest­gelegt, so  dass er schon bei ihrem Anblick Aver­sion oder Zunei­gung empfind­en kön­nte. Er  konzen­tri­ert sich auf das, was der unsicht­bare Men­sch zu sagen hat. TV-Bilder sind zunächst nur Ober­fläche, die ich durch immer ras­an­tere Schnitte nur drei Sekun­den oder weniger pro Ein­stel­lung betra­cht­en darf. Fernse­hen – ich rede von der täglich erlebten Prax­is – ist ein unge­heuer inva­sives, dom­i­nantes Medi­um. Das Radio gibt mir größere Frei­heit­en. Jed­er Men­sch wird beim Zuhören andere Bilder pro­duzieren. Das ist, was ich daran beson­ders liebe –  genau­so wie die Schwarz-Weiß-Fotografie im Gegen­satz zu Farb­bildern. 

Als Radioau­tor kon­nte ich aber auch viel eher … Autor sein. Mit meinem eige­nen Arbeits­gerät war ich unab­hängiger – mehr wie ein Schrift­steller der alten Schule mit seinem Füllfeder­hal­ter.

Waren Auf­nah­megeräte damals nicht sehr teuer?

Das stimmt schon. Aber wenn Du Musik­er bist, hast Du auch deine eigene Geige und leihst dir nicht vor jedem Konz­ert eine andere aus. Ich hat­te jet­zt die Möglichkeit, spon­tan zu reagieren. Das Gerät hing bei mir am Klei­der­hak­en, ich brauchte es nur zu nehmen, und ab ging die Post. Aber ich hat­te nicht nur die tech­nis­che Frei­heit, son­dern auch die inhaltliche – mehr als beim Fernse­hen. Man zieht los und weiß nicht immer, was passieren wird.

Manch­mal gehe ich irgend­wo hin, notiere ein paar Sachen, und es hat keinen Sinn, etwas aufzunehmen. Das andere Mal ist es umgekehrt. Oft, beson­ders auf Reisen, ist meine Frau dabei. Hin­ter­her erzählt mir Hei­drun genau, wie jemand auf sie gewirkt hat, wie er oder sie aus­ge­se­hen hat und so weit­er. Meine Erin­nerung an Äußeres ist viel zu unge­nau. Ich habe immer mehr gehört als gese­hen.

In der früheren Sow­je­tu­nion war es zum Beispiel wichtig, welche Gerichte in welchem Ambi­ente wir zu uns nah­men. Uns Berichter­stat­ter ver­suchte man ja regelmäßig mit sehr gutem Essen und Wod­ka zu erschla­gen, damit wir nicht zu neugierig wur­den. Hei­drun hat immer aufgepasst, dass die kri­tis­chen Fra­gen nicht zu kurz kamen.

Wir sind nach­her dazu überge­gan­gen, selb­st zu pro­duzieren. Seit etwa 1981/82 haben wir fast jede Sendung tech­nisch hergestellt, davon 15 Jahre lang ana­log, mit Mag­net­band. Auch im eige­nen Stu­dio hat­te ich die Frei­heit als Radio-Autor. Ich kon­nte mit­ten in der Nacht auf­ste­hen und ein Band schnei­den, weil ich dachte: Jet­zt will ich aber wis­sen, wie das klingt.

Das läng­ste For­mat, das wir uns zumuteten, waren die „Radio­tage“ des Hes­sis­chen Rund­funks, zum Beispiel „Ein Tag in Europa“ 1999 – 16 Stun­den lang rein­er O-Ton aus 33 Län­dern. Sound­scapes, dem Uhrzeiger fol­gend. Keine Über­set­zung. Das Pro­gramm, an dem wir fast ein Jahr lang arbeit­eten, begann am Mor­gen mit ein­er lan­gen, sehr stillen Pas­sage, zwölf Minuten – kein Voice-over-Kom­men­tar! Zu Anfang sagte ein Mod­er­a­tor nichts weit­er als: „8 Uhr 5. Beim Schla­gen der Toa­ca erwacht das Frauen­kloster Varatec im nordöstlichen Rumänien. Es ist Win­ter, acht Grad unter Null. Der Schnee hart gefroren“. Und das reichte, um die Geräusche zu iden­ti­fizieren: Wie die Frauen durch den hart gefrore­nen Schnee zur Mor­gen­messe stapfen, auf ihr Klang­holz schla­gen, durch die knar­rende Eichen­tür in die Kapelle huschen … Man hörte sog­ar das Geräusch ihrer Woll­röcke.

Natür­lich lauert in dieser Meth­ode auch eine Gefahr. Ich will so wenig Text wie möglich ver­wen­den, die Töne „selb­st sprechen“ lassen. Doch manch­mal reden sie zu unge­nau. Die Aus­sage bleibt ambiva­lent. Mit der Zeit habe ich gel­ernt, den O-Ton „abhän­gen“ zu lassen wie geräucherten Schinken. Am besten, ich höre meine Auf­nah­men drei oder vier Wochen über­haupt nicht mehr, so dass sie mir fremd wer­den. Es kann sein, dass ich den O-Ton, der an mein­er Stelle reden sollte, selb­st nicht mehr ver­ste­he. Und was machen Zuhör­er dann mit diesem Knar­ren, Sch­aben, Knirschen ? Dann brauche ich einen kleinen Text. 

Manch­mal genügt nur ein Wort.

Wie viel Frei­heit bekom­men Autoren von Redak­teurin­nen und Redak­teuren? Du hast die Erwartun­gen eines Redak­teurs in Deinem Buch anhand eines Fea­tures über Autonome beschrieben.

Am Anfang fand ich den Redak­teur furcht­bar lästig. Es stellte sich schnell raus, dass er bei dem The­ma etwas völ­lig anderes erwartete. Vere­in­facht gesagt: Er wollte eine Art Abrech­nung mit diesen Men­schen, die sich poli­tisch vorkom­men aber in Wirk­lichkeit keine Ahnung haben und das Ausleben ihrer Aggres­sio­nen nur recht­fer­ti­gen, indem sie sich ein poli­tis­ches Män­telchen umhän­gen. Und ich wollte denen mal zuhören und sie reden lassen.

Die erste Verabre­dung war mit einem vom schwarzen Block, der schon Knaster­fahrung hat­te, ein ziem­lich radikales Leben führte und die härteste Kampf­s­portart betrieb, um sich beim Zusam­men­tr­e­f­fen mit den Neo-Nazis  behaupten zu kön­nen. Der hat sein ganzes Leben darauf abgestellt. Ich hab mich dann kon­spir­a­tiv verabre­det und dachte: „Mit dem musst du umge­hen wie mit einem rohen Ei!“ Weil die Kneipe geschlossen hat­te in Kreuzberg, haben wir uns dann bei mir zu Hause verabre­det. In meinem kleinen Stu­dio in der Kne­se­beck­straße. Er musste also ins Fein­des­land gehen, von Kreuzberg nach Char­lot­ten­burg, das war schon ein Schritt. 

Ob er über­haupt kommt? Und wenn er kommt, kommt er bes­timmt zwei Stun­den zu spät. Von wegen. Er war fünf Minuten vor dem Ter­min da, hat geduldig nachgedacht über jede Antwort, bevor er sie gab. Vieles war eher gefühlt als gedacht, aber er war ein inter­es­san­ter Men­sch. Jemand, der keine große Schul­bil­dung hat­te, der früh aus der Schule aus­gestiegen war und sich durchs Leben schlug; jemand den man ernst nehmen muss schon allein durch seine Biografie. 

Aber ich kon­nte den Redak­teur nicht überzeu­gen. Wir waren mehrmals nah am Abbruch unseres Pro­jek­ts. Aber am Ende dachte ich doch: „Im Kern hat der Mann Recht.“ Das ganze „Mal-Zuhören-und-Reden-lassen-und-den-Autonomen-eine-Bühne-geben“ hat nicht alles gebracht, was ich mir ver­sprochen hat­te. Ich würde heute viel härtere Fra­gen stellen als damals und auch manche Sprech­blase vor offen­em Mikrophon platzen lassen. Die Auseinan­der­set­zung mit dem Redak­teur fand ich jeden­falls sehr lehrre­ich.

Als Autor braucht man Aufträge, um das Leben zu finanzieren. Gab es in den 40 Jahren Sit­u­a­tio­nen, wo Du Erwartun­gen nicht erfüllen woll­test und den Auf­trag wieder zurück­gegeben hast?

Hm … Es gab eine Geschichte, die habe ich von mir aus abge­brochen. Es ging dabei um drei jüdis­che Gemein­den in Deutsch­land. Das hätte ich ganz span­nend gefun­den, weil da so viele Ver­w­er­fun­gen waren – der Ansturm der Juden aus der Sow­je­tu­nion zum Beispiel, auf die sie sich plöt­zlich ein­stellen mussten. Bish­er waren es kleine Gemein­den gewe­sen, religiös ori­en­tiert, und jet­zt kamen die alle und sagten: „Wir sind auch Juden, wir gehören zu Euch.“ Das Prob­lem ist bis heute nicht gelöst. 

Ich war schon dran, hat­te gute Auf­nah­men, und dann passierte es, dass das israelis­che Mil­itär Teile eines Flüchtlingslagers im palästi­nen­sis­chen Gebi­et, in Jenin, geschleift hat. Dies wurde auch als Mas­sak­er beze­ich­net. Bis heute kann man darüber stre­it­en, weil Jenin galt auch als Schw­er­punkt der radikalen Hamas. Für uns aber aus der Ent­fer­nung stellte sich das als Mas­sak­er dar. Es war fürchter­lich, man sah nur die zer­störten Häuser – doch mir fiel auch auf, dass im Fernse­hen immer diesel­ben Häuser gezeigt wur­den. 

Jeden­falls kon­nte ich mir nicht vorstellen, dass ich in dieser Sit­u­a­tion die Sendung über die jüdis­chen Gemein­den in Deutsch­land und ihre ver­gle­ich­sweise kleinen Prob­leme mache und den aktuellen poli­tis­chen Aspekt völ­lig aus­blende. Ich habe es dem MDR so gesagt und sie haben es hin­genom­men. 

Wir haben viele Frei­heit­en im öffentlichen Radio hier in Deutsch­land, ger­ade beim Hör­funk. Wir bewe­gen uns ja auch in ein­er Nis­che. In Berlin gab es einen Inten­dan­ten, Lothar Löwe, mit dem ich vorher nie gesprochen hat­te, und ich arbeit­ete an Sendun­gen über die Friedens­be­we­gung in ver­schiede­nen Län­dern. Ich stieg im Haus des Rund­funks in den Pater­nos­ter, Löwe zufäl­lig dazu. „Ja, was machen Sie denn grade?“ … „Ich mache eine Rei­he ‘Die Belagerung der Macht’ über die europäis­che Friedens­be­we­gung“ … „Daraus wird nichts wer­den!“ Weg war er.

Ich in die Redak­tion: „Der Löwe hat mir die Serie ver­boten – wegen des Titels wahrschein­lich. Im Fernse­hen geht das nicht, hat er gesagt. Ich hat­te gar keine Zeit zu sagen, dass ich für den Hör­funk arbeite.“ Da sind wir gemein­sam zu ihm hinge­gan­gen, haben gesagt: „Wir sind schon so weit und haben so viele Reisen schon gemacht, nach Nor­we­gen, Eng­land, Frankre­ich.“ Dann sagte Löwe: „Ach so, das ist fürs Radio! Dann machen Sie das mal.“ 

Seit­dem kenne ich den gravieren­den Unter­schied zwis­chen Fernse­hen und Hör­funk.

Einen Aspekt in Deinem Buch fand ich beson­ders inter­es­sant: das Ende des Rund­funks in der DDR und die Neugliederung des gesamt­deutschen Rund­funks. Der Umgang mit den unter­schiedlichen Biografien in bei­den Teilen Deutsch­lands und in den Funkhäusern, die Grün­dung von Sach­sen­ra­dio, MDR und ORB. War man gegen­seit­ig neugierig aufeinan­der oder wussten die West­ler schon, wie man „richtig Radio macht“?

Vor der Wende gab es eine Gruppe, die hieß „Rund­funk-Autoren und -Regis­seure in der Neuen Gesellschaft für Lit­er­atur“, und in dieser Gruppe haben wir uns etwa alle zwei Monate mit Del­e­ga­tio­nen vom Rund­funk der DDR getrof­fen. Ein­mal bei uns im West­en und ein­mal „drüben“. Es war eine furcht­bar kom­plizierte Angele­gen­heit, weil man u. a. für Ost-Berlin ein Sam­melvi­sum brauchte, und da musste vorher genau einge­tra­gen wer­den, wer teil­nimmt.

Das war wirk­lich noch vor der Wende?

In den let­zten drei DDR-Jahren hat­ten wir regelmäßig Tre­f­fen, bei denen mit offen­em Visi­er disku­tiert wurde. Wir haben uns gegen­seit­ig Sachen vorge­führt – Fach­leute unter Fach­leuten, Hör­spiel und Fea­ture. Da waren viele, mit denen wir immer noch befre­un­det sind. 

Beim „Trä­nen­palast“ an der Mauer wur­den wir abge­holt, in den Bus ver­frachtet und in die Nalepas­traße gefahren. Dort angekom­men, mussten wir unsere Ausweise abgeben. Am Ein­gang des Rund­funks der DDR saßen drei Frauen, alle wie ich mich erin­nere in Kit­telschürzen, und die guck­ten uns kaum an. Im Hin­ter­grund summte ein Samowar, als wäre es ihr Wohnz­im­mer, so schön geschmückt, und die eine nahm den Ausweis, ohne dich anzuschauen. Nach ein­er Weile schob sie ihn der Zweit­en zu, die guck­te eben­falls drauf. Die Dritte gab dir den Pass zurück. 

Unsere Diskus­sio­nen mit den Kol­le­gen waren nie feind­selig. Das Fre­und-Feind-Schema spielte keine große Rolle. Man hat schon darüber gere­det, was in der DDR möglich war und was nicht. Fea­ture, wie wir es ver­ste­hen, gab es dort nur in Aus­nah­me­fällen. Fea­ture ver­langt sehr weit gehende Autoren­frei­heit. Die gibt es auch nicht immer in den alten Bun­deslän­dern. Wenn ich höre, dass junge Kol­le­gen vorher genau sagen sollen, was bei der Recherche am Ende her­auskommt, dann finde ich das schlimm. Dieses The­ma hat­ten wir auch bei unseren Ost-West-Diskus­sio­nen – kon­tro­vers, ver­ste­ht sich. 

Ich habe eine Sendung darüber gemacht, wie der DDR-Rund­funk im Nul­lkom­manix aufgelöst wurde: „Der andere Kanal“. Das Ende war vielle­icht unver­mei­d­bar, aber men­schlich war das eine große Tragödie.

Was kon­ntest Du von den Kol­le­gen des kün­fti­gen MDR ler­nen? 

Ich wurde oft hingeschickt von Leo Braun, damals Fea­ture Chef beim „Sender Freies Berlin“. In der Nach-Wen­dezeit bin ich immer brav gefahren, wusste aber gar nicht so recht, was ich ihnen da beib­rin­gen soll. Nach­her ist die Koop­er­a­tion zwis­chen den bei­den Funkhäusern ent­standen, sog­ar ein gemein­sames Pro­gramm. 

Ja, was kon­nte man ler­nen? Auf jeden Fall die Dringlichkeit von Radio­pro­jek­ten. Wir hat­ten uns im West­en ja oft The­men zuge­wandt, die eher pri­vat­en Obses­sio­nen entsprangen. Das lag zum Teil an den Redak­tio­nen, die einen als Autor nicht genü­gend an die Kan­dare genom­men haben. Ich hätte mir manch­mal mehr “Zucht” gewün­scht, nicht als Ver­bot oder aus­drück­liche Erwartung, son­dern was die Rel­e­vanz eines The­mas ange­ht. Ein gutes Fea­ture-The­ma hat eben ver­schiedene Schicht­en – his­torische, poli­tis­che, sozi­ol­o­gis­che, soziale. 

Diese Dringlichkeit ist uns bei unseren Reisen in den soge­nan­nten Ost­block über­all begeg­net. Durch den über­stande­nen Regierungs­druck waren die Gesellschaften nach 1989 gezwun­gen, sich dringlich-neuen The­men zuzuwen­den. Auch das Radio. Also vor­erst keine bloßen Spiel­sachen. Dadurch habe ich auch meine eige­nen The­men-Vorschläge über­prüft: „Muss das unbe­d­ingt sein?“ Es geht mir heute noch so. Ich möchte wieder the­ma­tisch dor­thin kom­men, wo es wichtig ist. 

Anson­sten war die Her­stel­lung von Sendun­gen hier und dort nicht beson­ders ver­schieden. Die hat­ten andere Begriffe, manche klan­gen nur anders – wie „cut­ten“ und „köt­tern“. Wenn es poli­tisch nicht weit­er ging, kon­nten wir eine Weile über die Stu­dio-Arbeit reden, über den Umbruch der analo­gen zur dig­i­tal­en Tech­nik. Das war zu der Zeit ein großes The­ma, weil das nicht über­all so glatt ging. Da waren Audiofiles plöt­zlich ver­schwun­den, die eben noch auf dem Schirm gewe­sen waren. Diese ersten dig­i­tal­en Geräte kon­nten auch die Tech­niker zur Weißg­lut brin­gen – in Ost und West.

Als ich anfangs bei Radio Bre­men meine Töne schnei­den ließ, gab es Ton­tech­niker, die den Über­gang zur dig­i­taler Tech­nik gehas­st haben.

Warum sollte man das has­sen? Das ist die Entwick­lung. Ich kann für meine Frau Hei­drun und mich in Anspruch nehmen, dass wir zu den ersten freien Autoren gehörten, die ab 1995 dig­i­tal pro­duzierten, von der Auf­nahme bis zur fer­ti­gen Sendung. Weil wir uns gesagt haben, das kommt sowieso. Man muss die neue Tech­nik nicht lieben, kann sie aber benutzen.

Wie hat sich das Fea­ture durch die Tech­nik verän­dert? Kannst Du beschreiben, wie die Tech­nik auch die Entste­hung eines Stück­es bee­in­flusst?

Sie hat mir mehr Frei­heit­en gegeben – aber mich lei­der auch Hei­druns spon­tanes Feed­back während des Machens gekostet. Manche O-Töne sind ja auch im Dialekt oder genuschelt. Ich selb­st weiß ja, was die Betr­e­f­fend­en sagen, ich hab’ es x-mal gehört und aufgeschrieben, aber andere ver­ste­hen das vielle­icht nicht.

In der Regel war Hei­drun immer die Erste, die alles zu hören bekam. Sie hat eine Art, die Augen zu rollen oder zum Schlitz zusam­men­zuziehen – da weiß ich sofort was falsch läuft. Als wir ana­log pro­duziert haben, saßen wir immer zusam­men, jeden Tag acht, neun, manch­mal zehn Stun­den. Hei­drun an fünf Zus­piel­maschi­nen war auf ihrer Klaviatur wirk­lich bril­lant, so dass man mehrere Streck­en hin­tere­inan­der weg­mis­chen kon­nte, ohne anzuhal­ten.

Heute macht es keinen Sinn mehr, zu zweit vor dem Bild­schirm zu hock­en. „Es“ denkt in Dir, dem “tech­nis­chen Autor”, und deine Fin­ger set­zen es um, und da musst du nicht zwis­chen­durch erk­lären, warum du am Regler diese oder jene Bewe­gung vollführst.

Habt Ihr über­legt, als Autoren­duo gemein­sam Fea­ture zu machen?

Da hat­ten wir „klare Ver­hält­nisse“. Nie Konkur­renz. Hei­drun ist als Mit-Autorin mehrfach erwäh­nt wor­den, zum Beispiel bei den HR-Radio­ta­gen. Aber im Grunde hat­te ich die Autoren­rolle. Früher war sie neben der täglichen Stu­dioar­beit viel in Bib­lio­theken unter­wegs, hat Büch­er und anderes Mate­r­i­al zu den jew­eili­gen The­men nach Hause geschleppt. Das liefert uns jet­zt haupt­säch­lich das Netz. Ist schon fan­tastisch, wirk­lich, wenn man damit umge­hen kann – bei aller nöti­gen Vor­sicht. 

Hei­drun hat nun eine etwas andere Funk­tion: Recherche, Lek­torat. Und nicht ganz unwichtig: die Ökonomie. 

Fällt dadurch auch ein Stück Kor­rek­tur weg?

Man muss sich die Kor­rek­tur-Möglichkeit­en bre­it organ­isieren. Ich habe öfter so halbfer­tige Sachen, die ich Kol­le­gen oder Fre­un­den vor­spiele, um sie zu fra­gen: „Was hältst Du davon? Hast Du alles ver­standen?“ Die Kri­tik darf deut­lich aus­fall­en. Fre­unde schulden das einan­der. 

Oft heißt es immer noch: „Du bist ja jet­zt so ein­sam, ist das nicht furcht­bar? Immer allein vor deinem Bild­schirm.“ Du lieber Gott, man lebt doch nicht nur vor der Mattscheibe. Wenn ich Gesellschaft nötig hätte und dafür ins Stu­dio gehen müsste – das wäre ja trau­rig.

Aber es stimmt schon: Ich brauche diese fre­und­schaftliche Kor­rek­tur-Instanz. Man ver­ren­nt sich leicht allein. Am Anfang war das Dig­i­tale ein­fach zu ver­lock­end. Du kannst die fer­tige Sendung an jed­er Stelle „verbessern“ — Schnitte, Übergänge, Laut­stärken. Im Analogzeital­ter hat die Band-Qual­ität gelit­ten, je öfter du nachgebessert hast. Bei der dig­i­tal­en Tech­nik gibt es keine Qual­itätsver­luste. Du kannst hun­dert­mal über die gle­iche Stelle polieren. 

Ist es eine Gefahr der dig­i­tal­en Tech­nik, dass dadurch Lebendigkeit ver­loren geht?  

Das höre ich immer: „Ja dig­i­tal, das ist so clean, so trock­en.“ Aber die soge­nan­nte „Wärme“ kommt nicht aus der Auf­nahme und nicht von den Tönen, um die es geht, son­dern von dem betr­e­f­fend­en Ton­träger. Es ist schön, dass Leute Langspielplat­ten so lieben. Nur die ange­blich höhere Klangqual­ität hält kein­er Nach­prü­fung stand. Ich arbeite wirk­lich viel lieber dig­i­tal inzwis­chen, weil genau das Rauschen und Brum­men des Ton­trägers wegfällt – die ver­meintliche Wärme.


Doch auch schon bei den Auf­nah­men hat sich die Sit­u­a­tion für Autorin­nen und Autoren verän­dert. Kleine Geräte, weniger Gepäck, mehr Spe­icherka­paz­ität… 

Manche glauben, dass die Tech­nik inzwis­chen so gut sei, dass sie alles alleine macht. Ja, die Auf­nah­megeräte wer­den immer klein­er („Hand­helds“), und viele ermöglichen Auf­nahme und eine rudi­men­täre Ton­bear­beitung in einem.

Aber?  

… Aber unser Hausvorteil beim Fea­ture ist der Autor, der seine Arbeit liebt; der sich mit The­men beschäftigt, die ihm am Herzen liegen. Dazu gehört auch die Akustik. Wir müssen im akustis­chen Gesamtein­druck sehr viel bess­er sein als jed­er aktuelle Berichter­stat­ter.

Maßstab sind Hörge­wohn­heit­en der Men­schen, die ihre Ohren durch kom­merzielle Pro­duk­te der Audio-Indus­trie mehr und mehr geschärft haben. Ger­ade Musikpro­duk­tio­nen haben ein Maß an Per­fek­tion erre­icht, das kaum zu über­bi­eten ist. Dage­gen sind unsere eige­nen Auf­nah­men manch­mal noch grauen­voll schlecht.

Wir soll­ten die Qual­ität der Orig­inaltöne und der im Stu­dio aufgenomme­nen Sprecher­texte so anzu­gle­ichen ler­nen, dass daraus eine einzige durchge­hende Radio-Erzäh­lung entste­ht. Das heißt: Nähe, Stereo-Bal­ance, Ver­mei­dung von Störg­eräuschen, ständi­ge Kon­trolle durch Kopfhör­er, die Auswahl der geeigneten Mikro­phone und Spe­icher­me­di­en. Handw­erk eben.

Was kann Fea­ture, was nur dieses Genre kann? Was spricht für die lange Form im Radio?

Men­schen erzählen mir etwas – Wörter, Inhalte, nicht bits und bytes. Es sind men­schliche Stim­men, die zu mir reden – von ihren eige­nen Gedanken und Wahrnehmungen. Eine Stimme im Radio muss kom­pe­tent sein, sie muss intel­li­gent sein, sie muss auf spezielle Weise inter­es­sant sein, und dann höre ich ihr gerne zu.

Fea­ture nimmt sich Zeit für Entwick­lun­gen, denen ich als Hör­er fol­gen kann – gedanklich und emo­tion­al.

Und wie soll es weit­erge­hen mit dem Radio ?

Wir sind eine Min­der­heit – genau­so wie Leute, die Lyrik mögen oder in klas­sis­che Konz­erte gehen. Eine Gesellschaft beste­ht aus vie­len Min­der­heit­en. Und wenn man allen sagen würde, das braucht man nicht mehr, ihr seid zu wenige, dann kön­nten wir unsere Kul­tur ganz ein­pack­en. Wir braucht­en keine Büch­er mehr, The­ater braucht­en wir dann auch nicht, alles liefe im Fernse­hen und im Mul­ti­plex-Kino in 3D

Man kann das nicht in Quoten messen. Das Fea­ture ist immer Min­der­heit­en-Pro­gramm gewe­sen. Ernst Schn­abel – er war ein deutsch­er Schrift­steller und Pio­nier des Radios –- hat schon ganz früh, in den 60er Jahren oder Ende der 50er sin­ngemäß gesagt: „Ihr kön­nt doch froh sein, dass wir die Mehrheit nicht immer bedi­enen müssen; dass alles, was wir machen, nicht mehrheit­skom­pat­i­bel sein muss; dass wir uns ein Pub­likum vorstellen, mit dem wir auf einem gewis­sen geisti­gen Niveau kom­mu­nizieren kön­nen.“ 

Allerd­ings – das ist nun wirk­lich meine Pri­vat­mei­n­ung: Jun­gen Hör­ernach­wuchs mit viel Tech­no und Bum-Bum für unsere Fea­ture-Pro­gramme zu gewin­nen, stößt hoff­nungs­los ins Leere. Ich erfahre durch meinen Sohn und dessen Face­book-Fre­unde: Die hören keine Kul­tur Pro­gramme mehr. Viele wis­sen ja nicht ein­mal, was das Wort „Radio“ bedeutet. 

Hier in Ful­da wollte meine frühere Schule, dass ich etwas übers Radio erzäh­le. Ich habe Beispiele aus­gewählt, die gle­ichzeit­ig mit der deutschen Geschichte zu tun hat­ten – vom ersten Weltkrieg bis zu den Rus­s­land­deutschen in einem bes­timmten Stadtvier­tel, wo es vor kurzem noch große Prob­leme gab. „Unsere Russen“ hieß das Stück. Kurz gesagt: Radio dieser Art kon­nten sie sich gar nicht vorstellen. Nie so was gehört. Es waren immer­hin Sechzehn-, Siebzehn­jährige im Gym­na­si­um!

Ich erlebe schon, dass es einen Kreis von jun­gen Leuten gibt, die durch Inter­net, durch Pod­cast­ing von Sendun­gen hören, die sie inter­essieren. Und diese Fea­ture laden sie runter und hören sie an.  

Gut, ich will nicht zu sehr schwarz malen. Dass man mit  Radio Jugendliche über­haupt nicht erre­ichen kann, ist eher eine trau­rig stim­mende Ver­mu­tung. Nur sind unsere Kul­tur­pro­gramme viel zu her­metisch, zu selb­stver­liebt. Die Schwelle schaf­fen schon viele Erwach­sene nicht.

Würdest Du wieder Fea­ture-Autor wer­den wollen, mit den Möglichkeit­en, die es heute gibt, aber auch mit der Konkur­renz und den weniger wer­den­den Sende­plätzen?

Nein, das würde ich heute nicht mehr machen – nicht haupt­beru­flich. Als jemand, der bei Null anfängt — auf keinen Fall. Davon zu leben, so wie wir es 40 Jahre lang gemacht haben, ist heute fast nicht mehr möglich.

Um heute als Fea­ture Autor über­leben zu kön­nen, muss man ein Fea­ture nach dem anderen machen. Alles wird enger: Kopro­duk­tio­nen, Über­nah­men, Sende­plätze. Wider­spricht das nicht der Idee, dass man als Autor für ein Fea­ture mehr Zeit, mehr Exper­i­mente braucht, um den anderen Blick auf ein The­ma zu haben?

Dafür müsste man schon einen starken Charak­ter haben und sehr viel Begeis­terung. Unmöglich ist das nicht. Und alles, was möglich ist, und was man machen muss, muss man unbe­d­ingt auch machen.

Meine Frau und ich beziehen jet­zt bei­de unsere Rente, von der wir leben kön­nen, und wir müssten nicht mehr arbeit­en. Insofern kann ich die Frage nicht für andere beant­worten. Ich würde mir wün­schen, dass junge begeis­terte Radi­oleute, die Feuer gefan­gen haben, auch wirk­lich dran bleiben. Sie wer­den nicht allein davon leben kön­nen. Aber viele berühmte Autoren haben vorgemacht, wie es den­noch geht –-  Camus war Kor­rek­tor in einem Paris­er Ver­lag, Joyce hat in Ital­ien Spra­chunter­richt gegeben, um seine Büch­er schreiben zu kön­nen.

Kannst Du denn vom Fea­ture lassen?

Nee, Du siehst es ja, dass ich wieder ange­fan­gen habe. Eigentlich hab ich die Schnau­ze voll, aber das ist falsch gesagt — man wird ein biss­chen müde mit der Zeit. Eine aufwändi­ge Recherche-Sache mit anstren­gen­den Reisen würde ich nicht mehr anpack­en. Ich dachte immer, eines Tages weiß man, wie es läuft, und dann hat man weniger und weniger zu tun. Bei mir ist der Aufwand – vielle­icht auch der Anspruch – immer größer gewor­den. Das ist nicht gut, und das bekommt einem auch nicht. Aber – nee, aufhören geht nicht. Dann ist man eigentlich tot.

40 Jahre Radio heißt auch ganz viel hören. Merkst Du, dass die Hör­fähigkeit abn­immt, was vielle­icht dem Alter geschuldet ist? 

Na klar, das ist ein Alterung­sprozess. Das finde ich bei Gle­ichal­tri­gen fast über­all. Die höheren Fre­quen­zen höre ich von Jahr zu Jahr schwäch­er. Es gibt Dinge, die ich über­haupt nicht mehr höre, eine bes­timmte Art von Zikaden zum Beispiel. Dann muss ich Hei­drun  fra­gen: „Hörst Du da etwas? Oder rauscht diese Auf­nahme? Hör doch mal rein!“

Man fängt als junger Men­sch bei etwa 20.000 Hertz an, und in mein­er Alters­gruppe sind nicht mehr als 7.000 Hertz übrig geblieben. Deshalb bin ich froh, dass ich bei dem neuen Stück über den Ersten Weltkrieg weniger auf Akustik baue als auf Inhalte; auf das, was Men­schen sagen. Bei manchen Tönen aus unserem Archiv schwärme ich: „Wie schön !“ Und Hei­di sagt: „Das rauscht wie Hecht­suppe!“ 

Das ist der natür­liche Gang der Dinge. Und das geht in Ord­nung.