Vita (Langfassung)

Gebo­ren am 4. 9. 1940 in Nord­mäh­ren (jetzt Tsche­chi­sche Repu­blik).
Aus­sied­lung im August 1946 nach Ful­da, Hes­sen. 

Nach dem Abitur 1960: jour­na­lis­ti­sche Aus­bil­dung (zwei­jäh­ri­ges Zei­tungs­vo­lon­ta­ri­at) und Stu­di­um (Thea­ter­wis­sen­schaft, Kunst­ge­schich­te, Publi­zis­tik). Anschlie­ßend Zei­tungs­re­por­ter und Lokal­re­dak­teur in Ful­da. Feuil­le­ton-Redak­teur in Ber­lin (DER ABEND).

Mit Kame­ra­mann Heinz Pehl­ke bie Außen­auf­nah­men für “In den Tod — Hur­ra!” (ZDF 1981)

1961, 62 und 63 frei­wil­li­ge Arbeits­ein­sät­ze in Marok­ko, Grie­chen­land und Isra­el (Kib­buz).

1958–73 Mit­glied und zeit­wei­lig Vor­sit­zen­der der Ful­da­er Künst­ler­grup­pe “Jun­ge Kunst”.

1994 bis 1998 Redak­teur der Fea­ture-Abtei­lung des SFB Ber­lin. 
1970 bis 94 und wie­der seit 1998 frei­be­ruf­li­cher Autor und Regis­seur.

Für das Fern­se­hen in den sieb­zi­ger Jah­ren zahl­rei­che Jugend- und Kin­der­sen­dun­gen (“Das feu­er­ro­te Spiel­mo­bil” BR / SFB, “Denks­te” WDR, “Tele­skop” SFB). Meh­re­re Arbei­ten in der Rei­he “Das klei­ne Fern­seh­spiel” ZDF – u.a. “Mensch Mut­ter” (Ber­li­ner Film­fest­spie­le 1977), “Das Gold der Elfen” (Ber­li­ner Film­fest­spie­le 1978), “Wil­li und die Kame­ra­den” (Ber­li­ner Film­fest­spie­le 1979 – jeweils Deut­sche Rei­he – und Irish Film Fes­ti­val, Dub­lin). Fern­seh-Fea­tures (u.a.“Fußball ist unser Leben”, “Für Fred­dy tu’ ich alles”, “Brief aus Sagorsk”).

Pri­vat­stu­dio Kopetz­ky (Ber­lin, Kne­se­beck­stra­ße 89) vor der Digi­ta­li­sie­rung 1995

Für den Hör­funk über 100 lan­ge Fea­tures. Schwer­punk­te: Ers­ter und Zwei­ter Welt­krieg; Gesell­schaft­li­ches Leben in der Bun­des­re­pu­blik; Sowjetunion/Russland (Geschicht­li­che Dar­stel­lun­gen und All­tags­re­por­ta­gen – Lenin­grad, Kiew, Minsk, Kasach­stan, Usbe­ki­stan, Ost-Sibi­ri­en); Süd­ame­ri­ka; die Ver­ei­ni­gung der bei­den deut­schen Teil­staa­ten.

Doku­men­ta­ri­sche Sen­de­rei­hen: “Peter der Gro­ße”, “Katha­ri­na die Gro­ße”, “Mei­ne Hei­mat­stadt Ber­lin” (mit Manue­la Reichart, Wolf­gang Bau­ern­feind, Karl-Heinz Schmidt-Lau­ze­mis), “Im Wider­stand” (Euro­päi­sche Frau­en wäh­rend der deut­schen Okku­pa­ti­on, 1987), “Die Bela­ge­rung der Macht” (Euro­päi­sche Frie­dens­be­we­gung 1983/84), “Sol­da­ten”. 


Aus Mon­ta­ge- und Mix­plä­nen für “Mos­kau­er Zeit” (HR 1989)

Hör­spie­le und Audio-Pro­jek­te: “Mos­kau­er Zeit”, “Ohr — Schlacht — Feld”, “Zika­den­baum”, “A Fùria — Die Wut der Kin­der”, “Euro­po­ly” (Gemein­schafts­pro­jekt des HR mit 15 euro­päi­schen Rund­funk­an­stal­ten). “Ein Tag in Euro­pa”, 16 Stun­den, HR 1999 — “Ein Tag in der Stadt”, 16 Stun­den, HR 2001. “Der Ama­zo­nas”, drei­stün­di­ges Fea­ture für hr2-Radio­tag-Pro­jekt “Die gro­ßen Flüs­se der Welt”, 2002 (Öffent­li­che Auf­füh­run­gen im Frank­fur­ter Pal­men­gar­ten und 2005 im Kul­tur­haus Pode­wil, Ber­lin, sowie in der “Radio-Lounge / zeit­raum­e­xit”, Mann­heim 2007).

 

Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen: “In den Tod — Hur­ra !” (Deut­sche Jugend vor Lan­ge­mark 1914) — “Die ande­re Front” (Euro­päi­sche Frau­en in Krieg und Wider­stand) — “Peter der Gro­ße / Zar der neu­en Zeit” (Doku­men­ta­ri­scher Roman) — “Katha­ri­na die Gro­ße” (Doku­men­ta­ri­scher Roman) — “Radio­jah­re / Vom linea­ren Zeit­al­ter in die ver­netz­te Welt” (Werk­statt­buch, Online-Fas­sung 2012, Print­aus­ga­be “Objek­ti­ve Lügen — Sub­jek­ti­ve Wahr­hei­ten” im Ver­lags­haus Mon­sen­stein und Van­ner­dat, Müns­ter; jetzt wie­der kos­ten­los im Netz, sie­he Start­sei­te) – “Mann im Mut­ter­land / Erzäh­lung vom end­lo­sen Nach­krieg” (gra­tis online ers­te Fas­sung, sie­he Start­sei­te). Ab Novem­ber 2020 auch im Druck bei allen Buch­hand­lun­gen und Online-Shops). Lesung und Online-Dis­kus­si­on: Aka­de­mie Mit­tel­eu­ro­pa (“Der Hei­li­gen­hof”, Bad Kis­sin­gen) 2021; Lesun­gen Offe­ner Kanal / Media­thek Hes­sen; Lesung und Musik (mit Bar­do Hen­ning), Von­derau-Muse­um Ful­da, 2021.

Orga­ni­sier­te Fea­ture-Work­shops in Deutsch­land, den USA, Bra­si­li­en, Mexi­ko, Ecua­dor, Argen­ti­ni­en, Kenia, Polen, Rumä­ni­en, Mol­da­wi­en, Tsche­chi­en, den Nie­der­lan­den und der Repu­blik Irland. 

Bei­trä­ge zu meh­re­ren Antho­lo­gien, u.a. Fea­ture-Hand­buch im UVK-Ver­lag mit Unter­stüt­zung des SDR und SFB; Radio-Nova-Sam­mel­band (Rio de Janei­ro) 1997; Text­samm­lun­gen Prix Ita­lia 1996 und 1997; “De Radi­odo­cu­men­taire” (Hil­ver­sum, 2000); “Radio Docu­men­ta­ry” (Seo­ul, 2001); “Neue Deut­sche Bio­gra­phie” (über Ernst Schna­bel).

Ein Thea­ter­stück im Auf­trag der Stadt Ful­da (“Der Zwerg des Fürst­bi­schofs — Barock­spek­ta­kel mit Musik”) zum Stadt­ju­bi­lä­um 1994. Nach 2014 Kura­tor eini­ger Kunst­aus­stel­lun­gen in Ful­da und Wup­per­tal.

Mit­be­grün­der der Akti­on “Jour­na­lis­ten war­nen vor dem Atom­krieg” (1983) 

Hei­drun Kopetz­ky 1979 auf den Aran-Islands

Hei­drun Kopetz­ky, eben­falls aus Nord­mäh­ren stam­mend, ist mit dem Autor seit 1975 pri­vat und beruf­lich ver­hei­ra­tet. Sie war lan­ge Jah­re Redak­ti­ons-Sekre­tä­rin im Ber­li­ner “Spiegel”-Büro. Seit Mit­te der acht­zi­ger Jah­re gemein­sa­me Arbeit an zahl­rei­chen Funk­pro­jek­ten. 

Pri­va­tes Ton­stu­dio (seit 1995 digi­tal).
Sohn Jan Kopetz­ky, gebo­ren 1976, arbei­tet als frei­er Fotograf. 

Das Pri­vat-Archiv Kopetz­ky (120 digi­ta­li­sier­te Sen­dun­gen und umfang­rei­ches Kon­text-Mate­ri­al) wur­de 2017 als Vor­lass in das Deut­sche Rund­funk­ar­chiv übernommen.


Radio in der Ers­ten Person 

Eine kur­ze Arbeits-Biographie


Werk­statt-Gespräch mit Char­ly Kow­al­c­zyk (Bre­mer Medi­en­bü­ro) zum Erschei­nen der gedruck­ten Auf­la­ge von „Radio­jah­re“ / „Objek­ti­ve Lügen – Sub­jek­ti­ve Wahr­hei­ten“ (10. 9. 2013)


Du nennst Dein Buch „Objek­ti­ve Lügen – Sub­jek­ti­ve Wahr­hei­ten“. Ein Titel, der bewusst pro­vo­zie­ren soll?

Naja, ich ken­ne die Reak­tio­nen auf das Man­tra mit den drei Buch­sta­ben ICH mitt­ler­wei­le zu gut: „Ach Du schon wie­der auf dem Ego-Trip!“ Das geht mir lang­sam auf den Keks, und ich pro­vo­zie­re ein wenig zurück. Irgend­wie bin ich immer auf Abwehr ein­ge­stellt und möch­te das doch gar nicht. Es gibt kei­nen Schrift­stel­ler der Welt­ge­schich­te, der es nötig hat­te, sein ICH so zu ver­drän­gen: „Ich bin das ja gar nicht.“ Im Gegen­teil. Als Leser kann ich davon aus­ge­hen, dass die eige­ne Bio­gra­fie immer eine Rol­le spielt – nicht 1:1 natür­lich. Nur im Doku­men­ta­ri­schen hält sich die­ser Ruf nach „Objek­ti­vi­tät”. All­mäh­lich wird das langweilig.

Als Fea­ture-Autoren sind wir nun mal kei­ne Flie­gen­bein­zäh­ler; nicht „Doku­men­ta­ris­ten”, die ver­su­chen, die Welt archi­va­risch zu fas­sen. Auch sind wir ande­rer­seits kei­ne Hör­spiel-Macher, die sich ihre eige­ne Wirk­lich­keit erschaf­fen. Kunst darf alles. Unse­re Hörer haben das gute Recht, mög­lichst viel über eine The­ma­tik, über einen Men­schen, über einen Ort zu  erfah­ren. Aber – und das ist mir eben wich­tig: Wir kön­nen dies alles nur so erfah­ren, wie es die­je­ni­gen, die uns dar­über erzäh­len, selbst erfah­ren haben. 

Nie­mand kann behaup­ten, ein Ort, eine Per­son sei gera­de so, wie es in die­sen 55 Fea­ture-Minu­ten zu hören ist. Das ist – etwas zuge­spitzt – die Lüge, die ich mei­ne. Die sub­jek­ti­ve Wahr­heit ist natür­lich auch nur in Anfüh­rungs­zei­chen zu ver­ste­hen, denn Wahr­heit in die­sem Sin­ne gibt es ja auch nicht. Selbst wenn wir unse­re doku­men­ta­ri­sche Arbeit nur am Schreib­tisch erle­di­gen, ist es unse­re Per­spek­ti­ve, die zählt: Wir wäh­len den Weg, wir wäh­len die Quellen.

Haben vie­le Autorin­nen und Autoren zu viel Respekt, ja fast Angst vor dem ICH

 Ja. Aber ich ver­ste­he das nicht. Denn wenn ich mit Leu­ten face-to-face zusam­men sit­ze und irgend­et­was erzäh­le, dann sit­ze ich da als Per­son, ich kann mich nicht … neu­tra­li­sie­ren. Das wäre wie ein Schau­spie­ler, der sich auf die Büh­ne stellt und sagt: „ICH BIN GAR NICHT DA.“ 

Es gibt aber die Scheu, sich selbst als Autor einzubringen…

Die­se Scheu hat man uns so bei­gebracht! In der Schu­le hieß es – jeden­falls bei uns Nach­kriegs­kin­dern: „Fan­ge kei­nen Satz mit ICH an!” Damit hab ich heu­te noch Schwie­rig­kei­ten, ich ver­su­che das ICH am Satz­an­fang zu ver­mei­den. War­um ? Weil das gro­ße Gan­ze wich­ti­ger ist als ich selbst?  Es gibt angeb­lich Redak­teu­re, die Autoren in ihrem eige­nen Stück nicht dulden.

Mach’ Dich weg….

Ja, schnei­de Dich raus! Ich höre das oft: „Du machst ja andau­ernd Hmmm, was soll das?“ Na gut, man kann es über­trei­ben, es kann auch stö­rend und sehr eitel sein, wenn man immer zei­gen will ICH BIN DA. Alles ist eine Fra­ge des Maßes und der Ehr­lich­keit. Aber das gilt auch umge­kehrt: dass ich mei­ne Anwe­sen­heit nicht ver­schleie­re. Die Zuhö­rer ver­mu­ten ohne­hin, dass einer da ist, der das Mikro­phon hält, und ich möch­te, dass man das spürt. 

Du nennst Dein Buch Werk­statt­be­richt. Warum?

Das Leben ist ja nicht so grad­li­nig, dass man es wie ein Dreh­buch erzäh­len kann. Die Ecken und Kan­ten soll­ten erkenn­bar sein. Das Pro­blem bei dem Buch war, dass ich selbst von Anfang an nicht so rich­tig sagen konn­te, für wen ich das mache. Und des­we­gen hab’ ich mir auch kei­nen Ver­lag gesucht, der von mir ver­langt, dass ich ihm die „Ziel­grup­pe” nen­ne. Das Ding war reif und muss­te ans Tages­licht. Ich hab so vie­le Noti­zen gemacht, ich hab jah­re­lang unbe­wusst dafür gesam­melt. Im Kel­ler lag das im Archiv, ich muss­te bloß zugrei­fen. Mir ging es dar­um, bestimm­te Kom­ple­xe, wie zum Bei­spiel mein Leib- und Magen­the­ma „Sub­jek­ti­vi­tät im doku­men­ta­ri­schen Fach”, als Haupt­the­ma her­aus­zu­stel­len –– wer geht so ähn­lich ran wie ich oder ver­sucht es ganz anders ?

40 Jah­re Fea­ture-Arbeit. Hat­test Du auch das Gefühl, Du möch­test etwas hin­ter­las­sen — Dein Vermächtnis?

Ver­mächt­nis“ ist ein gro­ßes Wort. Aber die­sen Drang hat fast jeder in mei­nem Alter, ich bin 73. Mög­lich, dass zu viel in die­ser Art pro­du­ziert wird, gan­ze Ver­la­ge leben davon. So vie­les hast du ange­häuft im Leben, das du wei­ter­ge­ben möch­test. Und du denkst: „Oh Gott, was mache ich jetzt damit, ich habe gar nicht mehr viel Zeit.“ Das ist doch eine Gemein­heit, dass alles irgend­wann ein­mal unwi­der­ruf­lich abbricht! 

Mit Gewinn ver­kau­fen kann man so ein Buch natür­lich nicht, das muss man sich leis­ten. Aber ich bin froh, dass mei­ne Frau mit­spielt und nicht sagt: „Das inter­es­siert doch nur Ver­rück­te wie uns!“ Sie denkt sich viel­leicht, dass ich unleid­lich wer­de, wenn das nicht gedruckt wird, was da aus mir raus will.

Ich habe es ger­ne gele­sen, weil es anre­gend war, auch dass Du irgend­wann dazu über­ge­gan­gen bist, intui­tiv an Dein Mate­ri­al ranzugehen.

Ich habe jedes neue The­ma immer als Aben­teu­er emp­fun­den, selbst The­men, die ich genau zu ken­nen glaub­te, wie das Stück über den Beginn des ers­ten Welt­kriegs — Lan­ge­mark, West­front. Das Fea­ture hieß „In den Tod – Hur­ra!“ Ich hab ja noch die letz­ten Über­le­ben­den auf deut­scher und eng­li­scher Sei­te erlebt. Die waren alle schon über 80 Jah­re, und das, wor­über sie vor gut 30 Jah­ren erzähl­ten, war der Höhe­punkt ihres Lebens gewe­sen, im Guten wie im Schlechten. 

Und wie­der sta­peln sich Bän­der und Bücher über 1914 in mei­nem Büro für ein NDR-Fea­ture mit dem Titel „Fein­de wie wir“ – obwohl ich Hei­drun und mir selbst doch ver­spro­chen hatte … 

Das ist eben Aben­teu­er – sei es nur die Recher­che am Schreib­tisch, im Netz, oder sei­en  es die gro­ßen Rei­sen. Wir waren ja viel unter­wegs. Das fing schon bei der Vor­be­rei­tung an. Also: die Kas­set­ten zurecht legen, die Labels auf­kle­ben, wie vie­le Kabel, Bat­te­rien, Wör­ter­bü­cher, Land­kar­ten … Als wir nach Sibi­ri­en gereist sind, im Win­ter 84/85 an die zwei­te Trans­si­bi­ri­sche Eisen­bahn, die Bai­kal-Amur-Magis­tra­le, war die gro­ße Kar­te von die­sem Sechs­tel der Erde genannt Sowjet­uni­on oder auch „Das Reich des Bösen” vor uns auf dem Ber­li­ner Sis­al­tep­pich aus­ge­brei­tet, und wir zogen die Flug­rou­ten und Eisen­bahn­stre­cken nach und hör­ten bei­de schon so etwas wie einen Grundt­ton, einen Gene­ral­bass der geplan­ten Sendung.

Hast Du vor­her fest­ge­legt, wen Du wann triffst? Oder hast Du alles auf Dich zukom­men lassen?

Es gibt natür­lich Adres­sen, wie Uri Avne­ri in Isra­el zum Bei­spiel, der mich natür­lich schon als Mensch inter­es­siert und den ich unbe­dingt auf­su­chen woll­te. Aber du bekommst natür­lich bei jedem The­ma vie­le Tipps, Geheim­tipps sogar, und dann denkst du: Jetzt habe ich schon so eine lan­ge Lis­te, die müss­te ich jetzt abar­bei­ten. Das ist ein fal­scher Ansatz, denn ich will ja in die Wirk­lich­keit hin­ein­ge­hen, nicht in eine Lis­te. Ich hat­te immer die Vor­stel­lung von einem Fisch im Was­ser – mei­ner Fisch-im-Was­ser-Metho­de. Ich sprin­ge in einen Pool und schwim­me zwi­schen den frem­den Fischen umher, und ich gucke links und ich gucke rechts und sie kom­men auf mich zu. 

Erzäh­le mal ein Beispiel…

Wir haben eine Sen­dung gemacht über Jeri­cho im West­jor­dan­land, die „Haupt­stadt der Unge­duld“. Wir wohn­ten also in dem wun­der­schö­nen „Ame­ri­can Colo­ny Hotel“ in Jeru­sa­lem, wo auch schon Heming­way gewohnt hat­te (wo wohn­te der eigent­lich nicht ?) Und dann hast du mor­gens die „Jeru­sa­lem Post“ auf Eng­lisch gele­sen – was an dem Tag ansteht, wo etwas pas­siert. Da haben wir gele­sen, dass eine poli­ti­sche Akti­on jugend­li­cher Tho­ra-Stu­den­ten in Jeri­cho gegen die geplan­te Über­ga­be der Stadt und einer uralten Syn­ago­ge an die paläs­ti­nen­si­sche Ver­wal­tung bevor­steht. Das wuss­ten wir vor­her natür­lich nicht, das konn­te in Ber­lin auch nie­mand wissen. 

Also ins Taxi und hin ! Wir stie­gen in Jeri­chos kur­zer Haupt­stra­ße aus dem Fahr­zeug. Ich hat­te in so wich­ti­gen Situa­tio­nen immer schon vor­her mein Gerät umge­schnallt und ein­ge­schal­tet, um nichts zu ver­pas­sen. Damals lief man noch mit Spu­len-Ton­band­ge­rät, Kopf­hö­rern und ziem­lich vie­lem Kabel­gebam­mel her­um. Es sah schon recht pro­fes­sio­nell aus. 

Du hast noch nicht die Auto­tür zuge­macht, da kommt ein Trupp smar­ter jun­ger Leu­te auf dich zu, PLO-Akti­vis­ten, Stu­den­ten, die eigent­lich alle arbeits­los sind. Ein Stra­ßen-Café ist ihr „Stütz­punkt“. Sie laden dich zum Tee ein, und schon bist du im The­ma. Klar – die Leu­te wol­len was von dir, sie wol­len dich als Sprach­rohr benut­zen, und du benutzt die Gele­gen­heit für dich, für dei­ne Sen­dung – wobei du ja den eige­nen kri­ti­schen Ver­stand nicht ausschaltest. 

Nun sit­zen wir mit den PLO-Leu­ten also zwei Stun­den zusam­men, wech­seln Ton­band­spu­le um Ton­band­spu­le, und dann fra­gen sie, ob du ein Flücht­lings­la­ger besu­chen möch­test. Natür­lich möch­test du ! Wir fah­ren hin, es ist nicht weit. Wir besu­chen Fami­li­en – PLO-Sym­pa­thi­san­ten natür­lich. Du bist mit­ten­drin, wie ein Fisch im Was­ser eben. 

Ein paar Stun­den spä­ter wol­len wir die neue Moschee anschau­en, die mit viel aus­län­di­schem Geld mit­ten in Jeri­cho gebaut wor­den war. Da sind Leu­te von der Hamas. Sie füh­ren uns her­um, als wür­de ihnen das alles gehö­ren, und schlep­pen uns dann zu einer Fei­er ins Kul­tur­haus. Auch der Ter­min stand in kei­ner Ber­li­ner Zeitung. 

Sie bug­sie­ren uns also in einen Saal, groß wie eine Turn­hal­le und vol­ler Men­schen, vor allem jun­gen Leu­ten, Frau­en mit ihren blü­ten­wei­ßen Kopf­tü­chern auf der Empo­re, Män­ner unten. Hit­ze – und erhitz­te Gemü­ter. Paro­len wer­den skan­diert, die ich nicht ver­ste­he. Gesän­ge, immer drän­gen­der und lau­ter, Trom­meln wir­bel­ten. Das Ton­band­ge­rät läuft und läuft. Einer sagt: „You should go up on the sta­ge – you are our hono­r­able guest !“ Und wo möch­te ich denn für die Auf­nah­me lie­ber hin als auf die Büh­ne neben den Imam, der da mit hass­erfüll­ter Stim­me redet, brüllt, unter­bro­chen vom Getrom­mel und den Sprech­chö­ren ! Mei­ne Kopf­hö­rer haben mir längst gesagt, dass ich da hin will – ran an den Speck, den akustischen.

Ich habe mir die Auf­nah­men der lan­gen Rede spä­ter über­set­zen las­sen. Im Grun­de läuft alles dar­auf hin­aus, die Israe­lis mög­lichst bald ins Meer zu trei­ben. Spä­ter gibt es eine Thea­ter­auf­füh­rung, bei der ein israe­li­scher Sied­ler auf offe­ner Büh­ne kalt­ge­macht wird. Und alle sind begeis­tert, als er das Papp­schwert zwi­schen die Rip­pen kriegt.

Und gar nicht so anders ergeht es uns ein, zwei Tage spä­ter bei den Sied­lern. Sie zei­gen uns live und in Echt­zeit, wo die bibli­schen Sze­nen spiel­ten, die ihnen das Recht geben, hier zu sein auf die­sem Hügel über Jeri­cho. Zum Bei­spiel den bren­nen­den Dorn­busch, haar­ge­nau: „A bit more to the right – right the­re. You got it !“ Und das alles mit vol­lem Ernst. Als Repor­ter musst du mit­ma­chen, du lässt dich trei­ben – mit inter­es­sier­tem Gesichts­aus­druck. Kein Ort für Debat­ten jetzt. 

Und so kam es, dass wir mit Sied­lern andern­tags in einem Pro­test­zug durch das besetz­te Ost-Jeru­sa­lem mar­schiert sind, mit­ten im Getüm­mel und schwer bewacht von israe­li­schem Militär. 

Mit­ge­hen, Töne ein­sam­meln, das heißt ja nicht, dass man deren Auf­fas­sung vertritt.

Ja, natür­lich nicht, wir haben eige­ne Auf­fas­sun­gen. Es ist nicht nur die Pflicht der Bericht­erstat­tung, son­dern es sind auch die phy­si­ka­li­schen Umstän­de der Ton­auf­nah­men, nah dabei zu sein. Die Bedin­gun­gen sind kom­pli­zier­ter als beim Fern­se­hen. Mit dem Tele­ob­jek­tiv kannst du noch über 300 Meter hin­weg span­nen­de Nah­auf­nah­men machen, aber nicht mit dem Mikro­fon. Du musst dort sein, wo „es“ passiert. 

Mir fällt eine frü­he Sache ein – ein Fern­seh­fea­ture über Fred­dy Quinn, den damals berühm­ten Schla­ger­sän­ger. Ich habe eine Geschich­te gemacht von einer Heim­ar­bei­te­rin und ein paar ihrer Freun­din­nen, die gefühls­mä­ßig mit die­sem Sän­ger ver­hei­ra­tet waren, in ihrer Fan­ta­sie mit ihm gelebt haben, Tag und Nacht. Und mit ihr bin ich dann nach Lübeck gefah­ren, zu einem Gast­spiel des Sän­gers – zusam­men mit den zwei klei­ne­ren Kin­dern, die sie immer mit­neh­men muss­te, weil sie nie­man­den hat­te, der auf sie auf­passt. Ich habe mit  im sel­ben Hotel­zim­mer über­nach­tet, um Stand­fo­tos zu schie­ßen, wie sie ihre Kin­der zu Bett bringt in dem bil­li­gen Hotel, weil sie für ein ande­res kein Geld hat­te. Im Nach­hin­ein den­ke ich: Unglaub­lich! Das ging schon ein biss­chen zu weit. Wür­de ich heu­te nicht mehr machen. 

War es zu voyeuristisch?

Ich benut­ze nicht so gern das Wort „voy­eu­ris­tisch“. Es klingt zu abfäl­lig. Auch unse­re Arbeit hat ja mit Hin­se­hen zu tun, akus­tisch und inhalt­lich. Aber im mensch­li­chen Sinn war das eine zu gro­ße Nähe. Mar­ga, so hieß die­se Mut­ter mit Vor­na­men, war eine Frau mit drei Kin­dern, die alle ein wenig aus dem Ruder lie­fen, und sie arbei­te­te Tag und Nacht in einem fürch­ter­lich mono­to­nen Heim­ar­bei­ter-Job. Ich wür­de nicht sagen, dass ich sie aus­ge­beu­tet habe, wir waren eigent­lich damals befreun­det, weil ich oft bei ihr zuhau­se war. Sie kam auch zu uns, als unser Sohn gebo­ren wur­de. Von Weih­nach­ten 1976 haben wir noch Fotos, als sie zu Besuch waren. 

Ich woll­te wis­sen, wie es für die Kin­der ist, die nichts mit dem Sän­ger anfan­gen kön­nen. Die Mut­ter ist ver­liebt in den Schla­ger­sän­ger Quinn und gibt dafür ihr gan­zes Geld aus. Er mag sie schon gar nicht mehr sehen, er sagt: „Was machst Du denn schon wie­der mit Dei­nen Kin­dern hier?“ Sie hat Angst, dass er sie aus­schimpft. Eine mensch­lich sehr kom­pli­zier­te Situa­ti­on. Und ich habe mich da rein gedrängelt.

Du hast dar­aus auch ein TV-Stück gemacht?

Fred­dy Quinn pass­te nicht, dass ich mich für die­se Art weib­li­cher Fans inter­es­sier­te. Er hät­te sich ande­re gewünscht und ver­such­te über den SFB-Rund­funk­rat, die Aus­strah­lung zu ver­hin­dern, weil er um sein Image bang­te. Es waren ja alles vom Leben getre­te­ne Frau­en. Die kann­ten ein­an­der. Sie alle lieb­ten Fred­dy, und wenn er zu einem Gast­spiel fuhr, etwa nach Nor­we­gen, dann haben sie ihm Pull­over gestrickt. Oder haben Geburts­tags­tor­ten geba­cken. Das geht schon zu Her­zen. Wobei die­se Hard­core-Fans auch Kon­kur­ren­tin­nen waren. Jede woll­te ihn ja für sich haben. Sie brauch­ten sich unter­ein­an­der. Nur wer selbst so beses­sen war, konn­te das nachvollziehen.

Ich habe den Film neu­lich an der Uni Pots­dam vor­ge­spielt; sah alles groß auf der Lein­wand. Da lief es mir kalt den Rücken run­ter, ich dach­te: „Mein lie­ber Mann! Die­sem Elend so lang auf der häus­li­chen Matt­schei­be zugu­cken“ (LACHT). Trotz­dem wür­de ich es nicht als Voy­eu­ris­mus bezeich­nen. Voy­eu­ris­mus hat was mit Aus­beu­tung zu tun für eige­ne Inter­es­sen. Autoren machen es zwar auch für sich, aber dem Auf­trag gemäß für das Publikum.

Du hast als Zei­tungs­re­por­ter in der “Ful­da­er Zei­tung” begon­nen, bevor es Dich nach Ber­lin zog. 

Ich habe als Schü­ler der Ful­da­er Zei­tung ange­bo­ten, über irgend­wel­che Jazz-Kon­zer­te in Frank­furt zu berich­ten, Duke Elling­ton zum Bei­spiel, und hab mir da mei­ne 30 Mark ver­dient. Ja, ich habe eigent­lich in der Zei­tung schon ange­fan­gen fea­ture­mä­ßig zu arbei­ten. Als damals der Bume­rang in Mode kam, habe ich so ein Ding mit einem Foto­gra­fen aus­pro­biert, und als das Holz zurück­kam, flog es uns natür­lich an die Bir­ne. Bei der Zei­tung „DER ABEND“  sind wir spä­ter Gold gra­ben gegan­gen, weil jemand erzählt hat­te, dass er am Ufer der Havel einen Claim abge­steckt hat. Da ist die hal­be Redak­ti­on mit Spa­ten los­ge­zo­gen. Es war alles nicht so ernst. Aber da war schon die Ten­denz, als Autor mit dabei zu sein – teilzunehmen. 

Beim „ABEND“ war ich u. a. für die Jugend­sei­te zustän­dig. Ich hat­te mich auf eine freie Feuil­le­ton-Stel­le bewor­ben, als Spe­zia­list für „Show und Unter­hal­tung”. Von bei­dem hat­te ich nicht die gerings­te Ahnung. Ich woll­te ein­fach aus der Klein­stadt raus. Hab denen alles mög­li­che vor­ge­flun­kert und den Job tat­säch­lich bekom­men. Die haben wahr­schein­lich auch nie­man­den gekriegt für 900 Mark als Redakteur.

Wie alt warst Du da?

Das war 1968 und ich war 28. Da kam ich mit­ten in die „Stu­den­ten­re­vol­te“. Ich wäre fast nach zwei Wochen wie­der raus­ge­flo­gen, weil ich am Tag des Anschlags auf Rudi  Dutsch­ke mit mei­nem Deux Chevaux bei den Demons­tran­ten war, die die Aus­lie­fe­rung der BILD-Zei­tung blo­ckie­ren woll­ten. Andern­tags hat mich der Staats­schutz nach Tem­pel­hof bestellt. Da konn­te ich dann auf einem Foto sehen, wie sechs oder sie­ben Schutz­leu­te ver­such­ten, mei­ne Ente weg­zu­schlep­pen. Das ging nicht so leicht, weil die Kis­te eine beson­de­re Rad­auf­hän­gung hat­te: Man hob das Auto hoch, aber die Räder blie­ben unten – wie bei einem Mai­kä­fer. Das hat vor Ort eine gro­ße Gau­di aus­ge­löst, sie krieg­ten die Ente nicht weg. Mein Ver­le­ger hat mich dann raus­ge­hau­en, so konn­te ich beim „ABEND“ bleiben. 

Das war eine tol­le Zeit – gera­de, wenn man aus der Pro­vinz kommt. Mei­ne ers­te Frau habe ich im Strahl von Was­ser­wer­fern vor dem Ame­ri­ka-Haus am Zoo ken­nen­ge­lernt. Wir waren bei­de pudel­nass. Ich hat­te eine klei­ne Stu­den­ten­bu­de in der Nähe und frag­te sinn­ge­mäß: „Hät­ten Sie Lust auf eine Tas­se Tee ?“

Pas­sier­schein wegen ange­kün­dig­ter Beset­zung des Funk­hau­ses durch demons­trie­ren­de Studenten

Wie bist Du dann zum Radio gekommen?

Beim „ABEND” hat­te ich eine Kolum­ne ein­ge­führt, die hieß „Plat­ten­tü­te“, da wur­de die neu­es­te Pop­mu­sik bespro­chen. Eines Tages flog die Redak­ti­ons­tür auf, ein jun­ger Mann rausch­te her­ein – es war der spä­ter sehr bekann­te RIAS-Mode­ra­tor Bar­ry Gra­ves – und sag­te unge­fähr, so eine Schei­ße habe er schon lan­ge nicht gele­sen: „Wer ist das, der da gar kei­ne Ahnung hat?“ Da hab ich den Fin­ger geho­ben. „Bit­te­schön“, sag­te ich Kraft mei­nes Amtes, „Machen Sie ’s bes­ser !“ Und das hat er dann eine gan­ze Zeit lang erfolg­reich gemacht. 

Spä­ter bat ich drei Radio-Mode­ra­to­ren von „SFB Beat“, einer belieb­ten aber kei­nes­wegs unpo­li­ti­schen Pop­sen­dung, abwech­selnd die Plat­ten­kri­ti­ken für unse­re Zei­tung zu schrei­ben. Ulli Her­zog, „Pfei­fen-Lan­ge“ und Hans-Die­ter Fran­ken­berg waren damals rich­ti­ge Radio­stars, sie beka­men ber­ge­wei­se Fan­post. Und als einer von den Drei­en frag­te, war­um ich nicht selbst für den Rund­funk arbei­te, war es das ers­te Mal, dass mir so etwas über­haupt in den Sinn kam. 

Im Kol­lek­tiv

Ein­schub aus mei­nem Werk­buch
“Objek­ti­ve Lügen – Sub­jek­ti­ve Wahrheiten”

»WuZ« (»Wir um Zwan­zig«) heißt das wöchent­li­che Live-Fea­ture, »gefah­ren« von einer fes­ten Stu­dio-Mann­schaft, oft in letz­ter Minu­te. Manch­mal wer­den Ein­spiel-Bän­der »hin­ten« noch geschnit­ten, wäh­rend »vorn« die Sen­dung schon läuft. Jedes Manu­skript in mei­ner Samm­lung trägt vier oder fünf Autoren-Namen. Im Ziga­ret­ten-Qualm nächt­li­cher Sit­zun­gen hat das Kol­lek­tiv Satz für Satz gemein­sam redi­giert und mei­ne kunst­vol­len Meta­phern rei­hen­wei­se hingerichtet (…)

WuZ han­delt von Erzie­hung und Stra­fe, Sex, Jugend­kri­mi­na­li­tät; von »Gast­ar­bei­tern« und Wohn­ge­mein­schaf­ten, Musik­ge­schäft und Wer­bung, von Behin­der­ten und sozia­len Rand­grup­pen aller Art. Jugend­funk-Mit­ar­bei­ter glau­ben Anfang der Sie­zi­ger fest an die gesell­schafts­ver­än­dern­de Kraft jeder ein­zel­nen Sendung (…)

Und doch haben wir von »WuZ« und SFBeat ein­mal pro Woche reih­um Sup­pen und Ein­töp­fe gekocht, kar­ton­wei­se Rot­wein aus dem Geträn­ke-Dis­count über den Theo­dor-Heuss-Platz geschleppt, Janis Jop­lin gehört, getanzt und geflir­tet. Dies der Voll­stän­dig­keit halber.

In der Rück­schau fällt mir auf, wie sehr jeder von uns jun­gen Autoren sei­nem Leben einen indi­vi­du­el­len Sinn geben woll­te, der über Kar­rie­re und mate­ri­el­len Ver­dienst hin­aus­ging. Im »Kol­lek­tiv« klam­mer­ten wir uns an die glei­che »poli­ti­sche Auf­ga­be«, hin­ter der Fas­sa­de aber leb­te das bio­gra­phi­sche ICH unaus­rott­bar wei­ter. Wir waren Gespal­te­ne. Wie die meis­ten Anhän­ger oder – in mei­nem Fall – Mit­läu­fer der Außer­par­la­men­ta­ri­schen Oppo­si­ti­on rebel­lier­ten wir auch gegen den »bür­ger­lich-oppor­tu­nis­ti­schen Boden­satz« in uns selbst. 


DAS UMFELD,

in dem wir uns eine Jugend­sen­dung wie »Wir um Zwan­zig« den­ken müs­sen, mar­kie­ren Arbei­ten wie »Die Sie­ben-Tage-Woche des Draht­we­bers Rolf Piechot­ta« (Boldt/Garczyk), »Akkord« (Kra­tisch), »Nicht der Homo­se­xu­el­le ist per­vers, son­dern die Situa­ti­on, in der er lebt« (Praun­heim) oder »Ich hei­ße Erwin und bin 17 Jah­re« (Run­ge), »Por­träts jun­ger Arbei­ter« (Stro­bel), »Lie­be Mut­ter, mir geht es gut« (Zie­wer), »Vera Romey­ke ist nicht trag­bar« (Ren­ke Korn), Ulri­ke Mein­hofs Radio-Fea­tures (»Karl Wolff oder: Por­trät eines anpas­sungs­fä­hi­gen Deut­schen« und »Gefahr vom Fließ­band«), Max von der Grüns Geschich­ten aus der Arbeits­welt, Katha­ri­na de Fries (»Sie kön­nen kei­nen erzie­hen, den sie nicht haben«), Jochen Ziem (»Die Klas­se­frau«), Inge­borg Dre­witz (»Vater spielt mit mei­ner Eisen­bahn«) und dazu pas­send die auf­klä­re­ri­sche Peri­ode der«Schaubühne am Hal­le­schen Ufer«.



Bre­mer Gespräch (Fort­set­zung):


Dein Ein­stieg zum Radio war also rein zufällig?

Ja, zuerst beim Kin­der- und Jugend­funk. Und nach ein paar Tagen wur­de ich gefragt, ob ich einen Fern­seh­film machen möch­te. Ich gab zu beden­ken, dass ich noch nie eine Kame­ra aus der Nähe gese­hen hät­te, und der Redak­teur sag­te: „Die meis­ten hier auch nicht!“ So bin ich zum Fern­se­hen gekom­men und hab den größ­ten Teil der 70er Jah­re par­al­lel zum Radio  Kin­der- und Jugend­fern­se­hen gemacht, spä­ter dann auch TV-Fea­tures und ein paar Sachen für die Rei­he „Das Klei­ne Fern­seh­spiel“ im ZDF

Damals hat­ten die Sen­der noch ordent­lich Kohle …

War­um bist Du dann doch mehr Radio- als Fern­seh-Autor geworden?

Es war in den 70er Jah­ren, als ich gemerkt habe, dass die Her­stel­lung eines Films ein sehr zäher Pro­zess ist, der einen womög­lich mehr hemmt als beflü­gelt. Der tech­ni­sche Stab war groß, selbst bei Inter­views waren wir meis­tens vier Leu­te. Und die Gewerk­schaft hat sehr genau dar­auf geach­tet, dass Arbeits­zei­ten ein­ge­hal­ten wurden. 

Das war so: Wenn du eine Sze­ne in einem Spiel­film gedreht hast und vie­le Leu­te beschäf­tigt waren, und wir brauch­ten Son­ne, dann haben wir rum­ge­han­gen und gewar­tet, dass die end­lich wie­der raus­kommt. Sie kam auch kurz vor Fünf, pri­ma, wir haben alle zusam­men­ge­ru­fen, aber es konn­te pas­sie­ren, dass der Kame­ra­mann sag­te: „Tut mir leid. Ich habe Fei­er­abend.“ Das ist mir mehr­mals pas­siert. Ich ver­stand das ja auch, die Leu­te waren fest ange­stellt, die konn­ten nicht immer so, wie sich das frei­be­ruf­li­che Regis­seu­re ausmalten. 

Das führ­te dazu, dass ich mir selbst eine gebrauch­te Kame­ra-Aus­rüs­tung kauf­te (ich blät­ter­te auf den Schlag ein paar Rie­sen hin), weil ich dach­te: „Wenn die den Ham­mer hin­le­gen, dann fang ich erst rich­tig an !“ Das war natür­lich völ­li­ger Quatsch, weil das gar nicht vor­ge­se­hen war, dass sich da einer neben­her selbst­stän­dig macht. Die­se Kar­rie­re ist dann auf ele­gan­te Wei­se dadurch zu Ende gegan­gen, dass eines Tages zwei Kri­mi­nal­be­am­te bei uns zu Hau­se auf­tauch­ten und die Gerä­te kon­fis­zier­ten. Die waren irgend­wo gestoh­len wor­den, was weder der Gebraucht­wa­ren­händ­ler noch ich wis­sen konnten. 

Hat es Dich zum Radio gezo­gen, weil Du der Film-Team­ar­beit über­drüs­sig warst? Oder war es eine Ent­schei­dung für das Medi­um Rundfunk?

Bei­des. Ich hab erst spä­ter gemerkt, dass mich am Hör­me­di­um beson­ders die abs­trak­te Kom­po­nen­te reizt. Das heißt, die Per­son, die ich auf­neh­me, ist für den Zuhö­rer äußer­lich nicht fest­ge­legt, so  dass er schon bei ihrem Anblick Aver­si­on oder Zunei­gung emp­fin­den könn­te. Er  kon­zen­triert sich auf das, was der unsicht­ba­re Mensch zu sagen hat. TV-Bil­der sind zunächst nur Ober­flä­che, die ich durch immer rasan­te­re Schnit­te nur drei Sekun­den oder weni­ger pro Ein­stel­lung betrach­ten darf. Fern­se­hen – ich rede von der täg­lich erleb­ten Pra­xis – ist ein unge­heu­er inva­si­ves, domi­nan­tes Medi­um. Das Radio gibt mir grö­ße­re Frei­hei­ten. Jeder Mensch wird beim Zuhö­ren ande­re Bil­der pro­du­zie­ren. Das ist, was ich dar­an beson­ders lie­be –  genau­so wie die Schwarz-Weiß-Foto­gra­fie im Gegen­satz zu Farbbildern. 

Als Radio­au­tor konn­te ich aber auch viel eher … Autor sein. Mit mei­nem eige­nen Arbeits­ge­rät war ich unab­hän­gi­ger – mehr wie ein Schrift­stel­ler der alten Schu­le mit sei­nem Füllfederhalter.

Waren Auf­nah­me­ge­rä­te damals nicht sehr teuer?

Das stimmt schon. Aber wenn Du Musi­ker bist, hast Du auch dei­ne eige­ne Gei­ge und leihst dir nicht vor jedem Kon­zert eine ande­re aus. Ich hat­te jetzt die Mög­lich­keit, spon­tan zu reagie­ren. Das Gerät hing bei mir am Klei­der­ha­ken, ich brauch­te es nur zu neh­men, und ab ging die Post. Aber ich hat­te nicht nur die tech­ni­sche Frei­heit, son­dern auch die inhalt­li­che – mehr als beim Fern­se­hen. Man zieht los und weiß nicht immer, was pas­sie­ren wird. 

Manch­mal gehe ich irgend­wo hin, notie­re ein paar Sachen, und es hat kei­nen Sinn, etwas auf­zu­neh­men. Das ande­re Mal ist es umge­kehrt. Oft, beson­ders auf Rei­sen, ist mei­ne Frau dabei. Hin­ter­her erzählt mir Hei­drun genau, wie jemand auf sie gewirkt hat, wie er oder sie aus­ge­se­hen hat und so wei­ter. Mei­ne Erin­ne­rung an Äuße­res ist viel zu unge­nau. Ich habe immer mehr gehört als gesehen.

In der frü­he­ren Sowjet­uni­on war es zum Bei­spiel wich­tig, wel­che Gerich­te in wel­chem Ambi­en­te wir zu uns nah­men. Uns Bericht­erstat­ter ver­such­te man ja regel­mä­ßig mit sehr gutem Essen und Wod­ka zu erschla­gen, damit wir nicht zu neu­gie­rig wur­den. Hei­drun hat immer auf­ge­passt, dass die kri­ti­schen Fra­gen nicht zu kurz kamen.

Wir sind nach­her dazu über­ge­gan­gen, selbst zu pro­du­zie­ren. Seit etwa 1981/82 haben wir fast jede Sen­dung tech­nisch her­ge­stellt, davon 15 Jah­re lang ana­log, mit Magnet­band. Auch im eige­nen Stu­dio hat­te ich die Frei­heit als Radio-Autor. Ich konn­te mit­ten in der Nacht auf­ste­hen und ein Band schnei­den, weil ich dach­te: Jetzt will ich aber wis­sen, wie das klingt.

Das längs­te For­mat, das wir uns zumu­te­ten, waren die „Radio­ta­ge“ des Hes­si­schen Rund­funks, zum Bei­spiel „Ein Tag in Euro­pa“ 1999 – 16 Stun­den lang rei­ner O‑Ton aus 33 Län­dern. Sound­s­capes, dem Uhr­zei­ger fol­gend. Kei­ne Über­set­zung. Das Pro­gramm, an dem wir fast ein Jahr lang arbei­te­ten, begann am Mor­gen mit einer lan­gen, sehr stil­len Pas­sa­ge, zwölf Minu­ten – kein Voice-over-Kom­men­tar! Zu Anfang sag­te ein Mode­ra­tor nichts wei­ter als: „8 Uhr 5. Beim Schla­gen der Toa­ca erwacht das Frau­en­klos­ter Vara­tec im nord­öst­li­chen Rumä­ni­en. Es ist Win­ter, acht Grad unter Null. Der Schnee hart gefro­ren“. Und das reich­te, um die Geräu­sche zu iden­ti­fi­zie­ren: Wie die Frau­en durch den hart gefro­re­nen Schnee zur Mor­gen­mes­se stap­fen, auf ihr Klang­holz schla­gen, durch die knar­ren­de Eichen­tür in die Kapel­le huschen … Man hör­te sogar das Geräusch ihrer Wollröcke.

Natür­lich lau­ert in die­ser Metho­de auch eine Gefahr. Ich will so wenig Text wie mög­lich ver­wen­den, die Töne „selbst spre­chen“ las­sen. Doch manch­mal reden sie zu unge­nau. Die Aus­sa­ge bleibt ambi­va­lent. Mit der Zeit habe ich gelernt, den O‑Ton „abhän­gen“ zu las­sen wie geräu­cher­ten Schin­ken. Am bes­ten, ich höre mei­ne Auf­nah­men drei oder vier Wochen über­haupt nicht mehr, so dass sie mir fremd wer­den. Es kann sein, dass ich den O‑Ton, der an mei­ner Stel­le reden soll­te, selbst nicht mehr ver­ste­he. Und was machen Zuhö­rer dann mit die­sem Knar­ren, Scha­ben, Knir­schen ? Dann brau­che ich einen klei­nen Text. 

Manch­mal genügt nur ein Wort.

Wie viel Frei­heit bekom­men Autoren von Redak­teu­rin­nen und Redak­teu­ren? Du hast die Erwar­tun­gen eines Redak­teurs in Dei­nem Buch anhand eines Fea­tures über Auto­no­me beschrieben.

Am Anfang fand ich den Redak­teur furcht­bar läs­tig. Es stell­te sich schnell raus, dass er bei dem The­ma etwas völ­lig ande­res erwar­te­te. Ver­ein­facht gesagt: Er woll­te eine Art Abrech­nung mit die­sen Men­schen, die sich poli­tisch vor­kom­men aber in Wirk­lich­keit kei­ne Ahnung haben und das Aus­le­ben ihrer Aggres­sio­nen nur recht­fer­ti­gen, indem sie sich ein poli­ti­sches Män­tel­chen umhän­gen. Und ich woll­te denen mal zuhö­ren und sie reden las­sen.

Die ers­te Ver­ab­re­dung war mit einem vom schwar­zen Block, der schon Knas­ter­fah­rung hat­te, ein ziem­lich radi­ka­les Leben führ­te und die här­tes­te Kampf­sport­art betrieb, um sich beim Zusam­men­tref­fen mit den Neo-Nazis  behaup­ten zu kön­nen. Der hat sein gan­zes Leben dar­auf abge­stellt. Ich hab mich dann kon­spi­ra­tiv ver­ab­re­det und dach­te: „Mit dem musst du umge­hen wie mit einem rohen Ei!“ Weil die Knei­pe geschlos­sen hat­te in Kreuz­berg, haben wir uns dann bei mir zu Hau­se ver­ab­re­det. In mei­nem klei­nen Stu­dio in der Kne­se­beck­stra­ße. Er muss­te also ins Fein­des­land gehen, von Kreuz­berg nach Char­lot­ten­burg, das war schon ein Schritt. 

Ob er über­haupt kommt? Und wenn er kommt, kommt er bestimmt zwei Stun­den zu spät. Von wegen. Er war fünf Minu­ten vor dem Ter­min da, hat gedul­dig nach­ge­dacht über jede Ant­wort, bevor er sie gab. Vie­les war eher gefühlt als gedacht, aber er war ein inter­es­san­ter Mensch. Jemand, der kei­ne gro­ße Schul­bil­dung hat­te, der früh aus der Schu­le aus­ge­stie­gen war und sich durchs Leben schlug; jemand den man ernst neh­men muss schon allein durch sei­ne Biografie. 

Aber ich konn­te den Redak­teur nicht über­zeu­gen. Wir waren mehr­mals nah am Abbruch unse­res Pro­jekts. Aber am Ende dach­te ich doch: „Im Kern hat der Mann Recht.“ Das gan­ze „Mal-Zuhö­ren-und-Reden-las­sen-und-den-Auto­no­men-eine-Büh­ne-geben“ hat nicht alles gebracht, was ich mir ver­spro­chen hat­te. Ich wür­de heu­te viel här­te­re Fra­gen stel­len als damals und auch man­che Sprech­bla­se vor offe­nem Mikro­phon plat­zen las­sen. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Redak­teur fand ich jeden­falls sehr lehrreich. 

Als Autor braucht man Auf­trä­ge, um das Leben zu finan­zie­ren. Gab es in den 40 Jah­ren Situa­tio­nen, wo Du Erwar­tun­gen nicht erfül­len woll­test und den Auf­trag wie­der zurück­ge­ge­ben hast?

Hm … Es gab eine Geschich­te, die habe ich von mir aus abge­bro­chen. Es ging dabei um drei jüdi­sche Gemein­den in Deutsch­land. Das hät­te ich ganz span­nend gefun­den, weil da so vie­le Ver­wer­fun­gen waren – der Ansturm der Juden aus der Sowjet­uni­on zum Bei­spiel, auf die sie sich plötz­lich ein­stel­len muss­ten. Bis­her waren es klei­ne Gemein­den gewe­sen, reli­gi­ös ori­en­tiert, und jetzt kamen die alle und sag­ten: „Wir sind auch Juden, wir gehö­ren zu Euch.“ Das Pro­blem ist bis heu­te nicht gelöst. 

Ich war schon dran, hat­te gute Auf­nah­men, und dann pas­sier­te es, dass das israe­li­sche Mili­tär Tei­le eines Flücht­lings­la­gers im paläs­ti­nen­si­schen Gebiet, in Jenin, geschleift hat. Dies wur­de auch als Mas­sa­ker bezeich­net. Bis heu­te kann man dar­über strei­ten, weil Jenin galt auch als Schwer­punkt der radi­ka­len Hamas. Für uns aber aus der Ent­fer­nung stell­te sich das als Mas­sa­ker dar. Es war fürch­ter­lich, man sah nur die zer­stör­ten Häu­ser – doch mir fiel auch auf, dass im Fern­se­hen immer die­sel­ben Häu­ser gezeigt wurden. 

Jeden­falls konn­te ich mir nicht vor­stel­len, dass ich in die­ser Situa­ti­on die Sen­dung über die jüdi­schen Gemein­den in Deutsch­land und ihre ver­gleichs­wei­se klei­nen Pro­ble­me mache und den aktu­el­len poli­ti­schen Aspekt völ­lig aus­blen­de. Ich habe es dem MDR so gesagt und sie haben es hingenommen. 

Wir haben vie­le Frei­hei­ten im öffent­li­chen Radio hier in Deutsch­land, gera­de beim Hör­funk. Wir bewe­gen uns ja auch in einer Nische. In Ber­lin gab es einen Inten­dan­ten, Lothar Löwe, mit dem ich vor­her nie gespro­chen hat­te, und ich arbei­te­te an Sen­dun­gen über die Frie­dens­be­we­gung in ver­schie­de­nen Län­dern. Ich stieg im Haus des Rund­funks in den Pater­nos­ter, Löwe zufäl­lig dazu. „Ja, was machen Sie denn gra­de?“ … „Ich mache eine Rei­he ‘Die Bela­ge­rung der Macht’ über die euro­päi­sche Frie­dens­be­we­gung“ … „Dar­aus wird nichts wer­den!“ Weg war er.

Ich in die Redak­ti­on: „Der Löwe hat mir die Serie ver­bo­ten – wegen des Titels wahr­schein­lich. Im Fern­se­hen geht das nicht, hat er gesagt. Ich hat­te gar kei­ne Zeit zu sagen, dass ich für den Hör­funk arbei­te.“ Da sind wir gemein­sam zu ihm hin­ge­gan­gen, haben gesagt: „Wir sind schon so weit und haben so vie­le Rei­sen schon gemacht, nach Nor­we­gen, Eng­land, Frank­reich.“ Dann sag­te Löwe: „Ach so, das ist fürs Radio! Dann machen Sie das mal.“ 

Seit­dem ken­ne ich den gra­vie­ren­den Unter­schied zwi­schen Fern­se­hen und Hörfunk. 

Einen Aspekt in Dei­nem Buch fand ich beson­ders inter­es­sant: das Ende des Rund­funks in der DDR und die Neu­glie­de­rung des gesamt­deut­schen Rund­funks. Der Umgang mit den unter­schied­li­chen Bio­gra­fien in bei­den Tei­len Deutsch­lands und in den Funk­häu­sern, die Grün­dung von Sach­sen­ra­dio, MDR und ORB. War man gegen­sei­tig neu­gie­rig auf­ein­an­der oder wuss­ten die West­ler schon, wie man „rich­tig Radio macht“?

Vor der Wen­de gab es eine Grup­pe, die hieß „Rund­funk-Autoren und ‑Regis­seu­re in der Neu­en Gesell­schaft für Lite­ra­tur“, und in die­ser Grup­pe haben wir uns etwa alle zwei Mona­te mit Dele­ga­tio­nen vom Rund­funk der DDR getrof­fen. Ein­mal bei uns im Wes­ten und ein­mal „drü­ben“. Es war eine furcht­bar kom­pli­zier­te Ange­le­gen­heit, weil man u. a. für Ost-Ber­lin ein Sam­mel­vi­sum brauch­te, und da muss­te vor­her genau ein­ge­tra­gen wer­den, wer teilnimmt.

Das war wirk­lich noch vor der Wende?

In den letz­ten drei DDR-Jah­ren hat­ten wir regel­mä­ßig Tref­fen, bei denen mit offe­nem Visier dis­ku­tiert wur­de. Wir haben uns gegen­sei­tig Sachen vor­ge­führt – Fach­leu­te unter Fach­leu­ten, Hör­spiel und Fea­ture. Da waren vie­le, mit denen wir immer noch befreun­det sind. 

Beim „Trä­nen­pa­last“ an der Mau­er wur­den wir abge­holt, in den Bus ver­frach­tet und in die Nale­pa­stra­ße gefah­ren. Dort ange­kom­men, muss­ten wir unse­re Aus­wei­se abge­ben. Am Ein­gang des Rund­funks der DDR saßen drei Frau­en, alle wie ich mich erin­ne­re in Kit­tel­schür­zen, und die guck­ten uns kaum an. Im Hin­ter­grund summ­te ein Samo­war, als wäre es ihr Wohn­zim­mer, so schön geschmückt, und die eine nahm den Aus­weis, ohne dich anzu­schau­en. Nach einer Wei­le schob sie ihn der Zwei­ten zu, die guck­te eben­falls drauf. Die Drit­te gab dir den Pass zurück. 

Unse­re Dis­kus­sio­nen mit den Kol­le­gen waren nie feind­se­lig. Das Freund-Feind-Sche­ma spiel­te kei­ne gro­ße Rol­le. Man hat schon dar­über gere­det, was in der DDR mög­lich war und was nicht. Fea­ture, wie wir es ver­ste­hen, gab es dort nur in Aus­nah­me­fäl­len. Fea­ture ver­langt sehr weit gehen­de Autoren­frei­heit. Die gibt es auch nicht immer in den alten Bun­des­län­dern. Wenn ich höre, dass jun­ge Kol­le­gen vor­her genau sagen sol­len, was bei der Recher­che am Ende her­aus­kommt, dann fin­de ich das schlimm. Die­ses The­ma hat­ten wir auch bei unse­ren Ost-West-Dis­kus­sio­nen – kon­tro­vers, ver­steht sich. 

Ich habe eine Sen­dung dar­über gemacht, wie der DDR-Rund­funk im Null­kom­ma­nix auf­ge­löst wur­de: „Der ande­re Kanal“. Das Ende war viel­leicht unver­meid­bar, aber mensch­lich war das eine gro­ße Tragödie. 

Was konn­test Du von den Kol­le­gen des künf­ti­gen MDR lernen? 

Ich wur­de oft hin­ge­schickt von Leo Braun, damals Fea­ture Chef beim „Sen­der Frei­es Ber­lin“. In der Nach-Wen­de­zeit bin ich immer brav gefah­ren, wuss­te aber gar nicht so recht, was ich ihnen da bei­brin­gen soll. Nach­her ist die Koope­ra­ti­on zwi­schen den bei­den Funk­häu­sern ent­stan­den, sogar ein gemein­sa­mes Programm. 

Ja, was konn­te man ler­nen? Auf jeden Fall die Dring­lich­keit von Radio­pro­jek­ten. Wir hat­ten uns im Wes­ten ja oft The­men zuge­wandt, die eher pri­va­ten Obses­sio­nen ent­spran­gen. Das lag zum Teil an den Redak­tio­nen, die einen als Autor nicht genü­gend an die Kan­da­re genom­men haben. Ich hät­te mir manch­mal mehr “Zucht” gewünscht, nicht als Ver­bot oder aus­drück­li­che Erwar­tung, son­dern was die Rele­vanz eines The­mas angeht. Ein gutes Fea­ture-The­ma hat eben ver­schie­de­ne Schich­ten – his­to­ri­sche, poli­ti­sche, sozio­lo­gi­sche, soziale. 

Die­se Dring­lich­keit ist uns bei unse­ren Rei­sen in den soge­nann­ten Ost­block über­all begeg­net. Durch den über­stan­de­nen Regie­rungs­druck waren die Gesell­schaf­ten nach 1989 gezwun­gen, sich dring­lich-neu­en The­men zuzu­wen­den. Auch das Radio. Also vor­erst kei­ne blo­ßen Spiel­sa­chen. Dadurch habe ich auch mei­ne eige­nen The­men-Vor­schlä­ge über­prüft: „Muss das unbe­dingt sein?“ Es geht mir heu­te noch so. Ich möch­te wie­der the­ma­tisch dort­hin kom­men, wo es wich­tig ist. 

Ansons­ten war die Her­stel­lung von Sen­dun­gen hier und dort nicht beson­ders ver­schie­den. Die hat­ten ande­re Begrif­fe, man­che klan­gen nur anders – wie „cut­ten“ und „köt­tern“. Wenn es poli­tisch nicht wei­ter ging, konn­ten wir eine Wei­le über die Stu­dio-Arbeit reden, über den Umbruch der ana­lo­gen zur digi­ta­len Tech­nik. Das war zu der Zeit ein gro­ßes The­ma, weil das nicht über­all so glatt ging. Da waren Audio­files plötz­lich ver­schwun­den, die eben noch auf dem Schirm gewe­sen waren. Die­se ers­ten digi­ta­len Gerä­te konn­ten auch die Tech­ni­ker zur Weiß­glut brin­gen – in Ost und West. 

Als ich anfangs bei Radio Bre­men mei­ne Töne schnei­den ließ, gab es Ton­tech­ni­ker, die den Über­gang zur digi­ta­ler Tech­nik gehasst haben.

War­um soll­te man das has­sen? Das ist die Ent­wick­lung. Ich kann für mei­ne Frau Hei­drun und mich in Anspruch neh­men, dass wir zu den ers­ten frei­en Autoren gehör­ten, die ab 1995 digi­tal pro­du­zier­ten, von der Auf­nah­me bis zur fer­ti­gen Sen­dung. Weil wir uns gesagt haben, das kommt sowie­so. Man muss die neue Tech­nik nicht lie­ben, kann sie aber benutzen.

Wie hat sich das Fea­ture durch die Tech­nik ver­än­dert? Kannst Du beschrei­ben, wie die Tech­nik auch die Ent­ste­hung eines Stü­ckes beeinflusst?

Sie hat mir mehr Frei­hei­ten gege­ben – aber mich lei­der auch Hei­druns spon­ta­nes Feed­back wäh­rend des Machens gekos­tet. Man­che O‑Töne sind ja auch im Dia­lekt oder genu­schelt. Ich selbst weiß ja, was die Betref­fen­den sagen, ich hab’ es x‑mal gehört und auf­ge­schrie­ben, aber ande­re ver­ste­hen das viel­leicht nicht. 

In der Regel war Hei­drun immer die Ers­te, die alles zu hören bekam. Sie hat eine Art, die Augen zu rol­len oder zum Schlitz zusam­men­zu­zie­hen – da weiß ich sofort was falsch läuft. Als wir ana­log pro­du­ziert haben, saßen wir immer zusam­men, jeden Tag acht, neun, manch­mal zehn Stun­den. Hei­drun an fünf Zuspiel­ma­schi­nen war auf ihrer Kla­via­tur wirk­lich bril­lant, so dass man meh­re­re Stre­cken hin­ter­ein­an­der weg­mi­schen konn­te, ohne anzuhalten.

Heu­te macht es kei­nen Sinn mehr, zu zweit vor dem Bild­schirm zu hocken. „Es“ denkt in Dir, dem “tech­ni­schen Autor”, und dei­ne Fin­ger set­zen es um, und da musst du nicht zwi­schen­durch erklä­ren, war­um du am Reg­ler die­se oder jene Bewe­gung vollführst. 

Habt Ihr über­legt, als Autoren­duo gemein­sam Fea­ture zu machen?

Da hat­ten wir „kla­re Ver­hält­nis­se“. Nie Kon­kur­renz. Hei­drun ist als Mit-Autorin mehr­fach erwähnt wor­den, zum Bei­spiel bei den HR-Radio­ta­gen. Aber im Grun­de hat­te ich die Autoren­rol­le. Frü­her war sie neben der täg­li­chen Stu­dio­ar­beit viel in Biblio­the­ken unter­wegs, hat Bücher und ande­res Mate­ri­al zu den jewei­li­gen The­men nach Hau­se geschleppt. Das lie­fert uns jetzt haupt­säch­lich das Netz. Ist schon fan­tas­tisch, wirk­lich, wenn man damit umge­hen kann – bei aller nöti­gen Vorsicht. 

Hei­drun hat nun eine etwas ande­re Funk­ti­on: Recher­che, Lek­to­rat. Und nicht ganz unwich­tig: die Ökonomie. 

Fällt dadurch auch ein Stück Kor­rek­tur weg?

Man muss sich die Kor­rek­tur-Mög­lich­kei­ten breit orga­ni­sie­ren. Ich habe öfter so halb­fer­ti­ge Sachen, die ich Kol­le­gen oder Freun­den vor­spie­le, um sie zu fra­gen: „Was hältst Du davon? Hast Du alles ver­stan­den?“ Die Kri­tik darf deut­lich aus­fal­len. Freun­de schul­den das einander. 

Oft heißt es immer noch: „Du bist ja jetzt so ein­sam, ist das nicht furcht­bar? Immer allein vor dei­nem Bild­schirm.“ Du lie­ber Gott, man lebt doch nicht nur vor der Matt­schei­be. Wenn ich Gesell­schaft nötig hät­te und dafür ins Stu­dio gehen müss­te – das wäre ja traurig. 

Aber es stimmt schon: Ich brau­che die­se freund­schaft­li­che Kor­rek­tur-Instanz. Man ver­rennt sich leicht allein. Am Anfang war das Digi­ta­le ein­fach zu ver­lo­ckend. Du kannst die fer­ti­ge Sen­dung an jeder Stel­le „ver­bes­sern“ — Schnit­te, Über­gän­ge, Laut­stär­ken. Im Ana­log­zeit­al­ter hat die Band-Qua­li­tät gelit­ten, je öfter du nach­ge­bes­sert hast. Bei der digi­ta­len Tech­nik gibt es kei­ne Qua­li­täts­ver­lus­te. Du kannst hun­dert­mal über die glei­che Stel­le polieren. 

Ist es eine Gefahr der digi­ta­len Tech­nik, dass dadurch Leben­dig­keit ver­lo­ren geht? 

Das höre ich immer: „Ja digi­tal, das ist so clean, so tro­cken.“ Aber die soge­nann­te „Wär­me“ kommt nicht aus der Auf­nah­me und nicht von den Tönen, um die es geht, son­dern von dem betref­fen­den Ton­trä­ger. Es ist schön, dass Leu­te Lang­spiel­plat­ten so lie­ben. Nur die angeb­lich höhe­re Klang­qua­li­tät hält kei­ner Nach­prü­fung stand. Ich arbei­te wirk­lich viel lie­ber digi­tal inzwi­schen, weil genau das Rau­schen und Brum­men des Ton­trä­gers weg­fällt – die ver­meint­li­che Wärme.


Doch auch schon bei den Auf­nah­men hat sich die Situa­ti­on für Autorin­nen und Autoren ver­än­dert. Klei­ne Gerä­te, weni­ger Gepäck, mehr Speicherkapazität… 

Man­che glau­ben, dass die Tech­nik inzwi­schen so gut sei, dass sie alles allei­ne macht. Ja, die Auf­nah­me­ge­rä­te wer­den immer klei­ner („Hand­helds“), und vie­le ermög­li­chen Auf­nah­me und eine rudi­men­tä­re Ton­be­ar­bei­tung in einem.

Aber?  

… Aber unser Haus­vor­teil beim Fea­ture ist der Autor, der sei­ne Arbeit liebt; der sich mit The­men beschäf­tigt, die ihm am Her­zen lie­gen. Dazu gehört auch die Akus­tik. Wir müs­sen im akus­ti­schen Gesamt­ein­druck sehr viel bes­ser sein als jeder aktu­el­le Berichterstatter.

Maß­stab sind Hör­ge­wohn­hei­ten der Men­schen, die ihre Ohren durch kom­mer­zi­el­le Pro­duk­te der Audio-Indus­trie mehr und mehr geschärft haben. Gera­de Musik­pro­duk­tio­nen haben ein Maß an Per­fek­ti­on erreicht, das kaum zu über­bie­ten ist. Dage­gen sind unse­re eige­nen Auf­nah­men manch­mal noch grau­en­voll schlecht. 

Wir soll­ten die Qua­li­tät der Ori­gi­nal­tö­ne und der im Stu­dio auf­ge­nom­me­nen Spre­cher­tex­te so anzu­glei­chen ler­nen, dass dar­aus eine ein­zi­ge durch­ge­hen­de Radio-Erzäh­lung ent­steht. Das heißt: Nähe, Ste­reo-Balan­ce, Ver­mei­dung von Stör­ge­räu­schen, stän­di­ge Kon­trol­le durch Kopf­hö­rer, die Aus­wahl der geeig­ne­ten Mikro­pho­ne und Spei­cher­me­di­en. Hand­werk eben.

Was kann Fea­ture, was nur die­ses Gen­re kann? Was spricht für die lan­ge Form im Radio?

Men­schen erzäh­len mir etwas – Wör­ter, Inhal­te, nicht bits und bytes. Es sind mensch­li­che Stim­men, die zu mir reden – von ihren eige­nen Gedan­ken und Wahr­neh­mun­gen. Eine Stim­me im Radio muss kom­pe­tent sein, sie muss intel­li­gent sein, sie muss auf spe­zi­el­le Wei­se inter­es­sant sein, und dann höre ich ihr ger­ne zu. 

Fea­ture nimmt sich Zeit für Ent­wick­lun­gen, denen ich als Hörer fol­gen kann – gedank­lich und emo­tio­nal.

Und wie soll es wei­ter­ge­hen mit dem Radio ?

Wir sind eine Min­der­heit – genau­so wie Leu­te, die Lyrik mögen oder in klas­si­sche Kon­zer­te gehen. Eine Gesell­schaft besteht aus vie­len Min­der­hei­ten. Und wenn man allen sagen wür­de, das braucht man nicht mehr, ihr seid zu weni­ge, dann könn­ten wir unse­re Kul­tur ganz ein­pa­cken. Wir brauch­ten kei­ne Bücher mehr, Thea­ter brauch­ten wir dann auch nicht, alles lie­fe im Fern­se­hen und im Mul­ti­plex-Kino in 3D

Man kann das nicht in Quo­ten mes­sen. Das Fea­ture ist immer Min­der­hei­ten-Pro­gramm gewe­sen. Ernst Schna­bel – er war ein deut­scher Schrift­stel­ler und Pio­nier des Radi­os –- hat schon ganz früh, in den 60er Jah­ren oder Ende der 50er sinn­ge­mäß gesagt: „Ihr könnt doch froh sein, dass wir die Mehr­heit nicht immer bedie­nen müs­sen; dass alles, was wir machen, nicht mehr­heits­kom­pa­ti­bel sein muss; dass wir uns ein Publi­kum vor­stel­len, mit dem wir auf einem gewis­sen geis­ti­gen Niveau kom­mu­ni­zie­ren können.“ 

Aller­dings – das ist nun wirk­lich mei­ne Pri­vat­mei­nung: Jun­gen Hörer­nach­wuchs mit viel Tech­no und Bum-Bum für unse­re Fea­ture-Pro­gram­me zu gewin­nen, stößt hoff­nungs­los ins Lee­re. Ich erfah­re durch mei­nen Sohn und des­sen Face­book-Freun­de: Die hören kei­ne Kul­tur Pro­gram­me mehr. Vie­le wis­sen ja nicht ein­mal, was das Wort „Radio“ bedeutet. 

Hier in Ful­da woll­te mei­ne frü­he­re Schu­le, dass ich etwas übers Radio erzäh­le. Ich habe Bei­spie­le aus­ge­wählt, die gleich­zei­tig mit der deut­schen Geschich­te zu tun hat­ten – vom ers­ten Welt­krieg bis zu den Russ­land­deut­schen in einem bestimm­ten Stadt­vier­tel, wo es vor kur­zem noch gro­ße Pro­ble­me gab. „Unse­re Rus­sen“ hieß das Stück. Kurz gesagt: Radio die­ser Art konn­ten sie sich gar nicht vor­stel­len. Nie so was gehört. Es waren immer­hin Sechzehn‑, Sieb­zehn­jäh­ri­ge im Gym­na­si­um!

Ich erle­be schon, dass es einen Kreis von jun­gen Leu­ten gibt, die durch Inter­net, durch Pod­cas­ting von Sen­dun­gen hören, die sie inter­es­sie­ren. Und die­se Fea­ture laden sie run­ter und hören sie an. 

Gut, ich will nicht zu sehr schwarz malen. Dass man mit  Radio Jugend­li­che über­haupt nicht errei­chen kann, ist eher eine trau­rig stim­men­de Ver­mu­tung. Nur sind unse­re Kul­tur­pro­gram­me viel zu her­me­tisch, zu selbst­ver­liebt. Die Schwel­le schaf­fen schon vie­le Erwach­se­ne nicht. 

Wür­dest Du wie­der Fea­ture-Autor wer­den wol­len, mit den Mög­lich­kei­ten, die es heu­te gibt, aber auch mit der Kon­kur­renz und den weni­ger wer­den­den Sendeplätzen?

Nein, das wür­de ich heu­te nicht mehr machen – nicht haupt­be­ruf­lich. Als jemand, der bei Null anfängt — auf kei­nen Fall. Davon zu leben, so wie wir es 40 Jah­re lang gemacht haben, ist heu­te fast nicht mehr mög­lich.

Um heu­te als Fea­ture Autor über­le­ben zu kön­nen, muss man ein Fea­ture nach dem ande­ren machen. Alles wird enger: Kopro­duk­tio­nen, Über­nah­men, Sen­de­plät­ze. Wider­spricht das nicht der Idee, dass man als Autor für ein Fea­ture mehr Zeit, mehr Expe­ri­men­te braucht, um den ande­ren Blick auf ein The­ma zu haben?

Dafür müss­te man schon einen star­ken Cha­rak­ter haben und sehr viel Begeis­te­rung. Unmög­lich ist das nicht. Und alles, was mög­lich ist, und was man machen muss, muss man unbe­dingt auch machen. 

Mei­ne Frau und ich bezie­hen jetzt bei­de unse­re Ren­te, von der wir leben kön­nen, und wir müss­ten nicht mehr arbei­ten. Inso­fern kann ich die Fra­ge nicht für ande­re beant­wor­ten. Ich wür­de mir wün­schen, dass jun­ge begeis­ter­te Radio­le­u­te, die Feu­er gefan­gen haben, auch wirk­lich dran blei­ben. Sie wer­den nicht allein davon leben kön­nen. Aber vie­le berühm­te Autoren haben vor­ge­macht, wie es den­noch geht –-  Camus war Kor­rek­tor in einem Pari­ser Ver­lag, Joy­ce hat in Ita­li­en Sprach­un­ter­richt gege­ben, um sei­ne Bücher schrei­ben zu kön­nen.

Kannst Du denn vom Fea­ture lassen?

Nee, Du siehst es ja, dass ich wie­der ange­fan­gen habe. Eigent­lich hab ich die Schnau­ze voll, aber das ist falsch gesagt — man wird ein biss­chen müde mit der Zeit. Eine auf­wän­di­ge Recher­che-Sache mit anstren­gen­den Rei­sen wür­de ich nicht mehr anpa­cken. Ich dach­te immer, eines Tages weiß man, wie es läuft, und dann hat man weni­ger und weni­ger zu tun. Bei mir ist der Auf­wand – viel­leicht auch der Anspruch – immer grö­ßer gewor­den. Das ist nicht gut, und das bekommt einem auch nicht. Aber – nee, auf­hö­ren geht nicht. Dann ist man eigent­lich tot. 

40 Jah­re Radio heißt auch ganz viel hören. Merkst Du, dass die Hör­fä­hig­keit abnimmt, was viel­leicht dem Alter geschul­det ist? 

Na klar, das ist ein Alte­rungs­pro­zess. Das fin­de ich bei Gleich­alt­ri­gen fast über­all. Die höhe­ren Fre­quen­zen höre ich von Jahr zu Jahr schwä­cher. Es gibt Din­ge, die ich über­haupt nicht mehr höre, eine bestimm­te Art von Zika­den zum Bei­spiel. Dann muss ich Hei­drun  fra­gen: „Hörst Du da etwas? Oder rauscht die­se Auf­nah­me? Hör doch mal rein!“ 

Man fängt als jun­ger Mensch bei etwa 20.000 Hertz an, und in mei­ner Alters­grup­pe sind nicht mehr als 7.000 Hertz übrig geblie­ben. Des­halb bin ich froh, dass ich bei dem neu­en Stück über den Ers­ten Welt­krieg weni­ger auf Akus­tik baue als auf Inhal­te; auf das, was Men­schen sagen. Bei man­chen Tönen aus unse­rem Archiv schwär­me ich: „Wie schön !“ Und Hei­di sagt: „Das rauscht wie Hechtsuppe!“ 

Das ist der natür­li­che Gang der Din­ge. Und das geht in Ordnung.