WAS TÖNE SAGENUND WAS NICHT

Vom unschar­fen Klang akus­ti­scher Orte. Smart­pho­nes, GPS-Signa­le, „Klang­brü­cken“ und Sound­künst­ler am Misch­pult. Kön­nen wir San Fran­cis­co hören? swr-Radio­blog vom 14. 2. 2015.


All accu­ra­te descrip­ti­ons for sound will be bio­gra­phi­cal, based on per­so­nal expe­ri­ence” (R. Mur­ray Scha­fer, “Voices of Tyran­ny — Temp­les of Silence”, 1993). 

Mei­ne” ers­te Ste­reo-Aus­rüs­tung – sen­d­er­ei­ge­nes UHER-Report, zwei Senn­hei­ser MD421-Mikro­pho­ne, Kopf­hö­rer und viel Kabel­gebam­mel – trug ich Mit­te der 70er Jah­re stolz aus dem Ber­li­ner Haus des Rund­funks in die Klang­welt. Die Son­ne schien, die Vögel zwit­scher­ten bin­au­ral von den Bäu­men. Ich muss­te ihren Klang nur noch “ein­fan­gen”. 

Ähn­li­che Klang­lust muss den Radio­pio­nier Alfred Braun, Schü­ler des Regis­seurs Max Rein­hardt, erfüllt haben, als er 1929 an glei­cher Stel­le – aller­dings noch mono­phon – von einem akus­ti­schen Film träumte… 

…der, in schnells­ter Fol­ge traum­mä­ßig bunt und schnell vor­über glei­ten­der und sprin­gen­der Bil­der, in Ver­kür­zun­gen, in Über­schnei­dun­gen, im Wech­sel von Groß­auf­nah­men und Gesamt­bild mit Auf­blen­dun­gen, Abblen­dun­gen, Über­blen­dun­gen bewusst die Tech­nik des Films auf den Funk über­trug: 1 Minu­te Stra­ße mit der ganz lau­ten Musik des Leip­zi­ger Plat­zes, 1 Minu­te Demons­tra­ti­ons­zug, 1 Minu­te Bör­se am schwar­zen Tag, 1 Minu­te Maschi­nen­sym­pho­nie, 1 Minu­te Sport­platz, 1 Minu­te Bahn­hofs­hal­le, 1 Minu­te Zug in Fahrt…

Schon im ers­ten Rund­funk-Jahr­zehnt zeig­te sich der Ehr­geiz, “Wirk­lich­keit” allein durch Töne, durch Geräusch abzu­bil­den. Als es dann Anfang der Sech­zi­ger Jah­re gelang, die bei­den Kanä­le einer ste­reo­pho­nen Auf­nah­me dem UKW-Sen­de­si­gnal “auf­zu­mo­du­lie­ren” (eng­lisch: Fre­quen­cy Modu­la­ti­on” – FM), schien das Ziel erreicht: Mikro­pho­ne und Laut­spre­cher in Ste­reo-Anord­nung als Ver­län­ge­rung unse­rer bei­den links und rechts am Schä­del ange­brach­ten Schall­samm­ler über­tru­gen das auf­ge­nom­me­ne Klang­bild an vie­le Orte zugleich – in ande­re “Wirk­lich­kei­ten”. 

Statt der ein­di­men­sio­na­len, ärm­li­chen Ton­do­ku­men­te der frü­hen Radio­jah­re – so schien es – erklang nun plötz­lich “die Sache selbst”. Peter Leon­hard Braun, ein ande­rer Pio­nier, der die Mög­lich­kei­ten des Mehr­ka­nal-Tons für das Radio-Fea­ture ent­deck­te, sprach fort­an von der “Eman­zi­pa­ti­on des Originaltons”.

Es stimm­te ja: Hörer waren zu Ohren­zeu­gen gewor­den. Aller­dings zu Ohren­zeu­gen einer … Auf­nah­me.  Wir Sound­be­geis­ter­ten der 60er und 70er Jah­re haben bald erfah­ren, dass wir dem “rei­nen Medi­um” ein­fach zu viel zutrau­ten. Was wir drau­ßen in the field auf­nah­men und was unse­re Hörer hör­ten, war nur eine Teil­wirk­lich­keit. Denn jeder von uns hör­te etwas anderes. 

Wir lern­ten: Schon die Beschaf­fen­heit der Auf­nah­me-Appa­ra­tur, das ver­wen­de­te Spei­cher­ma­te­ri­al, der prak­ti­sche Umgang mit den Gerä­ten, Wet­ter, Jah­res- und Tages­zeit, Wahl des Orts, des Auf­nah­me­win­kels, ja sogar die Wind­rich­tung ent­schei­den über das auf den Ton­trä­gern fixier­te Ergebnis.

1991 … Nach São Luis /  Mar­an­hão, in den nord­öst­li­chen Bun­des­staat Bra­si­li­ens, bin ich von DAAD und Goe­the-Insti­tut als Lei­ter eines Fea­ture-Semi­nars ein­ge­la­den. Es ist Sonn­tag. In den Gar­ten­bäu­men hin­ter dem Hotel toben Sprin­gäff­chen her­um. Sonst gedämpf­te Stim­men, Kin­der­la­chen, Zika­den-Klang­tep­pich. Ich muss das Mikro­phon nur aus dem Fens­ter hal­ten. – Die­sel­be Stra­ße dann am Mon­tag­mor­gen: Brül­len­der Ver­kehrs­lärm haut mich aus dem Bett, Stau-Gehu­pe, akus­ti­sches Baby­lon. Wäre ich noch Sonn­tag­abend abge­reist, blie­be von der Mil­lio­nen­stadt São Luis eine tro­pi­sche Idyl­le in Erin­ne­rung (und auf mei­nem DAT-Band).

Wie klin­gen Orte, wie klingt die Welt “wirk­lich”?

Der Ein­fach­heit hal­ber zitie­re ich aus mei­nem Buch “Objek­ti­ve Lügen – Sub­jek­ti­ve Wahr­hei­ten / Radio in der ers­ten Person”:

Sobald wir das Mikro­phon in die Hand neh­men, beginnt die “Mani­pu­la­ti­on” – wobei natür­lich die hand­werk­lich-gestal­te­ri­sche (manus — die Hand) und nicht die inhalt­lich-ver­fäl­schen­de gemeint ist. Erst der Autor trans­por­tiert das Frag­men­ta­ri­sche sei­ner Ein­drü­cke in die Zeit- und Raum­ebe­ne der Sen­dung; weist ihnen Ort, Zeit­punkt und Bedeu­tung zu. Dabei bewegt er sich immer auf dem schma­len Grat zwi­schen Ver­dich­tung und Fik­tio­na­li­sie­rung. Grad­mes­ser für das Gelin­gen kann kei­ne nach­prüf­ba­re “Authen­ti­zi­tät” sein, son­dern ein­zig und allein die aus dem Gehör­ten ableit­ba­re Glaub­wür­dig­keit (…) Die Wirk­lich­keit im Radio ist, was wir von ihr mit­tei­len. Wir, die ein­zel­nen, die Sub­jek­te mit Namen und Geburts­da­tum. Wir — die Autoren!


Nun lese ich im SWR-Radio-Blog von Chris­ti­an Gras­se (10. 2. 2015) unter der Über­schrift “So klin­gen Metro­po­len” über eine Rei­he von Inter­net-Pro­jek­ten, die vor­ge­ben, netz­weit die rei­ne Klang-Wirk­lich­keit aus­ge­wähl­ter Orte per stream 1:1 auf mei­nen Rech­ner zu trans­por­tie­ren. Eric Eberhhardt (“You are lis­tening”) nimmt den loka­len Poli­zei­funk “von St. Peters­burg bis New York” als Sound­ve­hi­kel;  der Ber­li­ner Udo Noll (“Radio Apo­ree”) hat bereits 28 000 Sound­s­capes einer vir­tu­el­len Klang­welt­kar­te zuge­ord­net mit Titeln wie “Tree with dry lea­ves, Dai­sen-in gar­den, Kyo­to” oder ein­fach “Linz, Öster­reich”; ver­schie­de­ne Apps ver­knüp­fen – wenn ich recht ver­ste­he – “zum Ort pas­sen­de Auf­nah­men” per Smart­pho­ne und GPS-Sen­sor mit inter­es­sier­ten Zuhö­rern “wie ein Audio­gui­de im Muse­um”. Gras­se ver­wen­det dafür den Begriff “hyper­lo­ka­les Radio”.

Dass ich als ana­log sozia­li­sier­ter Oldie (Jahr­gang 1940) mit sol­chen Ver­suchs­an­ord­nun­gen nicht all­zu viel anfan­gen kann, darf hier kei­ne Rol­le spie­len. Aller­dings fällt mir bei den genann­ten Pro­jek­ten eine begriff­li­che Unschär­fe auf. Ist “Wirk­lich­keit”, “Authen­ti­zi­tät” beab­sich­tigt? Wird sie durch ihre Behand­lung wie z. B. durch den Ein­satz von Sound­tep­pi­chen (ambi­ent music) – sie­he Eric Eber­hard – nicht sogar wider­ru­fen, zumin­dest auf­ge­weicht? Was hat das Live-Expe­ri­ment der kon­ven­tio­nell gespei­cher­ten, bear­bei­te­ten und von Ton­trä­gern gesen­de­ten Auf­nah­me eigent­lich voraus?

In den 70er Jah­ren begann der Kom­po­nist Bill Fon­ta­na aus Cleve­land / Ohio Klän­ge aus ihrem Kon­text zu lösen und per Tele­fon, spä­ter durch Satel­li­ten­tech­no­lo­gie in ande­re Hör-Umfel­der zu über­tra­gen. Das Ergeb­nis nann­te er “Sound sculp­tures”. Am bekann­tes­ten wur­den sei­ne “Klang­brü­cken” Köln – San Fran­cis­co (1987) und Köln – Kyo­to (1993) in Zusam­men­ar­beit mit Klaus Schö­ning (WDR). Hier wie dort stan­den Mikro­pho­ne und Laut­spre­cher an öffent­li­chen Orten. Am Misch­pult des WDR “ver­dich­te­te” Bill Fon­ta­na die jewei­li­gen direkt über­tra­ge­nen Geräu­sche zu einer Live-Komposition. 

Die Live-Geräu­sche, neh­me ich an, unter­schie­den sich nicht sub­stan­ti­ell von vor­pro­du­zier­tem Mate­ri­al. Bei­des unter­lag den glei­chen Zufäl­lig­kei­ten und Sub­jek­ti­vi­tä­ten. Was das Publi­kum auf der ande­ren Sei­te der Ver­suchs­an­ord­nung jeweils zu hören bekam, war nicht “San Fran­cis­co”, nicht “Kyo­to”. Man hör­te eine Pre-Selec­tion, gefil­tert durch das ästhe­ti­sche Tem­pe­ra­ment eines Sound­künst­lers – nicht “Wirk­lich­keit”, son­dern eben Klangkunst.

Die Medi­en­wis­sen­schaft­le­rin Petra Maria Mey­er, Pro­fes­so­rin an der Muthe­si­us Kunst­hoch­schu­le Kiel, brach­te es in einem Vor­trag 1999 auf den Punkt:

Wenn es durch tech­ni­sche Vor­rich­tun­gen (Ver­knüp­fun­gen) dem Zuhö­rer ermög­licht wer­de, “an Gescheh­nis­sen des ‘Lebens’ an fast allen Orten die­ser Welt teil­zu­ha­ben”, dann wer­de er “die­se Teil­ha­be nur emp­fin­den, wenn er das zu Sehen­de und zu Hören­de für ein tat­säch­li­ches Gesche­hen” hal­te. Das Fer­ne wer­de “in der Live­sen­dung nur dann für ‘das Leben’ gehal­ten”, wenn es auch authen­tisch erscheine.

Viel Kon­di­tio­nal auf ein­mal. Oder in den Wor­ten Bill Fon­ta­nas auf sei­ner Homepage:

A sound is all the pos­si­ble ways the­re are to hear it.