Raketensommer ’83 – Analyse eines Alptraums

SFB+ORB / DLF / NDR 1998  (54:21).


AUS DEM MANUSKRIPT:
 

HUBSCHRAUBER-GERÄUSCH, VERLANGSAMT

Autor  Gold ist bil­lig im Som­mer ‘83. Die Fein­un­ze gleich 31,1 Gramm, kos­tet 400 Dol­lar oder 984 Deut­sche Mark. Knapp die Hälf­te im Ver­gleich zu 1980. 

Im Juni tau­sche ich den größ­ten Teil mei­ner mage­ren Erspar­nis­se — unge­fähr 6000 Mark — in kana­di­sche Mün­zen — 189, 4 Gramm Kri­sen-Gold. Wenn’s knüp­pel­dick kommt, kann ich damit viel­leicht Brot kau­fen.

FLUGFELD SICKELS. DRACHENFEST. KAMPFDRACHEN-WETTBEWERB.

Laut­spre­cher­stim­me:  „Eins, zwei, drei… (SCHREIEN) Zieht alles hoch was ihr habt…“

Autor  Heu­te kämp­fen grin­sen­de Papier­dra­chen über dem Flug­feld in Sickels bei Ful­da. Heu­te grap­schen Kin­der nach Bon­bons, die vom Him­mel fal­len. Heu­te ist Dra­chen­fest.

Laut­spre­cher­stim­me:  „Oioioioioi … Kämpft Leu­te, kämpft !“

DOKUMENT: HUBSCHRAUBER DAMALS

Damals, 1983, war hier Sperr­zo­ne. „VORSICHT ! SCHUSSWAFFEN-GEBRAUCH !“ Wo jetzt die vie­len bun­ten Autos par­ken, droh­ten Flug­ab­wehr­ra­ke­ten und MGs. In den Han­gars „Cobra“-Kampfhubschrauber. Oliv­grü­ne US-Sol­da­ten rann­ten übers Flug­feld wie in einem Film von Fran­cis Ford Cop­po­la. Übten Alarm­start. Denn dort drü­ben – waf­fen­star­rend, Hand am Abzug, Fin­ger schon gekrümmt –- dort drü­ben war der Feind

DOKUMENTARFILM-TON:

Kom­men­ta­tor  Hier könn­te der Drit­te Welt­krieg begin­nen. Die Ful­da-Sen­ke ist die tra­di­tio­nel­le Ein­fall­stra­ße von Ost- nach West­deutsch­land. Längst ver­fü­gen die USA über 1000 Kurz­stre­cken­atom­waf­fen wie die­se und eben­so die Sowjets. Die meis­ten ver­schie­ßen Gra­na­ten, die stär­ker als die Hiro­shi­ma-Bom­be sind. Ihre Zie­le wären Trup­pen, Pan­zer und Ein­satz­räu­me hin­ter der Front.

Autor  Dort drü­ben, in den blau­en Ber­gen, ist die Gren­ze — der schma­le Gra­ben zwi­schen Ost und West, Gut und Böse, Krieg und Frie­den, Ver­nich­tung und Ver­nich­tung.  Auf bei­den Sei­ten ato­ma­re Kurz­stre­cken-Geschos­se, vie­le tau­send. Und im Osten: die Rake­te SS-20, rus­sisch: „Pio­nier“. Ein 16 Meter lan­ges, 1‑Me­ter-und-70 dickes Rohr, elf mal Hiro­shi­ma im spit­zen Spreng­kopf. Ziel­ge­biet: ganz West­eu­ro­pa. Neun SS-20 waren vor sechs Jah­ren auf­ge­stellt. Im Rake­ten­som­mer ’83 sieht man auf den Spio­na­ge-Fotos schon 350.

Im Wes­ten vor­erst nur die Dro­hung. 108 Atom­zi­gar­ren der Mar­ke „Pers­hing“ wür­den bis nach Mos­kau flie­gen, 464 „Marsch­flug­kör­per“ fast bis zum Ural. 

Ziel der „Nach­rüs­tung“: ein Gleich­ge­wicht des Schre­ckens. Der ein­ge­fro­re­ne Show­down.

DOK-FILM

Kom­men­ta­tor  Wie vie­le Atom­waf­fen sind jetzt in Deutsch­land sta­tio­niert — 5000 oder 7000 ? — US-Instruk­teur “Spreng­köp­fe ? Ja.“ – Kom­men­ta­tor Aber sie haben kei­ne inter­kon­ti­nen­ta­le Reich­wei­te ? — „Nein. Die meis­ten sind Kurz­stre­cken­waf­fen mit weni­ger als hun­dert Kilo­me­tern Reich­wei­te.“ – Kom­men­ta­tor Es wür­de sich also alles hier abspie­len ? – „Genau ! In bei­den Tei­len Deutsch­lands“ („in both Ger­ma­nies“).

Autor  Seit 1980 herrscht Krieg am Schatt el-Arab. Schon im drit­ten Jahr strei­ten sich die Nach­barn Irak und Iran über den Grenz­ver­lauf. Der Irak blo­ckiert ira­ni­sche Erd­öl-Ver­la­de­sta­tio­nen. Der Iran spielt Schif­fe­ver­sen­ken im Golf. Die schnel­le Ein­greif­trup­pe der USA übt für den Ein­satz in Mit­tel­ost. Prä­si­dent Ronald Rea­gan tes­tet schon mal die flie­gen­de Befehls­zen­tra­le, die in Washing­ton bereit­steht.

GERÄUSCHKULISSE WEG

Orth  Kein Mensch wuss­te damals, daß hier Atom­waf­fen rund um die Uhr ein­sast­ze­reit waren, daß inner­halb von drei Minu­ten deut­sche „Tor­na­dos“ mit ame­ri­ka­ni­schen Atom­bom­ben star­ten konn­ten. Daß deut­sche Rake­ten inner­halb von Minu­ten mit Atom­spreng­köp­fen aus Ame­ri­ka bestückt wer­den konn­ten. Das wuß­te hier kei­ner. 

Alt  Die Frie­dens­fra­ge war des­halb so wich­tig damals – die Frie­dens­be­we­gung – weil unser Über­le­ben immer auf etwa 7 Minu­ten gesi­chert war. Das war die Vor­warn­zeit.

Schub­arth  Also nach den nor­ma­len Erfah­run­gen, die wir mit mensch­li­cher Geschich­te hat­ten, bestand damals die sehr, sehr gro­ße Gefahr, dass es zu einem Atom­krieg kom­men wird, dass sich die­ses gan­ze Wett­rüs­ten dann letzt­lich doch in einer gewalt­tä­ti­gen Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen Ost und West ent­la­den könn­te (nicht muss), und  dass das das Ende mög­li­cher­wei­se der Mensch­heit hät­te bedeu­ten kön­nen. Um nichts gerin­ge­res ging es.

Bahr  Die Instru­men­te hät­ten irren kön­nen und hät­ten zei­gen kön­nen, es kom­men Rake­ten. Sowas ist auf der inter­kon­ti­nen­ta­len Ebe­ne pas­siert. Und da hat man das nach sie­ben, acht Minu­ten erkannt und wie­der alle Sys­te­me in Ruhe gestellt. Wenn es um Sys­te­me geht, die aber nur sie­ben Minu­ten flie­gen, kann man nicht war­ten, bis der Irr­tum in sie­ben, acht Minu­ten erkannt wird. Das heißt: Man muss auf den Knopf drü­cken. 

Vogt  Das heißt, die Mensch­heit war in der Lage — und das ist sie ja im übri­gen heu­te noch — sich mehr­fach mas­sen­haft wech­sel­sei­tig umzu­brin­gen. Egal, wer ange­fan­gen hät­te, es hät­te jeder sozu­sa­gen nicht gesiegt. 

Bahr  Die Din­ger waren real vor­han­den, um Got­tes Wil­len — mit ihren Kapa­zi­tä­ten ! Und jede war ein biß­chen mehr als Hiro­shi­ma ! Und es waren Dut­zen­de ! Obwohl nach allen Aus­rech­nun­gen zwei, drei Explo­sio­nen genügt hät­ten, um die Zivi­li­sa­ti­on reak­ti­ons­un­fä­hig zu machen.

Alt  Also — das hab ich als eine uner­träg­li­che Pro­vo­ka­ti­on für jeden nach­denk­li­chen Men­schen auf die­sem Pla­ne­ten ver­stan­den — dass wir eine sol­che Situa­ti­on zuge­las­sen haben, dass unser Über­le­ben immer auf’n paar Minu­ten gesi­chert war. Men­schen dür­fen einen sol­chen Unsinn, auf Atom­ra­ke­ten zu set­zen, nicht machen. 

Zwe­renz  Es wird ja heu­te von den Sie­gern der Geschich­te so getan, als wäre das damals eine Ein­bil­dung der Pazi­fis­ten, der Frie­dens­be­we­gung gewe­sen, dass also ein ato­ma­rer Krieg, eine ato­ma­re Aus­ein­an­der­set­zung, möch­lich gewe­sen ist Das sehe ich ganz und gar nicht so. Im Gegen­teil — wir wis­sen ja nun aus den geöff­ne­ten Akten, dass bei­de Sei­ten durch­aus bereit gewe­sen sind, zu einem ato­ma­ren Schlag­ab­tausch. Wir stan­den eini­ge Male nur ganz kur­ze Zeit, wahr­schein­lich nur Sekun­den, vor einem sol­chen Infer­no.

Bahr  Wir haben Glück gehabt ! Wir haben wirk­li­ches Glück gehabt, dass nie erprobt wor­den ist, wer zuerst auf’n Knopp drückt und wer gewinnt. Und man muss auch sagen: Es hat auf bei­den Sei­ten genug ver­ant­wor­tungs­be­wuß­te Men­schen gege­ben, damit das Glück sei­ne Chan­ce bekam. 

HUBSCHRAUBER-GERÄUSCH, VERLANGSAMT. DARAUF:

Autor  Ich mache Ver­lust. Wie zur Zeit des Falk­land­kriegs vor gut einem Jahr fällt der Gold­preis im Som­mer ’83 unter 400 Dol­lar pro Unze. Die „Flucht­wäh­rung“ müss­te jetzt eigent­lich stei­gen. 70% der Ame­ri­ka­ner hal­ten einen drit­ten Welt­krieg für unver­meid­lich.

Frau­en­stim­me  BESUCHEN SIE EUROPA, SOLANGE ES EUROPA NOCH GIBT!“ 

US-Zivi­lis­ten üben in Hanau die Eva­ku­ie­rung. Sol­da­ten ver­trei­ben sich die Zeit mit einem Brett­spiel: „Ful­da Gap — Die ers­te Schlacht des nächs­ten Krie­ges“.

Mili­tär umgibt sich mit Sta­chel­draht; baut Wach­tür­me; gräbt sich tief ein, hängt Warn­schil­der auf. Unse­re Stra­ßen sind mit Spreng­lö­chern durch­bohrt. Regel­mä­ßig üben Spe­zi­al­trupps das Fül­len der Schäch­te und das Anbrin­gen der Zünd­vor­rich­tun­gen.

DOKUMENTARFILM:

US-Instruk­teur „Im Umkreis von Punkt Null wird nichts mehr da sein. Was da ist, wür­de buch­stäb­lich weg­ge­bla­sen — kei­ne Ort­schaft mehr, nur ein Trüm­mer­hau­fen aus fla­chen Trüm­mern“ („basi­cal­ly blown away“).

Autor  Wir sehen einen Film der ame­ri­ka­ni­schen Fern­seh­ge­sell­schaft CBS. Ein kno­chen­st­ei­fer Typ in Uni­form mit Zei­ge­stöck­chen sto­chert auf einer Land­kar­te Mit­tel­eu­ro­pas her­um. Er zeigt auf uns, auf unse­re Gegend; spricht vom inte­grier­ten Schlacht­feld, von „Ground Zero“ – „Punkt Null“;  vom Zen­trum einer „kon­trol­lier­ten Atom­ex­plo­si­on“. Er beklagt, dass deut­sche Städ­te nur zwei Kilo­ton­nen weit aus­ein­an­der lie­gen. Wie lässt sich da ein ordent­li­cher Krieg füh­ren!

Und dann sagt der Kom­men­ta­tor die­sen Schre­ckens­satz: „Hier könn­te der Drit­te Welt­krieg begin­nen !“ Wir mit­ten­drin — Sta­tis­ten eines Kata­stro­phen­films.

KAMPF-JETS. STIMMEN DER MILITÄRISCHEN  FLUGLEIT-ZENTRALE. SCHRITTE, HUNDEGEBELL

Wach­mann  Hier — rufen Sie mal Ihre Leu­te zurück ! Mir müs­sen schie­ßen ! Wir müs­sen schie­ßen ! Im Bereich von 30 Metern … hier steht’s  ! Lesen Sie’s durch! Rufen Sie die Leu­te zurück!

Autor  Also leben wir auf einem Schlacht­feld. Wir sind Front — vor­ders­te Front. Hub­schrau­ber­lärm grun­diert unse­re Tage. Sprach­los umrun­den wir die Waf­fen­la­ger. 250 NATO-Depots, 5000 Muni­ti­ons-Bun­ker in West-Deutsch­land — „Stra­te­gi­sche Reser­ven“. Sie sind wirk­lich da, vor unse­rer Haus­tür. Auf die­sem Feld­weg spiel­ten wir als Kin­der — nach dem letz­ten Krieg. Aber das Rif­fel­mus­ter der Pan­zer­ket­ten ist ganz frisch. 

BLASMUSIK / PROZESSION 

Mann  Es gibt bald kei­nen Ort mehr in Ost­hes­sen, wo nicht irgend ein Armee-Objekt ist, ‘n Bun­ker. Wo man hin­guckt, ist’n Spreng­stoff­de­pot. Unse­re Feld­we­ge hier oben haben Spreng­schäch­te — das muss man sich mal über­le­gen ! Die Stra­ßen haben Spreng­schäch­te ! Jedes zwei­te Auto, was hier auf der Bun­des­stra­ße fährt, ist ‘n Mili­tär­fahr­zeug. Wo man hin­guckt: nur noch Mili­tär !

Autor  Vom NATO-Übungs­platz bel­len die Hau­bit­zen in die Lita­nei der Gläu­bi­gen hin­ein.

PROZESSION, BLASMUSIK UND SCHIESS-LÄRM

Gläu­bi­ge  „Hei­li­ge Maria Mut­ter­got­tes, bit­te für uns Sün­der, jetzt, und in der Stun­de unse­res Todes — Amen. Gegrü­ßet seist Du, Maria voll der Gna­den, der Herr ist mit Dir. Du bist gebe­ne­deit unter den Frau­en. Und gebe­ne­deit ist die Frucht Dei­nes Lei­bes, Jesu. — Hei­li­ge Maria, Mut­ter Got­tes, bit­te für uns Sün­der, jetzt und in der Stun­de unse­res Todes. Amen. Gegrü­ßet seist Du, Maria…“

KULISSE WEG

Antel­mann  Ich mei­ne, das war ja erklär­te Poli­tik von Sei­ten der Ame­ri­ka­ner, die Sowjet­uni­on tot­zu­rüs­ten. Und Rea­gan hat noch eins drauf­ge­ge­ben und von der Regie­rung von „Mons­tern“ gespo­chen.

Alt  Was ist das für eine Poli­tik gewe­sen, damals. Die Wie­der­ver­ei­ni­gung sag­te, dass von Osten Deutsch­lands her nach Wes­ten, und von Wes­ten Deutsch­lands her nach Osten sich gegen­sei­tig die Ver­nich­tung  ange­droht hat. 

Guha  Ich habe nie ver­stan­den — und betrach­te­te des­halb die Befür­wor­ter der Rüs­tungs- und Abschre­ckungs-Theo­rie als leben­de Zom­bies -, dass sie zu einem Atom­krieg ent­schlos­sen waren, ohne eine Vor­stel­lung von einem Atom­krieg zu haben — nur, weil eine Genera­ti­on ihre Kon­flik­te und Hän­del nicht lösen konn­te, ein Sys­tem mit dem ande­ren nicht klar­kom­men konn­te, und des­we­gen die Zukunft – nicht nur die eige­ne son­dern auch der Kin­der und aller wei­te­ren Genera­tio­nen – zu been­den, das erschien mir irgend­wie gro­tesk.

Kra­hulec  Es waren ja nicht nur die Haupt­stra­te­gen in Fort Lea­ven­worth (das war die ato­ma­re Denk­zent­rea­le in Texas), son­dern es waren viel­fäl­ti­ge Trans­mis­si­ons-rie­men ins Ört­li­che, ins Regio­na­le hin­ein – von der Bau­fir­ma, die dar­an ver­dient hat, die Beton­bun­ker in den Wald zu stel­len und die Bäu­me zu fäl­len, von den Bür­ger­meis­tern, die genau wuß­ten, was in den Wäl­dern … in den Bun­kern lag, zu den Poli­ti­kern auf allen Ebe­nen, die unter­schied­lich aber immer­hin davon wuß­ten: Hier wird nicht Ver­tei­di­gung prak­ti­ziert, son­dern Ver­nich­tung. Zu-Tode-Ver­tei-digung. 

Sta­isch  Wäh­rend der Sta­tio­nie­rungs­de­bat­te und wäh­rend des gesam­ten nuklea­ren Gleich­ge­wichts hab ich mich eigent­lich immer ziem­lich sicher gefühlt, weil – das soll nicht zynisch klin­gen – Hiro­shi­ma und Naga­sa­ki eine unheim­lich … leh­ren­de Funk­ti­on für die Men­schen hat­ten. Nie­mand konn­te sich vor­stel­len, bis die bei­den Bom­ben fie­len, was das heißt: nuklea­rer Ein­satz ! Und ich habe den Ein­druck, daß die­se Erfah­run­gen von Hiro­shi­ma und Naga­sa­ki alle ver­ant­wor­tungs­vol­len Poli­ti­ker sehr dis­zi­pli­niert haben.

Antel­mann  Also — es hät­te ja nur eines Fehl­alarms oder Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen bedurft — und es wär’ alles in die Luft gegan­gen. Und es war ja damals schon eine ganz merk­wür­di­ge Stim­mung auch … 

FRIEDENS-GRUPPE / SINGT: „Dona nobis pacem“ – DARAUF:

Autor Im Schat­ten der Rake­ten pro­ben wir das Neue, Bes­se­re. Wir üben für den Tag danach: Frie­dens­land. Da blüht die Roman­tik, das Pathos der Gesän­ge. Da las­sen wir den deut­schen Schil­l­er­kra­gen blit­zen. For­men Peace-Zei­chen aus unse­ren Kör­pern; ord­nen die Mas­se zum Orna­ment. Auch so man­cher Pro­test ist auf rüh­ren­de Wei­se gest­rig.

Frau  Das ist ein­fach stän­dig ange­wach­sen. Der Spreng­stoff, der in der Auf­rüs­tung auf bei­den Sei­ten drinsitzt. Die­se rie­si­gen Men­gen von Zeug, die hier rum­lie­gen. Tota­le Ohn­macht!

Frau  Eines Tages, unver­mit­telt — „Bäng !“ — ist’s aus !  

Frau  Das hab ich ges­tern dem Micha­el gesagt: Weißt Du was — ich möch­te das am liebs­ten eigent­lich gar nicht mit­er­le­ben. Ich möcht irgend­wo ‘n Tablett­chen haben, und wenn’s dann so weit ist, dann möcht ich’s schlu­cken. Und dann ist Fei­er­abend. 

Frau  Ich bin sehr  dank­bar, dass mein Mann ganz zufäl­lig Jäger ist und in dem Schrank da hin­ten vier Geweh­re ste­hen. Ich bin auch dank­bar, dass wel­che mit kur­zem Schaft da ste­hen. Die sind leich­ter zu hand­ha­ben.

Mann  Ich hab mich mit mei­ner Frau in näch­te­lan­gen Gesprä­chen dar­über unter­hal­ten. Ich hab’ drei Kin­der. Die will ich natür­lich groß krie­gen. Aber ich muss mir doch ernst­haft Gedan­ken machen, soll ich sie denn am Tag X  mit dem Beil tot­schla­gen oder was…?

ATMO WEG

Scholl-Latour  Es gab etwas, was Hel­mut Schmidt damals als die „Graue Zone“ bezeich­net hat­te, nicht wahr !  Das war eben die­ses west­eu­ro­päi­sche NATO-Gebiet, das ato­mar nicht ent­spre­chend zu den sowje­ti­schen Mög­lich­kei­ten geschützt war. Und kon­ven­tio­nell waren wir damals den Rus­sen unter­le­gen. Ich glau­be nicht, dass damals eine wirk­li­che Kriegs­ge­fahr bestand, aber wir waren im Zustand der Erpress­bar­keit.

Alt  Ich hal­te das für typi­sches altes Den­ken, die­se Posi­ti­on ! Das ist das Den­ken der Leu­te, die nach wie vor sich nicht vor­stel­len kön­nen, daß man Frie­den durch Dia­log — dadurch, dass ich mich ver­nünf­ti­ger ver­hal­te, als ich’s dem ande­ren unter­stel­le — hin­krie­gen kann. 

Das sind Leu­te, die leben in Angst; sind gefan­gen in ihren eige­nen Ängs­ten, ihren eige­nen per­sön­li­chen Erfah­run­gen, und haben nie erlebt, was Ver­trau­en bedeu­tet. 

Also zum Bei­spiel in der Schu­le des Meis­ters, der für mich ein gro­ßes Vor­bild ist, Jesus von Naza­reth, ler­ne ich, dass Ver­trau­en etwas ist, das die Welt bewegt und ver­än­dert — und nicht die Ängs­te, die dann schließ­lich zur ato­ma­ren Rüs­tung füh­ren !

Scholl-Latour  Wir müs­sen uns in die Zeit zurück­ver­set­zen von damals, nicht wahr ! Damals galt noch der alte latei­ni­sche Spruch:  „Wenn Du den Frie­den willst, dann berei­te Dich auf den Krieg vor!“

Orth  Die Frie­dens­be­we­gung hat ein völ­lig ande­res Prin­zip zu Grun­de gelegt: „Wenn Du den Frie­den willst, dann berei­te Dich auf den Frie­den vor!“ War­um dann auf den Krieg?

Scholl-Latour  Wir dür­fen ja eines nicht ver­ges­sen: Heu­te wis­sen wir ja über die Offi­zie­re der DDR, mit denen man reden kann, dass im Raum Mag­de­burg eine sowje­ti­sche Stoß­ar­mee stand mit Ziel Rhein und Atlan­tik; und dass die auch genü­gend Treib­stoff und Muni­ti­on gebun­kert hat­ten, um tat­säch­lich bis zum Rhein und bis zum Atlan­tik vor­zu­sto­ßen. Das war wirk­lich die letz­te gro­ße Kraft­pro­be zwi­schen West und Ost!

HUBSCHRAUBER-GERÄUSCH, VERLANGSAMT. DARAUF:

Autor  Wir ver­tei­len Zif­fer­blät­ter aus Papier, die Zei­ger eine Minu­te vor Zwölf. Wir brü­ten über Sta­tio­nie­rungs­kar­ten. Das Voka­bu­lar unse­rer klei­nen Frie­dens­grup­pe wird zuse­hends mili­tä­ri­scher: Waf­fen­mix, Erst­schlag­fä­hig­keit, Null­lö­sung, Ent­haup­tungs­schlag. Wir ver­schie­ßen Wör­ter größ­ten Kali­bers. Nie­mand von uns lügt, nie­mand über­treibt mit Vor­satz. Und doch wer­den die Rake­ten­schat­ten täg­lich län­ger. Mit jedem Flug­blatt wächst auch unse­re Angst.

Jun­ge Frau  Zukunft bei mir? Das geht viel­leicht gra­de so über vier Wochen. Kei­ne Vor­stel­lung … Wir wis­sen ja nicht, was hier pas­siert oder in Euro­pa über­haupt pas­siert. Was soll ich mir da Zukunfts­ge­dan­ken machen ! Ich hab alles auf­ge­ge­ben. Die letz­ten Sachen ste­hen bei mei­nen Eltern im Kel­ler. Aber sonst hab ich alles hier, was ich brauch.

ATMO WEG

Sta­isch  Ich habe nie dran geglaubt, dass mit etwas blau­äu­gi­gen Frie­dens­mär­schen die Welt ver­än­dert wer­den kann. 

Scholl-Latour  Also, ich mein’ — die­se Leu­te im Kreml, auch wenn sie sehr alt waren, waren ja doch aus­ge­mach­te Zyni­ker der Macht ! Die hät­ten sich doch durch ein gro­ßes Frie­dens­be­geh­ren im Wes­ten nicht beein­dru­cken las­sen — im Gegen­teil: Das war ja das, was sie woll­ten!

Sta­isch  Ich war immer der Mei­nung, daß poten­ti­el­le Stär­ke mit poten­ti­el­ler Gegen­stär­ke aus­ge­gli­chen wer­den muß!

Scholl-Latour  Das gan­ze ent­sprach natür­lich einer gro­ßen Nai­vi­tät. 

Zwe­renz  Gro­ße Bewe­gun­gen sind immer naiv!

Oeser  Was heißt „zu naiv“ ? Sich für das Leben und für die Zukunft ein­zu­set­zen, mag immer naiv erschei­nen. Aber gibt’s eine Alter­na­ti­ve dazu?

Antel­mann  Ich kann mich erin­nern, dass ich grad mit mei­ner Frau ‘ne Rad­tour mach­te in West­deutsch­land, als wir in einem Gast­hof die Nach­rich­ten hör­ten, dass Rea­gan, als er dach­te, die Mikro­pho­ne wären abge­schal­tet, sag­te: „Und in fünf Minu­ten wird Mos­kau bom­bar­diert!”                                                                       

DOKUMENT:

Ronald Rea­gan  My fel­low Ame­ri­cans !  I’m plea­sed to tell you today that I signed legis­la­ti­on that will out­law Rus­sia fore­ver. We begin bom­bing in five minu­tes ! (GELÄCHTER)

Zwe­renz  Ich hab nie die Frie­dens­be­we­gung für hys­te­risch gehal­ten, son­dern ich habe stets die Gene­ral­stabs­pla­ner, die Waf­fen­tech­ni­ker und die­je­ni­gen, die sich auf die gro­ßen Krie­ge vor­be­rei­ten, für Hys­te­ri­ker gehal­ten. Und ich sehe die­se Hys­te­ri­ker auch jetzt wie­der am Wir­ken!

Zint  Es gibt natür­lich in jeder Bewe­gung immer ‘n paar, die über­zie­hen. Genau­so hab ich mich damals bei der Frie­dens­be­we­gung von den Leu­ten fern­ge­hal­ten, die mei­ner Mei­nung nach auch sehr vie­le psy­chi­sche Defek­te gleich­zei­tig mit behe­ben woll­ten – mit ihrem Enga­ge­ment. Sol­che Leu­te gab’s natür­lich immer. 

Ach, ich glaub — da lohnt sich’s gar nicht drü­ber zu reden ! Das war eine pro­zen­tu­al ver­schwin­dend klei­ne Men­ge. Aber auf sol­che Leu­te stür­zen sich natür­lich bestimm­te Medi­en.

Orth  Das war nicht so, wie Geg­ner dach­ten: Das sind alles nur Leu­te, die stri­cken und Angst haben ! Nein — dann hät­ten wir’s nicht geschafft, so vie­le Leu­te auf die Stra­ße zu brin­gen ! Es war eine poli­ti­sche Bewe­gung. Das war kei­ne emo­tio­na­le Bewe­gung. Das waren kei­ne Angst­ha­sen. Also — wir sind ja nicht die Dumm­köp­fe gewe­sen, als die uns man­che gern immer dar­stel­len! Ne, so war das nicht!

Zint  Da, wo ich aktiv war,  war ganz schön was los ! Das war nicht betu­lich! Wir haben Pan­zer mit­ten im Manö­ver blo­ckiert, wir haben denen Stei­ne in die Ket­ten gewor­fen. Und wir haben dann auch damals unfrei­wil­lig ein paar­mal  Prü­gel von GIs bezo­gen. Da hat­te ich schon gelernt, daß durch vor­bild­li­ches Leben und Still­hal­ten nix pas­siert. Da hat­te ich schon gelernt, daß wir ein­grei­fen müs­sen, daß wir was tun müs­sen. 

DEMONSTRATIONEN, BLOCKADEN, AUSEINANDERSETZUNGEN (MONTAGE): POLIZEIDURCHSAGEN, GERÄUSCHE VON HUBSCHRAUBERN UND KETTENFAHRZEUGEN, DRAMATISCHE SZENEN BEI RÄUMAKTIONEN DER POLIZEI 

Wei­nen­de Frau  … Das geht doch nicht so ! Hab doch gar nichts getan !  …

Nach­rich­ten­spre­cher  Zu Zwi­schen­fäl­len kam es, als bis­her Unbe­kann­te an meh­re­ren Stel­len die Zäu­ne des ame­ri­ka­ni­schen Hub­schrau­ber-Lan­de­plat­zes in Ful­da-Sickels sowie des US-Ver­sor­gungs­la­gers in Neu­hof-Gie­sel durch­schnit­ten.

Der Vor­sit­zen­de der CDU/C­SU-Bun­des­tags­frak­ti­on, Dr. Dreg­ger, bezeich­ne­te heu­te in Ful­da die Manö­ver­be­hin­de­run­gen als „ekla­tan­te Ver­let­zung des inne­ren Frie­dens und Gefähr­dung der äuße­ren Sicher­heit“. 

Schub­arth (REDE-DOKUMENT) Wenn wir im kom­men­den Herbst die Akti­on „Manö­ver­be­hin­de­rung und Men­schen­netz im Ful­da Gap“ durch­füh­ren, wol­len wir eine Akti­on gegen den Mili­tär­ap­pa­rat aber für und mit den Men­schen in die­ser Regi­on machen. Des­halb muss unse­re Akti­on ver­ständ­lich und der Bevöl­ke­rung ver­mit­tel­bar sein.…

HUBSCHRAUBER-GERÄUSCH, VERLANGSAMT. DARAUF:

Autor  Aber „die Men­schen“ sind — lei­der — gegen uns, nicht gegen die Rake­ten; nicht der Sta­chel­draht stört — sie sto­ßen sich am losen Trei­ben in den Camps. Gift­bli­cke pras­seln auf unse­re Wig­wams, unse­re India­ner-tän­ze, die Paro­len, die Fah­nen.  

Was wis­sen die­se Zuschau­er von uns ?

Gera­de erst begin­nen wir das gan­ze Aus­maß der Nazi-Greu­el  zu begrei­fen – da soll „der Rus­se“ wie­der Feind sein ? 

Und was ist mit Viet­nam (Napalm, Agent Oran­ge) ? Oder mit den CIA-Lei­chen in Süd­ame­ri­ka — Sal­va­dor Allen­de, Vic­tor Jara ?  Auch die west­li­che Sei­te ist kom­pro­mit­tiert.

Sol­len wir das mir-nix ‑dir-nix aus­blen­den? Viel ver­langt!

Frau  Poli­tik stört mich net ! Honn ja im Haus genug zu tun un’ honn für die Kind’ zu sor­ge, for die Enkel­cha — dat is mei Auf­gab. Aber Poli­tik geht mich nix an. 

Ande­re Frau  Mir sind ja die ein­fa­che Leut. Mir müs­se still­hal­te ! Das is alles, was wir kön­ne!

Drit­te Frau  Ja, was hal­te mir davon ? Das is net gut, das gefällt uns auch net ! Aber wir kön­ne ja nix da dran tun, gell ! Gefällt uns auch net. Wir wol­len doch alle kei­nen Krieg mehr ! Aber mir kön­ne doch nix dran tun ! Ja, was soll’n mir denn tun ? Ja, was soll’n mir denn mache ?  Wir haben so’n klei­nes Dorf hier. Die neh­men dat so hin, net!

Mann  Mir brau­che die Ame­ri­ka­ner zum Leben hier. Sonst ham wir doch gar­nix. Was solln mir denn sonst arbei­ten? Abso­lut! 

Ande­rer Mann  Es sind zir­ka 2000 deut­sche Arbei­ter hier im Depot beschäf­tigt. 

Drit­ter Mann  Sie sehen hier ein Bau­un­ter­neh­men, das hat 95 Mann. Die­ses Bau­un­ter­neh­men beschäf­tigt jetzt zur Zeit rund 35 Mann hier im US-Bereich. Wenn wir die­se Bau­stel­len hier im US-Bereich nicht hät­ten, dann stän­den die 35 Mann, die hier sind, wahr­schein­lich auf der Stra­ße und täten der Bun­des­an­stalt für Arbeit zur Last fal­len. So sieht’s  aus!

VERFREMDETES HUBSCHRAUBER-GERÄUSCH WEG

Zint  Ich war auch ein rela­tiv unpo­li­ti­scher Pazi­fist. Als Wood­stock und die­ses Feh­marn-Fes­ti­val –- letz­ter Auf­tritt von Jim­my Hen­drix –- und die­se Geschich­ten pas­sier­ten … da saßen wir alle bei­sam­men und haben gedacht: Es wird nie wie­der Krieg geben. Wir haben es geschafft. Und nun wird alles einen guten Gang gehen. Das war Ende der 60er, Anfang der 7oer.

Und wir haben geglaubt, dass das so wei­ter­geht. Wir haben geglaubt, dass wir alle Kon­flik­te dadurch lösen, dass wir selbst gewalt­frei sind –- damit wer­den ande­re Leu­te zwang­läu­fig genau­so gewalt­frei, wie wir sind. Und die­se Nai­vi­tät ist ‘n Vor­recht der Jugend! Die­sen Traum darf man haben! 

Wir haben unse­re Camps gehabt, und die­se Frie­dens­camps waren also nicht nur von Leu­ten besetzt, die die Trau­rig­keit gepach­tet hat­ten. Ich erin­ne­re mich an sehr lus­ti­ge Feten, die wir gefei­ert haben. Wir hat­ten unse­re eige­nen Lie­der, unse­re Musik, und da ging’s auch gut zur Sache. War ‘ne schö­ne Zeit!

VOR DEM ATOMWAFFEN-LAGER: SONNTAGNACHMITTAG- STIMMUNG. DARAUF:

Autor  Im Schat­ten der Rake­ten pro­ben wir das Neue, Bes­se­re. Wir üben für den Tag danach. Frie­dens­land.

Da blüht die Roman­tik, das Pathos der Gesän­ge. Da las­sen wir den deut­schen Schil­l­er­kra­gen blit­zen. For­men  Peace-Zei­chen aus unse­ren Kör­pern; ord­nen die Mas­se zum Orna­ment. 

Auch so man­cher Pro­test ist auf rüh­ren­de Wei­se… gest­rig.

Frau Länd­le  Die sind viel ernst­haf­ter. Die den­ke viel mehr nach wie die älte­re Leut ! Die älte­re Leut — die sind schon so wie abge­stor­be ! Habe den Beruf  hin­ter sich und  jetzt is’ so ’s Lebe vor­bei.  Und die jun­ge Leut — die den­ke doch mehr zukunfts­be­wuß­ter, und sind auch poli­tisch bes­ser ori­en­tiert. Und kön­ne — ich glaub — auch ‘s Aus­maß bes­ser erfas­se, was über uns hängt ! 

Da denk ich immer: Ja gut, ich werd mit jedem Jahr älter und mei­ne Kräf­te las­se nach. Aber wenn’s noch sol­che jun­ge Leut gibt, die mit so viel Opti­mis­mus an des ran­ge­he und die­se Auf­rüs­tung, die­se sinn­lo­se Auf­rüs­tung in der Welt bekämp­fe, das beru­higt mich einer­seits. Das macht mich sogar ganz glück­lich !

ATMO WEG

Bahr  Ich glau­be, dass die Frie­dens­be­we­gung nötig war. Ich glau­be, dass sie dem Gefühl, dem rich­ti­gen Gefühl der Men­schen ent­sprach, dass die Bedro­hung zunimmt, und dass Rüs­tung plus Rüs­tung plus Nach­rüs­tung plus Nach­rüs­tung zu kei­nem Ergeb­nis füh­ren. Sie war auf einem Auge blind — genau­so wie die Regie­run­gen auf dem ande­ren Auge blind waren.

Zwe­renz  Die lin­ken Grup­pen — sowohl die K‑Gruppen als auch die DKP-Grup­pen — waren natür­lich auf dem lin­ken Auge blind. Sie haben nicht wahr­neh­men wol­len –- man­che auch nicht wahr­neh­men dür­fen, aber die meis­ten nicht wahr­neh­men wol­len –-, dass zu der Welt­un­ter­gangs-Bedro­hung durch Atom­krieg eben zwei Sei­ten gehör­ten. 

Alt  Im gro­ßen und gan­zen … jetzt ver­such ich mir noch mal die Hauptf­ti­gu­ren in Erin­ne­rung zu rufen: Petra Kel­ly — wie oft war Petra Kel­ly bei Herrn Hon­ecker und hat den zum Stop von Wei­ter­rüs­tung gedrängt; Pfar­rer Albertz, Hein­rich Böll, Alfred Mech­ters­hei­mer –- das war ja nu kein Mensch, der auf dem lin­ken Auge blind war son­dern … der hat ja eher ‘n Rechts­schwenk gemacht inzwi­schen. Und auch ich bezeich­ne­te mich damals und tu’ es heu­te als Kon­ser­va­ti­ven.

Orth  Die paar DKP-Mit­glie­der –- das waren nicht die, die die Mil­lio­nen auf die Stra­ße gebracht haben ! 

(HUBSCHRAUBER)

Autor  Mein Gold sackt wei­ter ab. 393 Dol­lar… 380 Dol­lar… Die kana-dischen Mün­zen lie­gen unten in der Mehl­kis­te für den Tag X, wenn die Bank geplün­dert oder über­rannt  wird oder ein­fach nicht mehr da ist. Kri­sen-Metall — als Tausch­wert für Brot oder rus­si­sche Rubel. Mau­se­to­tes Kapi­tal. 

BONNHOFGARTEN

(KULISSE DER MASSENVERSAMMLUNG)

Sän­ge­rin  „Make love, not war — make love, not war (…)  Lie­ben­de aller Län­der, ver­ei­nigt Euch ! Make love, not war (…)  Lovers of the world unite side by side…“

DARAUF:

Autor  23. Okto­ber 1983, Sonn­abend. Strah­len­der Spät­herbst. 

Im Bon­ner Hof­gar­ten ver­sam­meln sich 500 000 Men­schen. Die größ­te Pro­test­kund­ge­bung der Nach­kriegs­zeit. In Paris und West-Ber­lin sind es 150 000 – 300 000 in Stutt­gart, 400 000 in Ham­burg, 500 000 in Lon­don, 750 000 in Rom. 

Wir sind ‘ne Men­ge, Herr Kohl ! Herr Rea­gan! Sie müs­sen uns zur Kennt­nis neh­men, Herr Bre­schnew!

Per­ry Fried­mann  Das ist das schöns­te Bild, das ich je gese­hen habe. Wir sind die Mehr­heit ! Wir sind her­ge­kom­men um zu sagen: Wir wol­len in Frie­den leben! In Freund­schaft leben!

Bas­ti­an  Lie­be Ver­bün­de­te im gemein­sa­men Kampf ! Las­sen Sie uns den Macht­ha­bern in West und Ost, die ihre Macht scham­los miss­brau­chen, um immer mehr Waf­fen anzu­häu­fen, anstatt die Pro­ble­me der Mensch­heit gewalt­los zu lösen, den Gehor­sam auf­kün­di­gen und unüber­hör­bar ent­ge­gen­ru­fen, dass wir nicht län­ger gewillt sind, unse­re Zukunft ihren ver­derb­li­chen Paro­len von Abschre­ckung und mili­tä­ri­schem Gleich­ge­wicht anzu­ver­trau­en.

Mech­ters­hei­mer  Die Frie­dens­be­we­gung in der Bun­des­re­pu­blik ver­wahrt sich gegen Strei­chel­ein­hei­ten aus Mos­kau, so lan­ge die auf­kei­men­de Frie­dens­be­we­gung in Ost­eu­ro­pa und in der DDR behin­dert wird.

Jungk  Nein, das ist eine wahn­sin­ni­ge Welt, und wir wol­len raus aus dem Wahn­sinn. Wir wol­len eine Welt, in der man für sei­ne Kin­der sich freu­en kann, für sei­ne Enkel hof­fen kann. Die­se Angst­welt — mit der muss Ende sein! Und hier beginnt heu­te ein Lebens­fest! 

Böll  Ich weiß nicht, wie­viel Kin­der man mit dem satt­krie­gen könn­te, was eine Rake­te kos­tet (BEIFALL). Ich weiß nur, dass der Rüs­tungs­etat der Ver­ei­nig­ten Staa­ten im nächs­ten Jahr pro Tag ein­ein­halb Mil­li­ar­den Mark betra­gen wird (PFIFFE).

Brandt  Mit­bür­ge­rin­nen und Mit­bür­ger, lie­be Freun­din­nen und Freun­de! Als einer der weit über eine Mil­li­on Men­schen, die heu­te hier und anders­wo zusam­men­ste­hen, will ich über sonst Tren­nen­des hin­weg bekun­den: Wir brau­chen in Deutsch­land und in Euro­pa, so lan­ge es steht, nicht mehr Mit­tel der Mas­sen­ver­nich­tung son­dern weni­ger !

Kel­ly  Wir müs­sen Schrit­te aus die­sem NATO-Bünd­nis wagen ! Ein Nein zu den Waf­fen und ein Ja zur NATO ist absurd. Ich habe gehofft, daß es ein Nein wird ohne jedes Wenn und  Aber. Ich habe ein Nein gehört, was längs über­fäl­lig ist, aber ich war­te auf das „Ohne-jedes-Wenn-und-Aber“! (BEIFALL)

Per­ry Fried­mann  Lie­be Freun­de ! Sin­gen wir die­ses letz­te Lied zusam­men — im Geist Mart­hin Luther Kings jr., der in Ame­ri­ka ermor­det wur­de ! Sin­gen wir es in Soli­da­ri­tät mit allen Men­schen auf die­ser Welt, die für den Frie­den demons­trie­ren, kämp­fen wol­len!

WE SHALL OVERCOME…“

 ATMO WEG

Sta­isch  Was mich an die­ser Frie­dens­be­we­gung immer fas­zi­niert hat, obwohl ich ihre Zie­le nie geteilt habe, war die men­ta­le und auch durch­organ­sier­te Fried­fer­tig­keit. Nicht nur, daß die Leu­te fried­lich sein woll­ten, son­dern, dass sie’s auch orga­ni­sa­to­risch geschafft haben, immer fried­lich zu sein! 

Scholl-Latour  Das war eben der Trend. Das war die poli­ti­cal cor­rect­ness, wie wir’s heu­te nen­nen. Ich hab eine gute Bekann­te gehabt, und die war in die­ser Rie­sen­mas­se und hat gesagt: Mein Gott, das war so ein herr­li­ches Gefühl, gemein­sam in einer sol­chen Mas­se zu mar­schie­ren! Und ich bin nun wirk­lich ein sehr alter Mann inzwi­schen, ich hab noch die Reichs­par­tei­ta­ge erlebt — da hatt’ ich auch so’n Gefühl! 

Sta­isch  Ich hab den Hof­gar­ten 1981 gefilmt, und ich hab -– ich glaub es war der 22. Okto­ber 1983 –- die Men­schen­ket­te Stutt­gart-Ulm gefilmt. Und da war immer eine fried­fer­ti­ge, ja fast volks­fest­haf­te Stim­mung dabei. Wenn ich mir man­che Demons­tra­tio­nen über Kern­kraft und Cas­tor-Trans­por­te angu­cke und das Gewalt­po­ten­ti­al da beob­ach­te heu­te, dann hat sich die Frie­dens­be­we­gung in ihrem Wil­len und in ihrer orga­ni­sa­to­ri­schen Schlag­kraft, fried­lich zu sein, davon immer sehr, sehr posi­tiv abge­ho­ben. 

HUBSCHRAUBER-GERÄUSCH, VERLANGSAMT. DARAUF:

Rea­gan The simp­le hope for peace is not enough. We must con­ti­nue to impro­ve our defen­ces to pre­ser­ve peace and free­dom. The peop­le of the United Sta­tes are say­ing: We are with you, Ger­ma­ny — you are not alo­ne!

LANGER BEIFALL

DEUTSCHER BUNDESTAG. STIMMENGEWIRR NACH DER ABSTIMMUNG AM 22. 11. 83

Rai­ner Bar­zel  Mei­ne Damen und Her­ren ! Ich gebe das Ergeb­nis der Abstim­mung über den Antrag der Frak­ti­on CDU/CSU und FDP auf Duck­sa­che 620 bekannt. Abge­ge­be­ne Stim­men: 513. Davon ungül­ti­ge Stim­men: kei­ne. Mit „Ja“ haben gestimmt: 286. Mit „Nein“ haben gestimmt 226. Ent­hal­tun­gen: eine.

Damit ist die­ser Antrag ange­nom­men.

UNRUHE, BEIFALL

Rai­ner Bar­zel   Mei­ne Damen und mei­ne Her­ren, damit sind wir am Schluss unse­rer Tages­ord­nung. Bevor ich die Sit­zung schlie­ße, möch­te ich bekannt geben, daß die bereits ange­kün­dig­te Sit­zung des Ältes­ten­ra­tes (…)

DARAUF:

Autor  Ein Monat spä­ter: der Schock. Mit der Mehr­heit von 60 Stim­men beschließt der Deut­sche Bun­des­tag den Voll­zug der NATO-Nach­rüs­tung. Schon am nächs­ten Tag kom­men die Rake­ten — je 36 Pers­hing II nach Mut­lan­gen, Heil­bronn und Neu-Ulm, 96 Marsch­flug­kör­per in den Huns­rück.

HUBSCHRAUBER

Von nun an sind sie auf den Stra­ßen Süd­deutsch­lands — immer neun. Neun Pers­hings bil­den eine Feu­er­ein­heit. Sie don­nern durch die Dör­fer, berg­auf-berg­ab die schwä­bi­sche Ach­ter­bahn, mit heu­len­den Moto­ren, qual­men­den Brem­sen. Blau­licht, Stahl­hel­me, MGs im Anschlag. Der geball­te Wahn­sinn.

VOR DEM RAKETENGELÄNDE IN MUTLANGEN:

FRIEDENSGRUPPE, singt: „Hey-ho — der Kampf geht wei­ter…“ SPRECHCHÖRE (DEUTSCH, NORWEGISCH

Autor  Wir bela­gern die Macht: im eng­li­schen Green­ham, im nor­we­gi-schen Ryg­ge, im ita­lie­ni­schen Com­i­so, im hol­län­di­schen Woens­drecht, im sauer­län­di­schen Has­sel­bach, im schwä­bi­schen Mut­lan­gen. Tag­aus, tag­ein. Blan­ke Ohn­macht, kal­te Wut in Schlaf­sä­cken auf blo­ßer Erde.

Frau Lend­le  … Man muss sein Herz in bei­de Hän­de neh­me, um das mache zu kön­ne. Weil — das wär wirk­lich zum Ver­zwei­feln, wenn man dem allen gegen­über steht. Die­ser Auf­wand an Poli­zei­ma­te­ri­al ! Im Hin­ter­grund die­se Ver­nich­tungs­waf­fen ! Also — da kommt man sich schon ohn­mäch­tig vor. Aber wie ich bin:  In mir regt sich dann manch­mal doch der Trotz. Es kommt auf die Stim­mungs­la­ge an — manch­mal kann ich mich allein gegen das alles so kräf­tig weh­re und stel­le. Und manch­mal denk ich ein­fach: Es ist zweck­los oder sinn­los. Aber das will ich gar­net auf­kom­me las­se. Ich find, das ist sehr, sehr wich­tig, daß die wis­se, dass es uns so nicht recht ist mit dene Rake­te, dass die hier sind!

HUBSCHRAUBER, KAMPFJETS

Autor  Mein Kri­sen­gold wei­ter­hin auf  Tal­fahrt: 345 Dol­lar, 300, 285 … Bis­he­ri­ger Ver­lust: 115 Dol­lar = 27 Pro­zent. Im gan­zen: 1 713 Mark  minus in sechs Mona­ten.

Iran und Irak schie­ßen geg­ne­ri­sche Tank­schif­fe und Städ­te in Brand. West­li­che Län­der schi­cken Flot­ten­ein­hei­ten in den Golf, um den Ölfluss zu sichern. Bei uns wird Heiz­öl knapp. Die Prei­se stei­gen. Man beob­ach­tet die ers­ten Hams­ter­käu­fe: Mehl, Zucker, Dosen­milch und Fleisch­kon­ser­ven. Ben­zin.

Die zustän­di­ge Behör­de teilt uns mit, wie man Jod­ta­blet­ten gegen Strah­len­krank­heit ein­nimmt. Ärz­te pro­tes­tie­ren. Wir lesen auf den Trans­pa­ren­ten: „Im Atom­krieg gibt es kei­ne Hil­fe“ — „Die Leben­den wer­den die Toten benei­den“.

Wir bil­den eine Tele­fon­ket­te. Wir ent­rüm­peln den Kel­ler. Demons­tra­tiv hän­gen wir das blau-wei­ße „Kulturgut“-Abzeichen vor die Tür — nach der „Haa­ger Land­kriegs­ord­nung“ (1907) ist das Haus für Luft­an­grif­fe ab sofort tabu.

Ein Freund aus der Bau­bran­che macht jetzt in Bun­kern. Tief im Gestein der Eifel probt das Bon­ner Not­par­la­ment.

Alle in einem Boot !

ATMO WEG

Bahr  Ich glau­be, dass der NATO-Dop­pel­be­schluss, rück­bli­ckend gese­hen, über­flüs­sig war. Er hat zu einer objek­ti­ven Erhö­hung der Gefahr geführt, und er hat mei­nes Erach­tens auch einen ande­ren poli­ti­schen, sehr viel bedeut­sa­me­ren Feh­ler gehabt. Näm­lich: Er hat zur Sta­bi­li­sie­rung der Regime im Osten bei­getra­gen. Denn selbst­ver­ständ­lich im Zustand wei­te­rer Rüs­tung nahm die Bedeu­tung und das Gewicht des mili­tä­risch-indus­tri­el­len Kom­ple­xes zu. Ein Mann wie Gor­bat­schow konn­te sich gegen­über sei­nen Mar­schäl­len nicht weh­ren, wenn die sag­ten: „Nun müs­sen wir aber auch was machen… Wir müs­sen wei­ter­ge­hen.“ — Mit ande­ren Wor­ten: Der NATO-Dop­pel­be­schluß hat die Mili­tärs gestärkt und die Regime drü­ben län­ger sta­bi­li­siert. 

Scholl-Latour  Ich bin über­zeugt, dass im Früh­jahr und Som­mer 1983, als die Nach­rüs­tung durch­ge­setzt wur­de, das abso­lut ent­schei­dend gewe­sen ist für ein aus­ge­wo­ge­nes Ver­hält­nis zur dama­li­gen Sowjet­uni­on. Dann sind die Gesprä­che in Gang gekom­men. Und dann hat sich jener Pro­zess ent­wi­ckelt, der zur Been­di­gung des Kal­ten Krie­ges führ­te, und dann –- o Wun­der –- zum Zer­fall der Sowjet­uni­on, mit dem nun wirk­lich damals nie­mand rech­nen konn­te!

Sta­isch  Hät­te sich die Mas­sen­de­mons­tra­ti­on die­ser Tage … 81 bis 83 -–- hät­te die sich durch­ge­setzt, hät­te es nie­mals die Mas­sen­de­mons­tra­ti­on von Dres­den und Leip­zig geben kön­nen und die deut­sche Ein­heit. 

Ich habe die­se Waf­fen auch nie gemocht, aber ich hab immer dar­an geglaubt, daß die Poli­tik der Stär­ke der rich­ti­ge poli­tisch-phi­lo­so­phi­sche Ansatz ist. 

Alt  Ich hab inso­fern umge­dacht, als ich davon aus­ging, daß der Wes­ten – die Demo­kra­tie sozu­sa­gen – allein die Kraft haben müss­te, als ers­ter auf­zu­hö­ren, und dadurch die ande­re Sei­te zu zwin­gen, auch auf­zu­hö­ren. Nun hat uns Michail Gor­bat­schow eines Bes­se­ren belehrt. Offen­bar weht der Geist — der hei­li­ge Geist — wirk­lich, wo er will. 

Guha  Die Abschre­ckungs­theo­rie ver­bie­tet ja Vor­leis­tun­gen, weil Vor­leis­tun­gen miss­deu­tet wer­den könn­ten als Bereit­schaft zur Kapi­tu­la­ti­on und ent­spre­chend Aggres­si­vi­täts­nei­gun­gen der schein­bar über­le­ge­nen Macht  nach sich zie­hen könn­ten. Mit die­sem … gera­de­zu … Dog­ma der Abschre­ckungs­theo­rie hat Gor­bat­schow Schluss gemacht. 

Alt  Das hat mir Michail Gobat­schow jetzt noch­mal bestä­tigt, dass er in sei­nem Zen­tral­kom­mit­tee und bei denen, die gegen ihn waren, des­halb sich durch­set­zen konn­te, weil er auf die Posi­ti­on der Frie­dens­be­we­gung und damit auf die Posi­ti­on der Mehr­heit der Men­schen im Wes­ten ver­wei­sen konn­te. 

Scholl-Latour  Wir haben ja den Frie­den erreicht ! Der Kal­te Krieg ist vor­bei. Das Ent­schei­den­de ist wohl gewe­sen, daß die Frie­dens­be­we­gung gemeint hat, durch Kon­zes­sio­nen den Frie­den zu errei­chen, und wir haben die­sen Zustand des Frie­dens jetzt erreicht durch die Ver­wei­ge­rung von ein­sei­ti­gen Kon­zes­sio­nen.

Oeser  Nedas war’s ja gar­nicht ! Das war’s ja gar­nicht ! Ein inter­ner Pro­zess in der Sowjet­uni­on hat zum Zusam­men­bruch geführt! Das Sys­tem brach ein­fach in sich zusam­men. Weil es refom­un­fä­hig war! 

Sta­isch  So, wie’s letzt­lich auch gelau­fen ist, war das NATO-Kon­zept das erfolg­rei­che und –- ich glau­be –- das Frie­dens­be­we­gungs-Kon­zept das träu­me­ri­sche.

Alt  Natür­lich ! Natür­lich ! Es gibt Leu­te, die ler­nen nichts dazu — auch im Jour­na­lis­ten-Kreis ! Mir hat Gor­bat­schow gesagt, als ich ihn fra­ge: Was war das größ­te Pro­blem für Sie ? Da sag­te er: Mein eige­nes Hirn — bis ich den Wahn­sinn, den wir hier gemacht haben, sel­ber begrif­fen habe ! Also — das ist einer, der sich geän­dert hat. Nur, weil er sich geän­dert hat, konn­te er die Welt ver­än­dern.

HUBSCHRAUBER

Autor  Am 8. Dezem­ber 1987 unter­zeich­nen Rea­gan und Gor­bat­schow den INF-Ver­trag: Kon­trol­lier­te Ver­nich­tung aller land­ge­stütz­ten Mit­tel­stre­cken-Waf­fen mit Reich­wei­ten von 500 bis 5500 Kilo­me­tern und der Abschuss­vor­rich­tun­gen.

Der Welt­un­ter­gang ist erst mal ver­scho­ben.

In die­sem Augen­blick erklimmt mein Krie­sen­gold den viel­leicht letz­ten Gip­fel sei­ner Lauf­bahn: 500 Dol­lar pro Unze. Uner­war­tet von den Fach­leu­ten und –- lei­der –- unbe­merkt von mir. Ich könn­te die Ver­lus­te wie­der wett­ma­chen, mit einem Schlag. Doch dem Ein­marsch des Irak 1991 in Kuwait folgt ein Preis­sturz — run­ter, auf trau­ri­ge 350. Adieu, Flucht­me­tall!

GOLFKRIEG IM RUNDFUNK:

Nach­rich­ten­spre­cher  Am Per­si­schen Golf hat heu­te Nacht der Krieg begon­nen. Kampflug­zeu­ge der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, Groß­bri­tan­ni­ens, Sau­di Ara­bi­ens und Kuweits grif­fen mili­tä­ri­sche Zie­le im gesam­ten Iraq sowie im besetz­ten Kuweit an.

Kor­re­spon­dent (TELEFONBERICHT) Ja, es sieht so aus, als ob die­ser Luft­an-griff –- die­se ers­te Wel­le –- die in den Irak geflo­gen wur­de, sehr erfolg­reich für die Ame­ri­ka­ner aus­ge­gan­gen ist. Und es heißt, dass zunächst ein­mal die ira­ki­sche Luft­waf­fe angeb­lich fast voll­stän­dig aus­ge­schal­tet wor­den ist. 

Nach­rich­ten­spre­cher  Nach Bekannt­wer­den der ers­ten Luft­an­grif­fe auf den Irak ver­sam­mel­ten sich in zahl­rei­chen Städ­ten der Bun­des­re­pu­blik meh­re­re Tau­send Men­schen, um gegen den Krieg zu demons­trie­ren. In Ber­lin zogen rund 700 Per­so­nen zur Gedächt­nis­kir­che.  Pro­test­kund­ge­bun­gen wur­den unter ande­rem auch  aus Bonn, Ham­burg, Göt­tin­gen, Osna­brück und Frei­burg gemel­det… 

LANGSAME KREUZBLENDE IN FLUGFELD SICKELS, DRACHENFEST

Autor  Gegen­wart. Gold ist end­gül­tig out. Mei­ne Kriegs­angst war ein glat­ter Spe­ku­la­ti­ons­ver­lust. Die letz­ten Gemein­den kas­sie­ren die Orts­schil­der mit dem Zusatz „Atom­waf­fen­freie Zone“. Boris Jel­zin sagt: Rus­si­sche Atom­ra­ke­ten zie­len nicht mehr auf die NATO. Der Regie­rungs­bun­ker in der Eifel ist schon dicht­ge­macht. In der Flug­ab­wehr­stel­lung auf dem Fin­ken­berg sam­melt jetzt die deut­sche Kreis­ver­wal­tung Wert­stof­fe und legt Kom­post­hü­gel an. Scha­fe wei­den auf dem Flug­platz Hahn im Huns­rück. Im Rake­ten­si­lo wach­sen Cham­pi­gnons. Die Spreng­lö­cher der Stra­ßen an der frü­he­ren Gren­ze wer­den mit Beton gefüllt. Bei Schwä­bisch-Gemünd tanzt die Jugend in den Han­gars. Und in Ful­da-Sickels las­sen sie Dra­chen stei­gen…

DRACHENFEST-ATMO HOCH UND ALLMÄHLICH WEG


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