Raketensommer ’83 – Analyse eines Alptraums

SFB+ORB / DLF / NDR 1998  (54:21).


AUS DEM MANUSKRIPT:
 

HUBSCHRAUBER-GERÄUSCH, VERLANGSAMT

Autor  Gold ist bil­lig im Som­mer ‘83. Die Fei­n­un­ze gle­ich 31,1 Gramm, kostet 400 Dol­lar oder 984 Deutsche Mark. Knapp die Hälfte im Ver­gle­ich zu 1980. 

Im Juni tausche ich den größten Teil mein­er mageren Erspar­nisse — unge­fähr 6000 Mark — in kanadis­che Münzen — 189, 4 Gramm Krisen-Gold. Wenn’s knüp­peldick kommt, kann ich damit vielle­icht Brot kaufen.

FLUGFELD SICKELS. DRACHENFEST. KAMPFDRACHEN-WETTBEWERB.

Laut­sprech­er­stimme:  „Eins, zwei, drei… (SCHREIEN) Zieht alles hoch was ihr habt…“

Autor  Heute kämpfen grin­sende Papier­drachen über dem Flugfeld in Sick­els bei Ful­da. Heute grap­schen Kinder nach Bon­bons, die vom Him­mel fall­en. Heute ist Drachen­fest.

Laut­sprech­er­stimme:  „Oioioioioi … Kämpft Leute, kämpft !“

DOKUMENT: HUBSCHRAUBER DAMALS

Damals, 1983, war hier Sper­rzone. „VORSICHT ! SCHUSSWAFFEN-GEBRAUCH !“ Wo jet­zt die vie­len bun­ten Autos parken, dro­ht­en Flu­gab­wehrraketen und MGs. In den Hangars „Cobra“-Kampfhubschrauber. Oliv­grüne US-Sol­dat­en ran­nten übers Flugfeld wie in einem Film von Fran­cis Ford Cop­po­la. Übten Alarm­start. Denn dort drüben – waf­fen­star­rend, Hand am Abzug, Fin­ger schon gekrümmt –- dort drüben war der Feind

DOKUMENTARFILM-TON:

Kom­men­ta­tor  Hier kön­nte der Dritte Weltkrieg begin­nen. Die Ful­da-Senke ist die tra­di­tionelle Ein­fall­straße von Ost- nach West­deutsch­land. Längst ver­fü­gen die USA über 1000 Kurzstreck­e­natomwaf­fen wie diese und eben­so die Sow­jets. Die meis­ten ver­schießen Granat­en, die stärk­er als die Hiroshi­ma-Bombe sind. Ihre Ziele wären Trup­pen, Panz­er und Ein­satzräume hin­ter der Front.

Autor  Dort drüben, in den blauen Bergen, ist die Gren­ze — der schmale Graben zwis­chen Ost und West, Gut und Böse, Krieg und Frieden, Ver­nich­tung und Ver­nich­tung.  Auf bei­den Seit­en atom­are Kurzstreck­en-Geschosse, viele tausend. Und im Osten: die Rakete SS-20, rus­sisch: „Pio­nier“. Ein 16 Meter langes, 1-Meter-und-70 dick­es Rohr, elf mal Hiroshi­ma im spitzen Sprengkopf. Ziel­ge­bi­et: ganz Wes­teu­ropa. Neun SS-20 waren vor sechs Jahren aufgestellt. Im Raketen­som­mer ’83 sieht man auf den Spi­onage-Fotos schon 350.

Im West­en vor­erst nur die Dro­hung. 108 Atom­zi­gar­ren der Marke „Per­sh­ing“ wür­den bis nach Moskau fliegen, 464 „Marschflugkör­p­er“ fast bis zum Ural. 

Ziel der „Nachrüs­tung“: ein Gle­ichgewicht des Schreck­ens. Der einge­frorene Show­down.

DOK-FILM

Kom­men­ta­tor  Wie viele Atom­waf­fen sind jet­zt in Deutsch­land sta­tion­iert — 5000 oder 7000 ? — US-Instruk­teur “Sprengköpfe ? Ja.“ – Kom­men­ta­tor Aber sie haben keine interkon­ti­nen­tale Reich­weite ? — „Nein. Die meis­ten sind Kurzstreck­en­waf­fen mit weniger als hun­dert Kilo­me­tern Reich­weite.“ – Kom­men­ta­tor Es würde sich also alles hier abspie­len ? – „Genau ! In bei­den Teilen Deutsch­lands“ („in both Ger­ma­nies“).

Autor  Seit 1980 herrscht Krieg am Schatt el-Arab. Schon im drit­ten Jahr stre­it­en sich die Nach­barn Irak und Iran über den Gren­zver­lauf. Der Irak block­iert iranis­che Erdöl-Ver­ladesta­tio­nen. Der Iran spielt Schif­fe­versenken im Golf. Die schnelle Ein­greiftruppe der USA übt für den Ein­satz in Mit­telost. Präsi­dent Ronald Rea­gan testet schon mal die fliegende Befehlszen­trale, die in Wash­ing­ton bere­it­ste­ht.

GERÄUSCHKULISSE WEG

Orth  Kein Men­sch wusste damals, daß hier Atom­waf­fen rund um die Uhr ein­sastzere­it waren, daß inner­halb von drei Minuten deutsche „Tor­na­dos“ mit amerikanis­chen Atom­bomben starten kon­nten. Daß deutsche Raketen inner­halb von Minuten mit Atom­sprengköpfen aus Ameri­ka bestückt wer­den kon­nten. Das wußte hier kein­er. 

Alt  Die Friedens­frage war deshalb so wichtig damals – die Friedens­be­we­gung – weil unser Über­leben immer auf etwa 7 Minuten gesichert war. Das war die Vor­warnzeit.

Schubarth  Also nach den nor­malen Erfahrun­gen, die wir mit men­schlich­er Geschichte hat­ten, bestand damals die sehr, sehr große Gefahr, dass es zu einem Atom­krieg kom­men wird, dass sich dieses ganze Wet­trüsten dann let­ztlich doch in ein­er gewalt­täti­gen Kon­fronta­tion zwis­chen Ost und West ent­laden kön­nte (nicht muss), und  dass das das Ende möglicher­weise der Men­schheit hätte bedeuten kön­nen. Um nichts gerin­geres ging es.

Bahr  Die Instru­mente hät­ten irren kön­nen und hät­ten zeigen kön­nen, es kom­men Raketen. Sowas ist auf der interkon­ti­nen­tal­en Ebene passiert. Und da hat man das nach sieben, acht Minuten erkan­nt und wieder alle Sys­teme in Ruhe gestellt. Wenn es um Sys­teme geht, die aber nur sieben Minuten fliegen, kann man nicht warten, bis der Irrtum in sieben, acht Minuten erkan­nt wird. Das heißt: Man muss auf den Knopf drück­en. 

Vogt  Das heißt, die Men­schheit war in der Lage — und das ist sie ja im übri­gen heute noch — sich mehrfach massen­haft wech­sel­seit­ig umzubrin­gen. Egal, wer ange­fan­gen hätte, es hätte jed­er sozusagen nicht gesiegt. 

Bahr  Die Dinger waren real vorhan­den, um Gottes Willen — mit ihren Kapaz­itäten ! Und jede war ein bißchen mehr als Hiroshi­ma ! Und es waren Dutzende ! Obwohl nach allen Aus­rech­nun­gen zwei, drei Explo­sio­nen genügt hät­ten, um die Zivil­i­sa­tion reak­tion­sun­fähig zu machen.

Alt  Also — das hab ich als eine unerträgliche Pro­voka­tion für jeden nach­den­klichen Men­schen auf diesem Plan­eten ver­standen — dass wir eine solche Sit­u­a­tion zuge­lassen haben, dass unser Über­leben immer auf’n paar Minuten gesichert war. Men­schen dür­fen einen solchen Unsinn, auf Atom­raketen zu set­zen, nicht machen. 

Zwerenz  Es wird ja heute von den Siegern der Geschichte so getan, als wäre das damals eine Ein­bil­dung der Paz­i­fis­ten, der Friedens­be­we­gung gewe­sen, dass also ein atom­ar­er Krieg, eine atom­are Auseinan­der­set­zung, möch­lich gewe­sen ist Das sehe ich ganz und gar nicht so. Im Gegen­teil — wir wis­sen ja nun aus den geöffneten Akten, dass bei­de Seit­en dur­chaus bere­it gewe­sen sind, zu einem atom­aren Schlagab­tausch. Wir standen einige Male nur ganz kurze Zeit, wahrschein­lich nur Sekun­den, vor einem solchen Infer­no.

Bahr  Wir haben Glück gehabt ! Wir haben wirk­lich­es Glück gehabt, dass nie erprobt wor­den ist, wer zuerst auf’n Knopp drückt und wer gewin­nt. Und man muss auch sagen: Es hat auf bei­den Seit­en genug ver­ant­wor­tungs­be­wußte Men­schen gegeben, damit das Glück seine Chance bekam. 

HUBSCHRAUBER-GERÄUSCH, VERLANGSAMT. DARAUF:

Autor  Ich mache Ver­lust. Wie zur Zeit des Falk­land­kriegs vor gut einem Jahr fällt der Gold­preis im Som­mer ’83 unter 400 Dol­lar pro Unze. Die „Fluchtwährung“ müsste jet­zt eigentlich steigen. 70% der Amerikan­er hal­ten einen drit­ten Weltkrieg für unver­mei­dlich.

Frauen­stimme  BESUCHEN SIE EUROPA, SOLANGE ES EUROPA NOCH GIBT!“ 

US-Zivilis­ten üben in Hanau die Evakuierung. Sol­dat­en vertreiben sich die Zeit mit einem Brettspiel: „Ful­da Gap — Die erste Schlacht des näch­sten Krieges“.

Mil­itär umgibt sich mit Stachel­draht; baut Wachtürme; gräbt sich tief ein, hängt Warn­schilder auf. Unsere Straßen sind mit Sprenglöch­ern durch­bohrt. Regelmäßig üben Spezial­trup­ps das Füllen der Schächte und das Anbrin­gen der Zünd­vor­rich­tun­gen.

DOKUMENTARFILM:

US-Instruk­teur „Im Umkreis von Punkt Null wird nichts mehr da sein. Was da ist, würde buch­stäblich wegge­blasen — keine Ortschaft mehr, nur ein Trüm­mer­haufen aus flachen Trüm­mern“ („basi­cal­ly blown away“).

Autor  Wir sehen einen Film der amerikanis­chen Fernse­hge­sellschaft CBS. Ein knochen­steifer Typ in Uni­form mit Zeigestöckchen stochert auf ein­er Land­karte Mit­teleu­ropas herum. Er zeigt auf uns, auf unsere Gegend; spricht vom inte­gri­erten Schlacht­feld, von „Ground Zero“ – „Punkt Null“;  vom Zen­trum ein­er „kon­trol­lierten Atom­ex­plo­sion“. Er beklagt, dass deutsche Städte nur zwei Kilo­ton­nen weit auseinan­der liegen. Wie lässt sich da ein ordentlich­er Krieg führen!

Und dann sagt der Kom­men­ta­tor diesen Schreck­enssatz: „Hier kön­nte der Dritte Weltkrieg begin­nen !“ Wir mit­ten­drin — Sta­tis­ten eines Katas­tro­phen­films.

KAMPF-JETS. STIMMEN DER MILITÄRISCHEN  FLUGLEIT-ZENTRALE. SCHRITTE, HUNDEGEBELL

Wach­mann  Hier — rufen Sie mal Ihre Leute zurück ! Mir müssen schießen ! Wir müssen schießen ! Im Bere­ich von 30 Metern … hier steht’s  ! Lesen Sie’s durch! Rufen Sie die Leute zurück!

Autor  Also leben wir auf einem Schlacht­feld. Wir sind Front — vorder­ste Front. Hub­schrauber­lärm grundiert unsere Tage. Sprach­los umrun­den wir die Waf­fen­lager. 250 NATO-Depots, 5000 Muni­tions-Bunker in West-Deutsch­land — „Strate­gis­che Reser­ven“. Sie sind wirk­lich da, vor unser­er Haustür. Auf diesem Feld­weg spiel­ten wir als Kinder — nach dem let­zten Krieg. Aber das Rif­fel­muster der Panz­er­ket­ten ist ganz frisch. 

BLASMUSIK / PROZESSION 

Mann  Es gibt bald keinen Ort mehr in Osthessen, wo nicht irgend ein Armee-Objekt ist, ‘n Bunker. Wo man hin­guckt, ist’n Sprengstoffde­pot. Unsere Feld­wege hier oben haben Sprengschächte — das muss man sich mal über­legen ! Die Straßen haben Sprengschächte ! Jedes zweite Auto, was hier auf der Bun­desstraße fährt, ist ‘n Mil­itär­fahrzeug. Wo man hin­guckt: nur noch Mil­itär !

Autor  Vom NATO-Übungsplatz bellen die Haub­itzen in die Litanei der Gläu­bi­gen hinein.

PROZESSION, BLASMUSIK UND SCHIESS-LÄRM

Gläu­bige  „Heilige Maria Mut­ter­gottes, bitte für uns Sün­der, jet­zt, und in der Stunde unseres Todes — Amen. Gegrüßet seist Du, Maria voll der Gnaden, der Herr ist mit Dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen. Und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesu. — Heilige Maria, Mut­ter Gottes, bitte für uns Sün­der, jet­zt und in der Stunde unseres Todes. Amen. Gegrüßet seist Du, Maria…“

KULISSE WEG

Antel­mann  Ich meine, das war ja erk­lärte Poli­tik von Seit­en der Amerikan­er, die Sow­je­tu­nion totzurüsten. Und Rea­gan hat noch eins draufgegeben und von der Regierung von „Mon­stern“ gespochen.

Alt  Was ist das für eine Poli­tik gewe­sen, damals. Die Wiedervere­ini­gung sagte, dass von Osten Deutsch­lands her nach West­en, und von West­en Deutsch­lands her nach Osten sich gegen­seit­ig die Ver­nich­tung  ange­dro­ht hat. 

Guha  Ich habe nie ver­standen — und betra­chtete deshalb die Befür­worter der Rüs­tungs- und Abschreck­ungs-The­o­rie als lebende Zom­bies -, dass sie zu einem Atom­krieg entschlossen waren, ohne eine Vorstel­lung von einem Atom­krieg zu haben — nur, weil eine Gen­er­a­tion ihre Kon­flik­te und Hän­del nicht lösen kon­nte, ein Sys­tem mit dem anderen nicht klarkom­men kon­nte, und deswe­gen die Zukun­ft – nicht nur die eigene son­dern auch der Kinder und aller weit­eren Gen­er­a­tio­nen – zu been­den, das erschien mir irgend­wie grotesk.

Krahulec  Es waren ja nicht nur die Haupt­strate­gen in Fort Leav­en­worth (das war die atom­are Denkzen­treale in Texas), son­dern es waren vielfältige Trans­mis­sions-riemen ins Örtliche, ins Regionale hinein – von der Bau­fir­ma, die daran ver­di­ent hat, die Beton­bunker in den Wald zu stellen und die Bäume zu fällen, von den Bürg­er­meis­tern, die genau wußten, was in den Wäldern … in den Bunkern lag, zu den Poli­tik­ern auf allen Ebe­nen, die unter­schiedlich aber immer­hin davon wußten: Hier wird nicht Vertei­di­gung prak­tiziert, son­dern Ver­nich­tung. Zu-Tode-Vertei-digung. 

Staisch  Während der Sta­tion­ierungs­de­bat­te und während des gesamten nuk­learen Gle­ichgewichts hab ich mich eigentlich immer ziem­lich sich­er gefühlt, weil – das soll nicht zynisch klin­gen – Hiroshi­ma und Nagasa­ki eine unheim­lich … lehrende Funk­tion für die Men­schen hat­ten. Nie­mand kon­nte sich vorstellen, bis die bei­den Bomben fie­len, was das heißt: nuk­lear­er Ein­satz ! Und ich habe den Ein­druck, daß diese Erfahrun­gen von Hiroshi­ma und Nagasa­ki alle ver­ant­wor­tungsvollen Poli­tik­er sehr diszi­plin­iert haben.

Antel­mann  Also — es hätte ja nur eines Fehlalarms oder Fehlin­ter­pre­ta­tio­nen bedurft — und es wär’ alles in die Luft gegan­gen. Und es war ja damals schon eine ganz merk­würdi­ge Stim­mung auch … 

FRIEDENS-GRUPPE / SINGT: „Dona nobis pacem“ – DARAUF:

Autor Im Schat­ten der Raketen proben wir das Neue, Bessere. Wir üben für den Tag danach: Friedens­land. Da blüht die Roman­tik, das Pathos der Gesänge. Da lassen wir den deutschen Schillerkra­gen blitzen. For­men Peace-Zeichen aus unseren Kör­pern; ord­nen die Masse zum Orna­ment. Auch so manch­er Protest ist auf rührende Weise gestrig.

Frau  Das ist ein­fach ständig angewach­sen. Der Sprengstoff, der in der Aufrüs­tung auf bei­den Seit­en drin­sitzt. Diese riesi­gen Men­gen von Zeug, die hier rum­liegen. Totale Ohn­macht!

Frau  Eines Tages, unver­mit­telt — „Bäng !“ — ist’s aus !  

Frau  Das hab ich gestern dem Michael gesagt: Weißt Du was — ich möchte das am lieb­sten eigentlich gar nicht miter­leben. Ich möcht irgend­wo ‘n Tablettchen haben, und wenn’s dann so weit ist, dann möcht ich’s schluck­en. Und dann ist Feier­abend. 

Frau  Ich bin sehr  dankbar, dass mein Mann ganz zufäl­lig Jäger ist und in dem Schrank da hin­ten vier Gewehre ste­hen. Ich bin auch dankbar, dass welche mit kurzem Schaft da ste­hen. Die sind leichter zu hand­haben.

Mann  Ich hab mich mit mein­er Frau in nächte­lan­gen Gesprächen darüber unter­hal­ten. Ich hab’ drei Kinder. Die will ich natür­lich groß kriegen. Aber ich muss mir doch ern­sthaft Gedanken machen, soll ich sie denn am Tag X  mit dem Beil totschla­gen oder was…?

ATMO WEG

Scholl-Latour  Es gab etwas, was Hel­mut Schmidt damals als die „Graue Zone“ beze­ich­net hat­te, nicht wahr !  Das war eben dieses wes­teu­ropäis­che NATO-Gebi­et, das atom­ar nicht entsprechend zu den sow­jetis­chen Möglichkeit­en geschützt war. Und kon­ven­tionell waren wir damals den Russen unter­legen. Ich glaube nicht, dass damals eine wirk­liche Kriegs­ge­fahr bestand, aber wir waren im Zus­tand der Erpress­barkeit.

Alt  Ich halte das für typ­is­ches altes Denken, diese Posi­tion ! Das ist das Denken der Leute, die nach wie vor sich nicht vorstellen kön­nen, daß man Frieden durch Dia­log — dadurch, dass ich mich vernün­ftiger ver­halte, als ich’s dem anderen unter­stelle — hinkriegen kann. 

Das sind Leute, die leben in Angst; sind gefan­gen in ihren eige­nen Äng­sten, ihren eige­nen per­sön­lichen Erfahrun­gen, und haben nie erlebt, was Ver­trauen bedeutet. 

Also zum Beispiel in der Schule des Meis­ters, der für mich ein großes Vor­bild ist, Jesus von Nazareth, lerne ich, dass Ver­trauen etwas ist, das die Welt bewegt und verän­dert — und nicht die Äng­ste, die dann schließlich zur atom­aren Rüs­tung führen !

Scholl-Latour  Wir müssen uns in die Zeit zurück­ver­set­zen von damals, nicht wahr ! Damals galt noch der alte lateinis­che Spruch:  „Wenn Du den Frieden willst, dann bere­ite Dich auf den Krieg vor!“

Orth  Die Friedens­be­we­gung hat ein völ­lig anderes Prinzip zu Grunde gelegt: „Wenn Du den Frieden willst, dann bere­ite Dich auf den Frieden vor!“ Warum dann auf den Krieg?

Scholl-Latour  Wir dür­fen ja eines nicht vergessen: Heute wis­sen wir ja über die Offiziere der DDR, mit denen man reden kann, dass im Raum Magde­burg eine sow­jetis­che Stoßarmee stand mit Ziel Rhein und Atlantik; und dass die auch genü­gend Treib­stoff und Muni­tion gebunkert hat­ten, um tat­säch­lich bis zum Rhein und bis zum Atlantik vorzus­toßen. Das war wirk­lich die let­zte große Kraft­probe zwis­chen West und Ost!

HUBSCHRAUBER-GERÄUSCH, VERLANGSAMT. DARAUF:

Autor  Wir verteilen Zif­ferblät­ter aus Papi­er, die Zeiger eine Minute vor Zwölf. Wir brüten über Sta­tion­ierungskarten. Das Vok­ab­u­lar unser­er kleinen Friedens­gruppe wird zuse­hends mil­itärisch­er: Waf­fen­mix, Erstschlagfähigkeit, Nul­l­lö­sung, Enthaup­tungss­chlag. Wir ver­schießen Wörter größten Kalibers. Nie­mand von uns lügt, nie­mand übertreibt mit Vor­satz. Und doch wer­den die Raketen­schat­ten täglich länger. Mit jedem Flug­blatt wächst auch unsere Angst.

Junge Frau  Zukun­ft bei mir? Das geht vielle­icht grade so über vier Wochen. Keine Vorstel­lung … Wir wis­sen ja nicht, was hier passiert oder in Europa über­haupt passiert. Was soll ich mir da Zukun­fts­gedanken machen ! Ich hab alles aufgegeben. Die let­zten Sachen ste­hen bei meinen Eltern im Keller. Aber son­st hab ich alles hier, was ich brauch.

ATMO WEG

Staisch  Ich habe nie dran geglaubt, dass mit etwas blauäugi­gen Friedens­märschen die Welt verän­dert wer­den kann. 

Scholl-Latour  Also, ich mein’ — diese Leute im Kreml, auch wenn sie sehr alt waren, waren ja doch aus­gemachte Zyniker der Macht ! Die hät­ten sich doch durch ein großes Friedens­begehren im West­en nicht beein­druck­en lassen — im Gegen­teil: Das war ja das, was sie woll­ten!

Staisch  Ich war immer der Mei­n­ung, daß poten­tielle Stärke mit poten­tieller Gegen­stärke aus­geglichen wer­den muß!

Scholl-Latour  Das ganze entsprach natür­lich ein­er großen Naiv­ität. 

Zwerenz  Große Bewe­gun­gen sind immer naiv!

Oeser  Was heißt „zu naiv“ ? Sich für das Leben und für die Zukun­ft einzuset­zen, mag immer naiv erscheinen. Aber gibt’s eine Alter­na­tive dazu?

Antel­mann  Ich kann mich erin­nern, dass ich grad mit mein­er Frau ‘ne Rad­tour machte in West­deutsch­land, als wir in einem Gasthof die Nachricht­en hörten, dass Rea­gan, als er dachte, die Mikro­phone wären abgeschal­tet, sagte: „Und in fünf Minuten wird Moskau bom­bardiert!”                                                                       

DOKUMENT:

Ronald Rea­gan  My fel­low Amer­i­cans !  I’m pleased to tell you today that I signed leg­is­la­tion that will out­law Rus­sia for­ev­er. We begin bomb­ing in five min­utes ! (GELÄCHTER)

Zwerenz  Ich hab nie die Friedens­be­we­gung für hys­ter­isch gehal­ten, son­dern ich habe stets die Gen­er­al­stab­s­plan­er, die Waf­fen­tech­niker und diejeni­gen, die sich auf die großen Kriege vor­bere­it­en, für Hys­terik­er gehal­ten. Und ich sehe diese Hys­terik­er auch jet­zt wieder am Wirken!

Zint  Es gibt natür­lich in jed­er Bewe­gung immer ‘n paar, die überziehen. Genau­so hab ich mich damals bei der Friedens­be­we­gung von den Leuten fer­nge­hal­ten, die mein­er Mei­n­ung nach auch sehr viele psy­chis­che Defek­te gle­ichzeit­ig mit beheben woll­ten – mit ihrem Engage­ment. Solche Leute gab’s natür­lich immer. 

Ach, ich glaub — da lohnt sich’s gar nicht drüber zu reden ! Das war eine prozen­tu­al ver­schwindend kleine Menge. Aber auf solche Leute stürzen sich natür­lich bes­timmte Medi­en.

Orth  Das war nicht so, wie Geg­n­er dacht­en: Das sind alles nur Leute, die strick­en und Angst haben ! Nein — dann hät­ten wir’s nicht geschafft, so viele Leute auf die Straße zu brin­gen ! Es war eine poli­tis­che Bewe­gung. Das war keine emo­tionale Bewe­gung. Das waren keine Angsthasen. Also — wir sind ja nicht die Dummköpfe gewe­sen, als die uns manche gern immer darstellen! Ne, so war das nicht!

Zint  Da, wo ich aktiv war,  war ganz schön was los ! Das war nicht betulich! Wir haben Panz­er mit­ten im Manöver block­iert, wir haben denen Steine in die Ket­ten gewor­fen. Und wir haben dann auch damals unfrei­willig ein paar­mal  Prügel von GIs bezo­gen. Da hat­te ich schon gel­ernt, daß durch vor­bildlich­es Leben und Still­hal­ten nix passiert. Da hat­te ich schon gel­ernt, daß wir ein­greifen müssen, daß wir was tun müssen. 

DEMONSTRATIONEN, BLOCKADEN, AUSEINANDERSETZUNGEN (MONTAGE): POLIZEIDURCHSAGEN, GERÄUSCHE VON HUBSCHRAUBERN UND KETTENFAHRZEUGEN, DRAMATISCHE SZENEN BEI RÄUMAKTIONEN DER POLIZEI 

Weinende Frau  … Das geht doch nicht so ! Hab doch gar nichts getan !  …

Nachricht­en­sprech­er  Zu Zwis­chen­fällen kam es, als bish­er Unbekan­nte an mehreren Stellen die Zäune des amerikanis­chen Hub­schrauber-Lan­de­platzes in Ful­da-Sick­els sowie des US-Ver­sorgungslagers in Neuhof-Giesel durch­schnit­ten.

Der Vor­sitzende der CDU/C­SU-Bun­destags­frak­tion, Dr. Dreg­ger, beze­ich­nete heute in Ful­da die Manöver­be­hin­derun­gen als „ekla­tante Ver­let­zung des inneren Friedens und Gefährdung der äußeren Sicher­heit“. 

Schubarth (REDE-DOKUMENT) Wenn wir im kom­menden Herb­st die Aktion „Manöver­be­hin­derung und Men­schen­netz im Ful­da Gap“ durch­führen, wollen wir eine Aktion gegen den Mil­itärap­pa­rat aber für und mit den Men­schen in dieser Region machen. Deshalb muss unsere Aktion ver­ständlich und der Bevölkerung ver­mit­tel­bar sein.…

HUBSCHRAUBER-GERÄUSCH, VERLANGSAMT. DARAUF:

Autor  Aber „die Men­schen“ sind — lei­der — gegen uns, nicht gegen die Raketen; nicht der Stachel­draht stört — sie stoßen sich am losen Treiben in den Camps. Gift­blicke pras­seln auf unsere Wig­wams, unsere Indi­an­er-tänze, die Parolen, die Fah­nen.  

Was wis­sen diese Zuschauer von uns ?

Ger­ade erst begin­nen wir das ganze Aus­maß der Nazi-Greuel  zu begreifen – da soll „der Russe“ wieder Feind sein ? 

Und was ist mit Viet­nam (Napalm, Agent Orange) ? Oder mit den CIA-Leichen in Südameri­ka — Sal­vador Allende, Vic­tor Jara ?  Auch die west­liche Seite ist kom­pro­mit­tiert.

Sollen wir das mir-nix -dir-nix aus­blenden? Viel ver­langt!

Frau  Poli­tik stört mich net ! Honn ja im Haus genug zu tun un’ honn für die Kind’ zu sorge, for die Enkelcha — dat is mei Auf­gab. Aber Poli­tik geht mich nix an. 

Andere Frau  Mir sind ja die ein­fache Leut. Mir müsse still­halte ! Das is alles, was wir könne!

Dritte Frau  Ja, was halte mir davon ? Das is net gut, das gefällt uns auch net ! Aber wir könne ja nix da dran tun, gell ! Gefällt uns auch net. Wir wollen doch alle keinen Krieg mehr ! Aber mir könne doch nix dran tun ! Ja, was soll’n mir denn tun ? Ja, was soll’n mir denn mache ?  Wir haben so’n kleines Dorf hier. Die nehmen dat so hin, net!

Mann  Mir brauche die Amerikan­er zum Leben hier. Son­st ham wir doch gar­nix. Was solln mir denn son­st arbeit­en? Abso­lut! 

Ander­er Mann  Es sind zir­ka 2000 deutsche Arbeit­er hier im Depot beschäftigt. 

Drit­ter Mann  Sie sehen hier ein Bau­un­ternehmen, das hat 95 Mann. Dieses Bau­un­ternehmen beschäftigt jet­zt zur Zeit rund 35 Mann hier im US-Bere­ich. Wenn wir diese Baustellen hier im US-Bere­ich nicht hät­ten, dann stän­den die 35 Mann, die hier sind, wahrschein­lich auf der Straße und täten der Bun­de­sanstalt für Arbeit zur Last fall­en. So sieht’s  aus!

VERFREMDETES HUBSCHRAUBER-GERÄUSCH WEG

Zint  Ich war auch ein rel­a­tiv unpoli­tis­ch­er Paz­i­fist. Als Wood­stock und dieses Fehmarn-Fes­ti­val –- let­zter Auftritt von Jim­my Hen­drix –- und diese Geschicht­en passierten … da saßen wir alle beisam­men und haben gedacht: Es wird nie wieder Krieg geben. Wir haben es geschafft. Und nun wird alles einen guten Gang gehen. Das war Ende der 60er, Anfang der 7oer.

Und wir haben geglaubt, dass das so weit­erge­ht. Wir haben geglaubt, dass wir alle Kon­flik­te dadurch lösen, dass wir selb­st gewalt­frei sind –- damit wer­den andere Leute zwan­gläu­fig genau­so gewalt­frei, wie wir sind. Und diese Naiv­ität ist ‘n Vor­recht der Jugend! Diesen Traum darf man haben! 

Wir haben unsere Camps gehabt, und diese Frieden­scamps waren also nicht nur von Leuten beset­zt, die die Trau­rigkeit gepachtet hat­ten. Ich erin­nere mich an sehr lustige Feten, die wir gefeiert haben. Wir hat­ten unsere eige­nen Lieder, unsere Musik, und da ging’s auch gut zur Sache. War ‘ne schöne Zeit!

VOR DEM ATOMWAFFEN-LAGER: SONNTAGNACHMITTAG- STIMMUNG. DARAUF:

Autor  Im Schat­ten der Raketen proben wir das Neue, Bessere. Wir üben für den Tag danach. Friedens­land.

Da blüht die Roman­tik, das Pathos der Gesänge. Da lassen wir den deutschen Schillerkra­gen blitzen. For­men  Peace-Zeichen aus unseren Kör­pern; ord­nen die Masse zum Orna­ment. 

Auch so manch­er Protest ist auf rührende Weise… gestrig.

Frau Län­dle  Die sind viel ern­sthafter. Die denke viel mehr nach wie die ältere Leut ! Die ältere Leut — die sind schon so wie abgestorbe ! Habe den Beruf  hin­ter sich und  jet­zt is’ so ’s Lebe vor­bei.  Und die junge Leut — die denke doch mehr zukun­fts­be­wußter, und sind auch poli­tisch bess­er ori­en­tiert. Und könne — ich glaub — auch ‘s Aus­maß bess­er erfasse, was über uns hängt ! 

Da denk ich immer: Ja gut, ich werd mit jedem Jahr älter und meine Kräfte lasse nach. Aber wenn’s noch solche junge Leut gibt, die mit so viel Opti­mis­mus an des range­he und diese Aufrüs­tung, diese sinnlose Aufrüs­tung in der Welt bekämpfe, das beruhigt mich ein­er­seits. Das macht mich sog­ar ganz glück­lich !

ATMO WEG

Bahr  Ich glaube, dass die Friedens­be­we­gung nötig war. Ich glaube, dass sie dem Gefühl, dem richti­gen Gefühl der Men­schen entsprach, dass die Bedro­hung zunimmt, und dass Rüs­tung plus Rüs­tung plus Nachrüs­tung plus Nachrüs­tung zu keinem Ergeb­nis führen. Sie war auf einem Auge blind — genau­so wie die Regierun­gen auf dem anderen Auge blind waren.

Zwerenz  Die linken Grup­pen — sowohl die K-Grup­pen als auch die DKP-Grup­pen — waren natür­lich auf dem linken Auge blind. Sie haben nicht wahrnehmen wollen –- manche auch nicht wahrnehmen dür­fen, aber die meis­ten nicht wahrnehmen wollen –-, dass zu der Wel­tun­ter­gangs-Bedro­hung durch Atom­krieg eben zwei Seit­en gehörten. 

Alt  Im großen und ganzen … jet­zt ver­such ich mir noch mal die Hauptf­tig­uren in Erin­nerung zu rufen: Petra Kel­ly — wie oft war Petra Kel­ly bei Her­rn Honeck­er und hat den zum Stop von Weit­er­rüs­tung gedrängt; Pfar­rer Albertz, Hein­rich Böll, Alfred Mechter­sheimer –- das war ja nu kein Men­sch, der auf dem linken Auge blind war son­dern … der hat ja eher ‘n Rechtss­chwenk gemacht inzwis­chen. Und auch ich beze­ich­nete mich damals und tu’ es heute als Kon­ser­v­a­tiv­en.

Orth  Die paar DKP-Mit­glieder –- das waren nicht die, die die Mil­lio­nen auf die Straße gebracht haben ! 

(HUBSCHRAUBER)

Autor  Mein Gold sackt weit­er ab. 393 Dol­lar… 380 Dol­lar… Die kana-dis­chen Münzen liegen unten in der Mehlk­iste für den Tag X, wenn die Bank geplün­dert oder über­ran­nt  wird oder ein­fach nicht mehr da ist. Krisen-Met­all — als Tauschw­ert für Brot oder rus­sis­che Rubel. Mause­totes Kap­i­tal. 

BONNHOFGARTEN

(KULISSE DER MASSENVERSAMMLUNG)

Sän­gerin  „Make love, not war — make love, not war (…)  Liebende aller Län­der, vere­inigt Euch ! Make love, not war (…)  Lovers of the world unite side by side…“

DARAUF:

Autor  23. Okto­ber 1983, Sonnabend. Strahlen­der Spätherb­st. 

Im Bon­ner Hof­garten ver­sam­meln sich 500 000 Men­schen. Die größte Protestkundge­bung der Nachkriegszeit. In Paris und West-Berlin sind es 150 000 – 300 000 in Stuttgart, 400 000 in Ham­burg, 500 000 in Lon­don, 750 000 in Rom. 

Wir sind ‘ne Menge, Herr Kohl ! Herr Rea­gan! Sie müssen uns zur Ken­nt­nis nehmen, Herr Breschnew!

Per­ry Fried­mann  Das ist das schön­ste Bild, das ich je gese­hen habe. Wir sind die Mehrheit ! Wir sind hergekom­men um zu sagen: Wir wollen in Frieden leben! In Fre­und­schaft leben!

Bas­t­ian  Liebe Ver­bün­dete im gemein­samen Kampf ! Lassen Sie uns den Machthabern in West und Ost, die ihre Macht scham­los miss­brauchen, um immer mehr Waf­fen anzuhäufen, anstatt die Prob­leme der Men­schheit gewalt­los zu lösen, den Gehor­sam aufkündi­gen und unüber­hör­bar ent­ge­gen­rufen, dass wir nicht länger gewil­lt sind, unsere Zukun­ft ihren verderblichen Parolen von Abschreck­ung und mil­itärischem Gle­ichgewicht anzu­ver­trauen.

Mechter­sheimer  Die Friedens­be­we­gung in der Bun­desre­pub­lik ver­wahrt sich gegen Stre­ichelein­heit­en aus Moskau, so lange die aufkeimende Friedens­be­we­gung in Osteu­ropa und in der DDR behin­dert wird.

Jungk  Nein, das ist eine wahnsin­nige Welt, und wir wollen raus aus dem Wahnsinn. Wir wollen eine Welt, in der man für seine Kinder sich freuen kann, für seine Enkel hof­fen kann. Diese Angst­welt — mit der muss Ende sein! Und hier begin­nt heute ein Lebens­fest! 

Böll  Ich weiß nicht, wieviel Kinder man mit dem sat­tkriegen kön­nte, was eine Rakete kostet (BEIFALL). Ich weiß nur, dass der Rüs­tungse­tat der Vere­inigten Staat­en im näch­sten Jahr pro Tag einein­halb Mil­liar­den Mark betra­gen wird (PFIFFE).

Brandt  Mit­bürg­erin­nen und Mit­bürg­er, liebe Fre­undin­nen und Fre­unde! Als ein­er der weit über eine Mil­lion Men­schen, die heute hier und ander­swo zusam­men­ste­hen, will ich über son­st Tren­nen­des hin­weg bekun­den: Wir brauchen in Deutsch­land und in Europa, so lange es ste­ht, nicht mehr Mit­tel der Massen­ver­nich­tung son­dern weniger !

Kel­ly  Wir müssen Schritte aus diesem NATO-Bünd­nis wagen ! Ein Nein zu den Waf­fen und ein Ja zur NATO ist absurd. Ich habe gehofft, daß es ein Nein wird ohne jedes Wenn und  Aber. Ich habe ein Nein gehört, was längs über­fäl­lig ist, aber ich warte auf das „Ohne-jedes-Wenn-und-Aber“! (BEIFALL)

Per­ry Fried­mann  Liebe Fre­unde ! Sin­gen wir dieses let­zte Lied zusam­men — im Geist Marthin Luther Kings jr., der in Ameri­ka ermordet wurde ! Sin­gen wir es in Sol­i­dar­ität mit allen Men­schen auf dieser Welt, die für den Frieden demon­stri­eren, kämpfen wollen!

WE SHALL OVERCOME…“

 ATMO WEG

Staisch  Was mich an dieser Friedens­be­we­gung immer fasziniert hat, obwohl ich ihre Ziele nie geteilt habe, war die men­tale und auch dur­chor­gan­sierte Fried­fer­tigkeit. Nicht nur, daß die Leute friedlich sein woll­ten, son­dern, dass sie’s auch organ­isatorisch geschafft haben, immer friedlich zu sein! 

Scholl-Latour  Das war eben der Trend. Das war die polit­i­cal cor­rect­ness, wie wir’s heute nen­nen. Ich hab eine gute Bekan­nte gehabt, und die war in dieser Riesen­masse und hat gesagt: Mein Gott, das war so ein her­rlich­es Gefühl, gemein­sam in ein­er solchen Masse zu marschieren! Und ich bin nun wirk­lich ein sehr alter Mann inzwis­chen, ich hab noch die Reichsparteitage erlebt — da hatt’ ich auch so’n Gefühl! 

Staisch  Ich hab den Hof­garten 1981 gefilmt, und ich hab -– ich glaub es war der 22. Okto­ber 1983 –- die Men­schen­kette Stuttgart-Ulm gefilmt. Und da war immer eine fried­fer­tige, ja fast volks­festhafte Stim­mung dabei. Wenn ich mir manche Demon­stra­tio­nen über Kernkraft und Cas­tor-Trans­porte angucke und das Gewalt­po­ten­tial da beobachte heute, dann hat sich die Friedens­be­we­gung in ihrem Willen und in ihrer organ­isatorischen Schlagkraft, friedlich zu sein, davon immer sehr, sehr pos­i­tiv abge­hoben. 

HUBSCHRAUBER-GERÄUSCH, VERLANGSAMT. DARAUF:

Rea­gan The sim­ple hope for peace is not enough. We must con­tin­ue to improve our defences to pre­serve peace and free­dom. The peo­ple of the Unit­ed States are say­ing: We are with you, Ger­many — you are not alone!

LANGER BEIFALL

DEUTSCHER BUNDESTAG. STIMMENGEWIRR NACH DER ABSTIMMUNG AM 22. 11. 83

Rain­er Barzel  Meine Damen und Her­ren ! Ich gebe das Ergeb­nis der Abstim­mung über den Antrag der Frak­tion CDU/CSU und FDP auf Duck­sache 620 bekan­nt. Abgegebene Stim­men: 513. Davon ungültige Stim­men: keine. Mit „Ja“ haben ges­timmt: 286. Mit „Nein“ haben ges­timmt 226. Enthal­tun­gen: eine.

Damit ist dieser Antrag angenom­men.

UNRUHE, BEIFALL

Rain­er Barzel   Meine Damen und meine Her­ren, damit sind wir am Schluss unser­er Tage­sor­d­nung. Bevor ich die Sitzung schließe, möchte ich bekan­nt geben, daß die bere­its angekündigte Sitzung des Ältesten­rates (…)

DARAUF:

Autor  Ein Monat später: der Schock. Mit der Mehrheit von 60 Stim­men beschließt der Deutsche Bun­destag den Vol­lzug der NATO-Nachrüs­tung. Schon am näch­sten Tag kom­men die Raketen — je 36 Per­sh­ing II nach Mut­langen, Heil­bronn und Neu-Ulm, 96 Marschflugkör­p­er in den Hun­srück.

HUBSCHRAUBER

Von nun an sind sie auf den Straßen Süd­deutsch­lands — immer neun. Neun Per­sh­ings bilden eine Feuere­in­heit. Sie don­nern durch die Dör­fer, bergauf-bergab die schwäbis­che Achter­bahn, mit heulen­den Motoren, qual­menden Brem­sen. Blaulicht, Stahlhelme, MGs im Anschlag. Der geballte Wahnsinn.

VOR DEM RAKETENGELÄNDE IN MUTLANGEN:

FRIEDENSGRUPPE, singt: „Hey-ho — der Kampf geht weit­er…“ SPRECHCHÖRE (DEUTSCH, NORWEGISCH

Autor  Wir belagern die Macht: im englis­chen Green­ham, im nor­we­gi-schen Rygge, im ital­ienis­chen Comiso, im hol­ländis­chen Woens­drecht, im sauer­ländis­chen Has­sel­bach, im schwäbis­chen Mut­langen. Tagaus, tagein. Blanke Ohn­macht, kalte Wut in Schlaf­säck­en auf bloßer Erde.

Frau Lendle  … Man muss sein Herz in bei­de Hände nehme, um das mache zu könne. Weil — das wär wirk­lich zum Verzweifeln, wenn man dem allen gegenüber ste­ht. Dieser Aufwand an Polizei­ma­te­r­i­al ! Im Hin­ter­grund diese Ver­nich­tungswaf­fen ! Also — da kommt man sich schon ohn­mächtig vor. Aber wie ich bin:  In mir regt sich dann manch­mal doch der Trotz. Es kommt auf die Stim­mungslage an — manch­mal kann ich mich allein gegen das alles so kräftig wehre und stelle. Und manch­mal denk ich ein­fach: Es ist zweck­los oder sinn­los. Aber das will ich gar­net aufkomme lasse. Ich find, das ist sehr, sehr wichtig, daß die wisse, dass es uns so nicht recht ist mit dene Rakete, dass die hier sind!

HUBSCHRAUBER, KAMPFJETS

Autor  Mein Krisen­gold weit­er­hin auf  Tal­fahrt: 345 Dol­lar, 300, 285 … Bish­eriger Ver­lust: 115 Dol­lar = 27 Prozent. Im ganzen: 1 713 Mark  minus in sechs Monat­en.

Iran und Irak schießen geg­ner­ische Tankschiffe und Städte in Brand. West­liche Län­der schick­en Flot­tenein­heit­en in den Golf, um den Ölfluss zu sich­ern. Bei uns wird Heizöl knapp. Die Preise steigen. Man beobachtet die ersten Ham­sterkäufe: Mehl, Zuck­er, Dosen­milch und Fleis­chkon­ser­ven. Ben­zin.

Die zuständi­ge Behörde teilt uns mit, wie man Jod­tablet­ten gegen Strahlenkrankheit ein­nimmt. Ärzte protestieren. Wir lesen auf den Trans­par­enten: „Im Atom­krieg gibt es keine Hil­fe“ — „Die Leben­den wer­den die Toten benei­den“.

Wir bilden eine Tele­fon­kette. Wir entrüm­peln den Keller. Demon­stra­tiv hän­gen wir das blau-weiße „Kulturgut“-Abzeichen vor die Tür — nach der „Haager Land­krieg­sor­d­nung“ (1907) ist das Haus für Luftan­griffe ab sofort tabu.

Ein Fre­und aus der Baubranche macht jet­zt in Bunkern. Tief im Gestein der Eifel probt das Bon­ner Not­par­la­ment.

Alle in einem Boot !

ATMO WEG

Bahr  Ich glaube, dass der NATO-Dop­pelbeschluss, rück­blick­end gese­hen, über­flüs­sig war. Er hat zu ein­er objek­tiv­en Erhöhung der Gefahr geführt, und er hat meines Eracht­ens auch einen anderen poli­tis­chen, sehr viel bedeut­sameren Fehler gehabt. Näm­lich: Er hat zur Sta­bil­isierung der Regime im Osten beige­tra­gen. Denn selb­stver­ständlich im Zus­tand weit­er­er Rüs­tung nahm die Bedeu­tung und das Gewicht des mil­itärisch-indus­triellen Kom­plex­es zu. Ein Mann wie Gor­batschow kon­nte sich gegenüber seinen Marschällen nicht wehren, wenn die sagten: „Nun müssen wir aber auch was machen… Wir müssen weit­erge­hen.“ — Mit anderen Worten: Der NATO-Dop­pelbeschluß hat die Mil­itärs gestärkt und die Regime drüben länger sta­bil­isiert. 

Scholl-Latour  Ich bin überzeugt, dass im Früh­jahr und Som­mer 1983, als die Nachrüs­tung durchge­set­zt wurde, das abso­lut entschei­dend gewe­sen ist für ein aus­ge­wo­genes Ver­hält­nis zur dama­li­gen Sow­je­tu­nion. Dann sind die Gespräche in Gang gekom­men. Und dann hat sich jen­er Prozess entwick­elt, der zur Beendi­gung des Kalten Krieges führte, und dann –- o Wun­der –- zum Zer­fall der Sow­je­tu­nion, mit dem nun wirk­lich damals nie­mand rech­nen kon­nte!

Staisch  Hätte sich die Massendemon­stra­tion dieser Tage … 81 bis 83 -–- hätte die sich durchge­set­zt, hätte es niemals die Massendemon­stra­tion von Dres­den und Leipzig geben kön­nen und die deutsche Ein­heit. 

Ich habe diese Waf­fen auch nie gemocht, aber ich hab immer daran geglaubt, daß die Poli­tik der Stärke der richtige poli­tisch-philosophis­che Ansatz ist. 

Alt  Ich hab insofern umgedacht, als ich davon aus­ging, daß der West­en – die Demokratie sozusagen – allein die Kraft haben müsste, als erster aufzuhören, und dadurch die andere Seite zu zwin­gen, auch aufzuhören. Nun hat uns Michail Gor­batschow eines Besseren belehrt. Offen­bar weht der Geist — der heilige Geist — wirk­lich, wo er will. 

Guha  Die Abschreck­ungs­the­o­rie ver­bi­etet ja Vor­leis­tun­gen, weil Vor­leis­tun­gen miss­deutet wer­den kön­nten als Bere­itschaft zur Kapit­u­la­tion und entsprechend Aggres­siv­ität­snei­gun­gen der schein­bar über­lege­nen Macht  nach sich ziehen kön­nten. Mit diesem … ger­adezu … Dog­ma der Abschreck­ungs­the­o­rie hat Gor­batschow Schluss gemacht. 

Alt  Das hat mir Michail Gob­atschow jet­zt nochmal bestätigt, dass er in seinem Zen­tralkom­mit­tee und bei denen, die gegen ihn waren, deshalb sich durch­set­zen kon­nte, weil er auf die Posi­tion der Friedens­be­we­gung und damit auf die Posi­tion der Mehrheit der Men­schen im West­en ver­weisen kon­nte. 

Scholl-Latour  Wir haben ja den Frieden erre­icht ! Der Kalte Krieg ist vor­bei. Das Entschei­dende ist wohl gewe­sen, daß die Friedens­be­we­gung gemeint hat, durch Konzes­sio­nen den Frieden zu erre­ichen, und wir haben diesen Zus­tand des Friedens jet­zt erre­icht durch die Ver­weigerung von ein­seit­i­gen Konzes­sio­nen.

Oeser  Nedas war’s ja gar­nicht ! Das war’s ja gar­nicht ! Ein intern­er Prozess in der Sow­je­tu­nion hat zum Zusam­men­bruch geführt! Das Sys­tem brach ein­fach in sich zusam­men. Weil es refo­mun­fähig war! 

Staisch  So, wie’s let­ztlich auch gelaufen ist, war das NATO-Konzept das erfol­gre­iche und –- ich glaube –- das Friedens­be­we­gungs-Konzept das träumerische.

Alt  Natür­lich ! Natür­lich ! Es gibt Leute, die ler­nen nichts dazu — auch im Jour­nal­is­ten-Kreis ! Mir hat Gor­batschow gesagt, als ich ihn frage: Was war das größte Prob­lem für Sie ? Da sagte er: Mein eigenes Hirn — bis ich den Wahnsinn, den wir hier gemacht haben, sel­ber begrif­f­en habe ! Also — das ist ein­er, der sich geän­dert hat. Nur, weil er sich geän­dert hat, kon­nte er die Welt verän­dern.

HUBSCHRAUBER

Autor  Am 8. Dezem­ber 1987 unterze­ich­nen Rea­gan und Gor­batschow den INF-Ver­trag: Kon­trol­lierte Ver­nich­tung aller landgestützten Mit­tel­streck­en-Waf­fen mit Reich­weit­en von 500 bis 5500 Kilo­me­tern und der Abschussvor­rich­tun­gen.

Der Wel­tun­ter­gang ist erst mal ver­schoben.

In diesem Augen­blick erk­limmt mein Kriesen­gold den vielle­icht let­zten Gipfel sein­er Lauf­bahn: 500 Dol­lar pro Unze. Uner­wartet von den Fach­leuten und –- lei­der –- unbe­merkt von mir. Ich kön­nte die Ver­luste wieder wettmachen, mit einem Schlag. Doch dem Ein­marsch des Irak 1991 in Kuwait fol­gt ein Preis­sturz — runter, auf trau­rige 350. Adieu, Flucht­met­all!

GOLFKRIEG IM RUNDFUNK:

Nachricht­en­sprech­er  Am Per­sis­chen Golf hat heute Nacht der Krieg begonnen. Kampflugzeuge der Vere­inigten Staat­en, Großbri­tan­niens, Sau­di Ara­bi­ens und Kuweits grif­f­en mil­itärische Ziele im gesamten Iraq sowie im beset­zten Kuweit an.

Kor­re­spon­dent (TELEFONBERICHT) Ja, es sieht so aus, als ob dieser Luftan-griff –- diese erste Welle –- die in den Irak geflo­gen wurde, sehr erfol­gre­ich für die Amerikan­er aus­ge­gan­gen ist. Und es heißt, dass zunächst ein­mal die irakische Luft­waffe ange­blich fast voll­ständig aus­geschal­tet wor­den ist. 

Nachricht­en­sprech­er  Nach Bekan­ntwer­den der ersten Luftan­griffe auf den Irak ver­sam­melten sich in zahlre­ichen Städten der Bun­desre­pub­lik mehrere Tausend Men­schen, um gegen den Krieg zu demon­stri­eren. In Berlin zogen rund 700 Per­so­n­en zur Gedächt­niskirche.  Protestkundge­bun­gen wur­den unter anderem auch  aus Bonn, Ham­burg, Göt­tin­gen, Osnabrück und Freiburg gemeldet… 

LANGSAME KREUZBLENDE IN FLUGFELD SICKELS, DRACHENFEST

Autor  Gegen­wart. Gold ist endgültig out. Meine Kriegsangst war ein glat­ter Speku­la­tionsver­lust. Die let­zten Gemein­den kassieren die Ortss­childer mit dem Zusatz „Atom­waf­fen­freie Zone“. Boris Jelzin sagt: Rus­sis­che Atom­raketen zie­len nicht mehr auf die NATO. Der Regierungs­bunker in der Eifel ist schon dicht­gemacht. In der Flu­gab­wehrstel­lung auf dem Finken­berg sam­melt jet­zt die deutsche Kreisver­wal­tung Wert­stoffe und legt Kom­posthügel an. Schafe wei­den auf dem Flug­platz Hahn im Hun­srück. Im Raketen­si­lo wach­sen Champignons. Die Sprenglöch­er der Straßen an der früheren Gren­ze wer­den mit Beton gefüllt. Bei Schwäbisch-Gemünd tanzt die Jugend in den Hangars. Und in Ful­da-Sick­els lassen sie Drachen steigen…

DRACHENFEST-ATMO HOCH UND ALLMÄHLICH WEG


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