RADIO IST SOUNDWIE WIR TÖNE ZUM SPRECHEN BRINGEN

Radio als Rekon­struk­tion der „Wirk­lichkeit“ und eine Kon­tro­verse zur “Über­be­w­er­tung” der Stereo­phonie, 2015. swr-Radioblog vom 25. 2. 2015.


Merken Sie sich den Ter­min: 5. April, 20 Uhr ! Schal­ten Sie dann das Erste Pro­gramm des SFB-Hör­funks ein, und Sie wer­den eine Sen­sa­tion erleben!   (“Nacht­de­pesche” Berlin, 31. 3. 1967).

Die “Sen­sa­tion” war das “voll-stereo­phone” SFB-Fea­ture „Hüh­n­er“ des Berlin­er Autors Peter Leon­hard Braun (* 1929) über indus­trielle Tier­her­stel­lung und Ver­w­er­tung – ein The­ma, dessen skan­dal­trächtige Seit­en öffentlich noch kaum disku­tiert wor­den waren.  Von ein­er “his­torischen Stunde” schrieb “Die Welt”.  Dies in ein­er Zeit der Totenglöckchen und Nachrufe, als das Fernse­hen dem Hörmedi­um schon gewaltig zuset­zte.   


ERZÄHLER  So sitzt es mir im Gemüt … Bauern­haus, Land, Grün (…)

FACHSTIMME 1  Ein Hof ist ein Pro­duk­tions­be­trieb … 

FACHSTIMME 2  Der Bauer ist land­wirtschaftlich­er Unternehmer.

FACHSTIMME 1  Zwanzig Hüh­n­er … 

BAUER  Fün­f­tausend …

FACHSTIMME 1 Fün­fzig­tausend … 

FACHSTIMME 2   Hun­dert­tausend …  

BOSS  Halbe Mil­lion …
 


Zunächst saßen die Hör­er bei diesem Open­ing von ein­er knap­pen Minute eingek­lemmt zwis­chen ihren Erwartun­gen und den Aus­sagen der Fach­leute.  Das nach­fol­gende Stere­ogeräusch, ein bis dato im Radio nie gehörtes Crescen­do bis zum Auss­teuerungs-Lim­it – REGIE-ANWEISUNG: HÜHNERHALLE, PANORAMAEFFEKT; VOLLE, DAS THEMA UND DIE NEUE TECHNIK AUSDRÜCKENDE WIRKUNG  sollte sie davon überzeu­gen, dass die Beschrei­bung ein­er “Farm” mit hun­dert­tausenden Hüh­n­ern längst Wirk­lichkeit war. 


Die Akustik sprach selb­st, nicht nur als Doku­ment oder bloßes Hin­ter­grundgeräusch, son­dern gle­ich­berechtigt mit dem tra­di­tionell höher gehan­del­ten Text. 1967 floss der Strom noch aus der Steck­dose. “Hun­dert Meter Kabel war die max­i­male Reich­weite”, erin­nert sich der heute 86jährige Peter Leon­hard Braun an das mak­ing-of der Hüh­n­er­fab­rik-Sendung. Erst ein paar Jahre später bekam die Auf­nah­me­tech­nik Beine. 


1973, als ich selb­st zur SFB-Fea­ture-Mannschaft stieß, war “Mono” noch die vorherrschende Schwarzbrot-Tech­nik. Dann, als stereophon aufge­sat­tel­ter Autor, durfte ich wie eines jen­er Ein-Mann-Orch­ester der Nachkriegszeit herumwan­deln: vorn die Beck­en und das Xylophon, große Trom­mel auf dem Rück­en, auf dem Kopf der Schel­len­baum.

Inzwis­chen liefern erschwingliche Pock­e­trecorder mit inte­gri­erten Mikro­pho­nen (Gewicht 200 Gramm ein­schließlich Akku, Handy­for­mat) für 300 Euro bril­lanteste Stereo-Auf­nah­men . Und doch tre­ffe ich bei Radiowork­shops Autoren der jün­geren Gen­er­a­tion, die in ihrem Beruf­sleben noch nie so ein Stereoteil in der Hand hat­ten und vom hid­den micro­phone träu­men, das man gar nicht mehr extra aus dem Sakko ziehen muss. Arme Men­schen, denke ich. Was ihnen alles ent­ge­ht!  


48 Jahre nach Brauns “Hüh­n­ern” erk­läre ich noch immer geduldig den kleinen Unter­schied mit der großen Wirkung. Etwa so: Schall­wellen erre­ichen bei­de Ohren und entsprechend die nach Links und Rechts lauschen­den Kapseln unseres Stereo-Mikrophons niemals gle­ichzeit­ig. Die ent­fer­n­ten Dom­glock­en links von uns erre­gen die mikroskopisch feinen Haarzellen des linken Innenohrs um Sekun­den­bruchteile früher als der Spatz auf der recht­en Seite. Das Gehirn schließt aus dem Laufzeitun­ter­schied und dem dif­ferieren­den Fre­quen­zspek­trum auf die Beschaf­fen­heit des Raums, in dem das Schallereig­nis stat­tfind­et. 

Ein Mono-Sig­nal, bei dem alle Klang- und Rich­tungsan­teile des Orig­inal­tons in einem Punkt zusam­menges­taucht sind, gle­icht dage­gen einem  Sound­knödel, einem dumpfen akustis­chen Schleimk­lumpen. Die größte Errun­gen­schaft der Stereo-Tech­nik heißt: Trans­parenz. Der Knoten wird entwirrt. Wir kön­nen ein­tauchen in einen vielschichti­gen Klang, der unser­er wahrgenomme­nen “Wirk­lichkeit” nahekommt. 


Aus­ge­feil­ter Real­sound ist unser Heimvorteil ! Klangäs­thetisch kön­nten wir mit knack­senden, ver­rauscht­en, einkanali­gen O-Tönen im medi­alen Wet­tbe­werb kaum Punk­te sam­meln.  Die Leute sind dol­by-sur­round- und blu-ray-ver­wöh­nt. 


Nun lässt sich aber die “wahrheits­ge­treue” Wieder­gabe ein­er bes­timmten, vom Autor erlebten akustis­chen Sit­u­a­tion sel­ten mit ein­er einzi­gen Tonauf­nahme erre­ichen. Das ein­fältige Mikrophon liefert immer nur die Summe aller vorhan­de­nen Einzel­geräusche. Das Mate­r­i­al für ein dif­feren­ziertes Sound­scape, dem länger als 15 Sekun­den zuzuhören sich lohnt, gewin­nen wir durch selek­tives Aufnehmen sein­er einzel­nen Bestandteile. 


Habt ihr schon einen Kam­era­mann beobachtet, der sich mit einem neuen Film­set ver­traut macht – wie er glotzt, schnüf­felt, die Augen zusam­menkneift; wie er Einzel­heit­en bemerkt, vormerkt oder gle­ich wieder ver­wirft ? So sehen (und hören !) wir ja auch in Wirk­lichkeit: selek­tiv.

Wom­öglich müssen wir also die “Orig­i­nalk­länge” im Stu­dio neu erschaf­fen: das, was uns typ­isch erscheint; was wir über diesen Ort, diese Sit­u­a­tion  aus­sagen möcht­en; was uns beein­druckt hat; was wir als Summe unser­er Ein­drücke noch “im Ohr haben”. Mon­tage und Klang-Mis­chung sind akustis­ches Nach-Erzählen dessen, was wir an Ort und Stelle gehört und erlebt haben – mit Hil­fe der beson­deren “Wörter”, „Sil­ben“, “Buch­staben” unseres The­mas. 


Gutes Radio, Fea­ture zumal, ist Rekon­struk­tion und bedeutet auch fast immer kom­prim­ierte Zeit. Zwei Beispiele aus eigen­er Pro­duk­tion: 


SAO PAULO / VIELE KLAGENDE, FLEHENDE STIMMEN. Hier sind sie gelandet — die Armut­sem­i­granten aus dem Nor­dosten Brasiliens. Ihre Heimat haben sie ver­lassen, ihre Träume nicht gefun­den, es gibt kein Zurück. Die täglichen Zusam­menkün­fte in den Bethallen der “Igre­ja Pen­te­costal Deus é Amor” (“Gott ist Liebe”) und der anderen neo-charis­ma­tis­chen Pfin­gstkirchen geben ihnen Gele­gen­heit, den über­wälti­gen­den Frust kollek­tiv her­auszuschreien. Mein Stereo-Mikrophon badet im Chor der 800 Unglück­lichen. Das schauer­liche Crescen­do, das in Wahrheit zweiein­halb Stun­den dauert, wird später im Stu­dio auf zweiein­halb Minuten verdichtet. Radio hat ein eigenes Zeit­maß. 


PSALMODIERENDE THORA-STUDENTEN VOR EINER HISTORISCHEN SYNAGOGE AM RAND DER KLEINSTADT JERICHO (WESTJORDANLAND). Nach Schließung des israelis­chen Wacht­postens soll der Ort in palästi­nen­sis­che Ver­wal­tung überge­hen. Dage­gen protestieren diese jun­gen Män­ner. Die Regierung stellt ein Ulti­ma­tum. Bis zum Abend soll der Ort geräumt sein. Was die Akustik erzählt, vernehme ich zunächst als Ohren­zeuge: Jüdis­che Gebete und der moslemis­che Gebet­sruf um die Mit­tagszeit ver­mis­chen sich zu ein­er har­monis­chen Wort-Musik nach der gle­ichen phry­gis­chen Ton­leit­er. Der gemein­same kul­turelle Ursprung und – ich wage es kaum zu denken – die friedliche Zukun­ft bei­der Völk­er wer­den hör­bar. Eine akustis­che Utopie. Allerd­ings ste­hen Moschee und Syn­a­goge anderthalb Kilo­me­ter von einan­der ent­fer­nt. Die 1:1-Aufnahme kön­nte den Zusam­men­klang nie abbilden. Für das Auf­nah­megerät, eingepegelt auf die nahen Stim­men der Betenden, wäre der weit ent­fer­nte Gebet­srufer nahezu unhör­bar. 


Als Autor rekon­stru­iere ich die Szene später aus fol­gen­den Bestandteilen: Tho­ra-Schüler I, II und III / Funk-Verkehr aus dem Laut­sprech­er eines Mil­itär­jeeps / Hub­schrauber-Kulisse / Muezzin (andern­tags aus der Nähe aufgenom­men) / Erzäh­ler. Nach ein­er sim­plen Par­ti­tur wer­den O-Ton-Par­tikel zu einem akustis­chen Text geord­net, der beinah ohne Wörter auskommt. 


Den Sound­puris­ten und Fliegen­beinzäh­lern wer­den die Haare zu Berg ste­hen.  Darauf nur diese Antwort: Gradmess­er für das Gelin­gen kann keine nach­prüf­bare “Authen­tiz­ität” sein, son­dern einzig und allein die aus dem Gehörten ableit­bare Glaub­würdigkeit . Mehr ist nicht zu haben.



Sound­knödel ? Schleimk­lumpen ?

Kom­men­tar von Tom Hei­thoff (Autor, Regis­seur, Musik­er)

Mono gle­ich Sound­klumpen? Stereo gle­ich Trans­parenz und vielschichtiger Klang, der unser­er wahrgenomme­nen “Wirk­lichkeit” nahekommt? Das kann man aber auch anders sehen, vielmehr hören. Die hier beschriebene Wirk­lichkeit­ser­fahrung vol­lzieht sich näm­lich keineswegs auf einem natür­lichen Wege, son­dern bedarf ein­er höchst unnatür­lichen Zwangspo­si­tion­ierung des Hör­ers. Um das Stere­o­bild zu erfahren, muss er entwed­er genau zwis­chen den Laut­sprech­ern sitzen oder sich Kopfhör­er auf die Ohren klem­men. Bei­des sehr unan­genehme, frei­heits­ber­aubende Maß­nah­men.

Stereo ist mein­er Mei­n­ung nach völ­lig über­be­w­ertet. Das Streben in die Bre­ite führte zudem zu immer einzwän­gen­deren Entwick­lun­gen wie Sur­round, wo die kör­per­liche wie akustis­che Frei­heit des Hör­er gän­zlich beschnit­ten ist. Die Laut­sprech­er schreiben mir vor, wie und wo ich was zu hören habe. Das mag genießen, wer will. Ich höre Fea­tures und Hör­spiele am lieb­sten aus einem Mono­ra­dio, wo mir die tech­nis­chen Spielver­suche erspart bleiben und ich auch mit einem Ohr, auf dem Kopfkissen liegend, nicht von der Radiokun­st aus­geschlossen bin.

Mono bedeutet keineswegs “Sound­klumpen”. Mono ist an sich schon ein “kün­st­lerisch­er” Ein­griff. Genau­so wie das drei­di­men­sion­ale Augen­bild auf der zwei­di­men­sion­alen Lein­wand nicht ver­liert, son­dern gewin­nt (näm­lich an Verdich­tung, kün­st­lerisch­er Reduk­tion und Konzen­tra­tion), sehe ich Mono nicht als Man­gel, Entschei­dend sind, da bin ich mit Ihnen einig, Mon­tage und Klang­mis­chung. Mit Monoauf­nah­men lässt sich genau so gut ein sub­til­er Klan­graum mis­chen. Und möglich­weise entste­ht dann ein Raum, der zwar weniger Bre­ite entwick­elt, aber dafür mehr Tiefe.


2 Ohren sind Fakt

Rep­lik auf die Rep­lik zu obigem Blog-Text (1. März 2015)

Lieber Tom Hei­thoff,

was die Sur­round-Tech­nik bet­rifft, kann ich Ihnen nur zus­tim­men. Jeden zweit­en Mul­ti­plex-Kinosaal ver­wan­deln die Mehrkanal-Effek­te in eine Art Geis­ter­bahn: Schüsse von hin­ten, Pfer­dege­trap­pel quer über die Sitzrei­hen hin­weg – und dies zum immer noch begren­zten Bild auf der Lein­wand, das kein vorn und hin­ten ken­nt (3D natür­lich ausgenom­men, aber das gehört schon zum Kapi­tel “Folter”).  Über Sur­round im Hörmedi­um schrieb ich vor zwei Jahren: 

Nun also holt uns die Tech­nik (sprich die Indus­trie) in den Klub­ses­sel zurück, mehr noch: Sie umstellt uns mit fünf Schal­lquellen “in Heimanord­nung”, aus­gerichtet auf den Cen­ter-Laut­sprech­er, und attack­iert uns pfeil­ge­nau mit Effek­ten aus den »Sur­rounds«, das heißt: von allen Seit­en.

Und ähn­lich­es zu den Auf­nah­men draußen, “im Feld”:

Wir, die Autoren, sind froh, dass uns Mini­disk-Recorder, pro­fes­sionelle Walk­men, kleine und leichte Flash­card- und Hard­disc-Recorder das »Nagra«-Gewicht des Ban­dauf­nahme-Equip­ments nach und nach von den Schul­tern genom­men haben. Soll­ten wir –»dem Leben auf der Spur« – nun das aus­ladende Sur­round-Equip­ment wie Ket­ten­sträflinge durch die Welt schlep­pen?

Bei der Stere­phonie liegen die Dinge mein­er Überzeu­gung nach anders. Wir sind keine Ket­ten­sträflinge mehr, drin­nen wie draußen. Fast alle, die ich kenne, hören Fea­tures und Hör­spiele mit fed­er­le­icht­en Kopfhör­ern und genießen den akustis­chen Mehrw­ert. Aber auch bei der Wieder­gabe über zwei Laut­sprech­er-Box­en zwingt uns doch nie­mand in eine “unnatür­liche Zwangspo­si­tion­ierung” und beschnei­det unsere “kör­per­liche wie akustis­che Frei­heit”.  Natür­lich kann ich Stereo im Küchen­ra­dio hören (und aus Bequem­lichkeit geschieht das hie und da). Selb­st im Herumwan­dern außer­halb des “Ide­alpunk­ts” erlebe ich den Stereoton aus Laut­sprech­ern trans­par­enter, räum­lich entzer­rt – ein­fach schön­er. Aber ich lasse mir – genau wie Sie – von Laut­sprech­ern nichts vorschreiben.

Mit entspan­nten Grüßen

Ihr Kopet­zky

(Im übri­gen kom­men Neuge­borene noch immer mit 2 Ohren auf die Welt)