Nach dem Goldrausch

Boom und Elend in Ama­zonien – Ein Reise­führer für Uner­schrock­ene.

Bay­erisch­er Rund­funk (2001).

Sprech­er (TROCKEN):  Also wie Sie nach Cre­poriz­in­ho kom­men? Das ist ganz ein­fach. Sie starten — sagen wir mal — in Frank­furt am Main.

CLAUDIO SANTORO, “TRIO PARA VIOLINO, VIOLONCELO E PIANO” (1973)  UND KLANG-ELEMENTE EINER INDIGENEN ZEREMONIE

Nur 12 Stun­den bis São Paulo. Und (wenn der Anschluß klap­pen sollte) viere­in­halb Stun­den bis Belém an der Ama­zonas­mün­dung. Dann mit der Ein­mo­tori­gen bis San­tarém, 780 Kilo­me­ter flußaufwärts, halbe Strecke bis Man­aus. Dann Schiff, 12 Stun­den Hänge­mat­te auf dem Tapa­jós — manch­mal auch viel länger. Ein paar Tage Aufen­thalt in Itaitu­ba, dann Weit­er­flug — den kann natür­lich nie­mand garantieren, ich am wenig­sten. 

Sie fliegen also Rich­tung Mato Grosso, 300 Kilo­me­ter  unge­fähr. Cre­pro­sisão heißt das Kaff. Noch acht bis zwölf Stun­den Pick­up, Lade­fläche. Und — voilá ! Cre­poris­in­ho ! Bis zu den garim­pos, zu den Gold­mi­nen, dann nur ein Katzen-sprung, 40 Kilo­me­ter durch den Urwald — oder was davon übrig ist. 

MUSIK- UND KLANGTEPPICH WEG

Ich hoffe, Sie erwarten keine Traum­reise.

Ansage 

HAFENKULISSE SANTARÉM

(…) Sie haben also ihre Hänge­mat­te auf die „Lid­er II“ gebracht und aufge­hängt. Die Reise­lek­türe ist gratis:  „Jesus — Dein Hirte“ und „Wie man das Ewige Leben erlangt“. Instruk­tio­nen für Schiff­sun­tergänge fehlen — wie auf der Ana Maria VIII., zuge­lassen für 70 Pas­sagiere, mit 180 abge­sof­fen bei Man­aus. Oder auf der Princes­sa Aman­da. Nur 21 Todes­opfer. 

Aus Ihrer Hänge­mat­te blick­en Sie auf die Massen­szene am Ufer. Erstaunlich, was die alles an Bord schlep­pen: Klobeck­en, Berge von Reis in Säck­en, Well­blech, Türme von Six­packs, Mostrich in Kübeln, Motor­räder, Autor­eifen, Stoßdämpfer, Gas­flaschen, eine ganze Ladung Außen­bor­d­mo­toren. Und das alles ver­schwindet in dieser Ansamm­lung von weißen Schif­f­en aus Holz, die so gemütlich ausse­hen, wie Sofas mit Gelän­der. So … müt­ter­lich.

ABLEGEMANÖVER  / RUFE etc.

Na dann ! Cre­poriz­in­ho freut sich auf Ihren Besuch. Sie sind auf ein­er Reise, die Sie nie vergessen wer­den. 

BUGWELLEN, SCHIFFSDIESEL

Auf der „Lid­er II“, die Sie eigentlich benutzen wollen, ist die Mas­chine aus­ge­fall­en, und gemein­sam mit den anderen Pas­sagieren haben Sie noch im Hafen die “Alian­ca II” geen­tert, die daneben­lag. Sie ist natür­lich über­füllt. 

Die Reisenden hän­gen wie zwei Lagen Fle­d­er­mäuse von der niedri­gen Decke. Über ihnen baumeln Taschen, Tüten, Früchte, Vogel­bauer. Die jun­gen Frauen nebe­nan, zwei bunte Kolib­ris, haben ihre Hochhack­i­gen abgestreift. Wenn die junge Mut­ter links nach Ihrem Kind schaut —  das schlum­mert wie die Erb­se in der Schote -, gerät die ganze Hänge­mat­ten-Rei­he in Bewe­gung, und es knufft und pufft von allen Seit­en.

Sie lei­den doch nicht unter Platzangst?  Sie wer­den ohne­hin kein Auge zutun… 

MUSIK (San­toro) / SCHIFFSGERÄUSCHE

Der Tapa­jós ist hier bre­it wie ein Meer. Aber manch­mal fährt die “Alian­ca II” dicht unter dem Ufer. Dann riecht es brack­ig an Bord — mod­rig, erdig. 

Der Bug zerteilt schwim­mende Inseln aus Gras. Baum­riesen ste­hen schwarz in der war­men, feucht­en Nacht. 

Die Tür zum Steuer­haus ist offen. Drin­nen leuchtet nur der Kom­pass und die grüne Anzeige des Echolots. Draußen leuchtet der Mond. Voller run­der Postkarten­mond. Und dieser Ster­nen­him­mel… 

MUSIK WEG

Der Steuer­mann ! Star­rt in die Dunkel­heit. Sprechen Sie ihn ruhig an. 

Er freut sich über jedes Gespräch.

PASSAGIER UNTERHÄLT SICH MIT DEM STEUERMANN 

Antes de ouro, so sagt man in dieser Gegend — “vor dem Gold” also war der Tapa­jós kri­tal­lk­lar, man kon­nte bis auf den Grund sehen. Mit den Gold­bag­gern, meint er, wurde der Schwarzwasser­fluss so trüb wie der immer-braune Ama­zonas. 

MASCHINE STOPPT / MORGENATMO (FRÖSCHE, HÄHNEKRÄHEN VOM UFER HER)

In der ersten Däm­merung hält die „Alian­ca II“ zum vierten oder fün­ften Mal. 

Die Lurche schnar­ren ihr let­ztes Nachtlied. Drei Pas­sagiere steigen aus. 

Die Mannschaft ver­sam­melt sich im Maschi­nen­raum. Gek­lirr von Schrauben­schlüs­seln.

Fünf Stun­den Aufen­thalt. Die Sonne kann sich Zeit lassen.

(…)

SCHIFFSGERÄUSCHE / LAUTSPRECHERMUSIK

Nein, wir sind nicht ges­tran­det ! Seit ein­er Stunde stampft die „Alian­ca II“ weit­er flußaufwärts. Um Zwölf wird das Mit­tagessen serviert: Rind­fleisch, Reis, Bohnen, Man­iok.  Immer 14 Pas­sagiere um den lan­gen rohen Tisch an Deck. Alles im Fahrpreis enthal­ten — 12 EURO kostet Sie der ganze Spaß.

Jet­zt wer­den die Boote zahlre­ich­er. Rinder grasen an den ent­walde­ten Hän­gen. 3 — 4 — 5 — 6 hohe Rauch­säulen am Hor­i­zont. Da bren­nt schon der Wald, den Sie vielle­icht sehen woll­ten.  

(…)

ANLEGEMANÖVER / MUSIK (RONALDO MIRANDA, “RECITATIVO, VARIAÇÕES E FUGA PARA VIOLINO E PIANO” (1980)

Nach 20 Stun­den Fluß­fahrt legt die „Alian­ca II“ an. 

LEISE STADT / ZIKADEN 

Willkom­men in Itaitu­ba, der Gold­stadt ! Anfang der 70er ein Kaff von 20 000 Men­schen — 120 000 auf dem Höhep­unkt des Gold­booms — heute 69 000. Die Ein­wohn­erzahl steigt und fällt wie das Queck­sil­ber in einem Fieberther­mome­ter: Das Ver­wal­tungs­ge­bi­et Itaitu­ba ist eines der größten der Welt: 190 000 Quadratk­ilo­me­ter oder sechs­mal Bel­gien.  

Ich empfehle Ihnen das ITAITUBA PALACE HOTEL. Die Stüh­le sind zwar durchge­sessen, und die Bettdecke ist geflickt. Auch lärmt die Kli­maan­lage. Aber jeden Tag ste­ht frische Cola im Kühlschrank. Und Sie brauchen kein Moski­to-Netz, jeden­falls nicht jet­zt, in der Trocken­zeit. 

IM WAGEN VON AURÉLIO

Es gibt hier einen Reise­führer, der läuft Ihnen früher oder später über den Weg — eine unrasierte, melan­cholis­che Gestalt, wie von Joseph Con­rad — Fotograf, Jour­nal­ist, Umweltschützer … was weiß ich. 

Aurélio hat ein klap­priges Auto und fährt Sie gern umher. Seien Sie großzügig mit dem Ben­zin­geld, mehr ver­langt er gar nicht von Ihnen. Aber reden will er, quatschen, abladen. Er hat soviel gespe­ichert in all den Jahren. 

AURÉLIO AM STEUER, ERZÄHLT

Pass auf  !

Der Sohn des Bürg­er­meis­ters krallt sich zent­ner­weise Gold, kommt ins Gefäng­nis, doch am näch­sten Tag ist er wieder draußen. … Der Besitzer ein­er Gold­mine, Spitz­name „Ram­bo“, ballert aus dem Flugzeug wie ein Großwild­jäger auf die Konkur­renz.  Gang­ster ent­führen Dro­gen-Flugzeuge von anderen Gang­stern — und so weit­er. 

Nein — Sie müssen ihm nicht alles glauben. Hier draußen blühen die Geschicht­en.

AURÉLIOS PKW (INNENGERÄUSCH) WEG  

Ich weiß, man fragt nicht — aber spekulieren Sie mit Gold ? Wäre keine gute Idee in Ihren Ver­hält­nis­sen. 1980 kostete die Fei­n­un­ze 800 Dol­lar, 1983 nur noch 380. Heute sind die 31,103 Gramm ganze zwei­hun­der­tun­dachtzig Dol­lar wert. 

Die Zen­tral­banken verkaufen ihre Gol­dreser­ven nach und nach. Auch als Krisen-met­all hat Gold aus­ge­di­ent. – Also, wenn Sie kein Juwe­li­er oder Zahn­klemp­n­er sind: Lassen Sie die Fin­ger davon!

Damals …

LEBHAFTE STADTKULISSE

… damals wur­den die Leute wirk­lich reich. 

Zehn­tausende kamen von der Ser­ra Pela­da, so um 1989 (Sie erin­nern sich an die Bilder à la Hierony­mus Bosch: Men­schen wie rote Ameisen wühlen einen Berg um). Nach fünf, sechs Jahren war der Boden dort erschöpft.

Die meis­ten Män­ner hat­ten für den Gold­traum alles aufgeben. Kein Zuhause mehr. Ihnen gab der Staat dieses “Reser­vat der Gold­such­er”, die Reser­va garimpeira — hun­dert­tausend Quadratk­ilo­me­ter. Jede Menge Goldadern — und der Preis war auch ger­ade oben. 

Ein Gol­drausch wie in Kali­fornien 1849.  Der große Ameisen­zug. 350 000 unter­wegs. Itaitu­ba hat­te auf ein­mal den emsig­sten Flug­platz der Welt — alle drei Minuten Start oder Lan­dung — “Beechcrafts”, “Pipers”, “Nava­jos”. Dutzende Dschun­gelpi­loten im Dauere­in­satz. Die Straße zum Flugfeld mit Tax­en gesäumt. 

Satel­liten­fo­tos zeigten Hun­derte von Urwald­pis­ten. 

Täglich kamen drei Schiffe und etliche Über­land­busse, sechs- bis achthun­dert Leute am Tag. Unter dem nächtlichen Tropen­him­mel: Raoul Seixas mit sein­er Band, der größte Rock­musik­er Brasiliens, einge­flo­gen von den Gold­händlern.

RAOUL SEIXAS (“MOSCA NA SOPA”) — ALS ERINNERUNGS-KULISSE 

Dieser da war Musik­er in sein­er Band.

TONY OSANAH (ENGLISCH)  

Da stand am Ein­gang ein­er von der Polizei und sam­melte Waf­fen ein. Wenn der garimpeiro Geld hat, kriegt er jede Waffe. Sog­ar ein Maschi­nengewehr. Gold macht alles möglich.

… Die Flasche Whisky: eine Mil­lion Cruza­dos — etwas weniger als tausend Dol­lar. Ein Haarschnitt 200 000 Cruza­dos.

Natür­lich zahlten sie mit Gold.

EX-WAFFENHÄNDLER 

10 000 Patro­nen und 30 Gewehre gin­gen an einem einzi­gen Tag über die Theke, erzählt der frühere Waf­fen­händler, der jet­zt ein Restau­rant besitzt. Die Ker­le hat­ten keine Kul­tur. Immer nur draufhal­ten. Aber das war ihr Prob­lem. 

Ich bin Gott nichts schuldig”, sagt er. 

Ein paar Wörter müssen Sie noch ler­nen. Garimpeiro ist der Gold­such­er. Garim­po heißt der Ort, an dem er arbeit­et. Man sagt auch bar­ran­co dazu. Der gehört dem dono, dem Besitzer. Die Goldad­er heißt filão, der Stollen gale­ria. 

Das genügt fürs erste.

PRÄSIDENTIN DER GOLDHÄNDLER-VEREINIGUNG

Nach 1992 – das erfahren Sie von der Präsi­dentin der Gold­händler-Vere­ini­gung – ging der Umsatz drastisch zurück. Der Gold­preis sank, die bar­ran­cos waren erschöpft, Sprit wurde teur­er, und die Regierung kam mit immer neuen Umweltschutz-Aufla­gen.

MUSIK (RONALDO MIRANDA)

1997 war der Rausch vor­bei. Itaitu­ba: eine übrig gebliebene Stadt. Pro­vi­so­ri­um am Rand der Welt. Eigentlich nut­z­los.

So leben auch die Ein­wohn­er: als würde Itaitu­ba mor­gen wieder abge­baut, ver­laden, weit­erziehen wie ein Zirkus … Nie­mand schlägt hier Wurzeln. Die Stadt ist Durch­gangssta­tion. Eine Ort der Immi­granten. Der Ges­tran­de­ten. 

Hier gibt es nur Fremde.

FREIZEIT-CLUB / JUGENDLICHE SPIELEN FUSSBALL 

Diesen Dri­ve-in-Club hat sich ein früher­er Grubenbe­sitzer geleis­tet: reizvolle Terassen­land­schaft, mehrere Schwimm­beck­en und Restau­rants. Rot blüht der Hibiskus. Der Euka­lyp­tus streut Blü­ten­tep­piche. Die blauen Früchte in den Achsel­höhlen der Acaí-Pal­men wer­den langsam reif. 

CLUB-BESITZER

Darunter, sagt er, steck­en 70 Kilo Gold  – in Itaitu­ba hält sich das Gerücht von einem einzi­gen riesi­gen Gold­klumpen, der von Jahr zu Jahr größer wird. 

Lei­der fehlt die Kund­schaft. Kein Geld in der Stadt. Nur ein paar Halb­wüch­sige bolzen auf dem clubeige­nen Fußballplatz. Die Park­plätze sind leer, die Lat­er­nen zertrüm­mert. Algen­grün überzieht die Schwimm­beck­en. In den Mauern der Stein­häuser sitzt der tro­pis­che Schim­mel. Der Club ist nie eröffnet wor­den.

CLUB-BESITZER

Vier Jahre Arbeit, sagt der Mann und wis­cht Regen­wass­er von dem ros­ten­den Blechtisch. Nun ja, es war ein Aben­teuer… 

IN AURÉLIOS PKW

Eine trau­rige Erschei­n­ung, meint Aurélio. Nur noch Schulden.Und dann zeigt er Ihnen wahrschein­lich den Ex-garimpeiro, der von einem Lkw geträumt hat. Wurde lei­der nur ein Pfer­dekar­ren draus.

Der da ist ein pis­tol­heiro, bezahlter Killer. Man ken­nt die Burschen.

Und haben Sie das Flugzeug­wrack gese­hen. Vor eini­gen Hüt­ten ste­hen die ver­rot­teten Cess­nas berühmter Gold­säcke. Abgestürzt — wie ihre Besitzer.

Und hier die Bau­ru­ine — sollte wohl ein Schloß wer­den. Jet­zt wohnt er drin­nen ohne Strom und Wass­er.

Das Haus da ist schon wieder eingestürzt. Gehörte auch so einem Vierzehn­tage-Mil­lionär.

Und dieser über­nachtet sog­ar auf der Straße.

Dreißig- bis vierzig­tausend Män­ner kamen aus den aus­ge­laugten Gold­mi­nen zurück. Arbeit­s­los. Gold­schür­fen ist ja auch kein Beruf. Ein Ring von Elendsvierteln legte sich um Itaitu­ba.

Laut Aurélio beste­ht die Stadt zu 80 Prozent aus Fave­las. Es gibt alle Arten davon: straßen­weise Bret­ter­hüt­ten, Hüt­ten aus Blech, aus Pappe, Plas­tik­tüten­zelte. Und die Pfahlbaut­en unten am Fluss.

PKW HÄLT / DIE GERÄUSCHE DER PFAHLBAUTEN-SIEDLUNG: KINDERSTIMMEN, HÄHNEKRÄHEN, EIN PAPAGEI

Aurélio ken­nt hier fast alle.

Jet­zt, im tro­pis­chen “Som­mer”, schwankt die Sied­lung wie auf Spin­nen­beinen fünf, sechs Meter über dem Grund. In der Regen­zeit steigt das Wass­er bis zum Fuß­bo­den.

Steuern oder Abgaben zahlt hier nie­mand. Die Energie für Fernse­her und Kühlschrank wird vom öffentlichen Strom­netz abgek­lemmt. Sobre­viv­er — „über­leben“ — das meist­ge­brauchte Wort in dieser Stadt.

Man lebt öffentlich, in Wohnkisten aus dün­nen Bret­tern, ohne Tür und Fen­ster. Auch nachts fällt das Ther­mome­ter sel­ten unter 20 Grad. Unter den Kisten Sumpf und Mod­der. Da wühlen die Schweine und pick­en die Hüh­n­er. Um den Abfall, der herun­terk­latscht, stre­it­en sich die Geier mit den ver­lausten Kötern, mit den Rat­ten und den fleißig­sten der Putzkolonne, den baratas – den Kak­er­lak­en. 

WÄSCHERINNEN IM FLUSS 

Waschfrauen im trüben, stink­enden Tapa­jós. Frei­willige Helfer der Stadtver­wal­tung verteilen ein Flug­blatt:

Die Rat­ten der Stadt haben eine Botschaft für Sie ! Die Stadt gehört uns ! — Schmeißt ruhig weit­er den Dreck auf Straßen und Plätze, in alle Eck­en, auf die Ufer­böschung. Wir revanchieren uns mit Beu­len­pest und Dengue­fieber. Vie­len Dank im voraus ! Eure Rat­ten…“  

Die Stadt macht auch ein Ange­bot: Rat­ten gegen Lebens­mit­tel. Fünf tote  Rat­ten: 1 kg Reis — 10 Rat­ten: 1 kg Bohnen — 15 Rat­ten: 1 Kilo Rind­fleisch.

Itaitu­ba ist eine Stadt ohne Wasser­leitung, ohne Kanal­i­sa­tion. Alles sick­ert früher oder später in den Tapa­jós. Eine Wasser­leitung war geplant, aber die Rohre liegen seit Jahren auf einem Grund­stück mit­ten in der Stadt, ein Mah­n­mal.

KREUZBLENDE IN FOLKLORISTISCHE INDIANER-DARBIETUNG 

Und die Índios ?“ 

Auf diese Frage habe ich gewartet. 

Gehen Sie ein­fach ins Muse­um ! Da find­en Sie die Giftpfeile, die Bla­sohre; Gefäße für die Asche der Ver­stor­be­nen — die Tupaiús haben sie in der Pfeife ger­aucht. Hie und da tritt eine Gruppe bei den Volks­festen auf, poli­tisch kor­rekt („Unsere Indios sind natür­lich ein­ge­laden !“) — erkennbar Stu­den­ten der Eth­nolo­gie in den Som­mer­fe­rien. Und im Karneval schmück­en sich die Auto­händler mit bun­ten Ara-Fed­ern und grin­sen ein­fältig in Kam­eras.

Mehr Indi­an­is­ches wer­den Sie auch nicht zu Gesicht bekom­men. Die let­zten Nack­ten wur­den von den Gold­such­ern ver­scheucht. Ab in die Reser­vate. Trau­rig aber wahr!

AN DER TRANSAMAZÔNICA / AB UND ZU FÄHRT EIN SCHWERER TRUCK VOR

Diese Lkw-Riesen ver­sor­gen das inte­ri­or, das Hin­ter­land. Manche sind schon zwei, drei tausend Kilo­me­ter unter­wegs. In der Regen­zeit ist Itaitu­ba auf dem Landweg unerr­e­ich­bar. Deshalb träu­men hier viele vom Aus­bau der Bun­desstraße 163 San­tarém-Cui­jabá, 1500 Kilo­me­ter. 

Der Präfekt von Itaitu­ba — fast Anal­pha­bet, sagt Aurélio, nur vier Schul­jahre — ste­ht an der Spitze der Bewe­gung. Auf allen Mülleimern der Stadt sein Logo: Aufge­hende Sonne über ein­er schnurg­er­aden Land­straße. Ama­zonien an der Schwelle des Asphaltzeital­ters, Anschluß an die “erste Welt”. Damit fliegen einem hier die Wäh­ler­stim­men zu!

EIN Lkw / SENHOR CARDOSO (SÄGEWERKBESITZER)

Da kommt ein Riesen­prob­lem auf uns zu, sagt Sen­hor Car­doso. Er sorgt sich um die Zukun­ft sein­er Kinder.

Valmir Car­doso besitzt eine Fernsehsta­tion, er han­delt mit Motoren für die Gold­gruben. Und mit Holz. 

Das unge­bildete Volk aus dem Süden wird uns über­schwem­men, sagt er. Die sprechen von Entwick­lung und meinen Abholzen. Keine Ahnung, wie die Regierung das ver­hin­dern will. Und wer schützt uns vor der Konkur­renz? 

SENHOR CARDOSO

Jet­zt kom­men schon die Mul­tis aus Malaysia und lassen den Wald hier abholzen.

Wir mit unseren paar Hölzchen — “Hölzchen” nen­nt er tat­säch­lich die Urwaldriesen, die er absägt. Meine Fam­i­lie hat das hier alles auch ohne Straße geschaf­fen! 

Die garimpeiros, die Gold­such­er — sagt Ihnen der Mann — sind nicht die Umwelt­sün­der Num­mer 1, und die Holzhändler schon gar nicht. Die hegen und pfle­gen den Wald. Die fazen­deiros, die Viehzüchter — die bren­nen ihn ab. 

Faz­er limpeza heißt das in ihrem Jar­gon, “aufräu­men”. In einem  knap­pen Viertel­jahr, sagt Sen­hor Car­doso, qualmt es hier richtig. Rauch aus Mato Grosso mis­cht sich mit dem Rauch aus Ama­zonien.

STILLE AUSSEN-ATMO / AURÉLIO

Ban­diten, Mafiosi, Schieber ! Kein Respekt vor Volk und Land !  Nichts als Unglück und Elend. Die poli­tis­che Oppos­tion ist schwach und unor­gan­isiert. Nur die Lehrer streiken noch. Die Lehrer und die Pfar­rer sind die let­zten Aufrecht­en. 

Manch­mal hat Aurélio Angst. Wegen sein­er ungeschmink­ten Mei­n­ung ist er grade aus dem lokalen Büro der IBAMA, der Umweltschutzbe­hörde, geflo­gen. 

Jet­zt ver­sucht er’s mit Postkarten für Touris­ten, die nicht kom­men wer­den. 

ABEND MIT ZIKADEN / EINE GITARRE WIRD GESTIMMT

Mond, Zikaden, Glüh­würm­chen.

Solche Abende soll­ten Sie wirk­lich genießen. Es gibt erstaunlich viele kleine Restau­rants an der orla von Itaitu­ba, an der Ufer-Prom­e­nade. Und der am offe­nen Feuer gegrillte Fluß­fisch schmeckt her­vor­ra­gend. Vergessen Sie ein­fach, worin er gelebt hat. 

Vielle­icht stimmt dieser alte Mann ger­ade seine Gitarre — sie nen­nen ihn bod­in­ho, „Zick­lein“, weil er so mager ist — und er singt Ihnen das Lied vom Gol­drausch und von den Revolver­helden dort am Cre­porí.

BODINHO SINGT

Wenn Sie Lust haben, begleit­en Sie Aurélio in eine casa noc­turno, ein „Haus der Nacht“.

INNERES DERCASA DE NICE

Dieses ste­ht an der per­ife­ria, das heißt: im Armen­vier­tel. Eine Art Garage. Blech­dach. Auch die Tis­che und die Wack­el­stüh­le sind aus Blech. Kein Scham­pus, nur Bier — drei Reais die Hal­bliter-Flasche. Ein paar fade Ker­le, Plas­tik­bech­er in der Hand.  Auch die Mäd­chen wirken fad, soweit man das bei diesem Fun­zel­licht erken­nen kann.

Nice, die Chefin, ist 38. Zehn Jahre Gold­mi­nen.

NICE

Die Leute, sagt sie, waren dort so schreck­lich aggres­siv, auch zu Frauen. 

AURÉLIO  Quan­to cos­ta uma pro­gra­ma no garim­po ?

Was kostet eine Num­mer im garim­po — Aurélio möchte es genau wis­sen. 

Damals 5 Gramm Gold pro Beis­chlaf — 4 Gramm für die Frau, 1 Gramm für den Zuhäl­ter. Doch der kassierte außer­dem für Essen, Unterkun­ft, Medika­mente. Da blieb wenig unterm Strich — nicht ein­mal genug, um wieder wegzuge­hen.

Viele Frauen star­ben an Malar­ia. Und viele am verseucht­en Wass­er. 

Sie selb­st war manch­mal nahe dran. 

AUSSENATMO / ZIKADEN UND HUNDEGEBELL

Die zweite casa noc­turno ist ein Pri­vathaus, hin­ter Bana­nen­stau­den ver­steckt. 

Die Frau im Schaukel­stuhl auf der Ter­rasse dort ver­hök­ert ihre bei­den Töchter. Die 13-Jährige ist vom Sohn eines fazen­deiros schwanger. Die 17-Jährige fliegt mor­gen wieder nach Cre­poriz­in­ho, ans Ende der Welt.

Drei Jahre hat sie da gear­beit­et — ein Geschäft für Pumpen, Winden und so weit­er. Frauen der Nacht haben im garim­po „ordentliche“ Jobs — qua­si als Verklei­dung.

Geht nicht mor­gen Ihr Flieger nach Cre­poriz­in­ho ?

DIE 17-JÄHRIGE

Sie ist lieber dort als hier; sagt die 17-Jährige. Träumt vom eige­nen Laden, von welchem, weiß sie noch nicht. Groß muß er sein. 

ARZT

Mäd­chen von 12, 13 Jahren wer­den schon in die garim­pos geschickt, weil die Fam­i­lien hungern, sagt dieser Arzt, ein Fre­und Aurélios. Nie­mand küm­mert sich um ihre Gesund­heit. Keine Kon­trolle. Die Nach­barn hal­ten zusam­men. Und der Staat schaut weg.

Es gibt auch viele ein­same Frauen in Itaitú­ba. Sitzen gelassen mit sechs, sieben Kindern. Der Ernährer schuftet im garim­po, schmeißt das Geld raus und die Frau hört nichts von ihm.

(…)

GITARREN-AKKORDE (BODINHO)  / FLUGZEUG (INNEN) / MUSIK (SANTORO)

Eine Weile fol­gt die Ein­mo­torige dem graden gel­ben Strich der Transamazôni­ca, kreuzt die Straße Santarém/Cuiabá. Dann nur noch Wald. Blau-grün­er Flusen­tep­pich bis zum Hor­i­zont. 

Sie sagen: „Na und ? Ste­ht ja noch alles !“

Ihr Auge betrügt Sie. Lei­der. Gerode­ter Wald ver­schließt seine Wun­den mit hell­grünem Schorf. Als schämte er sich. Was Sie da sehen, ist oft nur Buschw­erk, Savanne. Glauben Sie nicht an das Märchen von der „Wieder­auf­forstung“. 

Hie und da wird angepflanzt. Aber die flachen Wurzeln der Iba’uba-Bäume find­en kaum noch Halt im Erdre­ich. Und das Leben in den Baumwipfeln ist aus­gelöscht. Hier wächst nie mehr „Regen­wald“. 

Die junge Frau mit dem auf­fal­l­en­den Gold­schmuck vor Ihnen liest in der Bibel, zweites Buch „Könige“, Kapi­tel eins. Ein garimpeiro blät­tert zer­streut in seinem Mick­ey-Mouse-Heft. Später fällt Ihr Blick auf eine Schlagzeile der CRÍTICA aus Man­aus: “KEINE GOLDENEN ZEITEN” — soweit reicht Ihr Por­tugiesisch.

Allmäh­lich wer­den die Flüsse gelb. Schwemm­sand aus den Gold­mi­nen. Sie ent­deck­en Lan­de­bah­nen — Steg, Boot, Haus — blanke rote Erde — Ero­sions­furchen — Maschi­nen — Rohre…

LANDENDES FLUGZEUG (INNEN)

Die Cess­na ste­ht.

AUSSEN-ATMO MIT ZIKADEN

Cre­porisão am Cre­porí. Sie haben dieses Städtchen sich­er schon ein­mal gese­hen — in “Stage Coach” oder „Der Mann, der Lib­er­ty Valance erschoß“. Hier ist der Wilde Nor­den Brasiliens. 

Kein Arzt, kein Kranken­haus. 2500 Men­schen.

An der 800 Meter lan­gen zer­furcht­en Haupt­straße — dem Boule­vard — find­en Sie alles, was Sie brauchen wer­den: die FARMACÍA SANTA CRUZ, die CIGARREIRA HOLLYWOOD, die Bar PINGO DE OURO („Ein Tropfen Gold“), die Polí­cia Mil­i­tarHOTEL COMFORTO, HOTEL TROPICAL, HOTEL VICTORIA, BRASILIA PALACE HOTEL. Triste Schup­pen.

Meine Empfehlung: das Hotel der Flugge­sellschaft PENTA, die Sie herge­flo­gen hat. Eine große Baracke, him­mel­blau, aus Holz, auf Stelzen über dem Fluß. 

Innen sehr bequem.

Alle Häuser sind hier aus Holz. 

VOR DEM PENTA-HOTEL

Ein Durcheinan­der von Schläuchen und Rohren vor Ihrem Hotelfen­ster. Flache Motor-Kanus aus Met­all wer­den mit Kanis­tern beladen. Dieselöl tropft aus ver­beul­ten Con­tain­ern, groß wie Tankwa­gen. Das Ufer schwarz-blau verkrustet. Die Böschun­gen sind aus­ge­waschen — blanker rot­er Lehm mit tiefen Schrun­den.

Cre­porisão ist das Ver­sorgungszen­trum für die garim­pos in eini­gen Stun­den Umkreis, Stützpunkt, Basis­lager. Der gelbe Fluß Cre­porí ist Trans­portweg und Mül­lkippe. Über dem Müll am Ufer spie­len Schwärme gel­ber Schmetter­linge.

FUNKVERKEHR NAH  

Im handgeschriebe­nen Tele­fon­buch der Rezep­tion ste­hen keine Num­mern son­dern Funk­fre­quen­zen.

Und da sind die Frauen. Mor­gens kom­men sie ver­schlafen aus den Häusern — räu­men auf, rück­en Kneipen­stüh­le zurecht. Spühlwass­er fließt in den Furchen der Haupt­straße Rich­tung Fluß. Ihre Kinder lassen darin Hölzchen schwim­men. 

Sie möcht­en endlich Gold sehen ? Kein Prob­lem !

EIN MOTOR-KANU WIRD GESTARTET

Die Kanu-Fahrt  von einem Kilo­me­ter kostet Sie natür­lich eine Kleinigkeit. Sagen wir: 30 Dol­lar.  Alles ist hier ziem­lich teuer. Bedenken Sie den Trans­portweg!

LÄRM EINES DIESELAGGREGATS

Meth­ode Num­mer 1: Die Auswaschung.

Diese Lücke in der Ufer­böschung gehört einem dono aus San­tarém. Er hat sie nicht gekauft, er hat sie in Besitz genom­men. Im gehören auch die Män­ner, die hier arbeit­en, und natür­lich das Gerät. 

Sie blick­en jet­zt in eine Grube. Unten, im lehmigem Wass­er, ste­ht der „Spritzer“. 

Er löst mit einem Hochdruck­strahl das Erdre­ich. Der „Sauger“ dirigiert den Saugrüs­sel. Durch Rohre wird die dicke Pampe außer­halb der Grube auf ein schräg gestelltes Brett mit Quer­rin­nen gespült, das capete. Der dritte Mann, der „Gold­such­er“, ver­mis­cht das Sed­i­ment mit Queck­sil­ber — mer­cúrio. Das nen­nt man azougar, „ver­sil­bern“. Queck­sil­ber bindet das Gold. Später wird das Amal­gam erhitzt, das Extrak­tion­s­mit­tel ver­dampft, das Gold bleibt übrig.

Mer­cúrio kauft man in den Läden an der Haupt­straße. Ein Fläschchen kostet vier Reais, zwei EURO

REZEPTION DES PENTA-HOTELS / FUNKGERÄUSCHE IM HINTERGRUND / REZEPTIONIST

Außer­dem bringt Queck­sil­ber die Leute um, sagt der Junge an der Rezep­tion. 

Der Dampf ist reines Gift. Mer­cúrio frißt die Men­schen langsam auf. Und die Fis­che. Der Cre­porí ist ganz ver­sil­bert. 

Er isst keinen Fisch mehr aus dem Fluss.

REZEPTIONIST

Doch das größte Übel heißt Malar­ia. Er hat­te sie schon oft. 

Der Bezirk Itaitu­ba liegt in Malar­ia-Zone C, der höch­sten. 

14 500 Fälle in einem Jahr — nur die gemelde­ten.

Sie, als gringo aus dem reichen Deutsch­land, haben sich­er vorge­beugt — Resochin, Palu­drine, Lar­i­am, Moski­tonetz. Aber nie­mand — außer den Piloten und den Gold­baro­nen — kann sich das hier leis­ten. 

Im garim­po haben die Moski­tos Nar­ren­frei­heit.

ANDERE STELLE, FLUSSABWÄRTS

Meth­ode Num­mer 2: Die Gold­tauch­er.

Sie leben auf den bal­sas. Der Cre­porí ist ihre einzige Adresse. 

Früher lagen hier ein­hun­dert­fün­fzig dicht beieinan­der, sagt der Boots­führer. Du kon­ntest zu Fuß über den Fluß gehen. Jet­zt sind es nur noch zehn.

Die zwei Män­ner auf der glühend heißen Eisen­plat­tform sehen aus wie Sträflinge. Aber Sträflinge mit Goldzäh­nen. Und Goldrin­gen. 

Der dritte ist der Tauch­er. Erst wühlt er sich nach unten ins Fluß­bett und dann fünf, sechs Meter in die Ufer-Böschung (dort sam­melt sich das meiste Gold). 

Er sieht nichts. Er tastet. Schwarze, nasse Dunkel­heit. Wie ein blind­er Wurm, ein men­schlich­es Rep­til, steckt er in der selb­st­gemacht­en Röhre — zwei, drei Stun­den ohne Unter­brechung. 

Der Tauch­er gräbt und dirigiert den Saugrüs­sel. Das abge­saugte Erdre­ich wird nach oben trans­portiert, auf die Schräge. Wird der Tauch­er unten fündig, zieht der oben an der Morse­leine: Weit­er so ! Die Leine und ein Luftschlauch sind die einzige Verbindung zu dem Mann im Lehm.

Der Lehm ist weich. Immer wieder sackt der Rand zusam­men und erstickt, erdrückt, begräbt die Tauch­er. Acht im let­zten Jahr.

15, manch­mal 30 Gramm Rohgold pro­duziert die bal­sa täglich, sagt der Mas­chin­ist. Das bringt höch­stens 30 EURO. Geteilt durch drei nicht mehr als 5 bis 10 pro Kopf und Tag. Abzuziehen wären noch die Aus­gaben für Treib­stoff, Repara­turen und so weit­er.

Ein lausiges Geschäft !

KULISSE WEG

Ach ja — das Gold … Hier, in dem Plas­tikeimer !  Rohgold ist wie Dreck – gel­blich, stumpf. Wie aus­ge­spuck­ter Kau­gum­mi. 

Sehr ent­täuscht ?

MUSIK (MIRANDA) / DARAUF:

Nehmen Sie den Brock­en ruhig in die Fin­ger. Kaum zu glauben: Dieses Zeugs raubt Men­schen den Ver­stand ! Noch immer suchen Hun­dert­tausende in Ama­zonien nach dem Kilo-Ding, demK­lumpen, der bonança.

Die Garim­pos der Umge­bung heißen: Nova Vida (Neues Leben), Ter­ra Rica (Reich­es, her­rlich­es Stück Land), Rio d‘Ouro (Gold­fluß), Liber­dade (Frei­heit), Nova Esper­ança (Neue Hoff­nung). 

Sie schür­fen, tauchen, graben Löch­er. Machen sich zum Nar­ren mit Wün­schel-ruten, die Betrüger ihnen andreh‘n, zwei Stück Draht für einen Monat Arbeit.

Fam­i­lien­väter ruinieren sich für Huren, schießen aufeinan­der, betäuben die Verzwei­flung mit Gerücht­en, Aber­glauben, Schnaps.

MUSIK WEG  / BEIM GOLDHÄNDLER

Es gibt vier Aufkäufer in Cre­porisão. Früher waren es Dutzende. An jed­er zweit­en Bret­ter­front ste­ht noch in Riesen­let­tern OURO „Kaufe Gold !“

Dieser Mann nen­nt sich inter­mediário, Zwis­chen­händler. Er trägt einen sauberen weißen Anzug mit Krawat­te und bringt 22,4 Gramm, fast eine Unze, vor­bei.  

GERÄUSCH DES BRENNERS  

Über ein­er Gas­flamme erhitzt der Aufkäufer das kaf­fee­bohnen­große Bröckchen Rohgold — Schmelzpunkt tausend­vierund­sechzig Grad. 

Das Met­all begin­nt zu schmelzen. Glänzt schon gold­en. Und erstar­rt. Der Akt hat etwas Feier­lich­es.

Die Waage zeigt jet­zt 21,12  Gramm reines Gold an. Das bringt brut­to 380 Reais oder 190 EURO — abzüglich Gebüren. Der Großhändler sitzt im fer­nen São Paulo. Dort erst wird richtig ver­di­ent.

ZWEITER KUNDE

Dieser trägt keinen Anzug und keine Krawat­te. Kaum zu find­en, das Krümelchen Gold in seinem Zeitungspa­pi­er. 2,6  Gramm. Zum Schmelzen ist das zu wenig. 

30 Reais sagt der Händler.“Nur 30 ?” — „Dreißig, ja !“

PICKUP, FAHRERHAUS

Sie befind­en sich jet­zt auf der Trans­garimpeira, auch Rodovia do Ouro genan­nt (Gold­straße). Vor zehn Jahren war hier eine Flug­piste. Dort grasen jet­zt Zebu-Rinder — weiß, san­ft, geduldig, mit dem tief-melan­cholis­chen Lati­noblick.

Der Pick­up mit Chico, dem Fahrer, und Zés­in­ho, dem Beifahrer, kostet Sie das Zehn­fache eine Flug­bil­lets für die gle­iche Ent­fer­nung. Das Geld ist gut angelegt. 

IM FAHRERHAUS / CHICO 

In der Regen­zeit fährt hier kein Aas bei uns durch, sagt Chico.

Für die 192 Kilo­me­ter bis zur Bun­desstraße San­tarém-Cuiabá braucht ein 

Lkw mitunter 30 Tage. 

Die da oben lassen uns im Stich, sagt Chico, Hände fest am Lenkrad. Der Präfekt hat 15 000 Liter Dieselöl spendiert — für Straßen­bau­maschi­nen. So ein Wahl-geschenk. Zwis­chen Cre­porisão und Cre­poris­in­ho ist alles ver­sick­ert.

Es ist zum Weinen, sagt er. Noch zwei Jahre will er warten. Wenn die Straße dann nicht kommt, ist Schluss.

MUSIK (SANTORO) / BRENNENDER WALD

Die Sonne ist unterge­gan­gen, mit­ten am Tag. Es bren­nt an der Trans­garimpeira. 

Chico hat das Licht eingeschal­tet. Glühende Zweige und Blät­ter wirbeln im Aufwind. Links und rechts die Baum­le­ichen — Rinde schwarz, verkrustet. Kokospal­men-Stümpfe. Bam­bus-Stum­mel. Paranuß-Kadav­er. Einzelne verkohlte Riesen­bäume hal­ten sich noch aufrecht, wie zum Trotz. Klägliche, sinnlose Gesten. 

MUSIK WEG 

Noch 16 Kilo­me­ter aus­gedün­nter Wald. Dann unser Camp. Die große Lich­tung.

Wel­come to the Jun­gle ! So weit weg waren Sie vom deutschen All­t­ag noch nie!

Ihr erster Ein­druck: Lärm, alles ein­hül­len­der Lärm der Diese­lag­gre­gate. Lärm und Hitze. Ein Gewim­mel halb­nack­ter Ker­le im Lehm, im Schlamm, im Schweiß, im Öl. 

Seit 40 Jahren wird auf diesem Fleck gebud­delt, bergmän­nisch. Sen­hor Baiano hat die Mine von João Rivera gekauft – für 100 Kilo Gold. Dessen Frau war hier ermordet wor­den, und er wollte nicht mehr bleiben.

Täglich kom­men neue Arbeit­skräfte — aus Bahia, Maran­hão, São Paulo, Rio Grande do Sul — per Anhal­ter, zu Fuß. Ein Überange­bot. Für viele gibt es kein Zurück. Wer würde sich das antun, wenn er andere Arbeit hätte. 

Und hier der Schacht, 45 Meter tief. 

GERÄUSCH DER WINDE / RUFE

Unabläs­sig schnar­rt die prim­i­tive, aus­geschla­gene Elek­trowinde. Naß und kalkig kom­men die Män­ner ans Licht, nehmen ein paar Atemzüge, trinken einen Schluck und ver­schwinden wieder in die Tiefe. Eine Schicht dauert 24 Stun­den. 

Nun, Sie wer­den kaum hin­unter fahren wollen. Wahrschein­lich lässt man Sie auch gar nicht. Stellen wir’s uns also vor: 

Sie hock­en auf dem schmalen Sitz des Aufzugs — nicht viel bre­it­er als ein Wurst­brett. Und los geht’s !

ARBEITSGERÄUSCHE, NÄHERKOMMEND / WASSER-RIESELN / RUFE IM SPRECHROHR

Sie sind am Ziel ! Unter Ihren Füßen liegt vielle­icht ein Zent­ner Gold !

Es wartet !

Also dann ! 

Boa sorte ! Das heißt auf Por­tugiesisch: Sehr viel Glück ! 

Absage


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