Nach dem Goldrausch

Boom und Elend in Ama­zo­ni­en – Ein Rei­se­füh­rer für Uner­schro­cke­ne.

Baye­ri­scher Rund­funk (2001).

Spre­cher (TROCKEN):  Also wie Sie nach Crepo­ri­z­in­ho kom­men? Das ist ganz ein­fach. Sie star­ten — sagen wir mal — in Frank­furt am Main.

CLAUDIO SANTORO, “TRIO PARA VIOLINO, VIOLONCELO E PIANO” (1973)  UND KLANG-ELEMENTE EINER INDIGENEN ZEREMONIE

Nur 12 Stun­den bis São Pau­lo. Und (wenn der Anschluß klap­pen soll­te) vier­ein­halb Stun­den bis Belém an der Ama­zo­nas­mün­dung. Dann mit der Ein­mo­to­ri­gen bis San­t­a­rém, 780 Kilo­me­ter fluß­auf­wärts, hal­be Stre­cke bis Man­aus. Dann Schiff, 12 Stun­den Hän­ge­mat­te auf dem Tapa­jós — manch­mal auch viel län­ger. Ein paar Tage Auf­ent­halt in Itaitu­ba, dann Wei­ter­flug — den kann natür­lich nie­mand garan­tie­ren, ich am wenigsten. 

Sie flie­gen also Rich­tung Mato Gros­so, 300 Kilo­me­ter  unge­fähr. Crepro­sisão heißt das Kaff. Noch acht bis zwölf Stun­den Pick­up, Lade­flä­che. Und — voilá ! Crepo­ris­in­ho ! Bis zu den garim­pos, zu den Gold­mi­nen, dann nur ein Kat­zen-sprung, 40 Kilo­me­ter durch den Urwald — oder was davon übrig ist. 

MUSIK- UND KLANGTEPPICH WEG

Ich hof­fe, Sie erwar­ten kei­ne Traumreise.

Ansa­ge 

HAFENKULISSE SANTARÉM

(…) Sie haben also ihre Hän­ge­mat­te auf die „Lider II“ gebracht und auf­ge­hängt. Die Rei­s­e­lek­tü­re ist gra­tis:  „Jesus — Dein Hir­te“ und „Wie man das Ewi­ge Leben erlangt“. Instruk­tio­nen für Schiffs­un­ter­gän­ge feh­len — wie auf der Ana Maria VIII., zuge­las­sen für 70 Pas­sa­gie­re, mit 180 abge­sof­fen bei Man­aus. Oder auf der Princes­sa Aman­da. Nur 21 Todesopfer. 

Aus Ihrer Hän­ge­mat­te bli­cken Sie auf die Mas­sen­sze­ne am Ufer. Erstaun­lich, was die alles an Bord schlep­pen: Klo­be­cken, Ber­ge von Reis in Säcken, Well­blech, Tür­me von Six­packs, Mostrich in Kübeln, Motor­rä­der, Auto­rei­fen, Stoß­dämp­fer, Gas­fla­schen, eine gan­ze Ladung Außen­bord­mo­to­ren. Und das alles ver­schwin­det in die­ser Ansamm­lung von wei­ßen Schif­fen aus Holz, die so gemüt­lich aus­se­hen, wie Sofas mit Gelän­der. So … mütterlich.

ABLEGEMANÖVER  / RUFE etc.

Na dann ! Crepo­ri­z­in­ho freut sich auf Ihren Besuch. Sie sind auf einer Rei­se, die Sie nie ver­ges­sen werden. 

BUGWELLEN, SCHIFFSDIESEL

Auf der „Lider II“, die Sie eigent­lich benut­zen wol­len, ist die Maschi­ne aus­ge­fal­len, und gemein­sam mit den ande­ren Pas­sa­gie­ren haben Sie noch im Hafen die “Ali­an­ca II” geen­tert, die dane­ben­lag. Sie ist natür­lich überfüllt. 

Die Rei­sen­den hän­gen wie zwei Lagen Fle­der­mäu­se von der nied­ri­gen Decke. Über ihnen bau­meln Taschen, Tüten, Früch­te, Vogel­bau­er. Die jun­gen Frau­en neben­an, zwei bun­te Koli­bris, haben ihre Hoch­ha­cki­gen abge­streift. Wenn die jun­ge Mut­ter links nach Ihrem Kind schaut —  das schlum­mert wie die Erb­se in der Scho­te -, gerät die gan­ze Hän­ge­mat­ten-Rei­he in Bewe­gung, und es knufft und pufft von allen Seiten.

Sie lei­den doch nicht unter Platz­angst?  Sie wer­den ohne­hin kein Auge zutun… 

MUSIK (San­to­ro) / SCHIFFSGERÄUSCHE

Der Tapa­jós ist hier breit wie ein Meer. Aber manch­mal fährt die “Ali­an­ca II” dicht unter dem Ufer. Dann riecht es bra­ckig an Bord — mod­rig, erdig. 

Der Bug zer­teilt schwim­men­de Inseln aus Gras. Baum­rie­sen ste­hen schwarz in der war­men, feuch­ten Nacht. 

Die Tür zum Steu­er­haus ist offen. Drin­nen leuch­tet nur der Kom­pass und die grü­ne Anzei­ge des Echo­lo­ts. Drau­ßen leuch­tet der Mond. Vol­ler run­der Post­kar­ten­mond. Und die­ser Sternenhimmel… 

MUSIK WEG

Der Steu­er­mann ! Starrt in die Dun­kel­heit. Spre­chen Sie ihn ruhig an. 

Er freut sich über jedes Gespräch.

PASSAGIER UNTERHÄLT SICH MIT DEM STEUERMANN 

Antes de ouro, so sagt man in die­ser Gegend — “vor dem Gold” also war der Tapa­jós kritall­klar, man konn­te bis auf den Grund sehen. Mit den Gold­bag­gern, meint er, wur­de der Schwarz­was­ser­fluss so trüb wie der immer-brau­ne Amazonas. 

MASCHINE STOPPT / MORGENATMO (FRÖSCHE, HÄHNEKRÄHEN VOM UFER HER)

In der ers­ten Däm­me­rung hält die „Ali­an­ca II“ zum vier­ten oder fünf­ten Mal. 

Die Lur­che schnar­ren ihr letz­tes Nacht­lied. Drei Pas­sa­gie­re stei­gen aus. 

Die Mann­schaft ver­sam­melt sich im Maschi­nen­raum. Geklirr von Schraubenschlüsseln.

Fünf Stun­den Auf­ent­halt. Die Son­ne kann sich Zeit lassen.

(…)

SCHIFFSGERÄUSCHE / LAUTSPRECHERMUSIK

Nein, wir sind nicht gestran­det ! Seit einer Stun­de stampft die „Ali­an­ca II“ wei­ter fluß­auf­wärts. Um Zwölf wird das Mit­tag­essen ser­viert: Rind­fleisch, Reis, Boh­nen, Mani­ok.  Immer 14 Pas­sa­gie­re um den lan­gen rohen Tisch an Deck. Alles im Fahr­preis ent­hal­ten — 12 EURO kos­tet Sie der gan­ze Spaß.

Jetzt wer­den die Boo­te zahl­rei­cher. Rin­der gra­sen an den ent­wal­de­ten Hän­gen. 3 — 4 — 5 — 6 hohe Rauch­säu­len am Hori­zont. Da brennt schon der Wald, den Sie viel­leicht sehen wollten. 

(…)

ANLEGEMANÖVER / MUSIK (RONALDO MIRANDA, “RECITATIVO, VARIAÇÕES E FUGA PARA VIOLINO E PIANO” (1980)

Nach 20 Stun­den Fluß­fahrt legt die „Ali­an­ca II“ an. 

LEISE STADT / ZIKADEN 

Will­kom­men in Itaitu­ba, der Gold­stadt ! Anfang der 70er ein Kaff von 20 000 Men­schen — 120 000 auf dem Höhe­punkt des Gold­booms — heu­te 69 000. Die Ein­woh­ner­zahl steigt und fällt wie das Queck­sil­ber in einem Fie­ber­ther­mo­me­ter: Das Ver­wal­tungs­ge­biet Itaitu­ba ist eines der größ­ten der Welt: 190 000 Qua­drat­ki­lo­me­ter oder sechs­mal Belgien. 

Ich emp­feh­le Ihnen das ITAITUBA PALACE HOTEL. Die Stüh­le sind zwar durch­ge­ses­sen, und die Bett­de­cke ist geflickt. Auch lärmt die Kli­ma­an­la­ge. Aber jeden Tag steht fri­sche Cola im Kühl­schrank. Und Sie brau­chen kein Mos­ki­to-Netz, jeden­falls nicht jetzt, in der Trockenzeit. 

IM WAGEN VON AURÉLIO

Es gibt hier einen Rei­se­füh­rer, der läuft Ihnen frü­her oder spä­ter über den Weg — eine unra­sier­te, melan­cho­li­sche Gestalt, wie von Joseph Con­rad — Foto­graf, Jour­na­list, Umwelt­schüt­zer … was weiß ich. 

Auré­lio hat ein klapp­ri­ges Auto und fährt Sie gern umher. Sei­en Sie groß­zü­gig mit dem Ben­zin­geld, mehr ver­langt er gar nicht von Ihnen. Aber reden will er, quat­schen, abla­den. Er hat soviel gespei­chert in all den Jahren. 

AURÉLIO AM STEUER, ERZÄHLT

Pass auf  !

Der Sohn des Bür­ger­meis­ters krallt sich zent­ner­wei­se Gold, kommt ins Gefäng­nis, doch am nächs­ten Tag ist er wie­der drau­ßen. … Der Besit­zer einer Gold­mi­ne, Spitz­na­me „Ram­bo“, bal­lert aus dem Flug­zeug wie ein Groß­wild­jä­ger auf die Kon­kur­renz.  Gangs­ter ent­füh­ren Dro­gen-Flug­zeu­ge von ande­ren Gangs­tern — und so weiter. 

Nein — Sie müs­sen ihm nicht alles glau­ben. Hier drau­ßen blü­hen die Geschichten.

AURÉLIOS PKW (INNENGERÄUSCH) WEG 

Ich weiß, man fragt nicht — aber spe­ku­lie­ren Sie mit Gold ? Wäre kei­ne gute Idee in Ihren Ver­hält­nis­sen. 1980 kos­te­te die Fein­un­ze 800 Dol­lar, 1983 nur noch 380. Heu­te sind die 31,103 Gramm gan­ze zwei­hun­dert­und­acht­zig Dol­lar wert. 

Die Zen­tral­ban­ken ver­kau­fen ihre Gold­re­ser­ven nach und nach. Auch als Kri­sen-metall hat Gold aus­ge­dient. – Also, wenn Sie kein Juwe­lier oder Zahn­klemp­ner sind: Las­sen Sie die Fin­ger davon!

Damals …

LEBHAFTE STADTKULISSE

… damals wur­den die Leu­te wirk­lich reich. 

Zehn­tau­sen­de kamen von der Ser­ra Pela­da, so um 1989 (Sie erin­nern sich an die Bil­der à la Hie­ro­ny­mus Bosch: Men­schen wie rote Amei­sen wüh­len einen Berg um). Nach fünf, sechs Jah­ren war der Boden dort erschöpft.

Die meis­ten Män­ner hat­ten für den Gold­traum alles auf­ge­ben. Kein Zuhau­se mehr. Ihnen gab der Staat die­ses “Reser­vat der Gold­su­cher”, die Reser­va garim­pei­ra — hun­dert­tau­send Qua­drat­ki­lo­me­ter. Jede Men­ge Gold­adern — und der Preis war auch gera­de oben. 

Ein Gold­rausch wie in Kali­for­ni­en 1849.  Der gro­ße Amei­sen­zug. 350 000 unter­wegs. Itaitu­ba hat­te auf ein­mal den emsigs­ten Flug­platz der Welt — alle drei Minu­ten Start oder Lan­dung — “Beech­crafts”, “Pipers”, “Nava­jos”. Dut­zen­de Dschun­gel­pi­lo­ten im Dau­er­ein­satz. Die Stra­ße zum Flug­feld mit Taxen gesäumt. 

Satel­li­ten­fo­tos zeig­ten Hun­der­te von Urwaldpisten. 

Täg­lich kamen drei Schif­fe und etli­che Über­land­bus­se, sechs- bis acht­hun­dert Leu­te am Tag. Unter dem nächt­li­chen Tro­pen­him­mel: Raoul Seixas mit sei­ner Band, der größ­te Rock­mu­si­ker Bra­si­li­ens, ein­ge­flo­gen von den Goldhändlern.

RAOUL SEIXAS (“MOSCA NA SOPA”) — ALS ERINNERUNGS-KULISSE 

Die­ser da war Musi­ker in sei­ner Band.

TONY OSANAH (ENGLISCH)  

Da stand am Ein­gang einer von der Poli­zei und sam­mel­te Waf­fen ein. Wenn der garim­pei­ro Geld hat, kriegt er jede Waf­fe. Sogar ein Maschi­nen­ge­wehr. Gold macht alles möglich.

… Die Fla­sche Whis­ky: eine Mil­li­on Cruz­ados — etwas weni­ger als tau­send Dol­lar. Ein Haar­schnitt 200 000 Cruzados.

Natür­lich zahl­ten sie mit Gold.

EX-WAFFENHÄNDLER 

10 000 Patro­nen und 30 Geweh­re gin­gen an einem ein­zi­gen Tag über die The­ke, erzählt der frü­he­re Waf­fen­händ­ler, der jetzt ein Restau­rant besitzt. Die Ker­le hat­ten kei­ne Kul­tur. Immer nur drauf­hal­ten. Aber das war ihr Problem. 

Ich bin Gott nichts schul­dig”, sagt er. 

Ein paar Wör­ter müs­sen Sie noch ler­nen. Garim­pei­ro ist der Gold­su­cher. Garim­po heißt der Ort, an dem er arbei­tet. Man sagt auch bar­ran­co dazu. Der gehört dem dono, dem Besit­zer. Die Gold­ader heißt filão, der Stol­len gale­ria. 

Das genügt fürs erste.

PRÄSIDENTIN DER GOLDHÄNDLER-VEREINIGUNG

Nach 1992 – das erfah­ren Sie von der Prä­si­den­tin der Gold­händ­ler-Ver­ei­ni­gung – ging der Umsatz dras­tisch zurück. Der Gold­preis sank, die bar­ran­cos waren erschöpft, Sprit wur­de teu­rer, und die Regie­rung kam mit immer neu­en Umweltschutz-Auflagen.

MUSIK (RONALDO MIRANDA)

1997 war der Rausch vor­bei. Itaitu­ba: eine übrig geblie­be­ne Stadt. Pro­vi­so­ri­um am Rand der Welt. Eigent­lich nutzlos.

So leben auch die Ein­woh­ner: als wür­de Itaitu­ba mor­gen wie­der abge­baut, ver­la­den, wei­ter­zie­hen wie ein Zir­kus … Nie­mand schlägt hier Wur­zeln. Die Stadt ist Durch­gangs­sta­ti­on. Eine Ort der Immi­gran­ten. Der Gestrandeten. 

Hier gibt es nur Fremde.

FREIZEIT-CLUB / JUGENDLICHE SPIELEN FUSSBALL 

Die­sen Dri­ve-in-Club hat sich ein frü­he­rer Gru­ben­be­sit­zer geleis­tet: reiz­vol­le Ter­as­sen­land­schaft, meh­re­re Schwimm­be­cken und Restau­rants. Rot blüht der Hibis­kus. Der Euka­lyp­tus streut Blü­ten­tep­pi­che. Die blau­en Früch­te in den Ach­sel­höh­len der Acaí-Pal­men wer­den lang­sam reif. 

CLUB-BESITZER

Dar­un­ter, sagt er, ste­cken 70 Kilo Gold  – in Itaitu­ba hält sich das Gerücht von einem ein­zi­gen rie­si­gen Gold­klum­pen, der von Jahr zu Jahr grö­ßer wird. 

Lei­der fehlt die Kund­schaft. Kein Geld in der Stadt. Nur ein paar Halb­wüch­si­ge bol­zen auf dem club­ei­ge­nen Fuß­ball­platz. Die Park­plät­ze sind leer, die Later­nen zer­trüm­mert. Algen­grün über­zieht die Schwimm­be­cken. In den Mau­ern der Stein­häu­ser sitzt der tro­pi­sche Schim­mel. Der Club ist nie eröff­net worden.

CLUB-BESITZER

Vier Jah­re Arbeit, sagt der Mann und wischt Regen­was­ser von dem ros­ten­den Blech­tisch. Nun ja, es war ein Abenteuer… 

IN AURÉLIOS PKW

Eine trau­ri­ge Erschei­nung, meint Auré­lio. Nur noch Schulden.Und dann zeigt er Ihnen wahr­schein­lich den Ex-garim­pei­ro, der von einem Lkw geträumt hat. Wur­de lei­der nur ein Pfer­de­kar­ren draus.

Der da ist ein pis­tol­hei­ro, bezahl­ter Kil­ler. Man kennt die Burschen.

Und haben Sie das Flug­zeug­wrack gese­hen. Vor eini­gen Hüt­ten ste­hen die ver­rot­te­ten Cess­nas berühm­ter Gold­sä­cke. Abge­stürzt — wie ihre Besitzer.

Und hier die Bau­rui­ne — soll­te wohl ein Schloß wer­den. Jetzt wohnt er drin­nen ohne Strom und Wasser.

Das Haus da ist schon wie­der ein­ge­stürzt. Gehör­te auch so einem Vierzehntage-Millionär.

Und die­ser über­nach­tet sogar auf der Straße.

Drei­ßig- bis vier­zig­tau­send Män­ner kamen aus den aus­ge­laug­ten Gold­mi­nen zurück. Arbeits­los. Gold­schür­fen ist ja auch kein Beruf. Ein Ring von Elends­vier­teln leg­te sich um Itaituba.

Laut Auré­lio besteht die Stadt zu 80 Pro­zent aus Fave­las. Es gibt alle Arten davon: stra­ßen­wei­se Bret­ter­hüt­ten, Hüt­ten aus Blech, aus Pap­pe, Plas­tik­tü­ten­zel­te. Und die Pfahl­bau­ten unten am Fluss.

PKW HÄLT / DIE GERÄUSCHE DER PFAHLBAUTEN-SIEDLUNG: KINDERSTIMMEN, HÄHNEKRÄHEN, EIN PAPAGEI

Auré­lio kennt hier fast alle.

Jetzt, im tro­pi­schen “Som­mer”, schwankt die Sied­lung wie auf Spin­nen­bei­nen fünf, sechs Meter über dem Grund. In der Regen­zeit steigt das Was­ser bis zum Fußboden.

Steu­ern oder Abga­ben zahlt hier nie­mand. Die Ener­gie für Fern­se­her und Kühl­schrank wird vom öffent­li­chen Strom­netz abge­klemmt. Sobre­vi­ver — „über­le­ben“ — das meist­ge­brauch­te Wort in die­ser Stadt.

Man lebt öffent­lich, in Wohn­kis­ten aus dün­nen Bret­tern, ohne Tür und Fens­ter. Auch nachts fällt das Ther­mo­me­ter sel­ten unter 20 Grad. Unter den Kis­ten Sumpf und Mod­der. Da wüh­len die Schwei­ne und picken die Hüh­ner. Um den Abfall, der her­un­ter­klatscht, strei­ten sich die Gei­er mit den ver­laus­ten Kötern, mit den Rat­ten und den flei­ßigs­ten der Putz­ko­lon­ne, den bara­tas – den Kakerlaken. 

WÄSCHERINNEN IM FLUSS 

Wasch­frau­en im trü­ben, stin­ken­den Tapa­jós. Frei­wil­li­ge Hel­fer der Stadt­ver­wal­tung ver­tei­len ein Flugblatt:

Die Rat­ten der Stadt haben eine Bot­schaft für Sie ! Die Stadt gehört uns ! — Schmeißt ruhig wei­ter den Dreck auf Stra­ßen und Plät­ze, in alle Ecken, auf die Ufer­bö­schung. Wir revan­chie­ren uns mit Beu­len­pest und Den­gue­fie­ber. Vie­len Dank im vor­aus ! Eure Ratten…“ 

Die Stadt macht auch ein Ange­bot: Rat­ten gegen Lebens­mit­tel. Fünf tote  Rat­ten: 1 kg Reis — 10 Rat­ten: 1 kg Boh­nen — 15 Rat­ten: 1 Kilo Rindfleisch.

Itaitu­ba ist eine Stadt ohne Was­ser­lei­tung, ohne Kana­li­sa­ti­on. Alles sickert frü­her oder spä­ter in den Tapa­jós. Eine Was­ser­lei­tung war geplant, aber die Roh­re lie­gen seit Jah­ren auf einem Grund­stück mit­ten in der Stadt, ein Mahnmal.

KREUZBLENDE IN FOLKLORISTISCHE INDIANER-DARBIETUNG 

Und die Índios ?“ 

Auf die­se Fra­ge habe ich gewartet. 

Gehen Sie ein­fach ins Muse­um ! Da fin­den Sie die Gift­pfei­le, die Blas­oh­re; Gefä­ße für die Asche der Ver­stor­be­nen — die Tupaiús haben sie in der Pfei­fe geraucht. Hie und da tritt eine Grup­pe bei den Volks­fes­ten auf, poli­tisch kor­rekt („Unse­re Indi­os sind natür­lich ein­ge­la­den !“) — erkenn­bar Stu­den­ten der Eth­no­lo­gie in den Som­mer­fe­ri­en. Und im Kar­ne­val schmü­cken sich die Auto­händ­ler mit bun­ten Ara-Federn und grin­sen ein­fäl­tig in Kameras.

Mehr India­ni­sches wer­den Sie auch nicht zu Gesicht bekom­men. Die letz­ten Nack­ten wur­den von den Gold­su­chern ver­scheucht. Ab in die Reser­va­te. Trau­rig aber wahr!

AN DER TRANSAMAZÔNICA / AB UND ZU FÄHRT EIN SCHWERER TRUCK VOR

Die­se Lkw-Rie­sen ver­sor­gen das inte­rior, das Hin­ter­land. Man­che sind schon zwei, drei tau­send Kilo­me­ter unter­wegs. In der Regen­zeit ist Itaitu­ba auf dem Land­weg uner­reich­bar. Des­halb träu­men hier vie­le vom Aus­bau der Bun­des­stra­ße 163 San­t­a­rém-Cui­ja­bá, 1500 Kilometer. 

Der Prä­fekt von Itaitu­ba — fast Analpha­bet, sagt Auré­lio, nur vier Schul­jah­re — steht an der Spit­ze der Bewe­gung. Auf allen Müll­ei­mern der Stadt sein Logo: Auf­ge­hen­de Son­ne über einer schnur­ge­ra­den Land­stra­ße. Ama­zo­ni­en an der Schwel­le des Asphalt­zeit­al­ters, Anschluß an die “ers­te Welt”. Damit flie­gen einem hier die Wäh­ler­stim­men zu!

EIN Lkw / SENHOR CARDOSO (SÄGEWERKBESITZER)

Da kommt ein Rie­sen­pro­blem auf uns zu, sagt Sen­hor Car­do­so. Er sorgt sich um die Zukunft sei­ner Kinder.

Val­mir Car­do­so besitzt eine Fern­seh­sta­ti­on, er han­delt mit Moto­ren für die Gold­gru­ben. Und mit Holz. 

Das unge­bil­de­te Volk aus dem Süden wird uns über­schwem­men, sagt er. Die spre­chen von Ent­wick­lung und mei­nen Abhol­zen. Kei­ne Ahnung, wie die Regie­rung das ver­hin­dern will. Und wer schützt uns vor der Konkurrenz? 

SENHOR CARDOSO

Jetzt kom­men schon die Mul­tis aus Malay­sia und las­sen den Wald hier abholzen.

Wir mit unse­ren paar Hölz­chen — “Hölz­chen” nennt er tat­säch­lich die Urwald­rie­sen, die er absägt. Mei­ne Fami­lie hat das hier alles auch ohne Stra­ße geschaffen! 

Die garim­pei­ros, die Gold­su­cher — sagt Ihnen der Mann — sind nicht die Umwelt­sün­der Num­mer 1, und die Holz­händ­ler schon gar nicht. Die hegen und pfle­gen den Wald. Die fazendei­ros, die Vieh­züch­ter — die bren­nen ihn ab. 

Fazer lim­pe­za heißt das in ihrem Jar­gon, “auf­räu­men”. In einem  knap­pen Vier­tel­jahr, sagt Sen­hor Car­do­so, qualmt es hier rich­tig. Rauch aus Mato Gros­so mischt sich mit dem Rauch aus Amazonien.

STILLE AUSSEN-ATMO / AURÉLIO

Ban­di­ten, Mafio­si, Schie­ber ! Kein Respekt vor Volk und Land !  Nichts als Unglück und Elend. Die poli­ti­sche Oppos­ti­on ist schwach und unor­ga­ni­siert. Nur die Leh­rer strei­ken noch. Die Leh­rer und die Pfar­rer sind die letz­ten Aufrechten. 

Manch­mal hat Auré­lio Angst. Wegen sei­ner unge­schmink­ten Mei­nung ist er gra­de aus dem loka­len Büro der IBAMA, der Umwelt­schutz­be­hör­de, geflogen. 

Jetzt ver­sucht er’s mit Post­kar­ten für Tou­ris­ten, die nicht kom­men werden. 

ABEND MIT ZIKADEN / EINE GITARRE WIRD GESTIMMT

Mond, Zika­den, Glühwürmchen.

Sol­che Aben­de soll­ten Sie wirk­lich genie­ßen. Es gibt erstaun­lich vie­le klei­ne Restau­rants an der orla von Itaitu­ba, an der Ufer-Pro­me­na­de. Und der am offe­nen Feu­er gegrill­te Fluß­fisch schmeckt her­vor­ra­gend. Ver­ges­sen Sie ein­fach, wor­in er gelebt hat. 

Viel­leicht stimmt die­ser alte Mann gera­de sei­ne Gitar­re — sie nen­nen ihn bodin­ho, „Zick­lein“, weil er so mager ist — und er singt Ihnen das Lied vom Gold­rausch und von den Revol­ver­hel­den dort am Creporí.

BODINHO SINGT

Wenn Sie Lust haben, beglei­ten Sie Auré­lio in eine casa noc­turno, ein „Haus der Nacht“.

INNERES DERCASA DE NICE

Die­ses steht an der perife­r­ia, das heißt: im Armen­vier­tel. Eine Art Gara­ge. Blech­dach. Auch die Tische und die Wackel­stüh­le sind aus Blech. Kein Scham­pus, nur Bier — drei Reais die Halb­li­ter-Fla­sche. Ein paar fade Ker­le, Plas­tik­be­cher in der Hand.  Auch die Mäd­chen wir­ken fad, soweit man das bei die­sem Fun­zel­licht erken­nen kann.

Nice, die Che­fin, ist 38. Zehn Jah­re Goldminen.

NICE

Die Leu­te, sagt sie, waren dort so schreck­lich aggres­siv, auch zu Frauen. 

AURÉLIO  Quan­to cos­ta uma pro­gra­ma no garimpo ?

Was kos­tet eine Num­mer im garim­po — Auré­lio möch­te es genau wissen. 

Damals 5 Gramm Gold pro Bei­schlaf — 4 Gramm für die Frau, 1 Gramm für den Zuhäl­ter. Doch der kas­sier­te außer­dem für Essen, Unter­kunft, Medi­ka­men­te. Da blieb wenig unterm Strich — nicht ein­mal genug, um wie­der wegzugehen.

Vie­le Frau­en star­ben an Mala­ria. Und vie­le am ver­seuch­ten Wasser. 

Sie selbst war manch­mal nahe dran. 

AUSSENATMO / ZIKADEN UND HUNDEGEBELL

Die zwei­te casa noc­turno ist ein Pri­vat­haus, hin­ter Bana­nen­stau­den versteckt. 

Die Frau im Schau­kel­stuhl auf der Ter­ras­se dort ver­hö­kert ihre bei­den Töch­ter. Die 13-Jäh­ri­ge ist vom Sohn eines fazendei­ros schwan­ger. Die 17-Jäh­ri­ge fliegt mor­gen wie­der nach Crepo­ri­z­in­ho, ans Ende der Welt.

Drei Jah­re hat sie da gear­bei­tet — ein Geschäft für Pum­pen, Win­den und so wei­ter. Frau­en der Nacht haben im garim­po „ordent­li­che“ Jobs — qua­si als Verkleidung.

Geht nicht mor­gen Ihr Flie­ger nach Creporizinho ?

DIE 17-JÄHRIGE

Sie ist lie­ber dort als hier; sagt die 17-Jäh­ri­ge. Träumt vom eige­nen Laden, von wel­chem, weiß sie noch nicht. Groß muß er sein. 

ARZT

Mäd­chen von 12, 13 Jah­ren wer­den schon in die garim­pos geschickt, weil die Fami­li­en hun­gern, sagt die­ser Arzt, ein Freund Auré­li­os. Nie­mand küm­mert sich um ihre Gesund­heit. Kei­ne Kon­trol­le. Die Nach­barn hal­ten zusam­men. Und der Staat schaut weg.

Es gibt auch vie­le ein­sa­me Frau­en in Itai­tú­ba. Sit­zen gelas­sen mit sechs, sie­ben Kin­dern. Der Ernäh­rer schuf­tet im garim­po, schmeißt das Geld raus und die Frau hört nichts von ihm.

(…)

GITARREN-AKKORDE (BODINHO)  / FLUGZEUG (INNEN) / MUSIK (SANTORO)

Eine Wei­le folgt die Ein­mo­to­ri­ge dem gra­den gel­ben Strich der Tran­s­ama­zô­ni­ca, kreuzt die Stra­ße Santarém/Cuiabá. Dann nur noch Wald. Blau-grü­ner Flu­sen­tep­pich bis zum Horizont. 

Sie sagen: „Na und ? Steht ja noch alles !“

Ihr Auge betrügt Sie. Lei­der. Gero­de­ter Wald ver­schließt sei­ne Wun­den mit hell­grü­nem Schorf. Als schäm­te er sich. Was Sie da sehen, ist oft nur Busch­werk, Savan­ne. Glau­ben Sie nicht an das Mär­chen von der „Wie­der­auf­fors­tung“. 

Hie und da wird ange­pflanzt. Aber die fla­chen Wur­zeln der Iba’uba-Bäu­me fin­den kaum noch Halt im Erd­reich. Und das Leben in den Baum­wip­feln ist aus­ge­löscht. Hier wächst nie mehr „Regen­wald“. 

Die jun­ge Frau mit dem auf­fal­len­den Gold­schmuck vor Ihnen liest in der Bibel, zwei­tes Buch „Köni­ge“, Kapi­tel eins. Ein garim­pei­ro blät­tert zer­streut in sei­nem Mickey-Mou­se-Heft. Spä­ter fällt Ihr Blick auf eine Schlag­zei­le der CRÍTICA aus Man­aus: “KEINE GOLDENEN ZEITEN” — soweit reicht Ihr Portugiesisch.

All­mäh­lich wer­den die Flüs­se gelb. Schwemm­sand aus den Gold­mi­nen. Sie ent­de­cken Lan­de­bah­nen — Steg, Boot, Haus — blan­ke rote Erde — Ero­si­ons­fur­chen — Maschi­nen — Rohre…

LANDENDES FLUGZEUG (INNEN)

Die Cess­na steht.

AUSSEN-ATMO MIT ZIKADEN

Crepo­risão am Crepo­rí. Sie haben die­ses Städt­chen sicher schon ein­mal gese­hen — in “Sta­ge Coach” oder „Der Mann, der Liber­ty Valan­ce erschoß“. Hier ist der Wil­de Nor­den Brasiliens. 

Kein Arzt, kein Kran­ken­haus. 2500 Menschen.

An der 800 Meter lan­gen zer­furch­ten Haupt­stra­ße — dem Bou­le­vard — fin­den Sie alles, was Sie brau­chen wer­den: die FARMACÍA SANTA CRUZ, die CIGARREIRA HOLLYWOOD, die Bar PINGO DE OURO („Ein Trop­fen Gold“), die Polí­cia Mili­tarHOTEL COMFORTO, HOTEL TROPICAL, HOTEL VICTORIA, BRASILIA PALACE HOTEL. Tris­te Schuppen.

Mei­ne Emp­feh­lung: das Hotel der Flug­ge­sell­schaft PENTA, die Sie her­ge­flo­gen hat. Eine gro­ße Bara­cke, him­mel­blau, aus Holz, auf Stel­zen über dem Fluß. 

Innen sehr bequem.

Alle Häu­ser sind hier aus Holz. 

VOR DEM PENTA-HOTEL

Ein Durch­ein­an­der von Schläu­chen und Roh­ren vor Ihrem Hotel­fens­ter. Fla­che Motor-Kanus aus Metall wer­den mit Kanis­tern bela­den. Die­sel­öl tropft aus ver­beul­ten Con­tai­nern, groß wie Tank­wa­gen. Das Ufer schwarz-blau ver­krus­tet. Die Böschun­gen sind aus­ge­wa­schen — blan­ker roter Lehm mit tie­fen Schrunden.

Crepo­risão ist das Ver­sor­gungs­zen­trum für die garim­pos in eini­gen Stun­den Umkreis, Stütz­punkt, Basis­la­ger. Der gel­be Fluß Crepo­rí ist Trans­port­weg und Müll­kip­pe. Über dem Müll am Ufer spie­len Schwär­me gel­ber Schmetterlinge.

FUNKVERKEHR NAH  

Im hand­ge­schrie­be­nen Tele­fon­buch der Rezep­ti­on ste­hen kei­ne Num­mern son­dern Funkfrequenzen.

Und da sind die Frau­en. Mor­gens kom­men sie ver­schla­fen aus den Häu­sern — räu­men auf, rücken Knei­pen­stüh­le zurecht. Spühl­was­ser fließt in den Fur­chen der Haupt­stra­ße Rich­tung Fluß. Ihre Kin­der las­sen dar­in Hölz­chen schwimmen. 

Sie möch­ten end­lich Gold sehen ? Kein Problem !

EIN MOTOR-KANU WIRD GESTARTET

Die Kanu-Fahrt  von einem Kilo­me­ter kos­tet Sie natür­lich eine Klei­nig­keit. Sagen wir: 30 Dol­lar.  Alles ist hier ziem­lich teu­er. Beden­ken Sie den Transportweg!

LÄRM EINES DIESELAGGREGATS

Metho­de Num­mer 1: Die Auswaschung.

Die­se Lücke in der Ufer­bö­schung gehört einem dono aus San­t­a­rém. Er hat sie nicht gekauft, er hat sie in Besitz genom­men. Im gehö­ren auch die Män­ner, die hier arbei­ten, und natür­lich das Gerät. 

Sie bli­cken jetzt in eine Gru­be. Unten, im leh­mi­gem Was­ser, steht der „Sprit­zer“. 

Er löst mit einem Hoch­druck­strahl das Erd­reich. Der „Sau­ger“ diri­giert den Saug­rüs­sel. Durch Roh­re wird die dicke Pam­pe außer­halb der Gru­be auf ein schräg gestell­tes Brett mit Quer­rin­nen gespült, das cape­te. Der drit­te Mann, der „Gold­su­cher“, ver­mischt das Sedi­ment mit Queck­sil­ber — mer­cú­rio. Das nennt man azou­gar, „ver­sil­bern“. Queck­sil­ber bin­det das Gold. Spä­ter wird das Amal­gam erhitzt, das Extrak­ti­ons­mit­tel ver­dampft, das Gold bleibt übrig.

Mer­cú­rio kauft man in den Läden an der Haupt­stra­ße. Ein Fläsch­chen kos­tet vier Reais, zwei EURO

REZEPTION DES PENTA-HOTELS / FUNKGERÄUSCHE IM HINTERGRUND / REZEPTIONIST

Außer­dem bringt Queck­sil­ber die Leu­te um, sagt der Jun­ge an der Rezeption. 

Der Dampf ist rei­nes Gift. Mer­cú­rio frißt die Men­schen lang­sam auf. Und die Fische. Der Crepo­rí ist ganz versilbert. 

Er isst kei­nen Fisch mehr aus dem Fluss.

REZEPTIONIST

Doch das größ­te Übel heißt Mala­ria. Er hat­te sie schon oft. 

Der Bezirk Itaitu­ba liegt in Mala­ria-Zone C, der höchsten. 

14 500 Fäl­le in einem Jahr — nur die gemeldeten.

Sie, als grin­go aus dem rei­chen Deutsch­land, haben sicher vor­ge­beugt — Reso­chin, Paludri­ne, Lari­am, Mos­ki­to­netz. Aber nie­mand — außer den Pilo­ten und den Gold­ba­ro­nen — kann sich das hier leisten. 

Im garim­po haben die Mos­ki­tos Narrenfreiheit.

ANDERE STELLE, FLUSSABWÄRTS

Metho­de Num­mer 2: Die Goldtaucher.

Sie leben auf den bal­sas. Der Crepo­rí ist ihre ein­zi­ge Adresse. 

Frü­her lagen hier ein­hun­dert­fünf­zig dicht bei­ein­an­der, sagt der Boots­füh­rer. Du konn­test zu Fuß über den Fluß gehen. Jetzt sind es nur noch zehn.

Die zwei Män­ner auf der glü­hend hei­ßen Eisen­platt­form sehen aus wie Sträf­lin­ge. Aber Sträf­lin­ge mit Gold­zäh­nen. Und Goldringen. 

Der drit­te ist der Tau­cher. Erst wühlt er sich nach unten ins Fluß­bett und dann fünf, sechs Meter in die Ufer-Böschung (dort sam­melt sich das meis­te Gold). 

Er sieht nichts. Er tas­tet. Schwar­ze, nas­se Dun­kel­heit. Wie ein blin­der Wurm, ein mensch­li­ches Rep­til, steckt er in der selbst­ge­mach­ten Röh­re — zwei, drei Stun­den ohne Unterbrechung. 

Der Tau­cher gräbt und diri­giert den Saug­rüs­sel. Das abge­saug­te Erd­reich wird nach oben trans­por­tiert, auf die Schrä­ge. Wird der Tau­cher unten fün­dig, zieht der oben an der Mor­se­lei­ne: Wei­ter so ! Die Lei­ne und ein Luft­schlauch sind die ein­zi­ge Ver­bin­dung zu dem Mann im Lehm.

Der Lehm ist weich. Immer wie­der sackt der Rand zusam­men und erstickt, erdrückt, begräbt die Tau­cher. Acht im letz­ten Jahr.

15, manch­mal 30 Gramm Roh­gold pro­du­ziert die bal­sa täg­lich, sagt der Maschi­nist. Das bringt höchs­tens 30 EURO. Geteilt durch drei nicht mehr als 5 bis 10 pro Kopf und Tag. Abzu­zie­hen wären noch die Aus­ga­ben für Treib­stoff, Repa­ra­tu­ren und so weiter.

Ein lau­si­ges Geschäft !

KULISSE WEG

Ach ja — das Gold … Hier, in dem Plas­tik­ei­mer !  Roh­gold ist wie Dreck – gelb­lich, stumpf. Wie aus­ge­spuck­ter Kaugummi. 

Sehr ent­täuscht ?

MUSIK (MIRANDA) / DARAUF:

Neh­men Sie den Bro­cken ruhig in die Fin­ger. Kaum zu glau­ben: Die­ses Zeugs raubt Men­schen den Ver­stand ! Noch immer suchen Hun­dert­tau­sen­de in Ama­zo­ni­en nach dem Kilo-Ding, dem­Klum­pen, der bonan­ça.

Die Garim­pos der Umge­bung hei­ßen: Nova Vida (Neu­es Leben), Ter­ra Rica (Rei­ches, herr­li­ches Stück Land), Rio d‘Ouro (Gold­fluß), Liber­dade (Frei­heit), Nova Espe­r­an­ça (Neue Hoffnung). 

Sie schür­fen, tau­chen, gra­ben Löcher. Machen sich zum Nar­ren mit Wün­schel-ruten, die Betrü­ger ihnen andreh‘n, zwei Stück Draht für einen Monat Arbeit.

Fami­li­en­vä­ter rui­nie­ren sich für Huren, schie­ßen auf­ein­an­der, betäu­ben die Ver­zweif­lung mit Gerüch­ten, Aber­glau­ben, Schnaps.

MUSIK WEG  / BEIM GOLDHÄNDLER

Es gibt vier Auf­käu­fer in Crepo­risão. Frü­her waren es Dut­zen­de. An jeder zwei­ten Bret­ter­front steht noch in Rie­sen­let­tern OURO „Kau­fe Gold !“

Die­ser Mann nennt sich inter­me­di­á­rio, Zwi­schen­händ­ler. Er trägt einen sau­be­ren wei­ßen Anzug mit Kra­wat­te und bringt 22,4 Gramm, fast eine Unze, vorbei. 

GERÄUSCH DES BRENNERS 

Über einer Gas­flam­me erhitzt der Auf­käu­fer das kaf­fee­boh­nen­gro­ße Bröck­chen Roh­gold — Schmelz­punkt tau­send­vier­und­sech­zig Grad. 

Das Metall beginnt zu schmel­zen. Glänzt schon gol­den. Und erstarrt. Der Akt hat etwas Feierliches.

Die Waa­ge zeigt jetzt 21,12  Gramm rei­nes Gold an. Das bringt brut­to 380 Reais oder 190 EURO — abzüg­lich Gebü­ren. Der Groß­händ­ler sitzt im fer­nen São Pau­lo. Dort erst wird rich­tig verdient.

ZWEITER KUNDE

Die­ser trägt kei­nen Anzug und kei­ne Kra­wat­te. Kaum zu fin­den, das Krü­mel­chen Gold in sei­nem Zei­tungs­pa­pier. 2,6  Gramm. Zum Schmel­zen ist das zu wenig. 

30 Reais sagt der Händler.“Nur 30 ?” — „Drei­ßig, ja !“

PICKUP, FAHRERHAUS

Sie befin­den sich jetzt auf der Trans­garim­pei­ra, auch Rodo­via do Ouro genannt (Gold­stra­ße). Vor zehn Jah­ren war hier eine Flug­pis­te. Dort gra­sen jetzt Zebu-Rin­der — weiß, sanft, gedul­dig, mit dem tief-melan­cho­li­schen Latinoblick.

Der Pick­up mit Chi­co, dem Fah­rer, und Zés­in­ho, dem Bei­fah­rer, kos­tet Sie das Zehn­fa­che eine Flug­bil­lets für die glei­che Ent­fer­nung. Das Geld ist gut angelegt. 

IM FAHRERHAUS / CHICO 

In der Regen­zeit fährt hier kein Aas bei uns durch, sagt Chico.

Für die 192 Kilo­me­ter bis zur Bun­des­stra­ße San­t­a­rém-Cuia­bá braucht ein 

Lkw mit­un­ter 30 Tage. 

Die da oben las­sen uns im Stich, sagt Chi­co, Hän­de fest am Lenk­rad. Der Prä­fekt hat 15 000 Liter Die­sel­öl spen­diert — für Stra­ßen­bau­ma­schi­nen. So ein Wahl-geschenk. Zwi­schen Crepo­risão und Crepo­ris­in­ho ist alles versickert.

Es ist zum Wei­nen, sagt er. Noch zwei Jah­re will er war­ten. Wenn die Stra­ße dann nicht kommt, ist Schluss.

MUSIK (SANTORO) / BRENNENDER WALD

Die Son­ne ist unter­ge­gan­gen, mit­ten am Tag. Es brennt an der Transgarimpeira. 

Chi­co hat das Licht ein­ge­schal­tet. Glü­hen­de Zwei­ge und Blät­ter wir­beln im Auf­wind. Links und rechts die Baum­lei­chen — Rin­de schwarz, ver­krus­tet. Kokos­pal­men-Stümp­fe. Bam­bus-Stum­mel. Para­nuß-Kada­ver. Ein­zel­ne ver­kohl­te Rie­sen­bäu­me hal­ten sich noch auf­recht, wie zum Trotz. Kläg­li­che, sinn­lo­se Gesten. 

MUSIK WEG 

Noch 16 Kilo­me­ter aus­ge­dünn­ter Wald. Dann unser Camp. Die gro­ße Lichtung.

Wel­co­me to the Jung­le ! So weit weg waren Sie vom deut­schen All­tag noch nie!

Ihr ers­ter Ein­druck: Lärm, alles ein­hül­len­der Lärm der Die­sel­ag­gre­ga­te. Lärm und Hit­ze. Ein Gewim­mel halb­nack­ter Ker­le im Lehm, im Schlamm, im Schweiß, im Öl. 

Seit 40 Jah­ren wird auf die­sem Fleck gebud­delt, berg­män­nisch. Sen­hor Baia­no hat die Mine von João Rive­ra gekauft – für 100 Kilo Gold. Des­sen Frau war hier ermor­det wor­den, und er woll­te nicht mehr bleiben.

Täg­lich kom­men neue Arbeits­kräf­te — aus Bahia, Mar­an­hão, São Pau­lo, Rio Gran­de do Sul — per Anhal­ter, zu Fuß. Ein Über­an­ge­bot. Für vie­le gibt es kein Zurück. Wer wür­de sich das antun, wenn er ande­re Arbeit hätte. 

Und hier der Schacht, 45 Meter tief. 

GERÄUSCH DER WINDERUFE

Unab­läs­sig schnarrt die pri­mi­ti­ve, aus­ge­schla­ge­ne Elek­tro­win­de. Naß und kal­kig kom­men die Män­ner ans Licht, neh­men ein paar Atem­zü­ge, trin­ken einen Schluck und ver­schwin­den wie­der in die Tie­fe. Eine Schicht dau­ert 24 Stunden. 

Nun, Sie wer­den kaum hin­un­ter fah­ren wol­len. Wahr­schein­lich lässt man Sie auch gar nicht. Stel­len wir’s uns also vor: 

Sie hocken auf dem schma­len Sitz des Auf­zugs — nicht viel brei­ter als ein Wurst­brett. Und los geht’s !

ARBEITSGERÄUSCHE, NÄHERKOMMEND / WASSER-RIESELN / RUFE IM SPRECHROHR 

Sie sind am Ziel ! Unter Ihren Füßen liegt viel­leicht ein Zent­ner Gold !

Es war­tet !

Also dann ! 

Boa sor­te ! Das heißt auf Por­tu­gie­sisch: Sehr viel Glück ! 

Absa­ge


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