Männer im Mutterland

Nach­kriegs­kin­der auf der Couch

RBB + MDR / RB / SR / WDR 2006  (50:51)

Erzäh­ler = STUDIO-AUFNAHME
Der Sohn = STUDIO-AUFNAHME
AUTOR und ande­re Stim­men = ORIGINALTON


AUS DEM MANUSKRIPT:


♫ = VIOLIN-IMPROVISATION (ALS FORTLAUFENDER TEPPICH ODER KURZER BREAK)

Erzäh­ler Mit acht bekam er eine Gei­ge … ♫  (SPIELT Mut­ter kauf­te ihm auch Noten: “Die Lus­ti­ge Wit­we” von Franz Léhar. Auf dem Titel ein Pin-up Girl aus den Drei­ßi­gern. Unter dem Satinkleid war ihr Kör­per nackt. 

Der Sohn  Ich könn­te sie jetzt noch genau beschrei­ben. 

Erzäh­ler  Ein Men­schen­le­ben ist das her. Er kratz­te auf der Gei­ge, und die Mut­ter hat gesun­gen. 

Der Sohn  “Vil­ja, o Vil­ja / Du Wald­mäg­de­lein”. 

Erzäh­ler  Wie in ihrer Jugend. 

Der Sohn  Bill Haley grün­de­te gera­de sei­ne “Comets” …

WATCHA GONNA DO” (BILL HALEY AND HIS COMETS)

ANSAGE  Män­ner im Mut­ter­land. Nach­kriegs­kin­der auf der Couch.
Ein Fea­ture von Hel­mut Kopetz­ky.

AUSSEN-ATMO (EIN GARTEN)

AUTOR (ORIGINALTON)  Erzähl’ doch mal von mei­ner Mut­ter – du hast sie doch noch irgend­wie in Erin­ne­rung. Sie war ja ’n biss­chen ’ne auf­fal­len­de Per­son …

EGON H.   Ich fand, dass sie ’ne schö­ne Frau war. Und ich hab sie als sehr herz­li­che Frau … Ich bin ja doch nicht so oft bei euch zu Hau­se gewe­sen, aber wenn ich da war – das war das, was ich in Flücht­lings­fa­mi­li­en ken­nen gelernt hab… Bei euch roch es immer gut. Es gab immer gutes Essen …

AUTOR  Oh ja ! Ich wur­de mit Lie­be erdrückt …

EGON H.   Ich hab’ dich nie schimp­fen gehört über dei­ne Mut­ter.

Erzäh­ler  Egon H. ist Psy­cho­the­ra­peut. Ein Schul­freund seit der ers­ten Klas­se, 1947.

EGON H.  Ich hab dei­ne Mut­ter ja unter einem unglaub­li­chen Anpas­sungs­druck erlebt. Ich denk noch an dein Gei­gen­spiel, wo sie im Grund dir einen Rah­men geben woll­te, dass du das durf­test – aber ja net auf­fal­len ! Und da war das Klo der ein­zi­ge Platz, wo du Hel­mut Zacha­ri­as spie­len durf­test. 

DER SOHN  Franz Léhar muss­te ich mit ihr zusam­men spie­len … 

EGON H.  Das durf­test du im Wohn­zim­mer …

♫  DAS VILJA-MOTIV 

Erzäh­ler  Russ­land 1941.

OKW-FANFARE / LIED: “VORWÄRTS, VORWÄRTS” 

SPRECHER  Der deut­sche Vor­marsch geht unauf­halt­sam wei­ter. Die gewal­ti­ge Angriffs­front der bol­sche­wis­ti­schen Streit­kräf­te ist durch­sto­ßen und zer­split­tert. Der deut­sche Sol­dat hat sich schon jetzt im Kampf gegen den bol­sche­wis­ti­schen Welt­feind unver­gess­li­che Ver­diens­te um die Ret­tung Euro­pas erwor­ben …

DARAUF:

Erzäh­ler  … Minsk … Boris­sow … der Dnjepr bei Orscha  … Kämp­fe im Raum Smo­lensk … Mglin … Noch 250 Kilo­me­ter bis Mos­kau … Auch sein Vater war im gro­ßen grau­en Rudel, Som­mer ’41. Starb schon in der fünf­ten Woche. Er war 26, der Sohn elf Mona­te. 

DIE MUTTER  Du bist ja im Krieg auf die Welt gekom­men – 4. 9. 1940. Du hast ihn nicht gekannt, und er hat dich nicht gekannt … Du warst ja im Körb­chen, als Säug­ling. Du warst ja ein Säug­ling ! Du hast ihn doch nie ken­nen gelernt !

DIE LUSTIGE WITWE” (OUVERTURE) / DARAUF:

Erzäh­ler  Fami­li­en­al­bum. Sein Vater mit Stahl­helm. Auf der rech­ten Brust­sei­te der Adler mit dem Haken­kreuz im Schna­bel. Am Hals­band das Eiser­ne Kreuz. Sie­ger­la­chen in die Kame­ra.

Der Sohn  Sieht so schreck­lich jung aus. 

DIE MUTTER Er war ja eine Schön­heit, dein Vater ! Groß und wun­der­schön ! Die Haa­re hast du ja auch von ihm ! Kräf­ti­ge schö­ne Haa­re … Kei­ne Glatz’ und kein nix (LACHT)

Erzäh­ler  Stolz lädt der Vater sei­ne P 38 durch … Rei­tet auf der Vier­lings­flak wie auf einem Mus­tang. Auf, nach Mos­kau !

DIE MUTTER  Er woll­te das Eiser­ne Kreuz. Und dar­auf hin hat er sich gemel­det zur Flug­ab­wehr. Und dort hat ihn ein Flug­zeug erschos­sen, von oben run­ter.

GROSSE HALLE / STIMMENGEWIRR 

Erzäh­ler Gegen­wart. Im Casi­no des frü­he­ren IG-Far­ben-Kon­zerns in Frank­furt am Main, jetzt  Goe­the-Uni­ver­si­tät, fin­det ein Kon­gress der Kriegs- und Nach­kriegs­kin­der statt. Fast 700 sind ver­sam­melt, krum­me weiß­haa­ri­ge Grei­se; ande­re noch auf­recht, tap­fer durch­ge­drück­tes Kreuz.

Der Sohn  Mei­ne Jahr­gän­ge ! 

Erzäh­ler Da lie­gen sie nun also auf der Couch, die See­len auf­ge­klappt. Und zwei Dut­zend Kory­phä­en, Schrift­stel­ler, His­to­ri­ker, Psy­cho­ana­ly­ti­ker der ers­ten Gar­de dia­gnos­ti­zie­ren:

VORTRÄGE / DIE STIMMEN ÜBERLAPPEN LEICHT:

 … Dis­re­gu­la­tio­nen im Affekt­be­reich, regres­si­ve Zustän­de, Stö­run­gen im Schlaf … Aggres­si­ve Aus­brü­che … Sui­zid-Ver­su­che … Nächt­li­che schwe­re Alb­träu­me … Dro­gen­miss­brauch … Delin­quenz … Zuneh­men­de Rück­zü­ge aus Bezie­hun­gen … Trau­rig­keit … Affekt­ein­schrän­kung … Psy­cho­ge­ne Amne­sie … Ver­min­der­tes Inter­es­se … Gefüh­le von Distan­ziert­heit sowie ein­ge­schränk­te Affek­te und eine Ver­mei­dung von Nähe …

Erzäh­ler  Und sie waren doch ihr Leben lang ganz unauf­fäl­lig, die­se Alten. Und zufrie­den. Und erfolg­reich. Kei­ne Lost Genera­ti­on wie die Heming­ways, die Fitz­ge­ralds und Remar­ques und Hux­leys. Makel­lo­se Kar­rie­ren. Kei­ne Spie­le, kei­ne Albern­hei­ten. Man ist nicht zum Ver­gnü­gen auf der Welt ! 

Von ihrem Nach­krieg reden sie mit einem Lächeln. Wenn sie reden.

♫ (FRAGMENTE) / DARAUF:

Der Sohn lebt wie auf dün­nem Eis. Jeden Augen­blick kann er ein­bre­chen. Er sam­melt Kabel, alte Schau­ben, Draht Schar­nie­re, Lüs­ter­klem­men, Rol­len, Räd­chen, Federn … Wie sein Groß­va­ter, der Hams­ter, nach dem Welt­krieg. 

Er fürch­tet sich vor hohem Gras. Da lagen Blind­gän­ger. 

WEG

Man wirft kein Brot weg. Und: “Wir essen unse­ren Tel­ler leer !”

 Manch­mal möch­te er sich sel­ber in den Arm neh­men.

DR. MATTHIAS FRANZ … Wir haben bei­spiels­wei­se in der Mann­hei­mer Kohor­ten­stu­die vor weni­gen Jah­ren noch das kriegs­be­ding­te mil­lio­nen­fa­che Feh­len der Väter als einen bis heu­te wirk­sa­men Risi­ko­fak­tor mit blei­ben­den nega­ti­ven Lang­zeit­aus­wir­kun­gen für die gesund­heit­li­che Ent­wick­lung der Kriegs­kin­der iden­ti­fi­zie­ren kön­nen. 

Erzäh­ler  Zum ers­ten Mal hat der Sohn ein sol­ches Wir-Gefühl, mit sei­nen Macken und Kom­ple­xen ist er nicht allein. Er ist Teil einer “Kohor­te”, einer Peer­group, wahr­ge­nom­men von der Wis­sen­schaft.

PROF. DR. HARTMUT RADEBOLD  Wir schät­zen, dass es in Deutsch­land 2,5 Mil­lio­nen Halb­wai­sen gege­ben hat — und in ganz Euro­pa 20 Mil­lio­nen. 

♫  (AKZENT)

DIE MUTTER  Ich hat­te eine wun­der-wun­der­schö­ne Jugend und eine sehr, sehr schö­ne Kind­heit mit mei­nen Eltern. 

DIE LUSTIGE WITWE” (OUVERTURE) / DARAUF:

DIE MUTTER  Wie im Mär­chen haben wir gelebt in unse­rem Haus. 

Erzäh­ler  Ein Bild der Mut­ter, 1932.  “Frau­en­fach­schu­le”. Der Gesamt-ein­druck ist blond – eine eher kal­te Schön­heit … Wei­ter:  ALBUM-BLÄTTERN  “Auf dem Eis­platz”. Schwar­zes Kleid mit Pelz­be­satz. 

Der Sohn  Fabel­haf­te Bei­ne !

Erzäh­ler  … sagt der Sohn.

Der Sohn  Mam­ma mia !

DIE MUTTER  Ich war Eis­kunst­läu­fe­rin. Wir haben jeden Abend trai­niert. 

Erzäh­ler  An der Ban­de auf­ge­stützt: der Mann, der ihn dann gezeugt hat, ein paar Jah­re spä­ter. 

DIE MUTTER  Immer stand der da ! Ich war ja damals Zwan­zig. Und ich war so ein hüb­sches fröh­li­ches Ding. Ich war über­all beliebt … Die Leut’ haben uns ja immer nach­ge­guckt. Ich hab ja auch immer schö­ne Klei­der gekriegt … Und wir haben ja äußer­lich sehr gut zusam­men­ge­passt ! Weil wir zwei schö­ne Men­schen waren ! Wir waren berühmt als schö­nes Paar !

DOKUMENT: KUNDGEBUNG IMSUDETENLANDENDE DER 30er JAHRE / HEILRUFE

Erzäh­ler  Sie waren eine Min­der­heit, die Sude­ten­deut­schen, in der frü­he­ren Tsche­cho­slo­wa­kei. Doch in man­chen Orten hat­ten sie das Sagen, auch in Schön­berg, wo der Sohn im ers­ten Kriegs­jahr auf die Welt kam. 

KONRAD HENLEIN, FÜHRER DER SUDETENDEUTSCHEN HEIMATFRONT, BELLT IM HINTERGRUND: “… unse­re sude­ten­deut­sche Hei­mat Teil des Reichs gewor­den !”

Erzäh­ler  Tau­send Tsche­chen, 15 000 Deut­sche. All­mäh­lich wur­de die­se Über­macht erdrü­ckend. Allent­hal­ben deut­sche Dirndl, deut­sche wei­ße Knie­strümp­fe. Sonn­wend­feu­er, Auf­mär­sche.

KONRAD HENLEIN: “Adolf Hit­ler – Sieg heil !” / DIE MASSE: “Sieg heil ! Sieg heil !”

Erzäh­ler  Die Gesta­po fol­ter­te in ihrem Haupt­quar­tier Oppo­si­tio­nel­le, gegen­über ging die Jugend nichts­ah­nend ins Kino. 

Der Sohn  Auch ihr bei­den, das “berühm­te Paar” …

DIE MUTTER  Ich war ja damals Zwan­zig. Und er sag­te, er ist auch Zwan­zig. Und dabei war er erst Acht­zehn. Und gar nicht lang … “Ich will dich hei­ra­ten ! Ich will dich hei­ra­ten !” Und hatt’ kei­nen Pfen­nig in der Tasch’ !

DER SOHN  Als Juni­or-Chef … 

DIE MUTTER  Ja, ja ! Das war das größ­te Pelz­ge­schäft in Schön­berg und der gan­zen Umge­bung. In Schön­berg dach­ten ja alle, die sind Mil­lio­nä­re !

Der Sohn  Das war dein ers­ter gro­ßer Irr­tum !

DIE MUTTER  Und er hat sich gar nicht geküm­mert um Geld – so wie Du !

DER SOHN   Gefal­len hat er dir schon …

DIE MUTTER  Ja sicher !

DER SOHN  In die­sen bes­se­ren Krei­sen – das waren eigent­lich alles
nur Deut­sche …

DIE MUTTER  Nur Deut­sche.

DER SOHN  Da waren über­haupt kei­ne Tsche­chen ?

DIE MUTTER  Nein. Und dein Vater: “Hit­ler ! Hit­ler !”

DER SOHN  War mein Vater so begeis­tert für Hit­ler ? 

DIE MUTTER  Ja … No, die haben ja da jeden gebraucht. Das war schon zur Vor­be­rei­tung für ’n Krieg ! Aben­teu­er … Ja, ja …

DER SOHN  Sehr lang habt ihr nicht zusam­men gelebt, ihr bei­den – als Ehe­paar.

 DIE MUTTER  Nein, nein … 

DER SOHN  Wie war denn das für dich, als er weg war dann plötz­lich ? 

DIE MUTTER  Es war kei­ne Lie­be mehr ! Gar kei­ne ! Nee … Wenn man einer Frau so was antut. 

DER SOHN  Du sagst, er hat dich betro­gen, gleich nach der Hoch­zeit.

DIE MUTTER  Jaja – so war er ! Da war nix mehr – ne, ne ! 

DER SOHN  Du mit dem Kind allein zu Hau­se …

DIE MUTTER  … Und die gan­ze Schwan­ger­schaft allein … Immer alles allein ! Mein gan­zes Leben ! Es wär’ nie gegan­gen mit uns. Naja …

DER SOHN  Und dann ist ja bald der Krieg los­ge­gan­gen … 

DIE MUTTER  Dann ist er ja gleich ein­ge­zo­gen … Aber er hat ’s gespürt ! Zu mei­ner Mut­ter hat er gesagt: Du wirst sehen, ich komm nicht mehr zurück !
Das hat er gespürt. Jaja !

  / DARAUF:

Erzäh­ler  “Sehr geehr­te Frau Kopetz­ky … fällt mir schwer, mit­zu­tei­len … in den Kopf getrof­fen … Hel­den­tod … Die Bat­te­rie ver­liert in Ihrem Gat­ten …” 

(…)

OKW-FANFARE / RADIOSPRECHER: In ent­schlos­se­ner Aus­nüt­zung unse­res Sie­ges auf der Krim wird die Ver­fol­gung des geschla­ge­nen Geg­ners schwung­voll fort­ge­setzt. Deut­sche und rumä­ni­sche Trup­pen haben ges­tern Sin­fero­pol, die Haupt­stadt der Krim, genom­men und befin­den sich im wei­te­ren Vor­ge­hen auf Sewas­to­pol …

Erzäh­ler  “Krim 1944”. Auf Sil­ber ein­gra­viert die Umris­se der Halb­in­sel im Schwar­zen Meer. Frem­des Land, als Schmuck zu tra­gen – der Ring eines deut­schen Kom­pa­nie­füh­rers …

Der Sohn   Mein Vater Num­mer zwei. 

Erzäh­ler  Eine Kriegs­hei­rat.

DIE MUTTER  Da war ich ver­liebt ! Das war ja mei­ne ers­te gro­ße Lie­be – mein zwei­ter Mann ! Wir haben uns 15 Jah­re nicht gese­hen ! Nichts von ein­an­der gewusst, gar nichts ! Da warst Du drei Jah­re … Hab ich von kei­nem Mann mehr was wol­len wis­sen … Och, ange­klopft haben ja so vie­le. Ich war ja eine jun­ge hüb­sche Frau ! Und der ist doch grad nur her­ge­kom­men, neue Offi­ziers­stie­fel kau­fen, in das Schuh­ge­schäft – wo ich den­ke, ich muss mit dir Schuh­chen kau­fen vor­mit­tags ! Und geh in das sel­be Geschäft, zur sel­ben Zeit – wenn ich wär’ eine Vier­tel­stun­de spä­ter gekom­men, hät­ten wir uns im Leben nie mehr gese­hen ! 

ALBUM-BLÄTTERN

Der Sohn  Schwer zu sagen, ob er ein mar­kan­ter Mann war — oder nur Mit­tel­maß. Die Uni­form macht Män­ner unkennt­lich.

Erzäh­ler  Ein älte­res Bild: Stu­den­ten. 

Der Sohn  Mein Stief­va­ter als “Fuchs­ma­jor” in vol­lem Wichs: Schär­pe, Degen, schrä­ge Tel­ler­müt­ze, wei­ße Hosen in die Stul­pen­stie­fel rein­ge­zwängt. Man nann­te das wohl “stramm”.

DIE LUSTIGE WITWE”, OUVERTURE, IM HINTERGRUND

DIE MUTTER  Da steht ein Offi­zier in Gala – er war ja immer sehr … ah ja ! Den kenn’ ich doch ! Und wäh­rend ich so denk’, dreht er sich um: Ach, Gre­tel, komm – wir gehen raus ! Fragt er, wo mein Mann ist. Und ich sag: Ich bin ja Wit­we – mein Mann ist gefal­len. Und da haben sei­ne Augen schon geleuch­tet: “Ich bin noch ledig !”  Siehst du ! Und das war  d e r  Mann für mich ! Er hat ja viel Geld in die Ehe gebracht. Wir woll­ten sofort nach dem Krieg bau­en. Und er woll­te dich ja sofort adop­tie­ren.

Erzäh­ler  “Wie her­zig”, schrieb er spä­ter aus dem Feld, “dass der Klei­ne schon das Ärm­chen stolz zum deut­schen Gruß hebt !” 

DER SOHN  Mit dem Zusam­men­le­ben ist es ja auch wie­der nix gewor­den …  

DIE MUTTER Auch wie­der nix. Zwei­mal noch Urlaub – und  … 

REPORTAGE VOM KÖLNER BAHNHOF / RUNDFUNK-REPORTER:
Heu­te am Hei­li­gen Abend – da muss er kom­men ! Das klei­ne Mäd­chen, das nur ein paar Schritt hier von mir ent­fernt steht bei sei­ner Mut­ter – vier, fünf Jah­re alt mag sie sein – Es kennt sei­nen Vater noch nicht ein­mal. Es kennt ihn nur vom Bild … Und der Zug – der Zug, der aus Russ­land die Heim­keh­rer zurück­bringt, läuft auf Bahn­steig 1 am Hei­lig Abend in Köln ein …

BAHNBEAMTER  War­ten Sie bit­te, bis der Zug hält !

REPORTER  Und da lässt sich schon der Jubel, das Rufen nicht mehr zurück- hal­ten. Die Heim­keh­rer haben die Fens­ter der Abtei­le auf­ge­macht. Sie win­ken. Und nun fängt das gro­ße Suchen an.   RUFE, GLÜCKLICHES GELÄCHTER 

DIE MUTTER  Ich hab immer gehofft ! Ich hab immer gehofft und gehofft – bis der Ade­nau­er dann gesagt hat: Jetzt kommt kei­ner mehr. 

Erzäh­ler  Der Vater und der Stief­va­ter: fürs Vater­land gefal­len. Von jetzt an lebt der Sohn im Mut­ter­land. 

DIE MUTTER  Ich hab immer gesagt: Mir sol­len sie alles neh­men – wenn mir nur mein Kind bleibt. Das hab ich immer gesagt ! Du hast mich sehr, sehr viel raus­ge­ris­sen aus die­sem furcht­ba­ren Elend !

DIE LUSTIGE WITWE”, DAS VILJA-LIED (ELISABETH SCHWARZKOPF

Der Sohn  ZITIERT …Und ein nie gekann­ter Schau­der fasst’ den jun­gen Jägers­mann / Sehn­suchts­voll fing er still zu seuf­zen an / Vil­ja, o Vil­ja,
du Wald­mäg­de­lein … 

E. SCHWARZKOPF  Vil­ja, o Vil­ja, was tust du mir an (…) 

Erzäh­ler  “Die Lus­ti­ge Wit­we” von Franz Léhar – Adolf Hit­lers Lieb­lings-Ope­ret­te. 

DIE MUTTER  Der Krieg – der Krieg hat mich rui­niert ! 

DER SOHN  Aber es hat ja alles einen Anfang gehabt mal … 

DIE MUTTER  Ja natür­lich, natür­lich ! Der Hit­ler hat das gemacht ! Also das geht mir nicht in den Kopf ! Der war doch ein ganz gewöhn­li­cher – Trot­tel !
Und die gan­zen deut­schen hohen Gene­rä­le – haben die das nie erkannt ? Haben mit­ge­macht ! 

DER SOHN  … Und die meis­ten Sude­ten­deut­schen natür­lich auch – mit die­ser Heim-ins-Reich-Paro­le …  

DIE MUTTER  Ja … Der hat­te ein gro­ßes Maul. Und das konn­te er ein­set­zen, dass die Men­schen das geglaubt haben. 

DER SOHN  Auf der einen Sei­te habt ihr den Hit­ler für ’n Psy­cho­pa­then und
einen Idio­ten gehal­ten …  

DIE MUTTER  Das sag ich ja jetzt !  

DER SOHN  … Die sind ja mit den Nazi-Abzei­chen ins Feld gezo­gen, damals …

DIE MUTTER  Nein, nein, nein … Wir haben wei­ter gelebt wie nor­mal ! Und wenn man in der Stra­ße wo war, hat ’s nur immer gehei­ßen: Ach­tung ! Feind hört mit ! Da hat nie­mand sich getraut, über­haupt was zu reden ! Ja, woher soll­ten wir denn wis­sen, was die­ser Hit­ler gemacht hat ?

(…)

Erzäh­ler 1946 im August.

DIE MUTTER … Und dann, eines Tages … Eines Tages kom­men drei Tsche­chen mit Gewehr, haben geschellt und mir auf­ge­macht – und haben sie nur geschrie­en:  Raus ! Alles ande­re bleibt drin ! Raus ! … Vorm Hit­ler haben wir mit denen doch gelebt, anstän­dig gelebt ! Ich konn­te ja sehr gut Tsche­chisch … Wir haben den Tsche­chen doch nix getan ! Gar nix ! 

Da haben sie uns nur ganz kur­ze Zeit – was man so Klei­der und was man tra­gen konn­te … Und nicht gesagt, wohin … Und da lagen wir da ! Und hat­ten kein Dach mehr überm Kopf. Du warst damals noch nicht mal Fünf­ein­halb. Und mein Vater ist zusam­men­ge­bro­chen. Der hat bit­ter­lich geweint – das ers­te Mal in mei­nem Leben hab ich mei­nen Vater wei­nen sehen. Und die Mut­ter hat dann nur erbro­chen, erbro­chen. Und da sind wir halt wie arme Sün­der weg von unse­rem eige­nen Haus. 

Erzäh­ler “Heim ins Reich“.

(…)

Erzäh­ler  Aus­ge­brann­te Züge auf dem Bahn­hof. Fla­cker­licht und Strom­aus­fall. Der Lam­pen­schirm aus Pack­pa­pier. Der kal­te Win­ter in der Dach­kam­mer. Dau­ernd Streit mit ihren alten Eltern. 

Der Sohn  Und immer wegen mir: Dem Kind fehlt eine star­ke Hand !

AMERIKANISCHE ARMEE-KAPELLE PARADIERT / DARAUF:

Erzäh­ler  Depor­tiert in ein besieg­tes Land …

DER SOHN  Das war ja auch ernied­ri­gend … In Schön­berg gehör­te man zu der Ober­schicht, zu den “bes­se­ren Leu­ten”,  und hier war man plötz­lich ein Dreck! 

DIE MUTTER  Jaja – ich die stol­ze Gre­tel, wie ich war … Ach, du lie­ber Gott, ich war doch stolz ! Das hat weh­ge­tan … 

Erzäh­ler  Neun Jah­re war­tet die Mut­ter auf ihren ver­miss­ten Mann. Dann lässt sie ihn für tot erklä­ren.

DIE MUTTER  Wir muss­ten das ! Weil wir sonst über­haupt kei­ne Pen­si­on gekriegt hät­ten.  

Der Sohn  Das war dein Sta­lin­grad. Die Stun­de Null. Zusam­men­bruch.
Den ers­ten Mann ver­lo­ren und den zwei­ten, die Hei­mat, das Haus, den Sta­tus. Eine nie­der­schmet­tern­de Bilanz !

Erzäh­ler  Die Mut­ter kapi­tu­liert. Spä­ter wird sie lan­ge krank, sehr krank  sein.

DIE MUTTER Ich bin ja auf die Fel­der, wo sie schon Kar­tof­feln abge­ern­tet hat­ten – bin ich nach­ha­cken gegan­gen, und hab ein paar Kar­tof­feln … Die Fami­lie muss­te ja ernährt wer­den, wir hat­ten ja nix. Bei einem Bau­ern hab ich gesagt, ob sie mir könn­ten ein Ei ver­kau­fen für mein Kind – und die hat uns fort­ge­jagt ! Mit bösen Wor­ten hat die uns weg­ge­jagt ! Jaja … 

KONGRESS-ATMO / PETER HÄRTLING (SCHRIFTSTELLER)  Die­se Genera­ti­on von Frau­en – das war auch die Genera­ti­on mei­ner Mut­ter – war auf hin­rei­ßen­de Wei­se kräf­tig. Heu­te wird von allein-erzie­hen­den Müt­tern gespro­chen. Damals hie­ßen die Krie­ger­wit­wen. Die Krie­ger­wit­wen jag­ten uns gewis­ser­ma­ßen Furcht ein …

(…)

Erzäh­ler  Sie ist 93 und sie lebt allein. Seit 59 Jah­ren. Das Gehör lässt nach. In den Augen sitzt der Star. Die Schrit­te wer­den unsi­cher. 

DER SOHN Mensch Mut­ter, du bist alt – uralt !  (SIE LACHT)

Erzäh­ler  Aber — sie will kei­ne Hilfe.Und schon gar kein Mit­leid. Sie hat ihren Sarg schon aus­ge­sucht, die Beer­di­gung bezahlt und auch die Grab­pfle­ge – 30 Jah­re all inclu­si­ve.  

DIE MUTTER … weil ich ein Mensch bin, der alles hun­dert­pro­zen­tig haben will. Ich kenn’ kei­ne Halb­hei­ten ! Ich hab nie ein­mal jeman­den gebraucht oder gefragt ! Nie ein­mal ! Und hab auch nie einen Feh­ler gemacht ! Nie ein­mal ’n Zug ver­passt oder Schiff oder Flug­zeug oder sonst was – nie ! Nie einen Feh­ler gemacht ! Ja, dar­auf bin ich stolz ! Naja …

Erzäh­ler  Sie ver­stei­nert wie ein sehr alter Baum. Ihre Här­te reicht sie wei­ter an den Sohn. 

KONGRESS-ATMO

PROF. MARIANNE LEUZINGER-BOHLEBER (VORTRAG) Die Haupt­stö­run­gen lagen nicht im Leis­tungs­be­reich, son­dern in den Intim­be­zie­hun­gen.
Die meis­ten hat­ten eine ver­früh­te Auto­no­mie-Ent­wick­lung. Oft die Flucht in Leis­tung und Über­for­de­rung. Die tap­fe­ren Kriegs­kin­der, die auf der Couch oft ent­deckt hat­ten, dass sie eine Omni­po­tenz­phan­ta­sie der Unver­wund­bar­keit ent­wi­ckelt hat­ten: Ich schaf­fe alles und zwar allein, ich brauch’ nie­man­den !

Erzäh­ler  Im Stadt­bad eine Grup­pe Krie­ger­wit­wen, jeden Som­mer hin­ge­streckt auf ihren groß­ge­blüm­ten Cam­ping-Lie­gen. Der Sohn erin­nert sich an ihr Geläch­ter, den Geruch von Son­nen­öl. Da muss­te er den Die­ner machen, Jahr für Jahr. “Wie­der ’n Stück gewach­sen, der jun­ge Mann !” Und die Mut­ter sag­te: “Der kommt ganz nach mir !”

Mit 20 ver­lässt er den Käfig. Er flüch­tet in die fer­ne Groß­stadt, Emi­grant aus Mut­ter­land. Ret­te sich, wer kann !

DER SOHN  War­um hast du nie gehei­ra­tet ?

DIE MUTTER  Also — ich hätt’ nie­man­dem mehr kön­nen gut sein … Und nur mit einem ande­ren Mann, so wie heu­te, nur ins Bett ? Nee, nee – nein ! Da wär’ ich mir vor­ge­kom­men wie so ’n Flitt­chen ! Das hätt’ ich nie gemacht ! Nein ! Da war ich viel zu stolz ! Auch dir zulie­be hab ich auf kei­nen Mann geguckt ! Ich hätt’ das gar nicht übers Herz gebracht, dir mit ‘m Kerl da … 

(…)

GARTEN / DER SOHN  Ich bin ja aus­staf­fiert wor­den schon mit 14 Jah­ren als erwach­se­ner Mann, als Beglei­ter mit Hut, Bügel­fal­te, sil­ber­ner Kra­wat­te …

Erzäh­ler  Sie im Som­mer­kleid, wei­ße Per­len­ket­te, ein­ge­hakt. Ein Paar, im Stadt­park pro­me­nie­rend. 

WIEDERHOLUNG  / DIE MUTTER  Wir haben ja äußer­lich sehr gut zusam­men­ge­passt. 

Erzäh­ler  Rechts die Wit­we in den bes­ten Jah­ren. Auf der Her­ren­sei­te – er, der Milch­bart – auf­ge­putzt zum Mann.

WIEDERHOLUNG  / DIE MUTTER  Die Leut’ haben uns ja immer nach­ge­guckt!

Erzäh­ler  Der Mann zum Vor­zei­gen. Ersatz-Gat­te. Ein viel zu jun­ger, schlech­ter Schau­spie­ler. 

Der Sohn  Du hast mich aus­ge­hal­ten, Mut­ter ! Ehr­lich gesagt: Ich war dick ! Du hast mich gemäs­tet !

(…)

Erzäh­ler  Nach vie­len Jah­ren kommt der Sohn zurück aus der Groß­stadt. Fern vom Mut­ter­land hat er gelebt, gear­bei­tet, geliebt und sel­ber einen Sohn gezeugt. Nun ist er heim­ge­kehrt – sie glaubt: zu ihr. 

DIE MUTTER   Du warst ja ein rei­nes Wunsch­kind ! Ich muss ein Kind haben, ich muss ein Kind … Und dann hatt’ ich Dich ! 

Erzäh­ler  Doch die Frau, die ihn gestoh­len hat, ist bei ihm. Die Die­bin ist in der Stadt. 

DIE MUTTER   Ich hab immer gesagt: Mir sol­len sie alles neh­men – wenn mir nur mein Kind bleibt !

Erzäh­ler  Ab jetzt herrscht laut­lo­ser Gue­ril­la-Krieg. Die Mut­ter rekla­miert das Kind im alten Mann für sich. Sie spukt in sei­nen Träu­men, zieht ihm kur­ze Hosen an, wie damals; drückt ihn an die Brust.

WIEDERHOLUNG  / DIE MUTTER  Du bist wie ich !

Erzäh­ler  Über­le­bens­groß: ihr Schat­ten. Nichts hält ihrem Urteil stand.
“Da müss­te eine Frau her …” sagt sie. “Eine rich­ti­ge !”

DIE MUTTER  Jaja …

DER SOHN  Ich hat­te immer das Gefühl: Wenn mei­ne Mut­ter von mir redet oder über mich redet, dass sie gar nicht mich meint ! Sie meint mich nicht. Sie meint eine Vor­stel­lung von mir. Jetzt fan­ge ich an, mit ihr zu dia­lo­gi­sie­ren und mich zu ver­tei­di­gen, und ich den­ke: Ver­flucht noch mal – das brauch ich doch gar nicht ! 

♫  DARAUF:

Der Sohn   Ich weiß: Ich bin eine Ent­täu­schung ! — Nein, ich spie­le kei­ne Ope­ret­ten­schnul­zen mehr ! — Die­se Eifer­sucht auf mei­ne Frau ! Nicht ein­mal den Namen kannst Du aus­spre­chen. Immer heißt es: “die” und “sie” und “die­se da” ! Als woll­test Du sie tot-schwei­gen ! — Ich bin auch nicht Dein Son­nen­schein, der an die Mut­ter­brust zurück­kehrt ! — Mensch, wir sind zwei alte Leu­te – Du und ich !

ALBUM-BLÄTTERN  / DIE MUTTER …  Ist das schön ! Ach Gott – mein Schat­zele !

DER SOHN  Und das hier ? 

Erzäh­ler  Lee­re Sei­ten. Die Bil­der sind her­aus­ge­fetzt, nicht abge­löst. Nur noch ihre Hand­schrift: “Mein lie­ber Sohn”. Aus­ra­diert. “Schwie­ger­toch­ter”. Leer … 

Der Sohn  Da kle­ben noch die Res­te mei­ner Frau.

Erzäh­ler  Schau­platz eines Eifer­suchts-Mas­sa­kers.

DIE MUTTER  Dei­ne gan­ze Kind­heit … 

DER SOHN  Weg­ge­schmis­sen ! 

DIE MUTTER  Ja, ja … Heut tut mir ’s leid …  

BLENDE IN KLINIKUM-ATMO:

Erzäh­ler  Inten­siv­sta­ti­on.

Mecha­nisch hebt und senkt sich der Brust­korb, künst­lich beatmet. Ber­ge und Täler auf dem Dis­play – rote, grü­ne, gel­be: Kreis­lauf, Herz­fre­quenz, Flüs­sig­keits­bi­lanz, Ein­fuhr / Aus­fuhr.

Manch­mal zit­tert der Kör­per wie ein Motor, der nicht rund läuft … Dann beru­higt er sich wie­der

Die Mut­ter ist ver­un­glückt, kurz vor sei­nem 65. Geburts­tag. Nur ein fal­scher Schritt: Ober­schen­kel­hals­bruch – Not­arzt – Hüft-OP – Lun­gen­em­bo­lie und Herz­still­stand – tie­fes Koma seit zwei Wochen.

Er hat Angst, dass sie doch die Augen wie­der auf­schlägt – und ihn nicht erkennt.

Durch einst­wei­li­ge Anord­nung wegen Gefahr im Ver­zug wird der Sohn zum Betreu­er bestellt. Zustand nach reani­ma­ti­ons­pflich­ti­ger Lun­gen­em­bo­lie mit cere­bra­ler Hypo­xie“. Rich­te­rin am Amts­ge­richt … Aus­ge­fer­tigt … Jus­tiz­an­ge­stell­te … unle­ser­lich

Jetzt bin ich dein Vor­mund !

Er steht vor ihrem Spe­zi­al­bett, täg­lich eine hal­be Stun­de … Mit­leid,
aber kei­ne Trä­nen … Ein selt­sa­mes Gefühl der — Unbe­schwert­heit.

Mit 65 Jah­ren end­lich abge­na­belt. Frei. Ent­las­sen aus dem Mut­ter­land. 

Die­se Frau stellt kei­ne For­de­run­gen mehr.

Er hat sie über­lebt, die Stäh­ler­ne.

➤Fea­tures (deut­sch/­In­fo-Tex­te)