Männer im Mutterland

Nachkriegskinder auf der Couch

RBB + MDR / RB / SR / WDR 2006  (50:51)

Erzäh­ler = STUDIO-AUFNAHME
Der Sohn = STUDIO-AUFNAHME
AUTOR und andere Stim­men = ORIGINALTON


AUS DEM MANUSKRIPT:


♫ = VIOLIN-IMPROVISATION (ALS FORTLAUFENDER TEPPICH ODER KURZER BREAK)

Erzäh­ler Mit acht bekam er eine Geige … ♫  (SPIELT Mut­ter kaufte ihm auch Noten: “Die Lustige Witwe” von Franz Léhar. Auf dem Titel ein Pin-up Girl aus den Dreißigern. Unter dem Satin­kleid war ihr Kör­p­er nackt. 

Der Sohn  Ich kön­nte sie jet­zt noch genau beschreiben. 

Erzäh­ler  Ein Men­schen­leben ist das her. Er kratzte auf der Geige, und die Mut­ter hat gesun­gen. 

Der Sohn  “Vil­ja, o Vil­ja / Du Wald­mägdelein”. 

Erzäh­ler  Wie in ihrer Jugend. 

Der Sohn  Bill Haley grün­dete ger­ade seine “Comets” …

WATCHA GONNA DO” (BILL HALEY AND HIS COMETS)

ANSAGE  Män­ner im Mut­ter­land. Nachkriegskinder auf der Couch.
Ein Fea­ture von Hel­mut Kopet­zky.

AUSSEN-ATMO (EIN GARTEN)

AUTOR (ORIGINALTON)  Erzähl’ doch mal von mein­er Mut­ter – du hast sie doch noch irgend­wie in Erin­nerung. Sie war ja ’n biss­chen ’ne auf­fal­l­ende Per­son …

EGON H.   Ich fand, dass sie ’ne schöne Frau war. Und ich hab sie als sehr her­zliche Frau … Ich bin ja doch nicht so oft bei euch zu Hause gewe­sen, aber wenn ich da war – das war das, was ich in Flüchtlings­fam­i­lien ken­nen gel­ernt hab… Bei euch roch es immer gut. Es gab immer gutes Essen …

AUTOR  Oh ja ! Ich wurde mit Liebe erdrückt …

EGON H.   Ich hab’ dich nie schimpfen gehört über deine Mut­ter.

Erzäh­ler  Egon H. ist Psy­chother­a­peut. Ein Schul­fre­und seit der ersten Klasse, 1947.

EGON H.  Ich hab deine Mut­ter ja unter einem unglaublichen Anpas­sungs­druck erlebt. Ich denk noch an dein Geigen­spiel, wo sie im Grund dir einen Rah­men geben wollte, dass du das durftest – aber ja net auf­fall­en ! Und da war das Klo der einzige Platz, wo du Hel­mut Zacharias spie­len durftest. 

DER SOHN  Franz Léhar musste ich mit ihr zusam­men spie­len … 

EGON H.  Das durftest du im Wohnz­im­mer …

♫  DAS VILJA-MOTIV 

Erzäh­ler  Rus­s­land 1941.

OKW-FANFARE / LIED: “VORWÄRTS, VORWÄRTS” 

SPRECHER  Der deutsche Vor­marsch geht unaufhalt­sam weit­er. Die gewaltige Angriffs­front der bolschewis­tis­chen Stre­itkräfte ist durch­stoßen und zer­split­tert. Der deutsche Sol­dat hat sich schon jet­zt im Kampf gegen den bolschewis­tis­chen Welt­feind unvergessliche Ver­di­en­ste um die Ret­tung Europas erwor­ben …

DARAUF:

Erzäh­ler  … Min­sk … Boris­sow … der Dnjepr bei Orscha  … Kämpfe im Raum Smolen­sk … Mglin … Noch 250 Kilo­me­ter bis Moskau … Auch sein Vater war im großen grauen Rudel, Som­mer ’41. Starb schon in der fün­ften Woche. Er war 26, der Sohn elf Monate. 

DIE MUTTER  Du bist ja im Krieg auf die Welt gekom­men – 4. 9. 1940. Du hast ihn nicht gekan­nt, und er hat dich nicht gekan­nt … Du warst ja im Kör­bchen, als Säugling. Du warst ja ein Säugling ! Du hast ihn doch nie ken­nen gel­ernt !

DIE LUSTIGE WITWE” (OUVERTURE) / DARAUF:

Erzäh­ler  Fam­i­lien­al­bum. Sein Vater mit Stahlhelm. Auf der recht­en Brust­seite der Adler mit dem Hak­enkreuz im Schn­abel. Am Hals­band das Eis­erne Kreuz. Siegerlachen in die Kam­era.

Der Sohn  Sieht so schreck­lich jung aus. 

DIE MUTTER Er war ja eine Schön­heit, dein Vater ! Groß und wun­der­schön ! Die Haare hast du ja auch von ihm ! Kräftige schöne Haare … Keine Glatz’ und kein nix (LACHT)

Erzäh­ler  Stolz lädt der Vater seine P 38 durch … Reit­et auf der Vier­lings­flak wie auf einem Mus­tang. Auf, nach Moskau !

DIE MUTTER  Er wollte das Eis­erne Kreuz. Und darauf hin hat er sich gemeldet zur Flu­gab­wehr. Und dort hat ihn ein Flugzeug erschossen, von oben runter.

GROSSE HALLE / STIMMENGEWIRR 

Erzäh­ler Gegen­wart. Im Casi­no des früheren IG-Far­ben-Konz­erns in Frank­furt am Main, jet­zt  Goethe-Uni­ver­sität, find­et ein Kongress der Kriegs- und Nachkriegskinder statt. Fast 700 sind ver­sam­melt, krumme weißhaarige Greise; andere noch aufrecht, tapfer durchge­drück­tes Kreuz.

Der Sohn  Meine Jahrgänge ! 

Erzäh­ler Da liegen sie nun also auf der Couch, die See­len aufgeklappt. Und zwei Dutzend Koryphäen, Schrift­steller, His­torik­er, Psy­cho­an­a­lytik­er der ersten Garde diag­nos­tizieren:

VORTRÄGE / DIE STIMMEN ÜBERLAPPEN LEICHT:

 … Dis­reg­u­la­tio­nen im Affek­t­bere­ich, regres­sive Zustände, Störun­gen im Schlaf … Aggres­sive Aus­brüche … Suizid-Ver­suche … Nächtliche schwere Alb­träume … Dro­gen­miss­brauch … Delin­quenz … Zunehmende Rück­züge aus Beziehun­gen … Trau­rigkeit … Affek­tein­schränkung … Psy­cho­gene Amne­sie … Ver­min­dertes Inter­esse … Gefüh­le von Dis­tanziertheit sowie eingeschränk­te Affek­te und eine Ver­mei­dung von Nähe …

Erzäh­ler  Und sie waren doch ihr Leben lang ganz unauf­fäl­lig, diese Alten. Und zufrieden. Und erfol­gre­ich. Keine Lost Gen­er­a­tion wie die Hem­ing­ways, die Fitzger­alds und Remar­ques und Hux­leys. Makel­lose Kar­ri­eren. Keine Spiele, keine Albern­heit­en. Man ist nicht zum Vergnü­gen auf der Welt ! 

Von ihrem Nachkrieg reden sie mit einem Lächeln. Wenn sie reden.

♫ (FRAGMENTE) / DARAUF:

Der Sohn lebt wie auf dün­nem Eis. Jeden Augen­blick kann er ein­brechen. Er sam­melt Kabel, alte Schauben, Draht Scharniere, Lüsterklem­men, Rollen, Räd­chen, Fed­ern … Wie sein Groß­vater, der Ham­ster, nach dem Weltkrieg. 

Er fürchtet sich vor hohem Gras. Da lagen Blind­gänger. 

WEG

Man wirft kein Brot weg. Und: “Wir essen unseren Teller leer !”

 Manch­mal möchte er sich sel­ber in den Arm nehmen.

DR. MATTHIAS FRANZ … Wir haben beispiel­sweise in der Mannheimer Kohort­en­studie vor weni­gen Jahren noch das kriegs­be­d­ingte mil­lio­nen­fache Fehlen der Väter als einen bis heute wirk­samen Risiko­fak­tor mit bleiben­den neg­a­tiv­en Langzeitauswirkun­gen für die gesund­heitliche Entwick­lung der Kriegskinder iden­ti­fizieren kön­nen. 

Erzäh­ler  Zum ersten Mal hat der Sohn ein solch­es Wir-Gefühl, mit seinen Mack­en und Kom­plex­en ist er nicht allein. Er ist Teil ein­er “Kohorte”, ein­er Peer­group, wahrgenom­men von der Wis­senschaft.

PROF. DR. HARTMUT RADEBOLD  Wir schätzen, dass es in Deutsch­land 2,5 Mil­lio­nen Halb­waisen gegeben hat — und in ganz Europa 20 Mil­lio­nen. 

♫  (AKZENT)

DIE MUTTER  Ich hat­te eine wun­der-wun­der­schöne Jugend und eine sehr, sehr schöne Kind­heit mit meinen Eltern. 

DIE LUSTIGE WITWE” (OUVERTURE) / DARAUF:

DIE MUTTER  Wie im Märchen haben wir gelebt in unserem Haus. 

Erzäh­ler  Ein Bild der Mut­ter, 1932.  “Frauen­fach­schule”. Der Gesamt-ein­druck ist blond – eine eher kalte Schön­heit … Weit­er:  ALBUM-BLÄTTERN  “Auf dem Eis­platz”. Schwarzes Kleid mit Pelzbe­satz. 

Der Sohn  Fabel­hafte Beine !

Erzäh­ler  … sagt der Sohn.

Der Sohn  Mam­ma mia !

DIE MUTTER  Ich war Eiskun­stläuferin. Wir haben jeden Abend trainiert. 

Erzäh­ler  An der Bande aufgestützt: der Mann, der ihn dann gezeugt hat, ein paar Jahre später. 

DIE MUTTER  Immer stand der da ! Ich war ja damals Zwanzig. Und ich war so ein hüb­sches fröh­lich­es Ding. Ich war über­all beliebt … Die Leut’ haben uns ja immer nachgeguckt. Ich hab ja auch immer schöne Klei­der gekriegt … Und wir haben ja äußer­lich sehr gut zusam­mengepasst ! Weil wir zwei schöne Men­schen waren ! Wir waren berühmt als schönes Paar !

DOKUMENT: KUNDGEBUNG IMSUDETENLANDENDE DER 30er JAHRE / HEILRUFE

Erzäh­ler  Sie waren eine Min­der­heit, die Sude­tendeutschen, in der früheren Tsche­choslowakei. Doch in manchen Orten hat­ten sie das Sagen, auch in Schön­berg, wo der Sohn im ersten Kriegs­jahr auf die Welt kam. 

KONRAD HENLEIN, FÜHRER DER SUDETENDEUTSCHEN HEIMATFRONT, BELLT IM HINTERGRUND: “… unsere sude­tendeutsche Heimat Teil des Reichs gewor­den !”

Erzäh­ler  Tausend Tschechen, 15 000 Deutsche. Allmäh­lich wurde diese Über­ma­cht erdrück­end. Allen­thal­ben deutsche Dirndl, deutsche weiße Kniestrümpfe. Son­nwend­feuer, Aufmärsche.

KONRAD HENLEIN: “Adolf Hitler – Sieg heil !” / DIE MASSE: “Sieg heil ! Sieg heil !”

Erzäh­ler  Die Gestapo folterte in ihrem Haup­tquarti­er Oppo­si­tionelle, gegenüber ging die Jugend nicht­sah­nend ins Kino. 

Der Sohn  Auch ihr bei­den, das “berühmte Paar” …

DIE MUTTER  Ich war ja damals Zwanzig. Und er sagte, er ist auch Zwanzig. Und dabei war er erst Achtzehn. Und gar nicht lang … “Ich will dich heirat­en ! Ich will dich heirat­en !” Und hatt’ keinen Pfen­nig in der Tasch’ !

DER SOHN  Als Junior-Chef … 

DIE MUTTER  Ja, ja ! Das war das größte Pelzgeschäft in Schön­berg und der ganzen Umge­bung. In Schön­berg dacht­en ja alle, die sind Mil­lionäre !

Der Sohn  Das war dein erster großer Irrtum !

DIE MUTTER  Und er hat sich gar nicht geküm­mert um Geld – so wie Du !

DER SOHN   Gefall­en hat er dir schon …

DIE MUTTER  Ja sich­er !

DER SOHN  In diesen besseren Kreisen – das waren eigentlich alles
nur Deutsche …

DIE MUTTER  Nur Deutsche.

DER SOHN  Da waren über­haupt keine Tschechen ?

DIE MUTTER  Nein. Und dein Vater: “Hitler ! Hitler !”

DER SOHN  War mein Vater so begeis­tert für Hitler ? 

DIE MUTTER  Ja … No, die haben ja da jeden gebraucht. Das war schon zur Vor­bere­itung für ’n Krieg ! Aben­teuer … Ja, ja …

DER SOHN  Sehr lang habt ihr nicht zusam­men gelebt, ihr bei­den – als Ehep­aar.

 DIE MUTTER  Nein, nein … 

DER SOHN  Wie war denn das für dich, als er weg war dann plöt­zlich ? 

DIE MUTTER  Es war keine Liebe mehr ! Gar keine ! Nee … Wenn man ein­er Frau so was antut. 

DER SOHN  Du sagst, er hat dich bet­ro­gen, gle­ich nach der Hochzeit.

DIE MUTTER  Jaja – so war er ! Da war nix mehr – ne, ne ! 

DER SOHN  Du mit dem Kind allein zu Hause …

DIE MUTTER  … Und die ganze Schwanger­schaft allein … Immer alles allein ! Mein ganzes Leben ! Es wär’ nie gegan­gen mit uns. Naja …

DER SOHN  Und dann ist ja bald der Krieg los­ge­gan­gen … 

DIE MUTTER  Dann ist er ja gle­ich einge­zo­gen … Aber er hat ’s gespürt ! Zu mein­er Mut­ter hat er gesagt: Du wirst sehen, ich komm nicht mehr zurück !
Das hat er gespürt. Jaja !

  / DARAUF:

Erzäh­ler  “Sehr geehrte Frau Kopet­zky … fällt mir schw­er, mitzuteilen … in den Kopf getrof­fen … Helden­tod … Die Bat­terie ver­liert in Ihrem Gat­ten …” 

(…)

OKW-FANFARE / RADIOSPRECHER: In entschlossen­er Aus­nützung unseres Sieges auf der Krim wird die Ver­fol­gung des geschla­ge­nen Geg­n­ers schwungvoll fort­ge­set­zt. Deutsche und rumänis­che Trup­pen haben gestern Sin­fer­opol, die Haupt­stadt der Krim, genom­men und befind­en sich im weit­eren Vorge­hen auf Sewastopol …

Erzäh­ler  “Krim 1944”. Auf Sil­ber ein­graviert die Umrisse der Hal­binsel im Schwarzen Meer. Fremdes Land, als Schmuck zu tra­gen – der Ring eines deutschen Kom­panieführers …

Der Sohn   Mein Vater Num­mer zwei. 

Erzäh­ler  Eine Kriegsheirat.

DIE MUTTER  Da war ich ver­liebt ! Das war ja meine erste große Liebe – mein zweit­er Mann ! Wir haben uns 15 Jahre nicht gese­hen ! Nichts von einan­der gewusst, gar nichts ! Da warst Du drei Jahre … Hab ich von keinem Mann mehr was wollen wis­sen … Och, angek­lopft haben ja so viele. Ich war ja eine junge hüb­sche Frau ! Und der ist doch grad nur hergekom­men, neue Offiziersstiefel kaufen, in das Schuhgeschäft – wo ich denke, ich muss mit dir Schuhchen kaufen vor­mit­tags ! Und geh in das selbe Geschäft, zur sel­ben Zeit – wenn ich wär’ eine Vier­tel­stunde später gekom­men, hät­ten wir uns im Leben nie mehr gese­hen ! 

ALBUM-BLÄTTERN

Der Sohn  Schw­er zu sagen, ob er ein markan­ter Mann war — oder nur Mit­tel­maß. Die Uni­form macht Män­ner unken­ntlich.

Erzäh­ler  Ein älteres Bild: Stu­den­ten. 

Der Sohn  Mein Stief­vater als “Fuchs­ma­jor” in vollem Wichs: Schärpe, Degen, schräge Teller­mütze, weiße Hosen in die Stulpen­stiefel reingezwängt. Man nan­nte das wohl “stramm”.

DIE LUSTIGE WITWE”, OUVERTURE, IM HINTERGRUND

DIE MUTTER  Da ste­ht ein Offizier in Gala – er war ja immer sehr … ah ja ! Den kenn’ ich doch ! Und während ich so denk’, dreht er sich um: Ach, Gre­tel, komm – wir gehen raus ! Fragt er, wo mein Mann ist. Und ich sag: Ich bin ja Witwe – mein Mann ist gefall­en. Und da haben seine Augen schon geleuchtet: “Ich bin noch ledig !”  Siehst du ! Und das war  d e r  Mann für mich ! Er hat ja viel Geld in die Ehe gebracht. Wir woll­ten sofort nach dem Krieg bauen. Und er wollte dich ja sofort adop­tieren.

Erzäh­ler  “Wie herzig”, schrieb er später aus dem Feld, “dass der Kleine schon das Ärm­chen stolz zum deutschen Gruß hebt !” 

DER SOHN  Mit dem Zusam­men­leben ist es ja auch wieder nix gewor­den …  

DIE MUTTER Auch wieder nix. Zweimal noch Urlaub – und  … 

REPORTAGE VOM KÖLNER BAHNHOF / RUNDFUNK-REPORTER:
Heute am Heili­gen Abend – da muss er kom­men ! Das kleine Mäd­chen, das nur ein paar Schritt hier von mir ent­fer­nt ste­ht bei sein­er Mut­ter – vier, fünf Jahre alt mag sie sein – Es ken­nt seinen Vater noch nicht ein­mal. Es ken­nt ihn nur vom Bild … Und der Zug – der Zug, der aus Rus­s­land die Heimkehrer zurück­bringt, läuft auf Bahn­steig 1 am Heilig Abend in Köln ein …

BAHNBEAMTER  Warten Sie bitte, bis der Zug hält !

REPORTER  Und da lässt sich schon der Jubel, das Rufen nicht mehr zurück- hal­ten. Die Heimkehrer haben die Fen­ster der Abteile aufgemacht. Sie winken. Und nun fängt das große Suchen an.   RUFE, GLÜCKLICHES GELÄCHTER 

DIE MUTTER  Ich hab immer gehofft ! Ich hab immer gehofft und gehofft – bis der Ade­nauer dann gesagt hat: Jet­zt kommt kein­er mehr. 

Erzäh­ler  Der Vater und der Stief­vater: fürs Vater­land gefall­en. Von jet­zt an lebt der Sohn im Mut­ter­land. 

DIE MUTTER  Ich hab immer gesagt: Mir sollen sie alles nehmen – wenn mir nur mein Kind bleibt. Das hab ich immer gesagt ! Du hast mich sehr, sehr viel raus­geris­sen aus diesem furcht­baren Elend !

DIE LUSTIGE WITWE”, DAS VILJA-LIED (ELISABETH SCHWARZKOPF

Der Sohn  ZITIERT …Und ein nie gekan­nter Schaud­er fasst’ den jun­gen Jägers­mann / Sehn­suchtsvoll fing er still zu seufzen an / Vil­ja, o Vil­ja,
du Wald­mägdelein … 

E. SCHWARZKOPF  Vil­ja, o Vil­ja, was tust du mir an (…) 

Erzäh­ler  “Die Lustige Witwe” von Franz Léhar – Adolf Hitlers Lieblings-Operette. 

DIE MUTTER  Der Krieg – der Krieg hat mich ruiniert ! 

DER SOHN  Aber es hat ja alles einen Anfang gehabt mal … 

DIE MUTTER  Ja natür­lich, natür­lich ! Der Hitler hat das gemacht ! Also das geht mir nicht in den Kopf ! Der war doch ein ganz gewöhn­lich­er – Trot­tel !
Und die ganzen deutschen hohen Gen­eräle – haben die das nie erkan­nt ? Haben mit­gemacht ! 

DER SOHN  … Und die meis­ten Sude­tendeutschen natür­lich auch – mit dieser Heim-ins-Reich-Parole …  

DIE MUTTER  Ja … Der hat­te ein großes Maul. Und das kon­nte er ein­set­zen, dass die Men­schen das geglaubt haben. 

DER SOHN  Auf der einen Seite habt ihr den Hitler für ’n Psy­chopa­then und
einen Idioten gehal­ten …  

DIE MUTTER  Das sag ich ja jet­zt !  

DER SOHN  … Die sind ja mit den Nazi-Abze­ichen ins Feld gezo­gen, damals …

DIE MUTTER  Nein, nein, nein … Wir haben weit­er gelebt wie nor­mal ! Und wenn man in der Straße wo war, hat ’s nur immer geheißen: Achtung ! Feind hört mit ! Da hat nie­mand sich getraut, über­haupt was zu reden ! Ja, woher soll­ten wir denn wis­sen, was dieser Hitler gemacht hat ?

(…)

Erzäh­ler 1946 im August.

DIE MUTTER … Und dann, eines Tages … Eines Tages kom­men drei Tschechen mit Gewehr, haben geschellt und mir aufgemacht – und haben sie nur geschrieen:  Raus ! Alles andere bleibt drin ! Raus ! … Vorm Hitler haben wir mit denen doch gelebt, anständig gelebt ! Ich kon­nte ja sehr gut Tschechisch … Wir haben den Tschechen doch nix getan ! Gar nix ! 

Da haben sie uns nur ganz kurze Zeit – was man so Klei­der und was man tra­gen kon­nte … Und nicht gesagt, wohin … Und da lagen wir da ! Und hat­ten kein Dach mehr überm Kopf. Du warst damals noch nicht mal Fün­fein­halb. Und mein Vater ist zusam­menge­brochen. Der hat bit­ter­lich geweint – das erste Mal in meinem Leben hab ich meinen Vater weinen sehen. Und die Mut­ter hat dann nur erbrochen, erbrochen. Und da sind wir halt wie arme Sün­der weg von unserem eige­nen Haus. 

Erzäh­ler “Heim ins Reich“.

(…)

Erzäh­ler  Aus­ge­bran­nte Züge auf dem Bahn­hof. Flack­er­licht und Stro­maus­fall. Der Lam­p­en­schirm aus Pack­pa­pi­er. Der kalte Win­ter in der Dachkam­mer. Dauernd Stre­it mit ihren alten Eltern. 

Der Sohn  Und immer wegen mir: Dem Kind fehlt eine starke Hand !

AMERIKANISCHE ARMEE-KAPELLE PARADIERT / DARAUF:

Erzäh­ler  Deportiert in ein besiegtes Land …

DER SOHN  Das war ja auch erniedri­gend … In Schön­berg gehörte man zu der Ober­schicht, zu den “besseren Leuten”,  und hier war man plöt­zlich ein Dreck! 

DIE MUTTER  Jaja – ich die stolze Gre­tel, wie ich war … Ach, du lieber Gott, ich war doch stolz ! Das hat wehge­tan … 

Erzäh­ler  Neun Jahre wartet die Mut­ter auf ihren ver­mis­sten Mann. Dann lässt sie ihn für tot erk­lären.

DIE MUTTER  Wir mussten das ! Weil wir son­st über­haupt keine Pen­sion gekriegt hät­ten.  

Der Sohn  Das war dein Stal­in­grad. Die Stunde Null. Zusam­men­bruch.
Den ersten Mann ver­loren und den zweit­en, die Heimat, das Haus, den Sta­tus. Eine nieder­schmetternde Bilanz !

Erzäh­ler  Die Mut­ter kapit­uliert. Später wird sie lange krank, sehr krank  sein.

DIE MUTTER Ich bin ja auf die Felder, wo sie schon Kartof­feln abgeern­tet hat­ten – bin ich nach­hack­en gegan­gen, und hab ein paar Kartof­feln … Die Fam­i­lie musste ja ernährt wer­den, wir hat­ten ja nix. Bei einem Bauern hab ich gesagt, ob sie mir kön­nten ein Ei verkaufen für mein Kind – und die hat uns fort­ge­jagt ! Mit bösen Worten hat die uns wegge­jagt ! Jaja … 

KONGRESS-ATMO / PETER HÄRTLING (SCHRIFTSTELLER)  Diese Gen­er­a­tion von Frauen – das war auch die Gen­er­a­tion mein­er Mut­ter – war auf hin­reißende Weise kräftig. Heute wird von allein-erziehen­den Müt­tern gesprochen. Damals hießen die Kriegerwitwen. Die Kriegerwitwen jagten uns gewis­ser­maßen Furcht ein …

(…)

Erzäh­ler  Sie ist 93 und sie lebt allein. Seit 59 Jahren. Das Gehör lässt nach. In den Augen sitzt der Star. Die Schritte wer­den unsich­er. 

DER SOHN Men­sch Mut­ter, du bist alt – uralt !  (SIE LACHT)

Erzäh­ler  Aber — sie will keine Hilfe.Und schon gar kein Mitleid. Sie hat ihren Sarg schon aus­ge­sucht, die Beerdi­gung bezahlt und auch die Grabpflege – 30 Jahre all inclu­sive.  

DIE MUTTER … weil ich ein Men­sch bin, der alles hun­dert­prozentig haben will. Ich kenn’ keine Halb­heit­en ! Ich hab nie ein­mal jeman­den gebraucht oder gefragt ! Nie ein­mal ! Und hab auch nie einen Fehler gemacht ! Nie ein­mal ’n Zug ver­passt oder Schiff oder Flugzeug oder son­st was – nie ! Nie einen Fehler gemacht ! Ja, darauf bin ich stolz ! Naja …

Erzäh­ler  Sie ver­stein­ert wie ein sehr alter Baum. Ihre Härte reicht sie weit­er an den Sohn. 

KONGRESS-ATMO

PROF. MARIANNE LEUZINGER-BOHLEBER (VORTRAG) Die Haupt­störun­gen lagen nicht im Leis­tungs­bere­ich, son­dern in den Intim­beziehun­gen.
Die meis­ten hat­ten eine ver­frühte Autonomie-Entwick­lung. Oft die Flucht in Leis­tung und Über­forderung. Die tapfer­en Kriegskinder, die auf der Couch oft ent­deckt hat­ten, dass sie eine Omnipoten­zphan­tasie der Unver­wund­barkeit entwick­elt hat­ten: Ich schaffe alles und zwar allein, ich brauch’ nie­man­den !

Erzäh­ler  Im Stadt­bad eine Gruppe Kriegerwitwen, jeden Som­mer hingestreckt auf ihren großge­blümten Camp­ing-Liegen. Der Sohn erin­nert sich an ihr Gelächter, den Geruch von Son­nenöl. Da musste er den Diener machen, Jahr für Jahr. “Wieder ’n Stück gewach­sen, der junge Mann !” Und die Mut­ter sagte: “Der kommt ganz nach mir !”

Mit 20 ver­lässt er den Käfig. Er flüchtet in die ferne Großs­tadt, Emi­grant aus Mut­ter­land. Rette sich, wer kann !

DER SOHN  Warum hast du nie geheiratet ?

DIE MUTTER  Also — ich hätt’ nie­man­dem mehr kön­nen gut sein … Und nur mit einem anderen Mann, so wie heute, nur ins Bett ? Nee, nee – nein ! Da wär’ ich mir vorgekom­men wie so ’n Flittchen ! Das hätt’ ich nie gemacht ! Nein ! Da war ich viel zu stolz ! Auch dir zuliebe hab ich auf keinen Mann geguckt ! Ich hätt’ das gar nicht übers Herz gebracht, dir mit ‘m Kerl da … 

(…)

GARTEN / DER SOHN  Ich bin ja ausstaffiert wor­den schon mit 14 Jahren als erwach­sen­er Mann, als Begleit­er mit Hut, Bügelfalte, sil­bern­er Krawat­te …

Erzäh­ler  Sie im Som­merkleid, weiße Per­len­kette, einge­hakt. Ein Paar, im Stadt­park prome­nierend. 

WIEDERHOLUNG  / DIE MUTTER  Wir haben ja äußer­lich sehr gut zusam­mengepasst. 

Erzäh­ler  Rechts die Witwe in den besten Jahren. Auf der Her­ren­seite – er, der Milch­bart – aufgeputzt zum Mann.

WIEDERHOLUNG  / DIE MUTTER  Die Leut’ haben uns ja immer nachgeguckt!

Erzäh­ler  Der Mann zum Vorzeigen. Ersatz-Gat­te. Ein viel zu junger, schlechter Schaus­piel­er. 

Der Sohn  Du hast mich aus­ge­hal­ten, Mut­ter ! Ehrlich gesagt: Ich war dick ! Du hast mich gemästet !

(…)

Erzäh­ler  Nach vie­len Jahren kommt der Sohn zurück aus der Großs­tadt. Fern vom Mut­ter­land hat er gelebt, gear­beit­et, geliebt und sel­ber einen Sohn gezeugt. Nun ist er heimgekehrt – sie glaubt: zu ihr. 

DIE MUTTER   Du warst ja ein reines Wun­schkind ! Ich muss ein Kind haben, ich muss ein Kind … Und dann hatt’ ich Dich ! 

Erzäh­ler  Doch die Frau, die ihn gestohlen hat, ist bei ihm. Die Diebin ist in der Stadt. 

DIE MUTTER   Ich hab immer gesagt: Mir sollen sie alles nehmen – wenn mir nur mein Kind bleibt !

Erzäh­ler  Ab jet­zt herrscht laut­los­er Gueril­la-Krieg. Die Mut­ter reklamiert das Kind im alten Mann für sich. Sie spukt in seinen Träu­men, zieht ihm kurze Hosen an, wie damals; drückt ihn an die Brust.

WIEDERHOLUNG  / DIE MUTTER  Du bist wie ich !

Erzäh­ler  Über­lebens­groß: ihr Schat­ten. Nichts hält ihrem Urteil stand.
“Da müsste eine Frau her …” sagt sie. “Eine richtige !”

DIE MUTTER  Jaja …

DER SOHN  Ich hat­te immer das Gefühl: Wenn meine Mut­ter von mir redet oder über mich redet, dass sie gar nicht mich meint ! Sie meint mich nicht. Sie meint eine Vorstel­lung von mir. Jet­zt fange ich an, mit ihr zu dial­o­gisieren und mich zu vertei­di­gen, und ich denke: Ver­flucht noch mal – das brauch ich doch gar nicht ! 

♫  DARAUF:

Der Sohn   Ich weiß: Ich bin eine Ent­täuschung ! — Nein, ich spiele keine Operetten­schnulzen mehr ! — Diese Eifer­sucht auf meine Frau ! Nicht ein­mal den Namen kannst Du aussprechen. Immer heißt es: “die” und “sie” und “diese da” ! Als woll­test Du sie tot-schweigen ! — Ich bin auch nicht Dein Son­nen­schein, der an die Mut­ter­brust zurück­kehrt ! — Men­sch, wir sind zwei alte Leute – Du und ich !

ALBUM-BLÄTTERN  / DIE MUTTER …  Ist das schön ! Ach Gott – mein Schatzele !

DER SOHN  Und das hier ? 

Erzäh­ler  Leere Seit­en. Die Bilder sind her­aus­ge­fet­zt, nicht abgelöst. Nur noch ihre Hand­schrift: “Mein lieber Sohn”. Aus­radiert. “Schwiegertochter”. Leer … 

Der Sohn  Da kleben noch die Reste mein­er Frau.

Erzäh­ler  Schau­platz eines Eifer­suchts-Mas­sak­ers.

DIE MUTTER  Deine ganze Kind­heit … 

DER SOHN  Weggeschmis­sen ! 

DIE MUTTER  Ja, ja … Heut tut mir ’s leid …  

BLENDE IN KLINIKUM-ATMO:

Erzäh­ler  Inten­sivs­ta­tion.

Mech­a­nisch hebt und senkt sich der Brustko­rb, kün­stlich beat­met. Berge und Täler auf dem Dis­play – rote, grüne, gelbe: Kreis­lauf, Herzfre­quenz, Flüs­sigkeits­bi­lanz, Ein­fuhr / Aus­fuhr.

Manch­mal zit­tert der Kör­p­er wie ein Motor, der nicht rund läuft … Dann beruhigt er sich wieder

Die Mut­ter ist verunglückt, kurz vor seinem 65. Geburt­stag. Nur ein falsch­er Schritt: Ober­schenkel­hals­bruch – Notarzt – Hüft-OP – Lun­genem­bolie und Herzstill­stand – tiefes Koma seit zwei Wochen.

Er hat Angst, dass sie doch die Augen wieder auf­schlägt – und ihn nicht erken­nt.

Durch einst­weilige Anord­nung wegen Gefahr im Verzug wird der Sohn zum Betreuer bestellt. Zus­tand nach rean­i­ma­tion­spflichtiger Lun­genem­bolie mit cere­braler Hypox­ie“. Rich­terin am Amts­gericht … Aus­ge­fer­tigt … Jus­ti­zangestellte … unle­ser­lich

Jet­zt bin ich dein Vor­mund !

Er ste­ht vor ihrem Spezial­bett, täglich eine halbe Stunde … Mitleid,
aber keine Trä­nen … Ein selt­sames Gefühl der — Unbeschw­ertheit.

Mit 65 Jahren endlich abgen­abelt. Frei. Ent­lassen aus dem Mut­ter­land. 

Diese Frau stellt keine Forderun­gen mehr.

Er hat sie über­lebt, die Stäh­lerne.

➤Fea­tures (deutsch/In­fo-Texte)