Lenin kehrt zurück

Anfang und End­sta­ti­on – Der Fin­ni­sche Bahn­hof in St. Peters­burg.
Eine Zeit­rei­se.

DLR BERLIN (2000)

Dies­mal kommt Wla­di­mir Iljitsch nicht im plom­bier­ten Wag­gon als “Zeit­bom­be” mit deut­schem Pas­se­par­tout, um den Bür­ger­krieg anzu­zet­teln. Er trifft Ers­ter Klas­se im “Sibelius”-Express aus Hel­sin­ki ein. Ein Fea­ture über Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart des zweit­größ­ten Bahn­hofs von St.Petersburg und sei­ner Umge­bung und ein knap­pes Jahr­hun­dert sowjetisch/russischer Geschichte.


BAHNHOFS-DEPOT AM FRÜHEN MORGEN: KOPPEL- UND RANGIER-GERÄUSCHE, DIE STIMMEN DER ARBEITER 

Spre­cher  Es  war im 83. Jahr nach der Gro­ßen Sozia­lis­ti­schen Okto­ber-Revo­lu­ti­on. An einem Sonn­tag im Juni — der schon jetzt am Mor­gen son­nig war und ziem­lich heiß. 

EIN ERSTER UND EIN ZWEITER NAHVERKEHRSZUG LÄUFT EIN / 

SCHRITTE UND STIMMEN DER PASSAGIERE 

Ansa­ge

DAS GERÄUSCH VON REISIGBESEN AUF DEN BAHNSTEIGEN / LAUT-SPRECHER- UND MEGAPHON-DURCHSAGEN 

Spre­cher  An die­sem Drei­fal­tig­keits-Sonn­tag besucht St. Peters­burg sei­ne Fried­hö­fe  — rie­si­ge Toten­städ­te weit drau­ßen im Land. 150 000 Pas­sa­gie­re ver­las­sen den Fin­ni­schen Bahn­hof Rich­tung Nor­den – 260 elek­tri­schen Züge,  jeder Zug zu zehn Wag­gons. Das grü­ne Blech ist ros­tig und ver­beult. Holzbänke. 

Sie stür­men die Züge mit Har­ken und Eimern. Sie schlep­pen Pick­nick-Kör­be (Gur­ken, hart­ge­koch­te Eier, Vod­ka), Vogel­kä­fi­ge und Stau­den, die Wur­zeln in feuch­tem Zeitungspapier. 

Eine Land­par­tie zu denToten.

ABFAHRENDE ZÜGE / GERÄUSCH EINES DAMPFZUGS, DER IN EINEN BAHNHOF EINLÄUFT / LOK IM STAND / DARAUF:

Spre­cher  An einem ande­ren Sonn­tag, vor vie­len Jahren …

Spre­che­rin  … am  2. April 1917 nach dem alten rus­si­schen Kalen­der … auf dem Bahn­hof im schwe­di­schen Hapa­ran­da, an der Gren­ze zu Finnland … 

Spre­cher  … damals ein auto­no­mes rus­si­sches Großfürstentum.

Spre­che­rin   Nach fünf­tä­gi­ger Fahrt stei­gen 32 Pas­sa­gie­re steif­bei­nig aus einem Zug. Dunk­le Män­tel, erns­te Hüte. Ihre Regen­schir­me wir­ken etwas depla­ziert in die­ser Schnee­land­schaft, weit über dem Polarkreis.

Emi­gran­ten keh­ren heim. Pro­fi-Revo­lu­tio­nä­re – Mit­glie­der einer radi­ka­len Split­ter­grup­pe der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter­par­tei Russ­lands, der Bolschewiki. 

Den ers­ten Teil der Rei­se – aus der Schweiz quer durch Deutsch­land – haben sie in Kurs­wa­gen zurück­ge­legt, ein­ge­schlos­sen und  bewacht von deut­schen Offi­zie­ren. Das Kai­ser-und das Zaren­reich füh­ren schon drei Jah­re Krieg. 

Und der Kai­ser zahlt die Fahrkarten.

Die Rech­nung ist ein­fach: Wenn die Grup­pe spurt, bricht die Abwehr­front der Rus­sen schnell zusam­men; Lenin schließt Frie­den mit Deutsch­land und die kai­ser­li­chen Trup­pen wer­den für den Wes­ten frei, wo man sie so drin­gend braucht. Deutsch­land benutzt Lenin, Lenin die Deut­schen. Zynis­mus beiderseits.

Das Deut­sche Reich steckt 60 bis 80 Mil­lio­nen Gold­mark in das Aben­teu­er. Das wären heu­te zwei­ein­halb bis drei Mil­li­ar­den Mark.

Der Anfüh­rer der klei­nen Grup­pe wird in die­sem Monat 47 Jah­re alt. Er ist knapp mit­tel­groß. Ein soli­der, unschein­ba­rer Bour­geois. In Schwe­den hat man ihn noch eilig aus­staf­fiert. Neue Hosen, ordent­li­che Stie­fel. Einer, der die Welt ver­än­dern will, trägt kei­ne Schwei­zer Nagelschuhe. 

Wla­di­mir Iljitsch Ulja­now, genannt Lenin, und die klei­ne rund­li­che Frau, mit der er seit 19 Jah­ren ver­hei­ra­tet ist, Nadesh­da Krups­ka­ja, ste­hen frie­rend neben ihrem spär­li­chen Gepäck, drei Kör­ben mit Wäsche und Büchern.

Im Pfer­de­schlit­ten über­que­ren sie den Grenz­fluss. Die rus­si­che Gar­ni­son im fin­ni­schen Tor­nio zählt 1000 Sol­da­ten. Die wis­sen nicht mehr recht, wem sie gehor­chen. sol­len. Der Zar hat abge­dankt und ist ver­haf­tet wor­den, die pro­vi­so­ri­sche Regie­rung steht auf schwa­chen Füßen. 

DAS VERFREMDETE ZUGGERÄUSCH / FETZEN DERINTERNATIONALE” (CHOR)

Ein Emi­grant schmet­tert : „Es lebe die Welt­re­vo­lu­ti­on“. Ver­ständ­nis­los gaf­fen die Sol­da­ten, als der Zug nach Süden rollt – nach Petro­grad, ins frühere…

Spre­cher  … und spätere …

Spre­che­rin  …St.Petersburg. 

KREUZBLENDE IN FAHRENDE METRO, INNEN

Spre­cher  Dort in 70 Metern Tiefe …

ZUGLAUTSPRECHER 

… die Metro-Sta­ti­on Lenin­platz. Fin­ni­scher Bahnhof .

BAHN-GERÄUSCHE UND STIMMENGEWIRR AUF DEM UNTERIRDISCHEN METRO-BAHNHOF 

Men­schen am Fließ­band — auf­wärts, vor­wärts. Am Über­gang zu den Vor­ort­zü­gen stürmt ihnen ein Mann ent­ge­gen. Acht Meter ist er groß, aus blut­ro­tem Mosa­ik — wehen­der Man­tel, ste­chen­der Spitz­bart. Der Mann hat’s eilig.

BAHNHOFSHALLE / DURCHSAGEN 

Und im War­te­saal die­se rie­si­ge, schon etwas ram­po­nier­te Land­kar­te aus getrie­be­nem Blech: “Lenins Rei­sen in Finnland”.

Die­se war­ten, Gesicht zur Uhr mit den grü­nen Leuchtziffern.

Sol­da­ten war­ten, grün­sche­cki­ges Tuch. Matro­sen war­ten, Müt­zen ins Genick gescho­ben – ver­we­gen, wie aus einem Film von Eisen­stein. Alte müde Frau­en mit Kopf­tuch war­ten. Ein paar Stop­pel­bär­te war­ten, ein­ge­hüllt in Vod­ka­fah­nen. Jun­ge glatt­ra­sier­te Schlipps­trä­ger mit Akten­kof­fern warten. 

EINE DURCHSAGE

Für die Stim­me im Laut­spre­cher sind sie alle noch towa­rist­schi­je, „Genos­sen“. Aber auch schon: „Wer­te Reisende“… 

Der Fin­ni­sche ist ein ehr­li­cher Bahn­hof. Die­ses Wybor­ger Vier­tel ist die Werk­tags­sei­te von St.Petersburg. Von hier ver­rei­sen kei­ne rei­chen Leute. 

(…)

VIDEOSPIEL-GERÄUSCHE, NÄHER: „…RELOAD ! … RELOAD !“ 

WAHRSAGE-AUTOMATLA BOCCA DELLA VERITÀ“ / FUTURISTISCHE GERÄUSCHE / COMPUTERSTIMME (RUSSISCH)

Vor dem Wahr­sa­ge­au­to­mat hat sich eine Schlan­ge gebil­det. „La Boc­ca del­la veri­tá“ – Mund der Wahr­heit. Ita­lie­ni­sches Modell, rus­si­scher Pächter. 

Die Ger­ma­nis­tik-Stu­den­tin Lju­ba, 22 Jah­re alt, mit Latz­ho­se und einer asy­m­e­tri­schen Rei­he von Sil­ber­rin­gen im lin­ken Ohr, steckt ihre Hand in den Mund der Wahr­heit. Und ?

Lju­ba (LIEST)  … Sie haben Glück gehabt, daß Sie so einen star­ken Kör­per haben, der Ihnen leis­tet für drei Men­schen zu arbei­ten. Sie mögen Luxus und geben sehr ger­ne viel Geld aus … Sie sind inner­lich kalt, und die Lie­be spielt für Sie auch kei­ne gro­ße Rol­le. Sie haben trü­be Gedan­ken … Des­we­gen gehen Ihre Tage so nutz­los vorbei … 

STIMME EINER BETTLERIN

Spre­cher  Sie ist fast 90. — Dickes, aus­ge­frans­tes Woll­tuch. Alte Win­ter­stie­fel. Und drau­ßen ist Som­mer, und die Hit­ze quillt bei jedem Pen­del­schlag der Tür vom Lenin­platz her­ein. Sie bettelt.

Lju­ba  Sie hat­te hier eine Woh­nung und hat­te einen Nef­fen, der aus Lip­pis kommt, das ist 1000 Kilo­me­ter von St.Petersburg. Und er hat sie gezwun­gen, die­se Woh­nung zu ver­kau­fen und zu ihm zu fah­ren, nach­dem ihre Schwes­ter gestor­ben war. Und sie hat die­se Woh­nung ver­kauft … zu ihm umge­zo­gen. Und sie hat dort drei Mona­te gewohnt. Und er hat sie raus­ge­schmis­sen. Und sie hat hier jetzt irgend­wel­ches Zim­mer. Und wenn sie Ren­te kriegt, muss sie Schul­den zurück­zah­len. Des­we­gen bet­telt sie. 

Bett­le­rin / Spre­cher  Für ein paar Rubel­chen liest sie der Stu­den­tin Lju­ba aus der Hand. Und ver­rät ihr die Geheim­nis­se des Alters und was man mit Senf und Kohl­blät­tern alles hei­len kann. Sie schlägt das Kreuz­zei­chen, spuckt drei­mal aus.

Auf Pla­ka­ten in der Hal­le sucht man Kor­sa­kow, Alex Ste­pano­witsch, geb. 1957. Eins­sie­ben­und­sech­zig, ova­les Gesicht, Schnurr­bart, schüt­te­res Haar. Zum letz­ten Mal gese­hen im Sep­tem­ber 1999 an der Sta­ti­on Udel­na­ja. – Die­ser da hat schwe­re Ver­bre­chen began­gen. Name: Sali­chow Mago­med Sak­ju­ei­e­witsch, Jahr­gang 64, stammt aus Dage­stan. Zusam­men mit Dekuschew,Adam Osma­no­witsch aus Karatsch­ei im Tscher­kes­ker Gebiet und Krm­scham­cha­low, Juss­uf Ibra­hi­mo­witsch aus Staw­ro­pol Betei­lig­ter an einem Ter­rorüber­fall. Sach­dien­li­che Hinweise… 

DAMPFZUG, INNEN

FETZEN DERINTERNATIONALE” (VERFREMDET). DARAUF:

Spre­che­rin  Die Wag­gons sind schlecht. Die Ter­ro­ris­ten-Grup­pe aus der Schweiz reist Holz­klas­se. Sol­da­ten stamp­fen in den Gän­gen auf und ab. Die Loko­mo­ti­ve, mit fin­ni­scher Kie­fer beheizt, zieht eine wei­ße Schlep­pe durch Kare­li­en. Vor den Fens­tern: Bir­ken und Sand, Sand und Birken …

Nad­jed­scha Krups­ka­ja kocht Tee auf ihrem schwe­di­schen Spi­ri­tus­ko­cher und macht beleg­te Bro­te. „But­ter­brot“ auf Rus­sisch. Lenin, schreibt und schreibt. Dis­ku­tiert mit den Sol­da­ten. Stu­diert die „Praw­da“, die „Wahr­heit“, die man in Vyborg ins Abteil gereicht hat. Gerät in Wut auf die Kom­pro­miss­ler in Petro­grad. Die Genos­sen sind zu weich. Träu­men von Wah­len und Mehr­heit. Man muss doch erst alles zerschlagen!

An der Gren­ze vom rus­si­schen Groß­fürs­ten­tum Finn­land zum Rus­si­schen Reich ist es schon dun­kel. Es nie­selt. Gegen elf hält der Zug in Belo-Ost­row. Das ist der kri­ti­sche Punkt. 

DAMPFLOK IM STAND / DIEINTERNATIONALE“ (KLEINE BLASKA-PELLE)

Auf die Agit­prop-Kader der Bol­sche­wi­ken ist Ver­lass! Der Bahn­steig vol­ler Men­schen. Arbei­ter der nahen Muni­ti­ons­fa­brik sind aufmarschiert.

Muni­ti­ons­ar­bei­ter heben Lenin auf die Schul­tern. „Vor­sich­tig, Genos­sen! Paßt doch auf !“ Lenins Mon­go­len­äug­lein wer­den zu Schlit­zen, wenn er lächelt.

Er steigt auf einen Stuhl. Ver­tauscht sei­nen stei­fen Schwei­zer Hut gegen die rus­si­sche Arbei­ter­müt­ze. Für immer. 

Lenin spricht. „Nie­der mit der pro­vi­so­ri­schen Regie­rung ! Nie­der mit dem Krieg der Imperialisten!“ 

Wird man uns erst in Petro­grad ver­haf­ten?“ fragt er lei­se. Nur noch drei­ßig Kilometer…

(…)

SIBELIUS“-EXPRESS HELSINKI-ST.PETERSBURG, INNEN

LAUTSPRECHER-DURCHSAGEN: Dobra­je Utra … Good morning, ladies and gen­tle­men ! This is the fast train ‘Sibe­li­us’ to St.Petersburg. The time of arri­val is at 13:13 … Have a plea­sant journey ! 
DAS GLEICHE AUF FINNISCH … 

Spre­cher  Der Vor­mit­tags-Express aus Hel­sin­ki pas­siert die fin­nisch-rus­si­sche Gren­ze vor Vyborg. 

LAUTSPRECHER-DURCHSAGE: “Ladies and gen­tle­men ! Plea­se keep your pass­ports and Rus­si­an visa at hand!”

Spre­cher  Am 11. Sep­tem­ber 1870, dem Namens­tag des Zaren Alex­an­der II., fuhr der ers­te Zug von Hel­sing­fors, jetzt Hel­sin­ki, nach St.Petersburg. Eine Stre­cke von 372 Kilo­me-tern, mit 30 Sta­tio­nen — in der Rekord­zeit von zwei­ein­halb Jah­ren gebaut. Im Jahr 1879 beschäf­tig­te das rus­sisch-fin­ni­sche Eisen­bahn­kon­sor­ti­um 11 900 Arbei­ter. Hun­der­te star­ben in den Sümp­fen Kareliens. 

FINNISCHER BAHNHOF / SCHALTERHALLE

Spre­cher  Ein Sei­ten­flü­gel des Fin­ni­schen Bahn­hofs. Hier, in die­ser neu­en Schal­ter­hal­le, ver­kauft  man Fahr­kar­ten in alle Tei­le Russ­lands und der frü­he­ren Sowjet­uni­on — obwohl von die­sem Bahn­hof nur die Fern­zü­ge nach Finn­land abfah­ren. Geheim­nis der Büro­kra­tie. Jetzt, in der som­mer­li­chen Rei­se­zeit, sind vie­le Züge auf Wochen hin aus­ge­bucht. Man zieht also War­te­mar­ken und wartet.

RUSSISCHER ORIGINALTON

Die­ser Mann war­tet seit sechs Uhr mor­gens und hat immer noch kei­ne Fahrkarte. 

RUSSISCHER ORIGINALTON

Die jun­ge Frau will auf die Krim in Urlaub fah­ren, aber alle Züge sind besetzt. Und auf dem Schwar­zen Markt kos­ten Fahr­kar­ten das Drei- und Vier­fa­che. An der Ein­gangs­tür ver­kauft ein Schwarz­händ­ler „tal­lo­ni“, War­te­mar­ken, die er recht­zei­tig gebun­kert hat.

RUSSISCHER ORIGINALTON

Sie ist Kum­mer gewöhnt. Die Fahrt zu den Eltern nach Kir­gi­si­en kos­tet sechs­ein­halb­tau­send  Rubel, 600 Mark – nur in Ruß­land. In Kasach­stan und Kir­gi­si­en heißt es dann wie­der zah­len. Wie­der war­ten. Die Rei­se dau­ert vier Tage. Das alles war ein­mal „Sowjet­uni­on“ — eine Uhr­zeit, eine Fahr­kar­te. Vorbei !

Die Luft in der Hal­le ist sti­ckig. Man fächelt sich Küh­lung zu. Die Kli­ma­an­la­ge, west­li­ches Modell, ist abge­schal­tet. Zu kost­spie­lig. Die Bahn­ver­wal­tung lei­det chro­nisch unter Defizit. 

Bahn­hofs­di­rek­tor / Spre­cher  Die Bahn sei unren­ta­bel. Das Volk, sagt er, ist rei­cher gewor­den. Jeder zwei­te fährt Auto. Uns blei­ben die Rent­ner. Und es gibt 40 Kate­go­rien „l’gota“ –  staat­lich fest­ge­setz­te Ermäßigungen. 

Jour­na­list  Der Auto­be­stand hat sich sicher­lich – ich bin seit 94 hier – über’n Dau­men gepeilt verdreifacht.

Spre­cher Ein Zei­tungs­kor­re­spon­dent aus Deutschland. 

Jour­na­list  Das wider­spricht ein biss­chen dem, dass Russ­land völ­lig ver­armt ist. Ein gewis­ser Teil der Bevöl­ke­rung, der kann sich jetzt ein Auto leis­ten. In ‘ner Stadt wie Peters­burg … zumin­dest ein Vier­tel der Bevöl­ke­rung kann sich das leis­ten. Es ist kei­ne bet­tel­ar­me Stadt hier – ganz ein­fach ! Ganz Russ­land ist kein bet­tel­ar­mes Land! Zumin­dest in den Metro­po­len. Rus­si­sche Autos sind ver­gleichs­wei­se bil­lig. Ich hab mir vor einem Jahr das aller­kleins­te ein­hei­mi­sche Auto, was es hier gibt, gekauft – das ist ein OKA, wie so’n klei­ner Fiat. Der hat mich 2900 Mark gekos­tet. Neu, mit einem Jahr Garan­tie. Das ist erreich­bar für jeman­den, der mehr ver­dient, als er nur zum Über­le­ben braucht. 

Bahn­hofs­di­rek­tor / Spre­cher  Es feh­le vor allem an Tech­nik, sagt der Direk­tor. Zum Bei­spiel: beheiz­ba­re Wei­chen im Win­ter. Da müs­sen immer noch die Babusch­ki, die Groß­müt­ter, mit ihren Rei­sig­be­sen ‘ran. 

Ober­ma­schi­nist (RUSSISCH) / Spre­cher  Wir lösen die Pro­ble­me ope­ra­tiv, sagt der Ober­ma­schi­nist. Und meint: Man wurs­telt sich so durch. Über die Pri­va­ti­sie­rung der Bahn wird vor­läu­fig nur geredet.

(…)

EIN DAMPFZUG (VERFREMDET) FÄHRT EIN 

Spre­che­rin  Es ist kurz vor Mit­ter­nacht — Oster­sonn­tag nach dem alten rus­si­schen Kalen­der. Nie ist ein Staats­feind herz­li­cher emp­fan­gen worden.

DIE MARSEILLAISE (VERFREMDET, BLASORCHESTER

Lenin sieht: rote Fah­nen, Tri­umph­bö­gen in Rot und Gold. Sieht Emp­fangs­kom­mit­tees, Spruch­bän­der. Er sieht einen Leut­nant vor sei­ner Ehren­kom­pa­nie — der ihm Mel­dung macht. Ihm, dem Umstürz­ler! Man prä­sen­tiert das Gewehr. Die Kapel­le spielt die Mar­seil­lai­se (die Inter­na­tio­na­le ein­zu­üben, war nicht Zeit genug). 

Über­all Men­schen — es müs­sen zehn­tau­sen­de sein.

Und wie­der rei­tet Lenin auf den Schul­tern sei­ner Anhän­ger. Ver­le­gen, mit einem Strauß Rosen im Arm. Und Lenin wird hin­aus­ge­tra­gen. Schwebt auf den Turm eines Pan­zer­wa­gens. Auf den Sockel. Steht, kaum ange­kom­men, schon Modell für alle Lenin-Denk­mä­ler der Zukunft.

Nie­mand greift ein. Kei­ne Kosa­ken mit Säbel und Peit­sche. Die Regie­rung kneift.

PASSAGE AUS DEM SCHLUSS-CHOR DER II. SYMPHONIE VON 

D. SCHOSTAKOWITSCH 

Nur zwei Wör­ter stan­den heu­te an den Mau­ern: „Lenin kommt!“

DIE INTERNATIONALE (LEISE VIOLIN-VERSION)

Wla­di­mir Iljitsch ist kein „schö­ner“ Mann: glatz­köp­fig, mit rotem Haar­kranz, schräg gestell­ten Augen­brau­en, bors­ti­gem Kinn­bart, brei­ten tar­ta­ri­schen Backen. Kein Stumm­film­re­gis­seur wür­de so den Füh­rer eines Volks­auf­stands besetzen. 

Doch seit 1903, als Lenin die Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei Russ­lands gespal­ten hat, ist sein Ruf  stän­dig gewach­sen. Der Mythos eines Unbe­kann­ten. Die Mas­se der rus­si­schen Arbei­ter – Analpha­be­ten zumeist – kennt nur sei­ne Losun­gen: „Nie­der mit der bür­ger­li­chen pro­vi­so­ri­schen Regie­rung! Brot und Frie­den!“ Das genügt. 

Arm und kriegs­mü­de sind sie alle. Man hun­gert nach nahr­haf­ten Worten. 

MUSEUM DER POLITISCHEN GESCHICHTE RUSSLANDS / SCHRITTE IM TREPPENHAUS / DIE STIMME EINER MUSEUMS-FÜHRERIN 

Spre­cher  Dies war das Haus der Tän­ze­rin Krzesins­ka­ja - Gelieb­te des letz­ten rus­si­schen Zaren. Noch vor kur­zem „Revo­lu­ti­ons­mu­se­um“, heißt der Palast jetzt „Muse­um der poli­ti­schen Geschich­te Russ­lands“. Vor die Glas­fens­ter mit Arbei­tern und Bau­ern und Sol­da­ten – Lenin in der Mit­te – hat man jetzt den guten alten Dop­pel­ad­ler hin­dra­piert. Passt auch bes­ser zu den Lüs­tern und dem fal­schen Marmor. 

Spre­che­rin  Vom Fin­ni­schen Bahn­hof kommt Lenin noch in der Nacht sei­ner Ankunft hier­her, in das Haupt­quar­tier der Bol­sche­wi­ken. Sie haben die Vil­la beschlag­nahmt. Die Krzesins­ka­ja tanzt jetzt in Paris. 

 Muse­ums­lei­te­rin (RUSSISCH) / Spre­cher  Wir haben nicht nur den Namen, son­dern unse­re gan­ze Ein­stel­lung zur poli­ti­schen Geschich­te Russ­lands geän­dert, sagt die Direk­to­rin des Muse­ums. Heu­te bie­ten wir unse­ren Besu­chern kei­ne bestimm­te ideo­lo­gi­sche Sicht mehr an. Die Besu­cher ent­schei­den selbst, was Sie von hier mit­neh­men wollen

Das Foto der eisig-schö­nen Krzesins­ka­ja mit der Wes­pen­tail­le und dem hoch­mü­ti­gen Gesicht liegt am Sou­ve­nirstand neben Lenin. Je zwölf Rubel. 

SCHRITTE / STIMME DER MUSEUMS-FÜHRERIN 

(…)

Spre­che­rin  In die­sem Ball­saal – er ist nun poli­ti­scher Club – ver­setzt Lenin sei­nen Petro­gra­der Par­tei­ge­nos­sen den Schock ihres Lebens. Die meis­ten glau­ben noch uner­schüt­ter­lich an die Zwei-Stu­fen-Theo­rie von Karl Marx: erst der ent­wi­ckel­te Kapi­ta­lis­mus, danach die Revo­lu­ti­on. Bis zur Abfahrt im Schwei­zer Exil war das auch das Dog­ma Lenins. 

Dann aber die­ser mys­te­riö­se  Zwi­schen­s­top – eine Nacht lang stan­den die plom­bier­ten Wagen auf dem Lehr­ter Bahn­hof in Ber­lin. Und schon pro­pa­giert die­ser Mensch den sofor­ti­gen Aufstand. 

AUF DEM BALKON: STARKER STRASSENLÄRM / STIMME DER FÜHRERIN

ER tritt auf den Bal­kon, Mit­ter­nacht ist längst vor­bei, unten war­ten Tau­sen­de — Sol­da­ten, Matro­sen — Müt­ze an Mütze.

Spre­che­rin  Er steht hier oben und ruft: „Alle Macht den Räten“, den Sowjets! So man­cher Genos­se denkt: Nun ist er  aber ver­rückt geworden!

(…)

VERKEHRSGERÄUSCHE MIT STRASSENBAHN, ANSCHWELLEND / EIN REDNER MIT MEGAPHON UND DIE STIMME EINER LOTTERIE-VERKÄUFERIN / DARAUF:

Spre­cher  Vor dem Fin­ni­schen Bahn­hof. Frü­her Nach­mit­tag.

Agi­ta­tor (RUSSISCH) 

Spre­cher  Die Rus­si­sche Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei des Vybor­ger Bezirks besteht aus zwei Män­nern, einer Frau, einem Sta­pel Zei­tun­gen und einer roten Fah­ne. Die „Bar­ri­ka­de“ und „Das schaf­fen­de Russ­land“ kos­ten je drei Rubel. Für den glei­chen Betrag kann man in der Stra­ßen-Lot­te­rie neben­an bis zu 5000 Rubel gewinnen.

DER AGITATOR  / DIE LOSVERKÄUFERIN

Im Straf­la­ger“, erzählt der Agi­ta­tor mit der Leninglat­ze in sein Mega­phon — „im Gulag ist kei­ner ver­hun­gert!  Die Men­schen wur­den dort bes­ser gefüt­tert als wir, die Rent­ner. Es gibt vie­le, die von dort zurück­ka­men – und wer­den hun­dert Jah­re alt! — Ah, hier kommt schon einer, der dem­nächst ver­hun­gern wird!“ 

Betrun­ke­ner / Spre­cher „Ich doch nicht !“ sagt der Mann mit der Vodkafahne. 

Agi­ta­tor / Spre­cher  „Doch – wir alle wer­den verhungern!“ 

VERSCHIEDENE STIMMEN

1. Rent­ne­rin / Spre­cher  „Die Prei­se stei­gen, nur die Ren­ten nicht“. Sie war Leh­re­rin. Mit der bil­li­gen Blu­se, die sie zum Ver­kauf anbie­tet — einer ein­zi­gen — steht sie schon seit ein paar Stun­den in der pral­len Son­ne. „Die Ren­te“, sagt sie, „reicht zum blan­ken Überleben. 

2. Rent­ne­rin / Spre­cher  Und die frü­he­re Fri­seu­se – rus­sisch: „Perick­ma­cher“ – klagt: „Die guten Zei­ten sind vor­bei“. Sie hat den Krieg Abcha­si­en-Geor­gi­en über­lebt, aber alles ver­lo­ren. Des­we­gen steht sie hier. 

Sand­wich­mann / Spre­cher „Wenn wir die Uhr nur zurück­dre­hen könn­ten! Die 60er und 70ere Jah­re waren die bes­ten! Wir haben genü­gend ver­dient und das Leben war leicht !“ Die­ser Sand­wich­mann, ein Früh­in­va­li­de, läuft Rekla­me für Näh­ma­schi­nen. Vor dem Bahn­hof  muss er sei­ne Ren­te aufbessern. 

Und so klin­gen alle, die hier ste­hen – mit den jäm­mer­li­chen Taschen­spie­geln und Geschirr­tü­chern und Plas­tik­schwäm­men in der Hand. Und über ihren Köp­fen, an der Haus­wand, auf einem rie­si­gen Mosa­ik … flie­gen Kos­mo­nau­ten sieg­reich in den Kosmos.

BAHNSTEIG: STIMMEN, SCHRITTE, KARREN, QUIETSCHENDE KOFFER-KULIS / WÄHREND DERSIBELIUS“-EXPRESS AUS HELSINKI EINLÄUFT, ERTÖNT AUS DEN LAUTSPRECHERN DIEPETERSBURGER HYMNE“ / AUFGEREGTE RUFE, LACHEN, BEGRÜSSUNGEN

Spre­cher  Pünkt­lich 13 Uhr 13  hält der Express Helsinki-St.Petersburg auf Bahn­steig 1. Der „Sibe­li­us“ ist ein fin­ni­scher Zug. Mor­gens geht ein rus­si­scher nach Hel­sin­ki, der „Repin“ — nach dem volks­tüm­li­chen Maler Ilja Jefi­mo­witsch Repin benannt. Aus den Bahn­hofs-Laut­spre­chern schep­pert die „Hym­ne an die gro­ße Stadt“, kom­po­niert von Rein­gold Mori­ze­witsch Glier.

Aus Finn­land tref­fen ein: Eine Grup­pe japa­ni­scher Tou­ris­ten; ein ame­ri­ka­ni­sches Ehe­paar, das rus­si­sche Freun­de aus dem World Wide Web nun live erle­ben will; fin­ni­sche Sän­ger, die beim Fes­ti­val „Wei­ße Näch­te“ auf­tre­ten wer­den, Ruck­sack­tou­ris­ten, Geschäfts­leu­te. Und ER.

VERFREMDETE BAHNHOFS-ATMO MIT SPATZEN

Spre­che­rin  Kaum einer bemerkt den asch­grau­en Mann ohne Gepäck, der etwas ver­wirrt die Gebäu­de mit dem klot­zi­gen Uhr­turm betrachtet. 

Spre­cher  Da war noch ein Krieg, der alte klei­ne Bahn­hof ist getrof­fen wor­den. Wur­de wie­der auf­ge­baut. Die neue, so viel grö­ße­re Fas­sa­de dreh­te man zur Newa hin. Hier rechts ist noch ein Stück der alten, ein­ge­baut wie eine Fußnote. 

Spre­che­rin  Nein, nie­mand  scheint ihn zu beach­ten – mit der alt­mo­di­schen Pro­le­ten­müt­ze und im Win­ter­man­tel — mit­ten im Juni! Man hat’s eilig. Kei­ner ruft nach der Miliz: Hal­tet ihn! Er hat uns ins Unglück gestürzt! 

Achein Sta­tist, vielleicht …

Spre­cher  Wer dreht denn jetzt noch Lenin-Filme?

Spre­che­rin  … Da muss irgend­wo ein Foto­graf sein! Auf dem New­ski läuft ja auch ein Niko­lai II. ‘rum. 

Spre­cher  Und wenn er’s doch wäre?

Spre­che­rin  Bes­ser nicht hinsehen!

BIBLIOTHEK

Spre­cher  Im soge­nann­ten „Lenin-Saal“ befin­det sich die Biblio­thek der Bahnbediensteten.

Biblio­the­ka­rin (RUSSISCHSpre­cher  „Wenn wir hier die Bücher weg­neh­men und hän­gen Kron­leuch­ter auf und legen schö­ne Tep­pi­che hin“, sagt die Biblio­the­ka­rin, „dann ist es wie frü­her. Der Stuck, die Bögen … In die­ser Hal­le war­te­ten die Volks­ver­tre­ter auf Lenin, dann ging er hin­aus auf den Platz. Und da stand schon der Pan­zer­wa­gen. Übri­gens – vor zehn Jah­ren lagen hier noch Teppiche.“

Wür­de der Mann im Man­tel hier nach „Lenins Wer­ken“ fra­gen – er bräch­te das Per­so­nal in Ver­le­gen­heit. Steh’n in der hin­ters­ten Ecke, die Bücher, Rücken zur Wand.

Biblio­the­ka­rin (RUSSISCHSpre­cher (ÜBERSETZT)  … Hier … Hier sind ja die Wer­ke von Lenin … Die fünf­te Auf­la­ge … 55 Bände … 

SIE BLÄTTERT 

… „Über die Bau­ern“ … „Die Auf­ga­ben der rus­si­schen Sozi­al­de­mo­kra­ten“ … „Die Ent­wick­lung des Kapi­ta­lis­mus in Russ­land“ … „Lenin in Paris“ … 

Die Nach­fra­ge, sagt die Biblio­the­ka­rin, ist … unre­gel­mä­ßig. Stu­den­ten kom­men und Schüler. 

Naja – die Leu­te lesen lie­ber Kri­mis, Sci­ence Fic­tion, Gartenbücher …

VOR DEM BAHNHOF

Spre­che­rin  Der Mann tritt hin­aus auf den Lenin­platz. Spruch­bän­der an den Fas­sa­den. Aber sie gel­ten nicht ihm: PEJTJE COCA COLU! Die Stra­ßen­bahn schep­pert wie damals. Kei­ne Drosch­ken­gäu­le mehr. Auf den ers­ten Blick sehen die Mas­sen nicht unglück­lich aus. Kaum Schmutz auf der Stra­ße. Hat der Sozia­lis­mus also doch gesiegt!

EINE STRASSENBAHN RUMPELT VORBEI

Und da ist er selbst auf einem sti­li­sier­ten Pan­zer­turm. Der Man­tel im Flat­tern erstarrt, Taschen aus­ge­beult von Zei­tun­gen und Flug­blät­tern. Dahin­ter die Newa und die Paläs­te am ande­ren Ufer (die erkennt ER sofort). Und er sieht sich – rech­tes Bein vor­an – auf die Stadt zuschrei­ten, den Arm Rich­tung Zukunft. 

EIN BETTLER SINGT MIT BRÜCHIGER STIMME: „SANTA LUCIA

Lju­ba  Das ist eine Zei­tung für Obdach­lo­se … 3 Rubel …

Obdach­lo­ser  Ing­lisch! Inglisch! 

Spre­cher  „Ganz unten“ heißt die Zei­tung. Der Mann saß zehn Jah­re im Gefäng­nis. Jetzt schläft er bei Freun­den und in Haus­ein­gän­gen. Den Geld­schein quit­tiert er mit Trä­nen. Zehn Rubel sind 1 Deut­sche Mark. Was ihm gesetz­lich zusteht, ist der Min­dest­lohn: 83 Rubel, unge­fähr 8 Mark. Im Monat. Umrech­nungs­ta­bel­len sind hier wertlos. 

PROPAGANDISTINJUDEN FÜR JESUS

Pro­pa­gan­dis­tin (RUSSISCH) / Spre­cher  „Nur Gott kann uns hel­fen !“ sagt die jun­ge Frau vor dem Bahn­hofs-Por­tal. Sie war Thea­ter-Regis­seu­rin und ver­teilt jetzt Flug­blät­ter für die loka­le Grup­pe der „Juden für Jesus“ (Haupt­quar­tier in San Francisco). 

Lenin war unser Unglück. Jetzt müs­sen wir wie­der bei Null anfan­gen. Das alte Russ­land war ein fort­schritt­li­ches Land. Hat er nicht das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger erfun­den – für die Arbei­ter, die mit der Sowjet­macht nicht ein­ver­stan­den waren? Der schreck­lichs­te Mensch! Mit Lenin fing die Unter­drü­ckung an. 

Jour­na­list  Für Leu­te über 50 heißt die Stadt eigent­lich immer noch Leningrad.

Spre­cher  Der deut­sche Korrespondent.

Jour­na­list  Das Umland heißt „Lenin­gradska­ja Oblast“, bis heu­te. Man weiß, es bringt nur Auf­re­gung, wenn man jetzt sich als Bür­ger­meis­ter oder Stadt­rat hin­stel­len wür­de und sagen: Der Lenin am Mos­kau­er Pro­spekt muss weg! War­um muss er weg? Stört er jeman­den? Eigent­lich stört er doch nicht! Wir haben uns doch gewöhnt an ihn, er stand da immer. Der Lenin steht nach wie vor vor dem Smol­ny, dem Gou­ver­neurs­sitz, direkt vor dem Ein­gang – zwar kein wahn­sin­nig gro­ßer Lenin, aber er steht da. Und ‘n biß­chen wei­ter im Park, rechts und links der Allee, ste­hen nach wie vor Marx und Engels. 

AUF LEISE HOLPERNDE GEIGEN-VERSION DER INTERNATIONALE

Spre­che­rin  Der alte Mann im Man­tel: nur noch Denk­mal, Lan­de­platz für Tau­ben. Amt­lich tole­riert. Ein Zahn­lo­ser auf sei­nem Alten­teil. Schlim­me­res kann einem Revo­lu­tio­när nicht passieren.

(…)

BAHNSTEIG

ER aber steht unbe­merkt – sein eige­ner Dop­pel­gän­ger – vor einem rie­si­gen Glas­kas­ten neben dem Bahn­hofs­ge­bäu­de. Dar­in eine schö­ne alte schwar­ze Dampf­lok. Davor die­se Tafel:

Lju­ba (LIEST) „Am 9. August 1917 spät am Abend kam Lenin zur Sta­ti­on Udel­na­ja mit einem fal­schen Pass…”

Spre­che­rin  Im Som­mer 17 bre­chen bewaff­ne­te Unru­hen aus. Matro­sen beset­zen den Fin­ni­schen Bahn­hof, in den Stra­ßen wird gekämpft, auf dem New­ski Blut­la­chen. Der Auf­stand misslingt. 

Lju­ba (LIEST) “…Und auf die­ser Loko­mo­ti­ve am 7. Okto­ber 1917 kehr­te Lenin ille­gal nach Petro­grad zurück, um die Vor­be­rei­tun­gen auf den Waf­fen­auf­stand aufzunehmen…“

Spre­cher  Spä­ter, im Zwei­ten Welt­krieg, stand an Stel­le der berühm­ten Flucht­lock 293 ein Schup­pen vol­ler Lei­chen – Ver­hun­ger­te und Bom­ben­op­fer. Der Fin­ni­sche Bahn­hof war immer wie­der Ziel der deut­schen Bom­ber. Die Stre­cke nach Nor­den blieb 900 Tage lang die ein­zi­ge Ver­sor­gungs­li­nie Leningrads. 

(…)

SCHRITTE IN EINEM INNENHOF / ENTFERNTE RADIO-MUSIK

Stim­me (Autor)  Das Haus sieht aus, als wür­de es jeden Moment zusam­men­kra­chen … Ist das ein Fahr­stuhl ? … 

Lju­ba Ja … Wür­de ich mich auch nicht ‘rein­trau­en … 

Spre­cher  Kar­pov­ki-Stra­ße 32.Hier also wur­de die Lun­te gelegt – am 10. Okto­ber 1917 nach dem alten rus­si­schen Kalen­der. Lenin, Sta­lin, Trotz­ki, Swer­dlow und ande­re Füh­rer der Bol­sche­wi­ki beschlos­sen den Auf­stand. Zwei Wochen spä­ter war die Regie­rung gestürzt, Russ­land streck­te die Waf­fen, Deutsch­land zahl­te die Beloh­nung aus. 

Der drei­stö­cki­ge Block — im Stadt­plan steht er noch als Sehens­wür­dig­keit — ist eine bewohn­te Ruine. 

Stim­me  Wirk­lich alles kaputt – die Dachrinnen …

LJUBA SPRICHT EINEN HAUSBEWOHNER AN

Mann / Spre­cher „Lenin war ein gro­ßer Mann“ … Die­ser wohnt in dem Schutt­hau­fen. Schwankt ein wenig. „Damals hat man gut gelebt. Heu­te sind wir nackt und hung­rig, wie man sagt“. 

Im Erd­ge­schoß ist ein Treff­punkt der „Vete­ra­nen des Krie­ges und der Arbeit“. Dane­ben eine Armen­kü­che. An lan­gen Tischen, hin­ter einem ver­schäm­ten Kan­ti­nen­schild — „Sto­lo­wa­ja“ — sit­zen Jung und Alt und löf­feln ihre kos­ten­lo­se Sup­pe. An einem Schal­ter wird Milch aus­ge­ge­ben – Gra­tis­milch für die Säug­lin­ge. Sowje­ti­sche Errun­gen­schaft. Dar­auf waren  sie ein­mal sehr stolz.

(…)

PATHETISCHE MUSIK / JUBELNDE MASSEN / TROMPETENSIGNAL (ZAPFENSTREICH)

Spre­che­rin (DARAUF)  “Genos­sen ! Wir haben die Guts­be­sit­zer und Kapi­ta­lis­ten besiegt. Wir sahen den bei­spiel­lo­sen Hero­is­mus der Bes­ten der Arbei­ter­klas­se und der Bau­ern­schaft im Krieg gegen die Aus­beu­ter. Ihre Trup­pen sind zer­schla­gen. Es wird nicht lan­ge dau­ern, und wir erle­ben den Sieg des Kom­mu­nis­mus in der gan­zen Welt – die Grün­dung der Föde­ra­ti­ven Welt­re­pu­blik der Sowjets !”

KOMMANDO (AUF DERAURORA”) / NEWA-WELLEN / ENTFERNTE SCHIFFSMOTOREN / ZIEHHARMONIKA-MUSIK / TOURISTEN-GEKREISCH

Spre­cher  In den Wei­ßen Näch­ten treibt der Flaum abge­blüh­ter Pap­peln durch die hel­len Gas­sen. Im schat­ten­lo­sen Licht sehen die Fas­sa­den aus wie hin­ge­malt – St.Petersburg: eine Stadt aus Pap­pe, ein Ausschneidebogen. 

Jach­ten und Jol­len und Aus­flugs­damp­fer umwim­meln das Kriegs­schiff „Auro­ra“. Die Kano­ne am Bug gab den Start­schuss zum Sturm auf das Win­ter­pa­lais, zum Fina­le der rus­si­schen Revo­lu­ti­on. Jeden Abend Zap­fen­streich. Die „Mor­gen­rö­te“ kann besich­tigt wer­den. Unter der Hand bie­ten schlecht besol­de­te Matro­sen ihre Müt­zen zum Verkauf.

Die Fes­tung Peter und Paul, Flucht­burg für Lie­bes­paa­re, schließt neu­er­dings schon um Zehn. Man befürch­tet Van­da­lis­mus. Ein letz­ter Zug ver­läßt den Fin­ni­schen Bahn­hof gegen halb Elf.

JUGENDLICHE SINGEN ZUR GITARRE

Am Ufer der Newa aber sam­meln sich die Schul­ab­gän­ger, vie­le tau­send. Die kür­zes­te Nacht des Jah­res gehört ihnen. Tra­di­ti­on! Sie sit­zen bei­ne­bau­melnd auf den Ufer­mau­ern. Sin­gen die­ses Lied:

JUNGE STIMMEN ZUR GITARRE 

Es war ein­mal ein armes Mäd­chen. Das träum­te vom Prin­zen, der übers Meer kommt. Denn das Mäd­chen war sehr roman­tisch. Man lach­te über ihren dum­men Traum. Doch es kam ein Prinz – auf einem Schiff mit rotem Segel. Und er nahm das Mäd­chen mit in eine mär­chen­haf­te Zukunft. 

In die­ser kur­zen, hel­len Peters­bur­ger Nacht heben die Schwenk-Brü­cken frü­her als sonst ihre Arme. Und ein Boot mit rotem Segel schwimmt tat­säch­lich die brei­te Newa hin­un­ter. Pas­siert den Win­ter­pa­last, den Pan­zer­kreu­zer „Auro­ra“, die hel­le Fas­sa­de des Fin­ni­schen Bahnhofs. 

Spre­che­rin  Und der Mann im Win­ter­man­tel mit den aus­ge­beul­ten Taschen und der Müt­ze und der ewig aus­getreck­ten Rech­ten … Er steht vor dem schla­fen­den Bahn­hof. Und winkt.

AKUSTIK SEHR LANGSAM AUSBLENDEN / ABSAGE


➤ Fea­tures (deut­sch/­In­fo-Tex­te).