Lenin kehrt zurück

Anfang und End­sta­tion – Der Finnis­che Bahn­hof in St. Peters­burg.
Eine Zeitreise.

DLR BERLIN (2000)

Dies­mal kommt Wladimir Iljitsch nicht im plom­bierten Wag­gon als “Zeit­bombe” mit deutschem Passep­a­rtout, um den Bürg­erkrieg anzuzetteln. Er trifft Erster Klasse im “Sibelius”-Express aus Helsin­ki ein. Ein Fea­ture über Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart des zweit­größten Bahn­hofs von St.Petersburg und sein­er Umge­bung und ein knappes Jahrhun­dert sowjetisch/russischer Geschichte.


BAHNHOFS-DEPOT AM FRÜHEN MORGEN: KOPPEL- UND RANGIER-GERÄUSCHE, DIE STIMMEN DER ARBEITER  

Sprech­er  Es  war im 83. Jahr nach der Großen Sozial­is­tis­chen Okto­ber-Rev­o­lu­tion. An einem Son­ntag im Juni — der schon jet­zt am Mor­gen son­nig war und ziem­lich heiß. 

EIN ERSTER UND EIN ZWEITER NAHVERKEHRSZUG LÄUFT EIN

SCHRITTE UND STIMMEN DER PASSAGIERE 

Ansage

DAS GERÄUSCH VON REISIGBESEN AUF DEN BAHNSTEIGEN / LAUT-SPRECHER- UND MEGAPHON-DURCHSAGEN 

Sprech­er  An diesem Dreifaltigkeits-Son­ntag besucht St. Peters­burg seine Fried­höfe  — riesige Toten­städte weit draußen im Land. 150 000 Pas­sagiere ver­lassen den Finnis­chen Bahn­hof Rich­tung Nor­den – 260 elek­trischen Züge,  jed­er Zug zu zehn Wag­gons. Das grüne Blech ist ros­tig und ver­beult. Holzbänke. 

Sie stür­men die Züge mit Harken und Eimern. Sie schlep­pen Pick­nick-Körbe (Gurken, hart­gekochte Eier, Vod­ka), Vogelkä­fige und Stau­den, die Wurzeln in feuchtem Zeitungspa­pi­er. 

Eine Land­par­tie zu den­Toten.

ABFAHRENDE ZÜGE / GERÄUSCH EINES DAMPFZUGS, DER IN EINEN BAHNHOF EINLÄUFT / LOK IM STAND / DARAUF:

Sprech­er  An einem anderen Son­ntag, vor vie­len Jahren …

Sprecherin  … am  2. April 1917 nach dem alten rus­sis­chen Kalen­der … auf dem Bahn­hof im schwedis­chen Haparan­da, an der Gren­ze zu Finn­land … 

Sprech­er  … damals ein autonomes rus­sis­ches Großfürsten­tum.

Sprecherin   Nach fün­ftägiger Fahrt steigen 32 Pas­sagiere steif­beinig aus einem Zug. Dun­kle Män­tel, ern­ste Hüte. Ihre Regen­schirme wirken etwas deplaziert in dieser Schnee­land­schaft, weit über dem Polarkreis.

Emi­granten kehren heim. Profi-Rev­o­lu­tionäre – Mit­glieder ein­er radikalen Split­ter­gruppe der Sozialdemokratis­chen Arbeit­er­partei Rus­s­lands, der Bolschewi­ki. 

Den ersten Teil der Reise – aus der Schweiz quer durch Deutsch­land – haben sie in Kur­swa­gen zurück­gelegt, eingeschlossen und  bewacht von deutschen Offizieren. Das Kaiser-und das Zaren­re­ich führen schon drei Jahre Krieg. 

Und der Kaiser zahlt die Fahrkarten.

Die Rech­nung ist ein­fach: Wenn die Gruppe spurt, bricht die Abwehrfront der Russen schnell zusam­men; Lenin schließt Frieden mit Deutsch­land und die kaiser­lichen Trup­pen wer­den für den West­en frei, wo man sie so drin­gend braucht. Deutsch­land benutzt Lenin, Lenin die Deutschen. Zynis­mus bei­der­seits.

Das Deutsche Reich steckt 60 bis 80 Mil­lio­nen Gold­mark in das Aben­teuer. Das wären heute zweiein­halb bis drei Mil­liar­den Mark.

Der Anführer der kleinen Gruppe wird in diesem Monat 47 Jahre alt. Er ist knapp mit­tel­groß. Ein solid­er, unschein­bar­er Bour­geois. In Schwe­den hat man ihn noch eilig ausstaffiert. Neue Hosen, ordentliche Stiefel. Ein­er, der die Welt verän­dern will, trägt keine Schweiz­er Nagelschuhe. 

Wladimir Iljitsch Uljanow, genan­nt Lenin, und die kleine rundliche Frau, mit der er seit 19 Jahren ver­heiratet ist, Nadesh­da Krup­ska­ja, ste­hen frierend neben ihrem spär­lichen Gepäck, drei Kör­ben mit Wäsche und Büch­ern.

Im Pfer­de­schlit­ten über­queren sie den Gren­zfluss. Die rus­siche Gar­ni­son im finnis­chen Tornio zählt 1000 Sol­dat­en. Die wis­sen nicht mehr recht, wem sie gehorchen. sollen. Der Zar hat abgedankt und ist ver­haftet wor­den, die pro­vi­sorische Regierung ste­ht auf schwachen Füßen. 

DAS VERFREMDETE ZUGGERÄUSCH / FETZEN DERINTERNATIONALE” (CHOR)

Ein Emi­grant schmettert : „Es lebe die Wel­trev­o­lu­tion“. Ver­ständ­nis­los gaffen die Sol­dat­en, als der Zug nach Süden rollt – nach Pet­ro­grad, ins frühere…

Sprech­er  … und spätere …

Sprecherin  …St.Petersburg. 

KREUZBLENDE IN FAHRENDE METRO, INNEN

Sprech­er  Dort in 70 Metern Tiefe …

ZUGLAUTSPRECHER 

… die Metro-Sta­tion Lenin­platz. Finnis­ch­er Bahn­hof .

BAHN-GERÄUSCHE UND STIMMENGEWIRR AUF DEM UNTERIRDISCHEN METRO-BAHNHOF 

Men­schen am Fließband — aufwärts, vor­wärts. Am Über­gang zu den Vorortzü­gen stürmt ihnen ein Mann ent­ge­gen. Acht Meter ist er groß, aus blutrotem Mosaik — wehen­der Man­tel, stechen­der Spitzbart. Der Mann hat’s eilig.

BAHNHOFSHALLE / DURCHSAGEN 

Und im Warte­saal diese riesige, schon etwas ram­ponierte Land­karte aus getrieben­em Blech: “Lenins Reisen in Finn­land”.

Diese warten, Gesicht zur Uhr mit den grü­nen Leuchtz­if­fern.

Sol­dat­en warten, grün­scheck­iges Tuch. Matrosen warten, Mützen ins Genick geschoben – ver­we­gen, wie aus einem Film von Eisen­stein. Alte müde Frauen mit Kopf­tuch warten. Ein paar Stop­pel­bärte warten, einge­hüllt in Vod­kafah­nen. Junge glat­trasierte Schlipp­sträger mit Aktenkof­fern warten. 

EINE DURCHSAGE

Für die Stimme im Laut­sprech­er sind sie alle noch towaristschi­je, „Genossen“. Aber auch schon: „Werte Reisende“… 

Der Finnis­che ist ein ehrlich­er Bahn­hof. Dieses Wyborg­er Vier­tel ist die Werk­tags­seite von St.Petersburg. Von hier ver­reisen keine reichen Leute. 

(…)

VIDEOSPIEL-GERÄUSCHE, NÄHER: „…RELOAD ! … RELOAD !“ 

WAHRSAGE-AUTOMATLA BOCCA DELLA VERITÀ“ / FUTURISTISCHE GERÄUSCHE / COMPUTERSTIMME (RUSSISCH)

Vor dem Wahrsageau­tomat hat sich eine Schlange gebildet. „La Boc­ca del­la ver­itá“ – Mund der Wahrheit. Ital­ienis­ches Mod­ell, rus­sis­ch­er Pächter. 

Die Ger­man­is­tik-Stu­dentin Lju­ba, 22 Jahre alt, mit Latzhose und ein­er asymetrischen Rei­he von Sil­ber­rin­gen im linken Ohr, steckt ihre Hand in den Mund der Wahrheit. Und ?

Lju­ba (LIEST)  … Sie haben Glück gehabt, daß Sie so einen starken Kör­p­er haben, der Ihnen leis­tet für drei Men­schen zu arbeit­en. Sie mögen Luxus und geben sehr gerne viel Geld aus … Sie sind inner­lich kalt, und die Liebe spielt für Sie auch keine große Rolle. Sie haben trübe Gedanken … Deswe­gen gehen Ihre Tage so nut­z­los vor­bei … 

STIMME EINER BETTLERIN

Sprech­er  Sie ist fast 90. — Dick­es, aus­ge­franstes Woll­tuch. Alte Win­ter­stiefel. Und draußen ist Som­mer, und die Hitze quillt bei jedem Pen­delschlag der Tür vom Lenin­platz here­in. Sie bet­telt.

Lju­ba  Sie hat­te hier eine Woh­nung und hat­te einen Nef­fen, der aus Lip­pis kommt, das ist 1000 Kilo­me­ter von St.Petersburg. Und er hat sie gezwun­gen, diese Woh­nung zu verkaufen und zu ihm zu fahren, nach­dem ihre Schwest­er gestor­ben war. Und sie hat diese Woh­nung verkauft … zu ihm umge­zo­gen. Und sie hat dort drei Monate gewohnt. Und er hat sie raus­geschmis­sen. Und sie hat hier jet­zt irgendwelch­es Zim­mer. Und wenn sie Rente kriegt, muss sie Schulden zurück­zahlen. Deswe­gen bet­telt sie. 

Bet­t­lerin / Sprech­er  Für ein paar Rubelchen liest sie der Stu­dentin Lju­ba aus der Hand. Und ver­rät ihr die Geheimnisse des Alters und was man mit Senf und Kohlblät­tern alles heilen kann. Sie schlägt das Kreuzze­ichen, spuckt dreimal aus.

Auf Plakat­en in der Halle sucht man Kor­sakow, Alex Stepanow­itsch, geb. 1957. Einssiebe­nund­sechzig, ovales Gesicht, Schnur­rbart, schüt­teres Haar. Zum let­zten Mal gese­hen im Sep­tem­ber 1999 an der Sta­tion Udel­na­ja. – Dieser da hat schwere Ver­brechen began­gen. Name: Sali­chow Magomed Sakjueiewitsch, Jahrgang 64, stammt aus Dages­tan. Zusam­men mit Dekuschew,Adam Osman­ow­itsch aus Karatschei im Tscherkesker Gebi­et und Krm­scham­chalow, Jus­suf Ibrahi­mow­itsch aus Stawropol Beteiligter an einem Ter­rorüber­fall. Sach­di­en­liche Hin­weise… 

DAMPFZUG, INNEN

FETZEN DERINTERNATIONALE” (VERFREMDET). DARAUF:

Sprecherin  Die Wag­gons sind schlecht. Die Ter­ror­is­ten-Gruppe aus der Schweiz reist Holzk­lasse. Sol­dat­en stampfen in den Gän­gen auf und ab. Die Loko­mo­tive, mit finnis­ch­er Kiefer beheizt, zieht eine weiße Schleppe durch Kare­lien. Vor den Fen­stern: Birken und Sand, Sand und Birken …

Nad­jed­scha Krup­ska­ja kocht Tee auf ihrem schwedis­chen Spir­i­tuskocher und macht belegte Brote. „But­ter­brot“ auf Rus­sisch. Lenin, schreibt und schreibt. Disku­tiert mit den Sol­dat­en. Studiert die „Praw­da“, die „Wahrheit“, die man in Vyborg ins Abteil gere­icht hat. Gerät in Wut auf die Kom­pro­missler in Pet­ro­grad. Die Genossen sind zu weich. Träu­men von Wahlen und Mehrheit. Man muss doch erst alles zer­schla­gen!

An der Gren­ze vom rus­sis­chen Großfürsten­tum Finn­land zum Rus­sis­chen Reich ist es schon dunkel. Es nieselt. Gegen elf hält der Zug in Belo-Ostrow. Das ist der kri­tis­che Punkt. 

DAMPFLOK IM STAND / DIEINTERNATIONALE“ (KLEINE BLASKA-PELLE)

Auf die Agit­prop-Kad­er der Bolschewiken ist Ver­lass! Der Bahn­steig voller Men­schen. Arbeit­er der nahen Muni­tions­fab­rik sind auf­marschiert.

Muni­tion­sar­beit­er heben Lenin auf die Schul­tern. „Vor­sichtig, Genossen! Paßt doch auf !“ Lenins Mon­golenäu­glein wer­den zu Schlitzen, wenn er lächelt.

Er steigt auf einen Stuhl. Ver­tauscht seinen steifen Schweiz­er Hut gegen die rus­sis­che Arbeit­er­mütze. Für immer. 

Lenin spricht. „Nieder mit der pro­vi­sorischen Regierung ! Nieder mit dem Krieg der Impe­ri­al­is­ten!“ 

Wird man uns erst in Pet­ro­grad ver­haften?“ fragt er leise. Nur noch dreißig Kilo­me­ter…

(…)

SIBELIUS“-EXPRESS HELSINKI-ST.PETERSBURG, INNEN

LAUTSPRECHER-DURCHSAGEN: Dobra­je Utra … Good morn­ing, ladies and gen­tle­men ! This is the fast train ‘Sibelius’ to St.Petersburg. The time of arrival is at 13:13 … Have a pleas­ant jour­ney !
DAS GLEICHE AUF FINNISCH … 

Sprech­er  Der Vor­mit­tags-Express aus Helsin­ki passiert die finnisch-rus­sis­che Gren­ze vor Vyborg. 

LAUTSPRECHER-DURCHSAGE: “Ladies and gen­tle­men ! Please keep your pass­ports and Russ­ian visa at hand!”

Sprech­er  Am 11. Sep­tem­ber 1870, dem Namen­stag des Zaren Alexan­der II., fuhr der erste Zug von Hels­ing­fors, jet­zt Helsin­ki, nach St.Petersburg. Eine Strecke von 372 Kilo­me-tern, mit 30 Sta­tio­nen — in der Reko­rdzeit von zweiein­halb Jahren gebaut. Im Jahr 1879 beschäftigte das rus­sisch-finnis­che Eisen­bahnkon­sor­tium 11 900 Arbeit­er. Hun­derte star­ben in den Sümpfen Kare­liens. 

FINNISCHER BAHNHOF / SCHALTERHALLE

Sprech­er  Ein Seit­en­flügel des Finnis­chen Bahn­hofs. Hier, in dieser neuen Schal­ter­halle, verkauft  man Fahrkarten in alle Teile Rus­s­lands und der früheren Sow­je­tu­nion — obwohl von diesem Bahn­hof nur die Fernzüge nach Finn­land abfahren. Geheim­nis der Bürokratie. Jet­zt, in der som­mer­lichen Reisezeit, sind viele Züge auf Wochen hin aus­ge­bucht. Man zieht also Wartemarken und wartet.

RUSSISCHER ORIGINALTON

Dieser Mann wartet seit sechs Uhr mor­gens und hat immer noch keine Fahrkarte. 

RUSSISCHER ORIGINALTON

Die junge Frau will auf die Krim in Urlaub fahren, aber alle Züge sind beset­zt. Und auf dem Schwarzen Markt kosten Fahrkarten das Drei- und Vier­fache. An der Ein­gangstür verkauft ein Schwarzhändler „tal­loni“, Wartemarken, die er rechtzeit­ig gebunkert hat.

RUSSISCHER ORIGINALTON

Sie ist Kum­mer gewöh­nt. Die Fahrt zu den Eltern nach Kir­gisien kostet sech­sein­halb­tausend  Rubel, 600 Mark – nur in Ruß­land. In Kasach­stan und Kir­gisien heißt es dann wieder zahlen. Wieder warten. Die Reise dauert vier Tage. Das alles war ein­mal „Sow­je­tu­nion“ — eine Uhrzeit, eine Fahrkarte. Vor­bei !

Die Luft in der Halle ist stick­ig. Man fächelt sich Küh­lung zu. Die Kli­maan­lage, west­lich­es Mod­ell, ist abgeschal­tet. Zu kost­spielig. Die Bah­n­ver­wal­tung lei­det chro­nisch unter Defiz­it. 

Bahn­hofs­di­rek­tor / Sprech­er  Die Bahn sei unrentabel. Das Volk, sagt er, ist reich­er gewor­den. Jed­er zweite fährt Auto. Uns bleiben die Rent­ner. Und es gibt 40 Kat­e­gorien „l’gota“ –  staatlich fest­ge­set­zte Ermäßi­gun­gen. 

Jour­nal­ist  Der Autobe­stand hat sich sicher­lich – ich bin seit 94 hier – über’n Dau­men gepeilt ver­dreifacht.

Sprech­er Ein Zeitungsko­r­re­spon­dent aus Deutsch­land. 

Jour­nal­ist  Das wider­spricht ein biss­chen dem, dass Rus­s­land völ­lig ver­armt ist. Ein gewiss­er Teil der Bevölkerung, der kann sich jet­zt ein Auto leis­ten. In ‘ner Stadt wie Peters­burg … zumin­d­est ein Vier­tel der Bevölkerung kann sich das leis­ten. Es ist keine bet­te­larme Stadt hier – ganz ein­fach ! Ganz Rus­s­land ist kein bet­te­larmes Land! Zumin­d­est in den Metropolen. Rus­sis­che Autos sind ver­gle­ich­sweise bil­lig. Ich hab mir vor einem Jahr das allerkle­in­ste ein­heimis­che Auto, was es hier gibt, gekauft – das ist ein OKA, wie so’n klein­er Fiat. Der hat mich 2900 Mark gekostet. Neu, mit einem Jahr Garantie. Das ist erre­ich­bar für jeman­den, der mehr ver­di­ent, als er nur zum Über­leben braucht. 

Bahn­hofs­di­rek­tor / Sprech­er  Es fehle vor allem an Tech­nik, sagt der Direk­tor. Zum Beispiel: beheizbare Weichen im Win­ter. Da müssen immer noch die Babusch­ki, die Großmüt­ter, mit ihren Reisigbe­sen ‘ran. 

Ober­mas­chin­ist (RUSSISCH) / Sprech­er  Wir lösen die Prob­leme oper­a­tiv, sagt der Ober­mas­chin­ist. Und meint: Man wurstelt sich so durch. Über die Pri­vatisierung der Bahn wird vor­läu­fig nur gere­det.

(…)

EIN DAMPFZUG (VERFREMDET) FÄHRT EIN 

Sprecherin  Es ist kurz vor Mit­ter­nacht — Oster­son­ntag nach dem alten rus­sis­chen Kalen­der. Nie ist ein Staats­feind her­zlich­er emp­fan­gen wor­den.

DIE MARSEILLAISE (VERFREMDET, BLASORCHESTER

Lenin sieht: rote Fah­nen, Tri­umph­bö­gen in Rot und Gold. Sieht Emp­fangskom­mit­tees, Spruch­bän­der. Er sieht einen Leut­nant vor sein­er Ehrenkom­panie — der ihm Mel­dung macht. Ihm, dem Umstür­zler! Man präsen­tiert das Gewehr. Die Kapelle spielt die Mar­seil­laise (die Inter­na­tionale einzuüben, war nicht Zeit genug). 

Über­all Men­schen — es müssen zehn­tausende sein.

Und wieder reit­et Lenin auf den Schul­tern sein­er Anhänger. Ver­legen, mit einem Strauß Rosen im Arm. Und Lenin wird hin­aus­ge­tra­gen. Schwebt auf den Turm eines Panz­er­wa­gens. Auf den Sock­el. Ste­ht, kaum angekom­men, schon Mod­ell für alle Lenin-Denkmäler der Zukun­ft.

Nie­mand greift ein. Keine Kosak­en mit Säbel und Peitsche. Die Regierung kneift.

PASSAGE AUS DEM SCHLUSS-CHOR DER II. SYMPHONIE VON 

D. SCHOSTAKOWITSCH 

Nur zwei Wörter standen heute an den Mauern: „Lenin kommt!“

DIE INTERNATIONALE (LEISE VIOLIN-VERSION)

Wladimir Iljitsch ist kein „schön­er“ Mann: glatzköp­fig, mit rotem Haarkranz, schräg gestell­ten Augen­brauen, borstigem Kinnbart, bre­it­en tar­tarischen Back­en. Kein Stumm­film­regis­seur würde so den Führer eines Volk­sauf­s­tands beset­zen. 

Doch seit 1903, als Lenin die Sozialdemokratis­che Partei Rus­s­lands ges­pal­ten hat, ist sein Ruf  ständig gewach­sen. Der Mythos eines Unbekan­nten. Die Masse der rus­sis­chen Arbeit­er – Anal­pha­beten zumeist – ken­nt nur seine Losun­gen: „Nieder mit der bürg­er­lichen pro­vi­sorischen Regierung! Brot und Frieden!“ Das genügt. 

Arm und kriegsmüde sind sie alle. Man hungert nach nahrhaften Worten. 

MUSEUM DER POLITISCHEN GESCHICHTE RUSSLANDS / SCHRITTE IM TREPPENHAUS / DIE STIMME EINER MUSEUMS-FÜHRERIN 

Sprech­er  Dies war das Haus der Tänz­erin Krzesin­ska­ja - Geliebte des let­zten rus­sis­chen Zaren. Noch vor kurzem „Rev­o­lu­tion­s­mu­se­um“, heißt der Palast jet­zt „Muse­um der poli­tis­chen Geschichte Rus­s­lands“. Vor die Glas­fen­ster mit Arbeit­ern und Bauern und Sol­dat­en – Lenin in der Mitte – hat man jet­zt den guten alten Dop­peladler hin­drapiert. Passt auch bess­er zu den Lüstern und dem falschen Mar­mor. 

Sprecherin  Vom Finnis­chen Bahn­hof kommt Lenin noch in der Nacht sein­er Ankun­ft hier­her, in das Haup­tquarti­er der Bolschewiken. Sie haben die Vil­la beschlagnahmt. Die Krzesin­ska­ja tanzt jet­zt in Paris. 

 Muse­um­slei­t­erin (RUSSISCH) / Sprech­er  Wir haben nicht nur den Namen, son­dern unsere ganze Ein­stel­lung zur poli­tis­chen Geschichte Rus­s­lands geän­dert, sagt die Direk­torin des Muse­ums. Heute bieten wir unseren Besuch­ern keine bes­timmte ide­ol­o­gis­che Sicht mehr an. Die Besuch­er entschei­den selb­st, was Sie von hier mit­nehmen wollen

Das Foto der eisig-schö­nen Krzesin­ska­ja mit der Wespen­taille und dem hochmüti­gen Gesicht liegt am Sou­venir­stand neben Lenin. Je zwölf Rubel.  

SCHRITTE / STIMME DER MUSEUMS-FÜHRERIN 

(…)

Sprecherin  In diesem Ball­saal – er ist nun poli­tis­ch­er Club – ver­set­zt Lenin seinen Pet­ro­grad­er Parteigenossen den Schock ihres Lebens. Die meis­ten glauben noch uner­schüt­ter­lich an die Zwei-Stufen-The­o­rie von Karl Marx: erst der entwick­elte Kap­i­tal­is­mus, danach die Rev­o­lu­tion. Bis zur Abfahrt im Schweiz­er Exil war das auch das Dog­ma Lenins. 

Dann aber dieser mys­ter­iöse  Zwis­chen­stop – eine Nacht lang standen die plom­bierten Wagen auf dem Lehrter Bahn­hof in Berlin. Und schon propagiert dieser Men­sch den sofor­ti­gen Auf­s­tand. 

AUF DEM BALKON: STARKER STRASSENLÄRM / STIMME DER FÜHRERIN

ER tritt auf den Balkon, Mit­ter­nacht ist längst vor­bei, unten warten Tausende — Sol­dat­en, Matrosen — Mütze an Mütze.

Sprecherin  Er ste­ht hier oben und ruft: „Alle Macht den Räten“, den Sow­jets! So manch­er Genosse denkt: Nun ist er  aber ver­rückt gewor­den!

(…)

VERKEHRSGERÄUSCHE MIT STRASSENBAHN, ANSCHWELLEND / EIN REDNER MIT MEGAPHON UND DIE STIMME EINER LOTTERIE-VERKÄUFERIN / DARAUF:

Sprech­er  Vor dem Finnis­chen Bahn­hof. Früher Nach­mit­tag.

Agi­ta­tor (RUSSISCH) 

Sprech­er  Die Rus­sis­che Kom­mu­nis­tis­che Partei des Vyborg­er Bezirks beste­ht aus zwei Män­nern, ein­er Frau, einem Stapel Zeitun­gen und ein­er roten Fahne. Die „Bar­rikade“ und „Das schaf­fende Rus­s­land“ kosten je drei Rubel. Für den gle­ichen Betrag kann man in der Straßen-Lot­terie nebe­nan bis zu 5000 Rubel gewin­nen.

DER AGITATOR  / DIE LOSVERKÄUFERIN

Im Straflager“, erzählt der Agi­ta­tor mit der Leninglatze in sein Megaphon — „im Gulag ist kein­er ver­hungert!  Die Men­schen wur­den dort bess­er gefüt­tert als wir, die Rent­ner. Es gibt viele, die von dort zurück­ka­men – und wer­den hun­dert Jahre alt! — Ah, hier kommt schon ein­er, der dem­nächst ver­hungern wird!“  

Betrunk­en­er / Sprech­er „Ich doch nicht !“ sagt der Mann mit der Vod­kafahne. 

Agi­ta­tor / Sprech­er  „Doch – wir alle wer­den ver­hungern!“ 

VERSCHIEDENE STIMMEN

1. Rent­ner­in / Sprech­er  „Die Preise steigen, nur die Renten nicht“. Sie war Lehrerin. Mit der bil­li­gen Bluse, die sie zum Verkauf anbi­etet — ein­er einzi­gen — ste­ht sie schon seit ein paar Stun­den in der prallen Sonne. „Die Rente“, sagt sie, „reicht zum blanken Über­leben. 

2. Rent­ner­in / Sprech­er  Und die frühere Friseuse – rus­sisch: „Per­ick­mach­er“ – klagt: „Die guten Zeit­en sind vor­bei“. Sie hat den Krieg Abchasien-Georgien über­lebt, aber alles ver­loren. Deswe­gen ste­ht sie hier. 

Sand­wich­mann / Sprech­er „Wenn wir die Uhr nur zurück­drehen kön­nten! Die 60er und 70ere Jahre waren die besten! Wir haben genü­gend ver­di­ent und das Leben war leicht !“ Dieser Sand­wich­mann, ein Frühin­valide, läuft Reklame für Näh­maschi­nen. Vor dem Bahn­hof  muss er seine Rente auf­bessern. 

Und so klin­gen alle, die hier ste­hen – mit den jäm­mer­lichen Taschen­spiegeln und Geschirrtüch­ern und Plas­tikschwäm­men in der Hand. Und über ihren Köpfen, an der Hauswand, auf einem riesi­gen Mosaik … fliegen Kos­mo­naut­en siegre­ich in den Kos­mos.

BAHNSTEIG: STIMMEN, SCHRITTE, KARREN, QUIETSCHENDE KOFFER-KULIS / WÄHREND DERSIBELIUS“-EXPRESS AUS HELSINKI EINLÄUFT, ERTÖNT AUS DEN LAUTSPRECHERN DIEPETERSBURGER HYMNE“ / AUFGEREGTE RUFE, LACHEN, BEGRÜSSUNGEN

Sprech­er  Pünk­tlich 13 Uhr 13  hält der Express Helsinki-St.Petersburg auf Bahn­steig 1. Der „Sibelius“ ist ein finnis­ch­er Zug. Mor­gens geht ein rus­sis­ch­er nach Helsin­ki, der „Repin“ — nach dem volk­stüm­lichen Maler Ilja Jefi­mow­itsch Repin benan­nt. Aus den Bahn­hofs-Laut­sprech­ern schep­pert die „Hymne an die große Stadt“, kom­poniert von Rein­gold Morize­witsch Gli­er.

Aus Finn­land tre­f­fen ein: Eine Gruppe japanis­ch­er Touris­ten; ein amerikanis­ches Ehep­aar, das rus­sis­che Fre­unde aus dem World Wide Web nun live erleben will; finnis­che Sänger, die beim Fes­ti­val „Weiße Nächte“ auftreten wer­den, Ruck­sack­touris­ten, Geschäft­sleute. Und ER.

VERFREMDETE BAHNHOFS-ATMO MIT SPATZEN

Sprecherin  Kaum ein­er bemerkt den aschgrauen Mann ohne Gepäck, der etwas ver­wirrt die Gebäude mit dem klotzi­gen Uhrturm betra­chtet. 

Sprech­er  Da war noch ein Krieg, der alte kleine Bahn­hof ist getrof­fen wor­den. Wurde wieder aufge­baut. Die neue, so viel größere Fas­sade drehte man zur Newa hin. Hier rechts ist noch ein Stück der alten, einge­baut wie eine Fußnote. 

Sprecherin  Nein, nie­mand  scheint ihn zu beacht­en – mit der alt­modis­chen Pro­leten­mütze und im Win­ter­man­tel — mit­ten im Juni! Man hat’s eilig. Kein­er ruft nach der Miliz: Hal­tet ihn! Er hat uns ins Unglück gestürzt! 

Achein Sta­tist, vielle­icht …

Sprech­er  Wer dreht denn jet­zt noch Lenin-Filme?

Sprecherin  … Da muss irgend­wo ein Fotograf sein! Auf dem News­ki läuft ja auch ein Niko­lai II. ‘rum. 

Sprech­er  Und wenn er’s doch wäre?

Sprecherin  Bess­er nicht hin­se­hen!

BIBLIOTHEK

Sprech­er  Im soge­nan­nten „Lenin-Saal“ befind­et sich die Bib­lio­thek der Bahnbe­di­en­steten.

Bib­lio­thekarin (RUSSISCHSprech­er  „Wenn wir hier die Büch­er weg­nehmen und hän­gen Kro­n­leuchter auf und leg­en schöne Tep­piche hin“, sagt die Bib­lio­thekarin, „dann ist es wie früher. Der Stuck, die Bögen … In dieser Halle warteten die Volksvertreter auf Lenin, dann ging er hin­aus auf den Platz. Und da stand schon der Panz­er­wa­gen. Übri­gens – vor zehn Jahren lagen hier noch Tep­piche.“

Würde der Mann im Man­tel hier nach „Lenins Werken“ fra­gen – er brächte das Per­son­al in Ver­legen­heit. Steh’n in der hin­ter­sten Ecke, die Büch­er, Rück­en zur Wand.

Bib­lio­thekarin (RUSSISCHSprech­er (ÜBERSETZT)  … Hier … Hier sind ja die Werke von Lenin … Die fün­fte Auflage … 55 Bände … 

SIE BLÄTTERT 

… „Über die Bauern“ … „Die Auf­gaben der rus­sis­chen Sozialdemokrat­en“ … „Die Entwick­lung des Kap­i­tal­is­mus in Rus­s­land“ … „Lenin in Paris“ … 

Die Nach­frage, sagt die Bib­lio­thekarin, ist … unregelmäßig. Stu­den­ten kom­men und Schüler. 

Naja – die Leute lesen lieber Krim­is, Sci­ence Fic­tion, Garten­büch­er …

VOR DEM BAHNHOF

Sprecherin  Der Mann tritt hin­aus auf den Lenin­platz. Spruch­bän­der an den Fas­saden. Aber sie gel­ten nicht ihm: PEJTJE COCA COLU! Die Straßen­bahn schep­pert wie damals. Keine Droschkengäule mehr. Auf den ersten Blick sehen die Massen nicht unglück­lich aus. Kaum Schmutz auf der Straße. Hat der Sozial­is­mus also doch gesiegt!

EINE STRASSENBAHN RUMPELT VORBEI

Und da ist er selb­st auf einem stil­isierten Panz­er­turm. Der Man­tel im Flat­tern erstar­rt, Taschen aus­ge­beult von Zeitun­gen und Flug­blät­tern. Dahin­ter die Newa und die Paläste am anderen Ufer (die erken­nt ER sofort). Und er sieht sich – recht­es Bein voran – auf die Stadt zuschre­it­en, den Arm Rich­tung Zukun­ft. 

EIN BETTLER SINGT MIT BRÜCHIGER STIMME: „SANTA LUCIA

Lju­ba  Das ist eine Zeitung für Obdachlose … 3 Rubel …

Obdachlos­er  Inglisch! Inglisch!  

Sprech­er  „Ganz unten“ heißt die Zeitung. Der Mann saß zehn Jahre im Gefäng­nis. Jet­zt schläft er bei Fre­un­den und in Hau­se­ingän­gen. Den Geld­schein quit­tiert er mit Trä­nen. Zehn Rubel sind 1 Deutsche Mark. Was ihm geset­zlich zuste­ht, ist der Min­dest­lohn: 83 Rubel, unge­fähr 8 Mark. Im Monat. Umrech­nungsta­bellen sind hier wert­los. 

PROPAGANDISTINJUDEN FÜR JESUS

Pro­pa­gan­dis­tin (RUSSISCH) / Sprech­er  „Nur Gott kann uns helfen !“ sagt die junge Frau vor dem Bahn­hofs-Por­tal. Sie war The­ater-Regis­seurin und verteilt jet­zt Flug­blät­ter für die lokale Gruppe der „Juden für Jesus“ (Haup­tquarti­er in San Fran­cis­co). 

Lenin war unser Unglück. Jet­zt müssen wir wieder bei Null anfan­gen. Das alte Rus­s­land war ein fortschrit­tlich­es Land. Hat er nicht das Konzen­tra­tionslager erfun­den – für die Arbeit­er, die mit der Sow­jet­macht nicht ein­ver­standen waren? Der schreck­lich­ste Men­sch! Mit Lenin fing die Unter­drück­ung an. 

Jour­nal­ist  Für Leute über 50 heißt die Stadt eigentlich immer noch Leningrad.

Sprech­er  Der deutsche Kor­re­spon­dent.

Jour­nal­ist  Das Umland heißt „Leningrad­ska­ja Oblast“, bis heute. Man weiß, es bringt nur Aufre­gung, wenn man jet­zt sich als Bürg­er­meis­ter oder Stad­trat hin­stellen würde und sagen: Der Lenin am Moskauer Prospekt muss weg! Warum muss er weg? Stört er jeman­den? Eigentlich stört er doch nicht! Wir haben uns doch gewöh­nt an ihn, er stand da immer. Der Lenin ste­ht nach wie vor vor dem Smol­ny, dem Gou­verneurssitz, direkt vor dem Ein­gang – zwar kein wahnsin­nig großer Lenin, aber er ste­ht da. Und ‘n bißchen weit­er im Park, rechts und links der Allee, ste­hen nach wie vor Marx und Engels. 

AUF LEISE HOLPERNDE GEIGEN-VERSION DER INTERNATIONALE

Sprecherin  Der alte Mann im Man­tel: nur noch Denkmal, Lan­de­platz für Tauben. Amtlich toleriert. Ein Zahn­los­er auf seinem Altenteil. Schlim­meres kann einem Rev­o­lu­tionär nicht passieren.

(…)

BAHNSTEIG

ER aber ste­ht unbe­merkt – sein eigen­er Dop­pel­gänger – vor einem riesi­gen Glaskas­ten neben dem Bahn­hof­s­ge­bäude. Darin eine schöne alte schwarze Dampflok. Davor diese Tafel:

Lju­ba (LIEST) „Am 9. August 1917 spät am Abend kam Lenin zur Sta­tion Udel­na­ja mit einem falschen Pass…”

Sprecherin  Im Som­mer 17 brechen bewaffnete Unruhen aus. Matrosen beset­zen den Finnis­chen Bahn­hof, in den Straßen wird gekämpft, auf dem News­ki Blut­lachen. Der Auf­s­tand misslingt. 

Lju­ba (LIEST) “…Und auf dieser Loko­mo­tive am 7. Okto­ber 1917 kehrte Lenin ille­gal nach Pet­ro­grad zurück, um die Vor­bere­itun­gen auf den Waf­fe­nauf­s­tand aufzunehmen…“

Sprech­er  Später, im Zweit­en Weltkrieg, stand an Stelle der berühmten Flucht­lock 293 ein Schup­pen voller Leichen – Ver­hungerte und Bombenopfer. Der Finnis­che Bahn­hof war immer wieder Ziel der deutschen Bomber. Die Strecke nach Nor­den blieb 900 Tage lang die einzige Ver­sorgungslin­ie Leningrads. 

(…)

SCHRITTE IN EINEM INNENHOF / ENTFERNTE RADIO-MUSIK

Stimme (Autor)  Das Haus sieht aus, als würde es jeden Moment zusam­menkrachen … Ist das ein Fahrstuhl ? … 

Lju­ba Ja … Würde ich mich auch nicht ‘rein­trauen … 

Sprech­er  Kar­pov­ki-Straße 32.Hier also wurde die Lunte gelegt – am 10. Okto­ber 1917 nach dem alten rus­sis­chen Kalen­der. Lenin, Stal­in, Trotz­ki, Swerd­low und andere Führer der Bolschewi­ki beschlossen den Auf­s­tand. Zwei Wochen später war die Regierung gestürzt, Rus­s­land streck­te die Waf­fen, Deutsch­land zahlte die Beloh­nung aus. 

Der dreistöck­ige Block — im Stadt­plan ste­ht er noch als Sehenswürdigkeit — ist eine bewohnte Ruine. 

Stimme  Wirk­lich alles kaputt – die Dachrin­nen …

LJUBA SPRICHT EINEN HAUSBEWOHNER AN

Mann / Sprech­er „Lenin war ein großer Mann“ … Dieser wohnt in dem Schut­thaufen. Schwankt ein wenig. „Damals hat man gut gelebt. Heute sind wir nackt und hun­grig, wie man sagt“. 

Im Erdgeschoß ist ein Tre­ff­punkt der „Vet­er­a­nen des Krieges und der Arbeit“. Daneben eine Armenküche. An lan­gen Tis­chen, hin­ter einem ver­schämten Kan­ti­nen­schild — „Stolowa­ja“ — sitzen Jung und Alt und löf­feln ihre kosten­lose Suppe. An einem Schal­ter wird Milch aus­gegeben – Gratismilch für die Säuglinge. Sow­jetis­che Errun­gen­schaft. Darauf waren  sie ein­mal sehr stolz.

(…)

PATHETISCHE MUSIK / JUBELNDE MASSEN / TROMPETENSIGNAL (ZAPFENSTREICH)

Sprecherin (DARAUF)  “Genossen ! Wir haben die Guts­be­sitzer und Kap­i­tal­is­ten besiegt. Wir sahen den beispiel­losen Hero­is­mus der Besten der Arbeit­erk­lasse und der Bauern­schaft im Krieg gegen die Aus­beuter. Ihre Trup­pen sind zer­schla­gen. Es wird nicht lange dauern, und wir erleben den Sieg des Kom­mu­nis­mus in der ganzen Welt – die Grün­dung der Föder­a­tiv­en Wel­tre­pub­lik der Sow­jets !”

KOMMANDO (AUF DERAURORA”) / NEWA-WELLEN / ENTFERNTE SCHIFFSMOTOREN / ZIEHHARMONIKA-MUSIK / TOURISTEN-GEKREISCH

Sprech­er  In den Weißen Nächt­en treibt der Flaum abge­blühter Pap­peln durch die hellen Gassen. Im schat­ten­losen Licht sehen die Fas­saden aus wie hinge­malt – St.Petersburg: eine Stadt aus Pappe, ein Auss­chnei­de­bo­gen. 

Jacht­en und Jollen und Aus­flugs­dampfer umwim­meln das Kriegss­chiff „Auro­ra“. Die Kanone am Bug gab den Startschuss zum Sturm auf das Win­ter­palais, zum Finale der rus­sis­chen Rev­o­lu­tion. Jeden Abend Zapfen­stre­ich. Die „Mor­gen­röte“ kann besichtigt wer­den. Unter der Hand bieten schlecht besol­dete Matrosen ihre Mützen zum Verkauf.

Die Fes­tung Peter und Paul, Flucht­burg für Liebe­spaare, schließt neuerd­ings schon um Zehn. Man befürchtet Van­dal­is­mus. Ein let­zter Zug ver­läßt den Finnis­chen Bahn­hof gegen halb Elf.

JUGENDLICHE SINGEN ZUR GITARRE

Am Ufer der Newa aber sam­meln sich die Schu­la­bgänger, viele tausend. Die kürzeste Nacht des Jahres gehört ihnen. Tra­di­tion! Sie sitzen beinebaumel­nd auf den Ufer­mauern. Sin­gen dieses Lied:

JUNGE STIMMEN ZUR GITARRE 

Es war ein­mal ein armes Mäd­chen. Das träumte vom Prinzen, der übers Meer kommt. Denn das Mäd­chen war sehr roman­tisch. Man lachte über ihren dum­men Traum. Doch es kam ein Prinz – auf einem Schiff mit rotem Segel. Und er nahm das Mäd­chen mit in eine märchen­hafte Zukun­ft. 

In dieser kurzen, hellen Peters­burg­er Nacht heben die Schwenk-Brück­en früher als son­st ihre Arme. Und ein Boot mit rotem Segel schwimmt tat­säch­lich die bre­ite Newa hin­unter. Passiert den Win­ter­palast, den Panz­erkreuzer „Auro­ra“, die helle Fas­sade des Finnis­chen Bahn­hofs. 

Sprecherin  Und der Mann im Win­ter­man­tel mit den aus­ge­beul­ten Taschen und der Mütze und der ewig aus­ge­treck­ten Recht­en … Er ste­ht vor dem schlafend­en Bahn­hof. Und winkt.

AKUSTIK SEHR LANGSAM AUSBLENDEN / ABSAGE


➤ Fea­tures (deutsch/In­fo-Texte).