Kruzifix

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NDR 2008 (54:10)



AUS DEM MANUSKRIPT:

VIA DOLOROSA, JERUSALEM  (FRANZISKANER MIT MEGAPHON Pri­ma sta­tio­ne … Jesu e cond­an­na­to a mor­te … The first sta­ti­on – Here Jesus is con­dem­ned to death … Cru­ci­fy him !

AUTOR ALS ERZÄHLER Ans Kreuz mit ihm  !

DIE MÖNCHE UND PILGER SINGEN: “PATER NOSTER QUI ES IN COELI …” / DARAUF:

Jesus ist so um die Mit­te Drei­ßig. Er trägt Jeans und Nikies und ist gut genährt. Nen­nen wir ihn Paul – Paul White aus Abi­le­ne in Texas. Das Lein­tuch über den Jeans hat White im King David Hotel mit­ge­hen las­sen. Das lebens­gro­ße schwe­re nagel­neue Holz­kreuz stammt vom Kreuz­ver­leih “Rent a Cross” an der Gra­bes­kir­che. Auch die Dor­nen­kro­ne ist für zwei Stun­den gemie­tet. Und: White ist nicht der ein­zi­ge. Ein Dut­zend Lei­dens­män­ner schlep­pen Kreu­ze durch die Via Dolo­ro­sa in Jeru­sa­lem – wie jeden Frei­tag, 15 Uhr.

KREUZBLENDE IN INSTRUMENTAL-VORSPIEL AUS DEM MADONNA-ALBUM “I’M GOING TO TELL YOU A SECRET

(…)

GROSS-KUNDGEBUNG IN MÜNCHEN, ODEONSPLATZ, 23. 9. 1995

PROGRAMMSPRECHER (BR)  “Das Kreuz bleibt – ges­tern, heu­te, mor­gen !” Unter die­sem Mot­to fin­det in weni­gen Minu­ten auf dem Münch­ner Ode­ons­platz eine Groß­kund­ge­bung zum Karls­ru­her Kru­zi­fix-Urteil statt. Wir schal­ten um zu unse­rem Über­tra­gungs­wa­gen.

REPORTERIN  Grüß Gott, ver­ehr­te Höre­rin­nen und Hörer ! Vor der Feld­herrn­hal­le ein rie­si­ger Pro­spekt mit einem moder­nen Kreu­zes­zei­chen – das Zei­chen, wie es auch in Tau­sen­den von Exem­pla­ren ver­kauft wird als Anste­cker. Vie­le der vie­len Men­schen hier haben auch Kreu­ze mit­ge­bracht: “Das Kreuz bleibt an Bay­erns Schu­len !”

Im Früh­jahr die­ses Jah­res 1995 hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt Kru­zi­fi­xe in öffent­li­chen Schul­räu­men ver­bo­ten. Begrün­dung: Das Auf­hän­gen schrän­ke die im Grund­ge­setz, Arti­kel 4, garan­tier­te Glau­bens­frei­heit unzu­läs­sig ein.

DR. WALTER EYKMANN (LANDESKOMITEE DER KATHOLIKENSTIMME AUS DEM LAUTSPRECHER) Die­ses Urteil will in sei­ner Ten­denz das Chris­ten­tum aus der Öffent­lich­keit zurück­drän­gen !

MINISTERPRÄSIDENT  Die­se Demons­tra­ti­on ist ein Bekennt­nis zu unse­rer christ­lich-abend­län­di­schen Kul­tur.

EYKMANN   Das Kreuz ist ein Zei­chen unse­rer abend­län­di­schen Kul­tur !

MINISTERPRÄSIDENT  Wir las­sen uns unse­re grund­le­gen­den Wer­te nicht rau­ben ! Der Weg, der mit dem Kru­zi­fi­xur­teil beschrit­ten wur­de – er ist ein Irr­weg ! 


(SEHR STARKER BEIFALL)

Dr. KONRAD RIGGENMANN  So wie das Urteil for­mu­liert ist, waren Kreu­ze in Klas­sen­zim­mern staat­li­cher Schu­len, die kei­ne Bekennt­nis­schu­len sind, ver­fas­sungs­wid­rig !

Das ist Dr. Kon­rad Rig­gen­mann, Grund­schul­leh­rer, der “Rebell von Pfaf­fen­ho­fen”. David, der gegen den baye­ri­schen Löwen gesiegt hat. Sei­ne Eltern: boden­stän­di­ge Katho­li­ken. Mut­ter Kate­che­tin. Vater Pries­ter-Semi­na­rist. In der Fami­lie ein Dom­ka­pi­tu­lar und zwei Kir­chen­ma­ler.

RIGGENMANN  Ich war sehr froh über das Urteil. Denn ich hat­te ja schon im Jahr 1993, als ich eine drit­te Klas­se über­nom­men habe, das Kreuz im Klas­sen­zim­mer ent­fernt und ersetzt durch ein Mise­re­or-Pos­ter.

AUTOR  … zwei Hän­de, die Brot bre­chen – eine schwar­ze und eine wei­ße Hand.

RIGGENMANN   Ein evan­ge­li­scher Kol­le­ge hat jeden Mor­gen sei­nen Hut über das Kreuz gehängt. Ein ande­rer Kol­le­ge hat die­ses Kreuz in einem Schrank auf­ge­hängt, und wo dann der Schul­rat zur Visi­ta­ti­on gekom­men ist, hat er den Schrank auf­ge­klappt — “Sehen Sie – da ist doch das Kreuz !” 

(…)

Das Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts löst in Bay­ern ein Erd­be­ben aus. 

RIGGENMANN  Dann hat der Frei­staat Bay­ern schnell ein Kru­zi­fix­ge­setz gemacht und in die­ses hin­ein­ge­schrie­ben: In jedem Klas­sen­zim­mer wird ein Kreuz auf­ge­hängt.

Der Leh­rer Rig­gen­mann will das so nicht hin­neh­men. Er sagt:

RIGGENMANN  Bun­des­recht bricht Lan­des­recht. 

… und zieht vors Ver­wal­tungs­ge­richt. Ver­liert in ers­ter Instanz, klagt wei­ter. Die Behör­de zeigt sich kom­pro­miss­be­reit. Ihr Patent­re­zept: “Soft­kreu­ze”.

AUTOR  Wer hat denn die­se Idee gehabt ?

RIGGENMANN  Der Orts­pfar­rer … Der hat dann eine Künst­le­rin enga­giert, die mit Kin­dern zusam­men die­se Kreu­ze getöp­fert hat. Eines der Kreu­ze hat aus­ge­se­hen wie eine Piz­za Quat­tro Sta­gio­ni. Und bei “mei­nem” Kreuz – da war in der Mit­te ein Schmet­ter­ling …

AUTOR  Statt Jesus.

RIGGENMANN  Ja ! Ein auf­ge­spieß­ter Schmet­ter­ling !

(…)

VIA DOLOROSA / LITANEI (“San­ta Maria / Mater Dei / Ora pro nobis …”)

Jesus aus Abi­le­ne in Texas – der mit dem Büro­bauch – hat sich etwas über­nom­men. Trotz der Leicht­bau­wei­se für Tou­ris­ten wiegt das Leih­kreuz gut und gern sei­ne 25 Kilo. Mr. White sieht mit­ge­nom­men aus. Er wat­schelt durch die Via Dolo­ro­sa. Schiebt die Dor­nen­kro­ne ins Genick und wischt den Schweiß aus Stirn und Augen. Ande­re Pil­ger bie­gen in den Sou­ve­nir-Shop ab. Das Kreuz ist ein Ren­ner, in Plas­tik und Stir­ling-Sil­ber, Koral­le, als Ohr­sti­cker und Dekol­le­té-Blick­fang.

DIE LITANEI

FRANZISKANER MIT MEGAPHON  Jesus car­ri­es the cross … (to a place) …in Hebrew: “Gol­ga­tha” …

In die­sem Augen­blick erreicht die Frei­tags­pro­zes­si­on die Gra­bes­kir­che – Gol­ga­tha angeb­lich. Aber da hat Mr. White das Kreuz schon an die Wand gelehnt. Die Wand ist vol­ler Graf­fi­ti: “Jeru­sa­lem / Al-Quds – Capi­tal of Pales­ti­ne !”

FRANZISKANER MIT MEGAPHON UND PILGER  Pater nos­ter / Qui es in coeli / Sanc­ti­fi­ce­tur nomen tuo…

Kei­ne 300 Meter ent­fernt strö­men Mus­li­me zum Frei­tags­ge­bet im Fel­sen­dom, und Tau­send from­me Juden beten an der Kla­ge­mau­er.

ENTFERNT: MOSLEMISCHER GESANG (RADIO-TON) / AN DER KLAGEMAUER:

BETENDE JUDEN  

(…)

Zuschrif­ten:

GERÄUSCHE BEIM DURCHBLÄTTERN VON GESAMMELTEN DROHBRIEFEN
 
RIGGENMANN (ZITIERT) “Packe schnell Dei­nen Kof­fer, sonst knallt ’s — Du stin­ki­ge klei­ne Hit­ler­sau !” … “Sie gott­lo­ser Ungläu­bi­ger – hof­fent­lich sind Sie der Ers­te, dem dann isla­mi­sche Asy­lan­ten, die ‘rein­ge­schickt wer­den, um die ‘Ungläu­bi­gen’ aus­zu­rot­ten und dann …” …“Bei einer sol­chen Ein­stel­lung hät­test Du kein Leh­rer wer­den dür­fen, Du Idi­ot! Statt­des­sen pro­zes­sierst Du auf Kos­ten der Steu­er­zah­ler, Du Dreck­sau !” … 

AUTOR   Wie haben Sie das alles weg­ge­steckt ?

RIGGENMANN  Das meis­te ist eigent­lich so pri­mi­tiv, dass man nicht drauf ach­ten soll­te … Aller­dings hat mir mein Nach­bar erzählt, dass er in der Dorf­wirt­schaft auch die Dis­kus­si­on mit  ange­hört hat­te, und dass da wirk­lich auch Mord­dro­hun­gen gegen mich geäu­ßert wor­den sind. Jaja …  Und das sind Leu­te, die mich über­haupt nicht ken­nen ! Bis heu­er noch wer­de ich auf der  Stra­ße ange­pö­belt. Das hat mich sehr nie­der­ge­drückt, jah­re­lang! Man  fragt sich schon – die­ses Zei­chen, was das für Hass und für Angst aus­lö­sen kann!

(…)

J. S. BACH, JOHANNES-PASSION (INSTRUMENTAL) AUS DEM OBERAMMERGAUER PASSIONSSPIEL (GENERALPROBE 2000):

CASPIUS-DARSTELLER  Schlag zu – und wenn er auf der Stre­cke blei­ben soll­te !

BRUTALE GERÄUSCHE DER GEISSELUNG

FREMDENFÜHRERIN  So – und jetzt erklär’ ich die Kreu­zi­gung !

Also die zwei Kreu­ze hier ums Eck rum, die Sie gese­hen haben – die sind für die zwei Schä­cher. Und das größ­te von allen ist für den Jesus­dar­stel­ler … Und Sie sehen: Die sind aus Holz, die sind hohl … Das für den Jesus wiegt zir­ka 80 Kilo, die ande­ren zir­ka 60 … Und die müs­sen sie sel­ber tra­gen. Also, das ist ein ziem­lich lan­ger Weg ! 

Und befes­tigt wer­den sie so: (METALLISCHE GERÄUSCHE)  

Sie sehen hier ja: Die sind nackt, tra­gen ein Len­den­tuch. Und unter die­sem Len­den­tuch trägt jeder von ihnen einen Klet­ter­gurt für Berg­stei­ger – so ’n Ding. Da ist hin­ten ganz fest ein Ring dran genäht, der wird hier an die­sen Ösen ein­ge­hängt  (GERÄUSCH) Dann kom­men also hier die Bei­ne raus. Und wenn das Kreuz dann steht und ein­ge­las­sen ist in die Schäch­te – dann sitzt der in dem Gurt wie ein Klet­te­rer in der Berg­wand. 

Die Nägel  (GERÄUSCHE) — sehen Sie: die sind so gebo­gen. Das heißt: Der hängt sei­ne Arme hier in die­se Bie­gung rein – also ’s Hand­ge­lenk – und weil Sie von vorn drauf­schaun, kön­nen Sie das gar nicht sehen, die­se Bie­gung. Es sieht wirk­lich aus, als würd’ der Nagel durchs Hand­ge­lenk durch­ge­hen. Und hier wird dann noch Far­be als Blut auf­ge­malt. 

(…)

CHRISTIAN STÜCKL (REGISSEUR)   Die her­kömm­li­che römi­sche Todes­art, die hat er durch­lit­ten, wie vie­le ande­re sie auch durch­lit­ten haben. Von daher haben wir auch die zwei Ver­bre­cher links und rechts – die “Schä­cher” heißt man die bei uns im Spiel – ans Kreuz gena­gelt. Jesus, der woll­te eigent­lich in die Welt etwas ganz ande­res hin­ein­brin­gen, als die­ses Lei­den am Kreuz. Er woll­te eigent­lich die Men­schen auf­ma­chen, die Köp­fe öff­nen. Und am Ende bleibt bei uns aber das Kreuz als das wich­tigs­te Zei­chen und das Lei­den und Süh­ne und Schuld. Und da denkt man sich manch­mal: Das ist ganz ein komi­sches Zei­chen, ein nicht wirk­lich frei machen­des Zei­chen

(…)

MARTIN NORZ (EHEMALIGER JESUS-DARSTELLER) Man hängt dann – man hängt 25 Minu­ten. Man stirbt dann. Dann wirst Du von einer Bie­ne gesto­chen. Dann reg­net ’s drau­ßen, dann schneit ’s drau­ßen. Dann ist die Kreuz­ab­nah­me, die Tücher — die Tücher lie­gen unten im Was­ser, im Schnee­was­ser, im kal­ten Was­ser. Das wird eine Käl­te­pa­ckung. Dann wirst Du raus­ge­tra­gen. Und dann ist fünf Minu­ten spä­ter die Auf­er­ste­hung. Und da sollst Du über­zeu­gend sagen: Da steh ich jetzt ! Ganz still, abso­lut still sollst du da ste­hen. Du schlot­terst selbst­ver­ständ­lich, inner­lich, äußer­lich. Und das ist die anstren­gen­de Sei­te ! Man sagt: Jeder trägt sein Kreuz. Und da kommt ’s wirk­lich abso­lut rüber ! Du trägst das Kreuz, es ist schwer – das ist so schwer  vom Gewicht … Aber noch viel schwie­ri­ger ist, dass du jetzt wirk­lich dein Kreuz trägst ! Du gehst da wirk­lich raus und weißt: Du gehst jetzt den Gang zu Dei­nem Tod – und nimmst Dein Werk­zeug mit !

(…)

Epi­log

AUTOR  Grüß Gott !

SCHNITZER I  Grüß Gott !

AUTOR  Ich sehe eigent­lich nur ein Kreuz im Moment hier drin …

SCHNITZER I  Das kann sein …

ARBEITSGERÄUSCHE

SCHNITZER II   Das sind jetzt bloß noch Rest­pos­ten. 

SCHNITZER I (SCHNITZT WEITER, WÄHREND ER SPRICHT)  Die klas­si­schen Herr­gott­schnit­zer – die gibt ’s in dem Sinn nicht mehr …

SCHNITZER II   Mein Urgroß­va­ter war Säger … Mein Groß­va­ter war Zim­mer­mann … Mein Vater war Bild­hau­er, ich bin  Bild­hau­er … Das ist halt aus ! Die guten Zei­ten sind vor­bei, gell …

AUTOR  Wobei … Wenn man durch den Ort geht, hän­gen die Läden voll mit Kru­zi­fi­xen ! 

SCHNITZER II   Naja, das sind — das sind — ja, ich will mich da jetzt net äußern …

AUTOR   Ja, die kom­men wo anders her !

SCHNITZER II   Die kom­men aus Süd­ti­rol … Das ist rich­tig frei­er Markt – bis hin zum Vati­kan ! Die haben auch die Auf­trä­ge teil­wei­se schon in Rich­tung Süd­ti­rol … … Da steht eine ganz ande­re Logis­tik, ein Macht­po­ten­ti­al dahin­ter. Das sind rich­ti­ge Fabri­ken, eine Werk­statt – sag ich mal – bald so groß wie das Pas­si­ons­thea­ter. Und die kau­fen einen gan­zen Güter­wag­gon-Zug voll Lin­den­holz. Da kann man ’s Rad nicht mehr zurück­dre­hen.

SCHNITZER I  Wird sowie­so alles von Chi­na kom­men, die nächs­te Zeit ! Ist ja wahn­sin­nig – mit allem ! Schnit­ze­rei­en kom­men jetzt schon aus Ungarn … An was das liegt ?  

(ER SCHNITZT NOCH EINE WEILE

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