In den Tod – Hurra !

SFB / WDR 1979  (66:34)

AUS DEM MANUSKRIPT:

(…) AUF EINEM KLANGTEPPICH AUS VERLANGSAMTEN SCHLACHT-GERÄUSCHEN UND CLUSTERHAFT VERFREMDETEN FETZEN DES DEUTSCHLAND-LIEDS:

VETERAN ANTHONY  You could pick your spot ! The­re were so many of them !

ÜBERSETZER  Es waren so vie­le ! Man hielt ein­fach rein …

SPRECHER  Die Geschos­se tref­fen, drin­gen ein. Sie töten, zer­fet­zen, ver­stüm­meln. Kei­ne Übungs­mu­ni­ti­on. Der Haupt­mann, der mit gezo­ge­nem Degen vor­an­ging, auf­recht, Mon­okel im Auge, Zigar­re im Mund, stürzt – und bleibt lie­gen. Die rote Far­be auf sei­nem Gesicht ist Blut.

Und vie­le, die jetzt hin­fal­len – links und rechts und plötz­lich über­all — sie ster­ben echt. 
Tod aus Maschi­nen­ge­weh­ren, was­ser- und luft­ge­kühl­ter, geöl­ter, in Gur­ten und Trom­meln gebün­del­ter, auto­ma­tisch häm­mern­der Tod. 500 Schuss pro Minu­te. Dicht wie Hagelsturm.

Das ist nicht der Krieg, den sie trai­niert haben – im Som­mer auf dem Übungs­platz bei Pots­dam. Der alte Kampf als “Kriegs­hand­werk” ist über­holt. Hier zählt nur Ver­nich­tung, schnell und gründ­lich, maschi­nell. Zwan­zigs­tes Jahrhundert.

Aus den Rüben­fel­dern win­ken, wim­mern, rufen, schrei­en die Getrof­fe­nen. Sie lie­gen da mit Bauch­schüs­sen und Kopf­schüs­sen, mit Nasen­schüs­sen, Ohren­schüs­sen, Hals‑, Gelenk- und Hoden­schüs­sen, Rücken­mark- und Nie­ren­schüs­sen, Magen­schüs­sen – zäh­ne­klap­pernd vor Käl­te und zit­ternd vor Todesangst…

“In den Tod – Hur­ra!” / Live-Mischung vor Publi­kum in der Rei­he “Die Funk­stun­de” des Deut­schen Rund­funk­mu­se­ums Ber­lin mit H. K. (Regie), Jonas Berg­ler (Tech­nik) und den Stim­men von Wolf­gang Unter­tau­cher, Hel­la Hag­beck und Hans Häuß­ler, 1980.


Fein­de wie wir

Jugend auf den Schlacht­fel­dern des Ers­ten Weltkriegs

Aus dem Arbeits­ma­nu­skript 2013
(mit eini­gen Selbst­zi­ta­ten aus der 35 Jah­re älte­ren Vor­läu­fer-Sen­dung
“In den Tod – Hur­ra!” s. o.)




GRAB‑, KRATZ- und KLOPFGERÄUSCHE / STIMMEN 

ERSTER DIGGER (DEUTSCH)  … Deut­sche Linie da – bri­ti­sche Linie hier … Sie sehen den Abstand ! 

ZWEITER DIGGER  Hier haben wir zwei deut­sche Sol­da­ten gefun­den … 22 Meter Abstand … Preu­ßi­sche Husaren … 

ERSTER DIGGER  Der eine lag hier, der ande­re hier …

ERZÄHLER  50 Deut­sche haben sie in letz­ter Zeit hier ausgegraben.

ERSTER DIGGER (DEUTSCH) Das ist vom Ers­ten Weltkrieg !

ERZÄHLER Sie nen­nen sich “Dig­gers”, die Kriegs­ar­chäo­lo­gen im Neu­bau­vier­tel der flä­mi­schen Klein­stadt. Sie fin­den: Tun­nel, unter­ir­di­sche Kom­man­do­stel­len, Muni­ti­on und Sta­chel­draht, Bajo­net­te, Stahl­hel­me und Koch­ge­schirr, pri­mi­ti­ve Gas­mas­ken, Pfei­fen, Stie­fel, Ehe­rin­ge … fal­sche Zäh­ne, abge­bro­che­ne Bajo­nett­spit­zen, Patro­nen, Stacheldraht.

Und sie fin­den ihn.

ERSTER DIGGER Franz Engel …


ERZÄHLER Das, was von Franz Engel übrig blieb. Ein paar Kno­chen. Eine Gür­tel­l­schnal­le. Die Erken­nungs­mar­ke, aus Zink­blech. Umzu­hän­gen, wo sein Hals war. 

ERSTER DIGGER Mensch­li­che Reste …

ERZÄHLER Ein Sol­dat aus Neu­rup­pin in Bran­den­burg. Reser­ve-Infan­te­rie-Regi­ment 206. Er wur­de neun­zehn Jah­re alt. 

(…)

VETERAN GLUSKA Sehen Sie mal: Vor dem Ers­ten Welt­krieg war ja die­ser wahn­sin­ni­ge Kon­kur­renz­kampf Eng­land gegen Deutsch­land, nicht wahr ! Wir waren ja eine sehr unbe­que­me Kon­kur­renz, und der Eng­län­der glaub­te, Deutsch­land als Han­dels­na­ti­on zu vernichten.

Audio 2 / 3–03 Wis­sen Sie, was wir gesun­gen haben ? Das bekann­te Lied von Lissau­er: „Was schert uns Russ’ / was schert uns Fran­zos’ / Schuss um Schuss ! / Wir alle haben nur einen Feind: / England !“

DAS GEDICHT (CHORISCH) AUF EINE WUCHTIGE ORGEL-PARAPHRASE:

VERTEILTE STIMMEN  Dich wer­den wir has­sen mit lan­gem Hass / Wir wer­den nicht las­sen von unserm Hass / Hass zu Was­ser und Hass zu Land / Hass des Haup­tes und Hass der Hand / Hass der Häm­mer und Hass der Kro­nen /  Dros­seln­der Hass von sieb­zig Mil­lio­nen / Sie lie­ben ver­eint / Sie has­sen ver­eint / Sie haben alle nur einen Feind: / England !” 

KLANG UND TEXT ABRUPT ENDEND

VETERAN GLUSKA Das war auch unse­re Einstellung !


Mit flä­mi­schen Augen­zeu­gen der Kämp­fe 1914/15 auf dem deut­schen Sol­da­ten­fried­hof in Lan­ge­mark (1978)

VETERAN DAWTON  We had been pre­pa­red for a Ger­man con­flict for two or three years before.

ERZÄHLER Auf Krieg mit Deutsch­land waren wir seit zwei, drei Jah­ren vor­be­rei­tet – so erin­nert sich der alte Mann aus dem Hafen­städt­chen Whitsta­ble im Süden Eng­lands. Und sein Nach­bar Tur­ner sagt:

VETERAN TURNER Even years ago befo­re the war we were always rea­ding books whe­re the Ger­mans were sup­po­sed to have inva­ded us.


ERZÄHLER In den Büchern wur­den wir von Deutsch­land immer­zu erobert, lan­ge vor dem Krieg.

VETERAN TURNER And I belie­ve it was the same in Ger­ma­ny. They were always afraid that Eng­land was going to inva­de them.


ERZÄHLER Und die Deut­schen hat­ten wohl Angst, dass  w i r  sie überfallen.

KLANGWOLKE 2

ERZÄHLER Euro­pa wogt, tanzt und tau­melt im Kriegs­fie­ber. Es schießt Salut und schreit Hur­ra ! Wirft Zylin­der, Bas­ken­müt­zen, Stoh­hü­te und Tür­ken­fe­ze in die Luft. Lässt Stie­fel knal­len, Glo­cken läu­ten und die Dudel­sä­cke schnarren.

(…)

VETERAN DER SERBISCHEN ARMEE 1 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER Die­ser Mon­te­ne­gri­ner ist schon mit Vier­zehn Sol­dat gewor­den. Um Ser­bi­en zu verteidigen.

VETERAN DER SERBISCHEN ARMEE 2 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER  Er und sei­ne Schul­freun­de wan­der­ten von der ser­bi­schen Süd­gren­ze 250 Kilo­me­ter über Skop­je und  Mitro­vi­ca bis zur Drina-Front. 

VETERAN DER SERBISCHEN ARMEE 3 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER  Und die­ser ging als Sieb­zehn­jäh­ri­ger mit sei­nen Kum­peln aus dem Städt­chen Čačak ein­fach los, immer nach Nord­wes­ten, wo die Front sein sollte. 

Bloß den Krieg nicht ver­pas­sen! Sie sind fast noch Kin­der. Haben kein Gewehr und kei­ne Uni­form. Zie­hen von Kaser­ne zu Kaser­ne, vie­le Tage. Unter­wegs müs­sen sie um Brot betteln.

MRS. TURNER  They were all youngs­ters. And hard­ly any of them came back.

ERZÄHLER Alle so jung, erin­nert sich Mrs. Tur­ner aus Whitsta­ble – und kaum einer kam zurück.

VETERAN HALLADAY  If you ever went out to Poel­ka­pel­le in Bel­gi­um you found a litt­le boy’s gra­ve the­re — four­te­en. He was in the Irish regi­ment, the litt­le boy …


ERZÄHLER In Poel­ka­pel­le in Bel­gi­en ist das Kriegs­grab eines klei­nen Jun­gen aus dem iri­schen Regi­ment. Er war 14.

VETERAN HALLADAY  His mother found he was out the­re and was clai­ming him. And as he was com­ing down the line with the escort they both got killed. 


ERZÄHLER Sei­ne Mut­ter woll­te ihn zurück­ha­ben. Also hol­ten sie ihn von der Front. Unter­wegs wur­den sie getö­tet — er und sein Begleiter.

(…)

ERZÄHLER  Wir waren alle so jung. Ich war sech­zehn, mei­ne Freun­de höchs­tens acht­zehn Jahre.

TÜRKISCHES KRIEGSLIED / DARAUF:

ERZÄHLER Ich zie­he in den Krieg, Mut­ter / dem Feind ent­ge­gen / Oh, mei­ne Jugend ! / Das 13. Batal­li­on mar­schiert in den Krieg / Oh, mei­ne Jugend …

DAS LIED BIS ZUM ENDE DES FOLGENDEN TEXTES, DANN ÜBERGEHEND IN ENTFERNTE KLANGWOLKE MIT ANGEDEUTETEN FOLKLORISTISCHEN ELEMENTEN UND SOLDATENLIEDERN 

ERZÄHLER  Auch in weit ent­fern­ten Ecken der Tür­kei packen jun­ge Män­ner ihre Sachen. Alle, die in die­sem Jahr Zwan­zig wer­den, rücken ein. In Staub­wol­ken gehüllt zie­hen Grup­pen klei­ner Meh­mets, wie sie nach dem Aller­welts­vor­na­men zärt­lich hei­ßen, zu den Rekru­tie­rungs­stel­len. Von Neu­see­land und Aus­tra­li­en, ihren neu­en “Fein­den”, haben wohl die wenigs­ten gehört. In vier Wochen wer­den sie ver­bis­sen auf­ein­an­der einschlagen.

Das größ­te Heer der Welt sam­melt sich in Russ­land: drei­ein­halb Mil­lio­nen Mann, acht von zehn sind Bauernsöhne.

Auf den Bahn­hö­fen des Rie­sen­reichs neh­men die Sol­da­ten Abschied. Wild sind sie und aus­ge­las­sen, tan­zen, schrei­en durch­ein­an­der. Ihre Müt­ter wei­nen, und die Väter seg­nen die beschwips­ten zukünf­ti­gen Helden. 

In Eng­land for­miert sich die Mas­sen-Armee des Kriegs­mi­nis­ters Her­bert Kit­che­ner: “Kitchener’s Army”. An jeder Mau­er das Pla­kat mit sei­nem stei­len Schnurr­bart und dem sug­ges­ti­ven Zei­ge­fin­ger: ICH WILL HAARGENAU DICH !

In einem hal­ben Jahr zwei Mil­lio­nen vol­un­te­ers — “Kriegs­frei­wil­li­ge”. 

Vor dem Ein­stel­lungs­bü­ro in Scot­land Yard stan­den sie kilo­me­ter­weit Schlange.

WALTZING MATHILDA” (ORIGINAL) ALS TEIL DER KLANGWOLKE 

ERZÄHLER Die Aus­tra­li­er wur­den nicht gefragt. Eng­land hat den Krieg im Namen aller Kolo­nien und Domi­ni­ons aus­ge­ru­fen – ob sie wol­len oder nicht. 

ZITAT-SPRECHER HALL Mein Name ist Fre­de­ric Hall. Ich bin aus New South Wales. Mein Vater war Tank­wart. Dad­dy wähl­te immer Labour. In den letz­ten Wochen vor dem Krieg sam­mel­ten wir Unter­schrif­ten gegen die geplan­te Wehrpflicht.

Aber dann mel­de­te ich mich sogar frei­wil­lig  — aus Patrio­tis­mus, neh­me ich an. Es ging ja, wie man immer sag­te, um den “Krieg, der alle Krie­ge abschafft” –  “The war to end all wars“. Mei­ne Hal­tung hat sich bald geän­dert. Aber dann war es schon zu spät.

KLANGWOLKE WEG

VETERAN HALLADAY  I was an appren­ti­ce motor body maker. I was get­ting five shil­lings a week in Eng­lish money which was not much them days. 

ERZÄHLER Die­ser ein­fa­che Sol­dat aus dem Mut­ter­land des bri­ti­schen Welt­reichs lern­te Karos­se­rie­bau­er und bekam nur fünf Schil­ling die Woche.

VETERAN HALLADAY The­re was lot of unem­ploy­ment. Unem­ploy­ment ! And it was the unem­ploy­ment side and bad pay that dro­ve them in the army !

ERZÄHLER  Gro­ße Arbeits­lo­sig­keit und schlech­te Bezah­lung – des­halb ging man zum Militär.

VETERAN HALLADAY  It ’s not the working class peop­le who want war ! It ’s the rich who have inves­ted in ammu­ni­ti­on works and all that, making the money.

ERZÄHLER Das Geld machen die Rei­chen – mit der Rüstung. 

Er zum Bei­spiel: Zacha­ri­as Basi­le­os Zahar­off aus einem Armen­vier­tel Istan­buls, jetzt Pate aller Waf­fen­händ­ler in Euro­pa. Der frü­he­re Hand­lungs­rei­sen­de der schwe­di­schen Rüs­tungs­fir­ma Nor­den­felt ist Geschäfts­freund der Krupp-Dynas­tie und damit auch des deut­schen Kai­sers, der einen Teil sei­nes Pri­vat­ka­pi­tals güns­tig bei Zahar­offs eng­li­scher Waf­fen­schmie­de Vickers ange­legt hat. Auf sei­ner Schmier­geld­lis­te führt der  “Händ­ler des Todes” Regie­rungs­be­am­te und Mili­tärs aller krieg­füh­ren­den Staa­ten. Zahar­off kennt weder Freund noch Feind. Geschos­se aus dem Zahar­off-Kon­zern Vikers  schie­ßen aus den Roh­ren aller Kriegs­par­tei­en. Eng­li­sche Gra­na­ten sind mit Spe­zi­al­zün­dern der deut­schen Fir­ma Krupp ver­se­hen — für einen Schil­ling und drei Pence das Stück.

Tag und Nacht rol­len die Waffentransporte. 

Die Hei­mat pro­du­ziert, die Front ver­braucht – Gra­na­ten, Soldaten.

KOMMANDO Abtei­lung halt ! – Gewehr ab ! – Rührt euch !

ERZÄHLER Schall­plat­te der Deut­schen Gram­mo­phon, Herbst 1914.


BÜRGERMEISTER  Schwe­re Zei­ten sind über uns her­ein­ge­bro­chen. Fein­de rings­um. Nach 44 Jah­ren zwingt man uns die Waf­fen in die Hand, um nach segens­rei­chen Jah­ren des Frie­dens unser Hab und Gut und unse­re Stel­lung als Groß­macht zu ver­tei­di­gen. Wie ein Mann hat sich Deutsch­land erho­ben, und freu­dig zie­hen die Söh­ne unse­res Vol­kes hin­aus, um in blu­ti­gen Schlach­ten deut­sche Ehre und deut­sches Eigen­tum zu schützen. 

Unser gelieb­tes Regi­ment … Hur­rah ! Hur­rah !

DIE MENGE  Hur­rah ! Hur­rah ! Hurrah !

GESANG, IN KLANGWOLKE // ÜBERGEHEND / DARAUF


ERZÄHLER  Sep­tem­ber 1914. Nach Anfangs­er­fol­gen, die in der Hei­mat beju­belt wur­den, kommt der Feld­zug gegen Frank­reich nicht vom Fleck. Gene­ral­leut­nant von Fal­ken­hayn, der “Mann mit den eiser­nen Ner­ven”, geneh­migt sich noch fünf Reser­ve­korps – Lehr­lin­ge und jun­ge Arbei­ter, Ange­stell­te, gan­ze Klas­sen höhe­rer Schü­ler mit den Leh­rern, Stu­den­ten – an der Spit­ze ihre Pro­fes­so­ren. 120 000 Mann. Gemes­sen, gewo­gen, betas­tet, abge­klopft – tauglich !

Jeder von ihnen kann laden, zie­len, die Fuß­lap­pen wickeln und das Bajo­nett auf­pflan­zen — auch Franz Engel aus Neuruppin. 

 
ZITAT-SPRECHER FRANZ ENGEL Mein Kriegs­ta­ge­buch … Wir sind ein­ge­klei­det. Treff­lich cha­rak­te­ri­sier­te Feld­we­bel Gers­ten­berg den Wech­sel vom bis­he­ri­gen ins neue Leben, indem er aus­rief: „Es ist dies der wich­tigs­te Moment, in dem der Mensch sich vom Tier unterscheidet !“

ERZÄHLER Am Bahn­hof wird das Regi­ment ver­la­den. Die jun­gen Män­ner sin­gen, dass die Hei­de wackelt. Patrio­tis­mus und Frei­bier. Müt­ter wei­nen. Väter ste­hen in der Men­ge stramm; über­rei­chen ihre Söh­ne stolz dem guten, klu­gen, für­sorg­li­chen Vaterland. 

Es wird sie nie mehr hergeben. 

Mäd­chen aus allen deut­schen Volks­lie­dern beglei­ten die sin­gen­de Trup­pe … wer­den mit­ge­ris­sen, sträu­ben sich ein wenig, lachen, singen … 

Ein Pri­ma­ner­aus­flug — von der Hei­mat in den Tod ! Hur­ra ! Schnell hin­ein, bevor der Krieg zu Ende geht !

Franz Engel taucht im Feld­grau unter, das alle gleich macht.

LANGE KREUZBLENDE IN KLANGWOLKE  # ///, BEGINNEND MIT MÄNNER-CHORGESANG

… Wild­gän­se rau­schen durch die Nacht / mit schril­lem Schrei nach Nor­den. / Unstä­te Fahrt ! Habt acht, habt acht ! / Die Welt ist vol­ler Morden …

ERZÄHLER Grau-in-Grau bewe­gen sich die stoff­be­spann­ten Hel­me auf und ab. Män­ner — Neben­män­ner — Hin­ter­män­ner — Vor­der­män­ner. Kna­ben­ge­sicht an Kna­ben­ge­sicht. Räder knir­schen, Pfer­de schnau­ben. Ein­tö­nig klap­pen die Stiefel.

MÄNNERCHOR Wir sind wie ihr ein grau­es Heer / und fahr ’n in Kai­sers Namen. / Und fahr ’n wir ohne Wie­der­kehr / rauscht uns im Herbst ein Amen …

ERZÄHLER Ihr Leben hat eine Rich­tung bekom­men: nach Westen. 
Das Gro­ße-Gan­ze denkt und han­delt jetzt für sie. Nur als Kin­der durf­ten sie so unbe­schwert sein.


KLANGWOLKE UNTER DEN LETZTEN SÄTZEN WEG

(…)

ERZÄHLER  Ein schwung­vol­ler Pfeil auf den Gene­ral­stabs­kar­ten mar­kiert den preu­ßi­schen Kriegs­plan: Durch­bruch im Wes­ten, Frank­reich schla­gen, dann die nack­te deut­sche Faust gegen Russ­land. Bedau­er­li­cher­wei­se führt der gro­ße Schwenk durch die neu­tra­len Län­der Bel­gi­en und Luxemburg.

VETERAN GRASSMANN  Bei mir eigent­lich immer Erstau­nen: Was machen wir bloss hier ? Wie kön­nen wir über die bel­gi­sche Gren­ze ein­mar­schie­ren in ein damals doch fried­li­ches Land — Bel­gi­en ? Da fal­len wir ein wie in Fein­des­land, bren­nen da die Höfe ab und rau­ben das Vieh und schie­ßen auf die Zivilisten !

ZITAT-SPRECHER DANILOV  Uns Infan­te­ris­ten von der Zwei­ten Rus­si­schen Armee hat man 50 Kilo­me­ter vor der ost­preu­ßi­schen Gren­ze aus­ge­la­den. Nur der Gene­ral­stab weiß, warum.

ERZÄHLER Auch er schreibt Tage­buch: der 18jährige Gym­na­si­ast Vik­tor Dani­l­ov. Er kommt aus Roslawl in der west­rus­si­schen Oblast Smolensk. 

ZITAT-SPRECHER Fast ohne Pau­se mar­schie­ren wir elen­de Stra­ßen ent­lang. Wir sind erschöpft und halb ver­hun­gert. Die Ver­pfle­gung kommt nicht nach. Wir haben unse­re eiser­nen Ratio­nen längst verzehrt.

Die Stra­ßen sind ver­stopft von Flücht­lin­gen und Vieh …

ERZÄHLER In Bel­gi­en notiert der Schü­ler Franz Engel:

ZITAT-SPRECHER ENGEL 20. Sep­tem­ber 1914. Die Son­ne strahlt. Der Him­mel: wol­ken­los. Gefan­ge­ne Eng­län­der wer­den vor­über­ge­führt, eini­ge dar­un­ter, die noch vor kur­zem in Deutsch­land Fuß­ball gespielt und gewon­nen haben. 

Der Unter­füh­rer lässt sein Pferd tän­zeln. Wen­det schnei­dig und rei­tet die Marsch­ko­lon­ne ent­lang. Pfer­de­äp­fel säu­men unsern Weg nach Frankreich. 

Wenn die Blät­ter fal­len“, sagt der Kai­ser, „seid ihr wie­der zu Hause !“ 

Die Blät­ter wer­den lang­sam gelb.

(…)


ERZÄHLER  6. August 1914: Die Save abwärts, drei Last­käh­ne der Donau-Dampf­schif­fahrts­ge­sell­schaft, 2000 Mann. Wie Heringe. 

Der Jour­na­list Egon Erwin Kisch, jetzt Kor­po­ral im VIII. Pra­ger Korps der öster­rei­chisch-unga­ri­schen Streit­macht auf dem Weg nach Ser­bi­en. Er führt einen “Schwarm” von zwölf Sol­da­ten in den Krieg.

Im Bos­ni­schen Bje­li­na ist schon Ori­ent. Kisch notiert den Ruf des Muezzin … 

TAGEBUCH-STIMME KISCH … ver­schlei­er­te Frau­en, klei­ne Mäd­chen in Plu­der­ho­sen, weiß­bär­ti­ge Tür­ken unter Fez und Turban. 

10. August  Soeben die ers­ten Lei­chen des Krie­ges gese­hen. In der Toten­kam­mer des Mili­tär­la­gers liegt der eine in der Uni­form des 73. Regi­ments; der ande­re nackt, von Schrapnell­ku­geln durch­lö­chert, blut­über­strömt, die Hän­de gefaltet.

Diens­tag, 11. August  Nach­schub von vier­zehn­hun­dert Mann ist ange­kün­digt. Arme Rekru­ten ! Bevor sie noch mit dem Gewehr Bescheid wis­sen, die­nen sie als Kugel­fang. Die Jungs tun uns aus tiefs­ter See­le leid. Schon beim Vor­marsch wur­den eini­ge erschossen.

Don­ners­tag, 13. August. Seit Bje­li­na beglei­tet uns ein schwar­zer Wäch­ter­hund, der sei­ne Trup­pe ver­lo­ren hat. Im Gefecht wur­de er durch einen Schuss am Rücken ver­letzt und schleicht jetzt müde und blu­tig hin­ter uns her. Wir, wie immer­fort auf öster­rei­chi­sche und ser­bi­sche Lei­chen und schreck­lich ver­wun­de­te Men­schen sto­ßen, haben mit die­sem Hund gren­zen­lo­ses Mitleid.

KLANGWOLKE, WIE FERNER GESCHÜTZDONNER 

ERZÄHLER  In Flan­dern die ers­ten Sol­da­ten­grä­ber. Auf der Stra­ße Blut­la­chen. Das Blut ist ein­ge­trock­net, schwarz. Zer­fetz­te Bäu­me, zer­schos­se­ne Häu­ser. Und Tierkadaver. 

TAGEBUCH-STIMME ENGELS  Ent­setz­lich das Brül­len der Kühe, die nicht mehr gemol­ken wer­den. Mit rie­si­gen Eutern, zer­fres­sen von Milch­brand, irren sie umher. 

ERZÄHLER  Der Über­mut wie weg­ge­wischt. Blass der Major, blass der Ober­leh­rer, blass der Korps-Stu­dent mit den Mensurnarben. 

Dich­tung und und Wahr­heit wol­len nicht mehr zusammenpassen. 

ZITAT-STIMME ENGELS  Haupt­mann von Keitz ver­liest noch ein­mal den Befehl des Kai­sers: “Vor­wärts und drauf mit Gott !”

Unser Batail­lon hat über hun­dert Fußkranke.

KLANGWOLKE WEG

SCHALLPLATTE DER DEUTSCHEN GRAMMOPHON, HERBST 1914:

SCHAUSPIELER-STIMME “Still­ge­stan­den ! Der Feind will uns den Weg nach Frank­reich nicht frei­ma­chen. Dar­um müs­sen wir kämp­fen ! Es geht auf Leben und Tod ! Mit Gott für König und Vaterland !”


VETERAN HENSEL  Da war die Regi­ments­ka­pel­le noch vor­ne weg. Die hat gespielt ! Dann ist irgend­je­mand gekom­men und hat gesagt: Kin­der, wir sind doch jetzt unmit­tel­bar an der Feind­be­rüh­rung — wie könnt ihr hier noch spie­len ! Hat die Musik natür­lich sofort aufgehört.

VETERAN GLUSKA  Und dann begann der Krieg.

(…)

ERZÄHLER 6 Uhr 30. Auf­wa­chen zum Sterben ! 

Dunst liegt über den Fel­dern. Vögel flie­gen auf. 

Franz Engel aus Neu­rup­pin rückt den Sturm­rie­men zurecht. Der Feind in 300 Metern Ent­fer­nung. Kasernenhofdistanz.

Nur der Haupt­mann ahnt, dass sie alle zum Ver­brauch bestimmt sind. Ihre Mas­se soll den Feind in Span­nung hal­ten, abnut­zen, ihn müde machen. Gesiegt wird spä­ter und von ande­ren – vielleicht.

Von Osten rollt Nach­schub aus den „Rekru­ten­de­pots“. Die vor­aus-bli­cken­de Hei­mat schickt Ersatz. Und schon Ersatz für den Ersatz.

 
Die Hor­nis­ten bla­sen. Sturm­si­gnal. “Rückt vor – rückt vor – schnel­ler vor – vor – vor!”.

Nie­mand muss Franz Engel in den Kampf hin­ein­trei­ben. Die Furcht, jetzt zu ver­sa­gen – das Vater-Land, das stren­ge zu ent­täu­schen – ist stär­ker als Todesangst. 

Mit einem sport­lich-ele­gan­ten Satz schwingt er sich über den Erdwall.

(…)

ERZÄHLER Die Vol­un­te­ers in Kit­che­n­ers Army sind 16, 17 höchs­tens 18 Jah­re alt. Sie erle­ben ihre Höl­le 1916 an der Som­me. Zwei Drit­tel der eng­li­schen Batal­lio­ne in Frank­reich bestehen aus “Kriegs­frei­wil­li­gen”, frisch aus der Hei­mat und völ­lig unerfahren.

Vie­le sind als “Pals Bat­tali­ons” in den Krieg gezo­gen – alle Mann aus einer Stadt, einem Sport­club, einem Waren­haus, einer Ree­de­rei, einer Koh­len­ze­che – alle bei der sel­ben Ein­heit ! “Join tog­e­ther — ser­ve together”. 

ZITAT-STIMME FRANK MUNROE   Am Mor­gen der schreck­li­chen Schlacht ließ sich Cap­tain Mor­ri­son von sei­nem Bat­man hei­ßes Rasier­was­ser brin­gen und die Uni­for­men aus­bürs­ten. Zur Fei­er des Tages zog er sei­ne Sil­ber­spo­ren an. 

Mit begeis­ter­tem Gejoh­le ver­folg­ten wir Sol­da­ten das höl­li­sche Bom­bar­de­ment auf die deut­schen Stel­lun­gen, mit dem der Sturm vor­be­rei­tet wer­den soll­te. Vom Navy Rum, den sie her­um­reich­ten, kamen man­che bei den 11th For­res­ters kaum noch auf die Beine. 

ERZÄHLER Der jun­ge Kor­po­ral Egon Erwin Kisch notiert in Serbien:

ZITAT-STIMME KISCH  Haupt­mann Spu­dil erscheint in sei­ner ele­gan­tes­ten Uni­form, mit dem Ver­dienst­kreuz ange­tan, den Schurr­bart in die Höhe gezwir­belt, als ob er zur Hoch­zeit gin­ge, und sagt: “Mor­gen um 5 UHR !”

Gegen ein Uhr nachts bekommt der Ober­leut­nant eine ver­schlos­se­ne Mel­dung. Ich weiß sofort, was sie ent­hält, denn er reicht sei­nem Bur­schen Uhr und Brieftasche.

Der Sturm wird Hun­der­ten von uns das Leben kosten.


ERZÄHLER  Wie ein Stand­bild steht der geg­ne­ri­sche Kom­man­deur auf dem Schanz­werk, nur weni­ge hun­dert Meter entfernt. 

SERBISCHER VETERAN 1 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER “Vor­wärts, Brü­der !” sagt er. “Zit­tert nicht um euer Leben, wie ich nicht um mei­nes zit­te­re. Alles für unse­re Hei­mat, unser Ser­bi­en !“ Und der Kom­man­deur einer Nachbareinheit: 

SERBISCHER VETERAN 2 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER  “Kame­ra­den ! Es geht los ! Nur zwei Mög­lich­kei­ten: Ein ehren­vol­ler Tod. Oder ein Skla­ven­le­ben im eige­nen Land.

SERBISCHER VETERAN 3 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER  Gute Män­ner, sagt er, sind unsterblich !

TAGEBUCH-STIMME FRANZ ENGEL Man­chem ist der Mut ver­flo­gen. Da geht unser Haupt­mann von Wey­rauch noch ein­mal die Schüt­zen­li­nie ent­lang, Mon­okel im Auge, Zigar­re im Mund. Und neue Zuver­sicht ergreift die Truppe.

ERZÄHLER Der Haupt­mann als mensch­li­ches Maß in die­sem maß­lo­sen Gesche­hen. Vater und Beschüt­zer. Idol. Fast ein Hei­li­ger. Das Vater­land in Person.

VETERAN GLUSKA   Ja — es war noch so, dass unse­re Offi­zie­re nach dem Sche­ma 1870/71 mit uns vor­gin­gen. Sie gin­gen tat­säch­lich uns vor­an mit gezo­ge­nem Degen, als ob ’s kei­ne Maschi­nen­ge­weh­re gab.

VETERAN GRASSMANN  Der Offi­zier muss ste­hend das Gefecht durch­ma­chen. Es ist unwür­dig, sich in den Dreck zu schmeißen !

VETERAN HENSEL Kenn­zeich­nend dafür ist, das unser dama­li­ger Kom­man­deur, Graf Pour­talès, mit auf­ge­pflanz­tem Sei­ten­ge­wehr vor dem Batail­lon vor­aus stürm­te und uns zurief: “Mir nach, Jungs !”


ERZÄHLER Bei Albert an der Som­me lau­ern die 9. Innis­kil­len Fusi­liers aus Uls­ter, iri­sche Far­mer­söh­ne meist. Auf der Brust­wehr steht der Kom­man­deur. Durch ein Mega­phon wünscht er sei­nen Jungs “the best of luck”. 

Und alle hat­ten fröh­li­che Gesich­ter”, sagt ein Augen­zeu­ge später.

Die jun­gen Män­ner aus dem Pals’ Batal­li­on “New­cast­le Com­mer­cials” jagen einem foot­ball nach, den ein bekann­ter Sport­ler nach den Deut­schen kickt.

SERBISCHER VETERAN 2 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER “Als der Angriff beschlos­sen war”, sagt er, “haben wir alle vor Freu­de getanzt und gesungen”.

SERBISCHER VETERAN 1 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER Sie konn­ten den Befehl zum Sturm kaum erwarten.


SERBISCHER VETERAN 3 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER Unser Kom­man­deur hat noch gefragt: Wer geht frei­wil­lig zuerst?

Jeder hat geru­fen: Ich — Herr Offi­zier !  Dann ist er selbst auf­ge­sprun­gen. “Das MG mit sei­nen 26 Kilo”, sagt er, “war auf ein­mal leicht wie eine … Feder”.  Woll­te nur vor­wärts, vor­wärts ! Es lebe Ser­bi­en, unser König Peter ! Auf ein­mal war er vol­ler Blut.

Kei­ner von denen, sich sich zuerst gemel­det hat­ten, kam aus der Schlacht zurück. 

VETERAN BECKER Um 6 Uhr 30, als wir da aus dem Gra­ben her­aus­klet­ter­ten und wie eine Men­schen­wo­ge gegen den Feind wate­ten, denn an ein Lau­fen war gar nicht zu den­ken, setz­te von drü­ben ein der­art rasen­des Infan­te­rie-Maschi­nen­ge­wehr­feu­er ein. Man glaub­te, die Luft kocht. Alles war in Rauch gehüllt. Man konn­te sich zum Teil gar nicht mehr sehen. Und die Flach­bahn­ge­schüt­ze, die hau­ten dazwi­schen. Es war ein furcht­ba­res Erlebnis. 

KLANGWOLKE

ERZÄHLER Rings­um die hohen schmut­zig-brau­nen Erd­fon­tä­nen der Gra­nat­ein­schlä­ge. Und ihr Luft­druck. Und der Höl­len­lärm – die­ses Rol­len, Pras­seln, Häm­mern, Jau­len … Das Gebell der Maschi­nen­ge­weh­re. Pfei­fen und Zwitschern.


ANZAC (Aus­tra­li­an and New Zea­land Army Corps)-VETERAN  The bul­lets came down like “Ffffft … Ffffft …”

(IMITIERT DAS GERÄUSCH)

SERBISCHE VETERANEN (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER “Mit einem Schlag”, sagt er, “bal­ler­te alles los, was wir hat­ten – die gan­ze Artil­le­rie”. Sie wur­den fast taub. Es klang wie Weltuntergang. 

SERBISCHER VETERAN 3 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER Er sagt das etwa so: “Eine Dun­kel­heit kam über uns – Pul­ver, Rauch und Blei“.

(…)

ERZÄHLER  Auf dem Schlacht­feld ist das ein­ge­üb­te deut­sche Angriffs­tem­po – 180 Schritt in der Minu­te – lei­der nicht zu hal­ten. Das “Feld der Ehre” ist ein auf­ge­weich­tes Rübenfeld. 

Bela­den wie ein Pack­esel watet der Sol­dat Franz Engel feind­wärts. Er schleppt Tor­nis­ter, Brot­beu­tel und Spa­ten, Feld­fla­sche und Zelt­bahn, Alu­mi­ni­um-Koch­ge­schirr, zwei Patro­nen­ta­schen. Allein das Mau­ser-Gewehr mit auf­ge­steck­tem Bajo­nett wiegt vier­ein­halb Kilo. Wie soll er damit stürmen ?

Aus dem Angriff, hun­dert­mal geübt, wird ein hunds­ge­mei­nes Stol­pern. Krie­chen. Fallen. 

TAGEBUCH-STIMME KISCH  Die Ser­ben feu­ern wie ver­rückt. Nicht weit vor unse­rem Gra­ben liegt der lus­ti­ge Haupt­mann Spu­dil. Eine Gra­na­te hat ihm den Kopf abge­ris­sen. Die fun­kel­na­gel­neue Extra­uni­form ist mit Blut begossen. 

Auf offe­nem Feld ein Offi­zier, nur noch lei­se röchelnd: Oberst­leut­nant Kuče­ra. Ich ken­ne sei­ne Braut.

ERZÄHLER  Zur befoh­le­nen Zeit — seven twen­ty­fi­ve a. m.  – schrill­ten die Signal­pfei­fen der Zug­füh­rer, und 60 000 Mann ver­las­sen gleich­zei­tig die Schüt­zen­grä­ben an der Som­me in Frank­reich. Mar­schie­ren in die Kil­ling Fiel­ds hin­ein – mit 60 Pfund Gepäck (200 Schuss Patro­nen, Essen für zwei Tage, Hand­gra­na­ten, Spa­ten und Signal­ra­ke­ten) –  eini­ge mit Brief­tau­ben in Kör­ben als Kurie­re zu den Feu­er­leit­stel­len. Ande­re mit dicken Rol­len Stacheldraht.

Dann das Gerat­ter der Kugel­sprit­zen 08 – bri­ti­sches Modell, deut­sche Wert­ar­beit. Jeder Schuss ein Treffer !

VETERAN RICHARDY Wir arbei­te­ten uns sprung­wei­se her­an. Und Sie wer­den es kaum für mög­lich hal­ten: Das war so wie auf dem Kaser­nen­hopf und wie ’s im Exer­zier­re­gle­ment steht …

VETERAN KUHNERT … auf “Sprung auf !” eine Hock­stel­lung. “Marsch-Marsch !” auf­sprin­gen und dem­entspre­chend lau­fen. Das geschah auf brei­ter Front gleich­zei­tig, und die Fol­ge war, dass die Schüs­se über­all ein Ziel hatten.

VETERAN HENSEL Es ist mir durch einen Quer­schlä­ger das lin­ke Auge ‘raus­ge­ris­sen wor­den, wobei das Joch­bein, das lin­ke Joch­bein zer­split­tert war und dem­entspre­chend eine ziem­lich tief­lie­gen­de Nar­be hin­ter­ließ.  Ich nahm mei­nen Tor­nis­ter vor und sag­te mir: Ich kom­me ins Laza­rett, und da muss ich wenigs­tens sau­be­re Wäsche haben. Hab mir Unter­wä­sche ‘raus­ge­sucht und die übern Arm genom­men und bin damit im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes aus der Linie getorkelt.

VETERAN ANTHONY When the Ger­mans did advan­ce all hell was let loo­se. They must have come over in their thousands. We could popp them off as easy as anything.

ERZÄHLER  Als sie kamen, brach die Höl­le los, erin­nert sich Frank Antho­ny. Es müs­sen Tau­sen­de gewe­sen sein. Nichts leich­ter als sie abzuknallen.

VETERAN ANTHONY  They were in lines … What I could­n’t under­stand, is why they came over so clo­se tog­e­ther. Ins­tead of apart ! A mat­ter of about five yards apart ! But you could­n’t miss !

ERZÄHLER In geschlos­se­ner For­ma­ti­on, kei­ne fünf Meter von einem zum ande­ren, waren sie nicht zu verfehlen !

VETERAN ANTHONY They came in their mili­ta­ry honors with their pik­ed hats – hund­reds upon hund­reds of young Ger­man boys, and they were pop­ped off easy. And for every Eng­lish­man that was kil­led the­re must be dozens of Ger­mans falling. 

ERZÄHLER Sie kamen mit ihren Pickel­hau­ben, Hun­der­te und Aber­hun­der­te. Alle blut­jung. Und wur­den ein­fach abge­knallt. Für jeden bri­ti­schen Sol­da­ten fie­len Dut­zen­de von Deutschen.

VETERAN GLUSKA  Besin­nungs­los und ohne Hem­mun­gen und ohne eige­ne Ent­schlüs­se mach­te man das eben. Dies war unabwendbar !

KLANGWOLKE / EINANDER ÜBERKREUZENDE ZITAT-STIMMEN:

…  Dem Sol­da­ten ist das kal­te Eisen in die Hand gege­ben. Er soll es füh­ren ohne Scheu. Er soll dem Feind das Bajo­nett zwi­schen die Rip­pen ren­nen. Er soll sein Gewehr auf ihre Schä­del schmet­tern. Das ist sein Gottesdienst …

… Es kommt nicht dar­auf an, dass der Ein­zel­ne von uns gesund nach Hau­se kommt, son­dern dass unser gelieb­tes Vater­land siegreich …

… Krieg ist Welthygiene !

KLANGWOLKE ZÜGIG WEG

VETERAN GLUSKA Da ist man mehr wie ein Auto­mat. Wir hat­ten kein heroi­sches Gefühl — nix !

VETERAN GLUSKA Es wag­te ja auch über­haupt kei­ner, das Gewehr weg­zu­schmei­ßen und zu reti­rie­ren. Da hät­te schon der Nach­bar, der Sol­dat, das verhindert.

ERZÄHLER  Dienst­un­ter­richt für den Infan­te­ris­ten des Deut­schen Hee­res, Aus­bil­dungs­jahr 1915/16:


ZITAT-STIMME FRANZ ENGEL (KENNTNISNEHMEND) “Wer ohne Befehl zurück­geht oder durch ängst­li­che Aus­ru­fe mit sei­ner Feig­heit die Kame­ra­den anste­cken soll­te, wird mit dem Tode bestraft. Jeder Vor­ge­setz­te ist berech­tigt, von der Waf­fe Gebrauch zu machen, um sei­nen Befeh­len im Fal­le der äußers­ten Not Gehor­sam zu verschaffen”.

ERZÄHLER Zau­dern­de wer­den “zurück­ge­führt” – “mit allen Mit­teln der Dis­zi­plin”. Klartext:Wer sich in die Hosen macht und flieht, wird erschossen.

Als Aus­weg nur das Heldentum.

ZITAT-STIMME KISCH  Mitt­woch, 16. Dezem­ber  Heu­te hat­te ich Gele­gen­heit, ser­bi­sche Ori­gi­nal­be­feh­le zu lesen: “Gegen flie­hen­de Batail­lo­ne ist eige­nes Geschütz­feu­er zu eröff­nen, gegen flie­hen­de Unter­ab­tei­lun­gen Maschi­nen­ge­wehr­feu­er, gegen flie­hen­de Schwär­me Gewehr­feu­er. Ein­zel­ne Flücht­lin­ge sind von der Feld­po­li­zei niederzumachen”.

VETERAN BECKER  Man stol­per­te über die Toten weg. Und der Zug­füh­rer, der Leut­nant, fiel ja auch gleich. Erst krieg­te er ’n Schuss und fiel hin und stand wie­der auf … sprang auf und lief noch ’n paar Schrit­te. Krieg­te dann einen töd­li­chen Schuss und fiel dann hin …

ERZÄHLER Der deut­sche Haupt­mann von Wey­rauch, der mit gezo­ge­nem Degen vor­an­ging, auf­recht, Mon­okel im Auge, Zigar­re im Mund – stürzt – und bleibt lie­gen. Die rote Far­be auf sei­nem Gesicht ist Blut.

Oh Gott — ich glau­be — ich bin … 

Getrof­fe­ne krie­chen zurück. Tot der Vater, ster­bend der Sohn. Der Leh­rer trös­tet den Schü­ler, dem die eine Brust­sei­te zer­fetzt ist. Bei jedem Atem­zug schiebt sich eine blank­blu­ti­ge Rip­pe in die Wund­öff­nung. Atem­luft bro­delt heraus. 

Eini­ge wüh­len sich in die Erde. Oder ste­hen steif im Feu­er, kichernd, unfä­hig, nur einen Fin­ger zu bewegen.

Vie­le schrei­en. Aber man­che ster­ben laut­los. Eine Gra­na­te und BUMM. Kei­ne letz­ten Worte.

VETERAN BECKER Wir haben ja in der kur­zen Zeit von acht bis zehn Minu­ten unge­fähr 31 Offi­zie­re und über elf­hun­dert Mann ver­lo­ren. Alles feld­grau von unserm Gra­ben bis zum feind­li­chen … lag alles tot.

ERZÄHLER  Der Sol­dat Franz Engel fühlt und denkt — nichts. Die Spit­ze sei­nes Bajo­netts sucht den Feind. Den unsicht­ba­ren. Über­all ver­streut graue Uni­form­stoff­bün­del, die sich noch bewe­gen. Nicht der ein­zel­ne Sol­dat — gan­ze Kom­pa­nien sind das Ziel. Alles was da wim­melt, wird ver­tilgt. Wie Ungeziefer.

Vickers-Maschi­nen­ge­weh­re feu­ern 500 Schuss pro Minu­te und erset­zen jeweils hun­dert Ein­zel­schüt­zen. In Tun­neln unter der ers­ten Linie des Geg­ners gezün­de­te Land­mi­nen schleu­dern Men­schen meter­hoch in die Luft. Flie­ger wer­fen Bom­ben mit der Hand von oben auf das Schlacht­ge­wim­mel. Flam­men­wer­fer ver­ba­cken Stoß­trupps zu grau­si­gen schwar­zen Skulpturen.

20. Jahr­hun­dert. Der rit­ter­li­che Kampf ist abgesagt.

KLANGWOLKE WEG

ERZÄHLER  Es ist Nacht, als das Aus­tra­li­an and New Zea­land Army Corps das Ziel der lan­gen Rei­se ansteu­ert – die Halb­in­sel Gal­li­po­li. Der Plan, den Win­s­ton Chur­chill aus­ge­heckt hat, soll die Dar­da­nel­len offen hal­ten – Nach­schub­weg für das alli­ier­te Russ­land und den spä­te­ren Zugriff auf das Fest­land der Türkei.

Auf die jun­gen Män­ner mit den kecken Out­back-Uni­form­hü­ten war­tet ein win­zi­ger Strei­fen Strand, 600 Meter in der Län­ge; vom Was­ser bis zur Steil­küs­te kaum fünf­zig Schritt. 

ERSTER  ANZAC-VETERAN  It was a stu­pi­di­ty. I never heard of such things as army was con­cer­ned. The Ger­mans had for­ty­fied that place. Made it almost impregnable.

ERZÄHLER Was für ein Wahn­sinn, sagt die­ser Vete­ran. Die deut­schen Waf­fen­brü­der der Tür­ken hat­ten die Stel­le befes­tigt und prak­tisch unein­nehm­bar gemacht.

ZWEITER  ANZAC-VETERAN  Two Aus­tra­li­an boats bey­ond the head ran direct­ly into the fire of Tur­kish machi­ne-guns. And they were lying dead eit­her in the boat or on the beach. Two boats of Aus­tra­li­ans. Dead.

ERZÄHLER Zwei aus­tra­li­sche Lan­dungs­boo­te fuh­ren gera­de­wegs in das Feu­er der tür­ki­schen Maschi­nen­ge­weh­re. Und schon waren die Scha­lup­pen und der Strand mit Lei­chen übersät.

DRITTER  ANZAC-VETERAN  When we advan­ced the­re was just a mass of bul­lets. The ground was hop­ping with bul­lets as if it was hailing. 


ERZÄHLER Ein Kugel­re­gen, dicht wie Hagel. Der Boden hüpft ihnen förm­lich unter den Füßen.

Ober­halb der Küs­te lau­ern – wie die India­ner eines Wes­tern­films –kriegs­ge­wohn­te Trup­pen, aber auch die jun­gen, ahnungs­lo­sen Ker­le aus dem Hin­ter­land. Die fünf­te Tür­ki­sche Armee zählt 84.000 Mann. Ihr Chef heißt Mus­ta­fa Kemal, spä­ter “Ata­türk” – “Vater der Türkei”. 

Sein Aus­spruch für die Schul­bü­cher: „Mein Befehl lau­tet nicht ‚Angrei­fen!’ Er heißt ‘Ster­ben!”

FÜNFTER  ANZAC-VETERAN  Of cour­se they cut the fel­lows to pie­ces, real­ly mur­de­red them actual­ly. Useless!
 

ERZÄHLER Natür­lich mach­ten sie Hack­fleisch aus unse­ren Boys. Brach­ten sie regel­recht um. Sie da hin­auf zu schi­cken, war buch­stäb­lich Mord.

ANZAC-VETERAN It was a mat­ter of dis­or­ga­ni­zed crowds, groups of the­se fine young pals, not knowing whe­re to go, no one in char­ge, no orders, no pos­si­bi­li­ty of offi­cers’ coor­di­na­ti­on. The­re was no pla­ning so to speak. 

ERZÄHLER  Die bepack­ten Boys aus Syd­ney, New­cast­le und Can­ber­ra quä­len sich die Steil­küs­te der Halb­in­sel Gal­li­po­li hin­auf; ver­ir­ren sich im dich­ten Busch­werk. Nie­mand weiß wohin. Kei­ne Pla­nung zu erken­nen. Offi­zie­re macht­los. Kom­man­dos drin­gen nicht mehr durch das Kriegsgebrüll. 

FÜNFTER ANZAC-VETERAN And we were inten­ded to land the­re. And all the­se hills … 

(…)

ERZÄHLER Tannenberg/Masuren. Die Rus­sen haben Tei­le Ost­preu­ßens im ers­ten Sturm erobert. Eine Woche spä­ter schreibt der Ober­schü­ler Dani­l­ov in sein Tagebuch: 

ZITATOR DANILOV Unse­re Freu­de war ver­früht, der schnel­le Sieg in den Masu­ren ein Geschenk des Zufalls. Erobern und Besetzt­hal­ten sind zwei­er­lei. Der Bat­tali­ons­kom­man­deur ist eine Mumie, die ihr gan­zes Leben auf dem väter­li­chen Gut ver­schla­fen hat. Wer kom­man­diert hier eigent­lich ? Wo ver­läuft die Front ? Unse­re gran­dio­sen Feld­herrn lei­ten Fan­ta­sie-Schlach­ten mit Fan­ta­sie-Ein­hei­ten. Sehen uns wohl schon in Berlin.

Doch der Krieg läuft aus dem Ruder.

Spät­abends prescht ein kosa­ki­scher Mel­de­rei­ter vorbei.“Die Deut­schen – die Ula­nen kom­men !” ruft er. Panik. Infan­te­ris­ten feu­ern blind­lings in die Nacht. Unge­sat­telt die gan­ze Schwa­dron im Gal­lopp die Chaus­see hin­un­ter … Die Feld­kü­chen ihr nach. Men­schen wer­den zer­tram­pelt, nie­der­ge­walzt. Eine Ambu­lanz über­schlägt sich. 

Dem­nach sind wir auf der Flucht ?

(…)

ERSTER ANZAC-VETERAN  Dig … dig … They were dig­ging liter­al­ly for their lifes.

ERZÄHLER (VOICE OVER) Sie gru­ben tat­säch­lich um ihr Leben, die jun­gen vol­un­te­ers aus Neu­see­land und Aus­tra­li­en – mit dem Bajo­nett, dem Ess­ge­schirr, mit blos­sen Hän­den. Die Erde hart wie Stein. Die Schüt­zen­grä­ben vor Gal­li­po­li wur­den gra­de 40 Zen­ti­me­ter tief.

ZWEITER UND DRITTER ANZAC-VETERAN  You had fear with you all the time — prac­ti­cal­ly 24 hours a day … Oh, para­ly­sed with fear !

ERZÄHLER Du hat­test stän­dig Angst, sagt der Vete­ran aus Can­ber­ra. 24 Stun­den jeden Tag. – Wir waren gelähmt vor Angst.

Vie­le der ganz Jun­gen heu­len sich die See­le aus dem Leib. Ande­re machen ein­fach Schluss

FÜNFTER ANZAC-VETERAN I saw a man ver­bal­ly stand up and walk through towards the sni­pers. Oh God, I thought … And I yelt to him_ “Get down ! Get down !”

ERZÄHLER Er muss­te zuse­hen, wie einer plötz­lich auf­stand und auf die tür­ki­schen Geweh­re zumar­schier­te. Er rief noch: “Run­ter ! Run­ter mit dir !”

FÜNFTER ANZAC-VETERAN Just com­mit­ted suicide. 

ERZÄHLER Der brach­te sich um !

FÜNFTER ANZAC-VETERAN The machine­gun-fire went right across his body. And he wal­ked fif­ty yards befo­re he fell !

ERZÄHLER Er wur­de glatt durch­siebt. Lief noch 45 Meter, bis er umfiel.

Er war nicht der einzige.

KISCH  Um 5 Uhr neu­er­li­cher Sturm. Hand­ge­men­ge unver­meid­lich. Wir klap­pern vor Angst.

SERBISCHER VETERAN 1 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER Dann muss­ten die Trom­pe­ten auf­hö­ren, erin­nert sich der ser­bi­sche Vete­ran an die Schlacht bei Moj­ko­vac. Der fol­gen­de Befehl hieß: “Ste­chen !”

Wir hat­ten kei­ne Zeit, die Geweh­re zu laden und sind mit dem Bajo­nett auf alles los­ge­rannt, was noch gelebt hat. Das war erst ein Blutbad !

SERBISCHER VETERAN 2 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER Das Gelän­de war bedeckt von toten Schwa­bas, wie die Deut­schen und die Öster­rei­cher hier genannt wer­den. Aber auch mit Eigenen.

SERBISCHER VETERAN 3 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER  Ach, wie sie gefal­len sind, die jun­gen Menschen …
Ein­fach abge­mäht. Blut­ge­ruch und Pul­ver­dampf. Der Mensch als Bestie.

(…)

ERZÄHLER  Bei einem Hand­gra­na­ten-Über­fall auf die deut­schen Grä­ben an der Som­me in Frank­reich hat der eng­li­sche Sol­dat Frank Mun­roe plötz­lich einen geg­ne­ri­schen Offi­zier vor sich. In des­sen Stirn klafft ein schreck­lich brei­ter Riss.

ZITAT-STIMME MUNROE  Er fleht mich an, ihn zu töten. Mich durch­fährt es wie ein Blitz: Da haben wir die­se Bar­ba­ren all die Jah­re bekämpft. Sie gehö­ren ver­nich­tet um jeden Preis. Und hier liegt einer mei­nes Alters, der bes­ser Eng­lisch spricht, als ich das jemals kön­nen wer­de. Und ich soll ihn aus sei­nem Elend erlö­sen. – Als ich spä­ter einem Freund davon erzäh­le, und er fragt: “Na und — hast du ihn erschos­sen ?” – da muss ich geste­hen: “Nein, es ging nicht”. Einen schwer ver­letz­ten Hund hät­te ich getö­tet. Aber einen Menschen …

ERZÄHLER  10. Sep­tem­ber 1914. Kor­po­ral Kisch unter­sucht die ver­las­se­nen ser­bi­schen Schützengräben. 

ZITAT-STIMME KISCH  Nein — das waren kei­ne “Ham­mel­die­be”, kei­ne “Zie­gen­schän­der”, die uns gegen­über lagen. Eine fran­zö­si­sche Gram­ma­tik liegt im Gra­ben, dane­ben ein ser­bisch-fran­zö­si­sches Dik­tio­när. Fünf Meter ent­fernt das Notiz­buch eines Schü­lers der 6. Real­schul­klas­se mit dem Stundenplan. 

ERZÄHLER Lee­re Patro­nen­kar­tons. Der Augen­zeu­ge notiert: 


ZITAT-STIMME KISCH “Deut­sche Metall­pa­tro­nen­fa­brik in Karls­ru­he”. Das rus­si­sche Gewehr, das ein Ser­be auf der Flucht zurück­ließ, trägt den Auf­druck: “Nie­miez­ka­ja fabri­ke oru­s­chia i muni­zii, Berlin”.

(…)

ERZÄHLER Lan­ge­mark in Flandern. 

VETERAN HENSEL  Links und rechts, so weit wie ich sehen konn­te, waren die gefal­le­nen deut­schen Frei­wil­li­gen. Alle tot und hin­ge­mäht. Links und rechts von mir, soweit wie ich sehen konn­te – wie auf dem Kaser­nen­hof aus­ge­schwärmt die zehn Mann und der Grup­pen­füh­rer –– tot.

Das hat mich furcht­bar mit­ge­nom­men. Die­se gan­ze Angriffs­li­nie, die­se gan­ze Wel­le, ist in das Maschi­nen­ge­wehr­feu­er hin­ein­ge­gan­gen, und (sie) sind alle abge­mäht worden.

Die hat­ten gar kei­nen Abstand, nichts !

Schreck­lich ist das, wenn ich dar­an den­ke, wie links und rechts über­all die Gefal­le­nen lagen, tot.

ERZÄHLER Und eben­so ordent­lich auf­ge­reiht lie­gen die Zehn­ten West Yorks vor den Res­ten des Dörf­chens Fri­court an der Som­me. Und gleich neben­an zwei schot­ti­sche Pals’ Bat­tali­ons. Und The 9th Irish Fusi­liers lie­gen mau­se­tot vor Poziè­re – in der sel­ben For­ma­ti­on, die sie letz­tes Jahr auf den grü­nen Hügeln Irlands ein­ge­übt hatten.

VETERAN HENSEL An einen Kame­ra­den kann ich mich noch beson­ders gut erin­nern. Der lag unge­fähr so zehn, zwan­zig Meter von mir ent­fernt. Und das war ein jun­ger, hüb­scher Frei­wil­li­ger, der nicht gleich tot gewe­sen war. Und er hat­te blon­des Haar und blon­de Locken. Und er lag da und hat­te das Gesicht zu mir gewen­det, als ob er schlie­fe. Und der Wind spiel­te so in sei­nen Locken.

Das wer­de ich nie­mals vergessen.

SCHALLPLATTE DER DEUTSCHEN GRAMMOPHON, HERBST 1914:

KOMMANDEUR  “Still­ge­tan­den ! Sol­da­ten — ihr habt euch geschla­gen wie die Hel­den ! Man­cher Tap­fe­re hat auf dem Fel­de der Ehre sein Leben las­sen müs­sen. Aber jede feind­li­che Kugel haben wir zehn­fach heim­ge­zahlt. Deutsch­land in der Welt vor­an ! Kame­ra­den — die deut­sche Fah­ne geht hoch ! Ach­tung ! Prä­sen­tiert das Gewehr !” 

MARSCHMUSIKVERDÄMMERND

(…)

SERBISCHER TRAUERGESANG / MÄNNERSTIMME (SOLO) UND MÄNNERCHOR, ABWECHSELND 

ERZÄHLER (DARAUF) Seit Wochen hängt der Sol­dat Franz Engel aus Neu­rup­pin in einem Sta­chel­draht­ver­hau vor Lan­ge­mark. Im Gesicht der Aus­druck maß­lo­sen Erstaunens. 

Einen Monat nach der ers­ten Flan­dern­schlacht, beschließt der Gene­ral­stab, die­se Offen­si­ve vor­erst abzu­bla­sen. Sie hat 200 000 Tote und Ver­wun­de­te gefordert. 

Nachts, in einem sump­fi­gen Wald­ge­biet, 10 Kilo­me­ter vor der rus­si­schen Gren­ze, erschießt sich Gene­ral Sam­so­nov, Ober­kom­man­die­ren­der der Zwei­ten Rus­si­schen Armee. 30 000 Rus­sen sind ver­wun­det oder tot. Auch 10000 Deutsche. 

An der Dri­na 36 000 Opfer. An der Som­me mehr als eine Million.

Nach einem knap­pen Jahr wird das Aben­teu­er bei Gali­pol­li abge­bro­chen. 100 000 Tote, eine Vier­tel­mil­li­on Verletzte.

Schon im zwei­ten Kriegs­jahr wer­den die Pro­the­sen knapp.

In den Geschichts­bü­chern steht: “Die stra­te­gi­schen Zie­le wur­de nicht erreicht”.

SINGING-PUB / AUSGELASSENE STIMMUNG / ES WIRD PLÖTZLICH STILL / EINE EINZELNE STIMME SINGTAND THE BAND PLAYED WALTZING MATHILDA”(ERIC BOGLE):

They collec­ted the woun­ded, the cripp­led, the mai­med / And they ship­ped us back home to Australia.

ERZÄHLER Sie sam­mel­ten uns Krüp­pel ein und schaff­ten uns heim nach Australien.

The arm­less, the legless, the blind and the insa­ne / Tho­se proud woun­ded heroes of Suvla

ERZÄHLER  Die­se stol­zen Hel­den – ohne Arme, Bei­ne, blind und wahn­sin­nig  geworden.

And when the ship pul­led into Cir­cu­lar Quay / I loo­ked at the place whe­re me legs used to be

ERZÄHLER  Und ich schau­te ‘run­ter, wo mal mei­ne Bei­ne waren …

And thank Christ the­re was no one the­re wai­t­ing for me / To grie­ve and to mourn and to pity 

ERZÄHLER Zum Glück war­te­te kei­ner, um mich zu bemitleiden. 

And the Band play­ed Walt­zing Matil­da / When they car­ri­ed us down the gang­way / Oh nobo­dy cheered …

ERZÄHLER Und als sie uns an Land brach­ten, schrie nie­mand “Hur­rah !”

They just stood the­re and sta­red / Then they tur­ned all their faces away.

ERZÄHLER Sie stan­den und gaff­ten und dreh­ten sich weg.

DAS STIMMENGEWIRR IN DER SINGING-PUB SCHWILLT WIEDER AN. DARAUF NACH EINER KURZEN PAUSE:

ERZÄHLER  Nach dem Ers­ten Welt­krieg wird der Waf­fen­händ­ler Zahar­off vom bri­ti­schen Pre­mier Lloyd Geor­ge mit dem Bath-Orden aus­ge­zeich­net und darf sich nun “Sir Basil Zahar­off” nen­nen. Er wird Kom­man­deur der fran­zö­si­schen Ehren­le­gi­on und schmückt sei­ne Brust mit Medail­len aus 31 Natio­nen. Als er 1936 in Mona­co stirbt, ist der “Kauf­mann des Todes” einer der reichs­ten Män­ner der Welt. 

ATMO WEG / ABSAGE

Aus der Werkstatt 

(Brief­zi­tat)

Lie­ber N…

auch “Fein­de wie wir” war natür­lich Kno­chen­ar­beit, vor allem bei der Beschaf­fung der O‑Töne. Die Basis hat­te ich durch eige­ne Auf­nah­men mit deut­schen und bri­ti­schen Lan­ge­mark-Über­le­ben­den – auf­ge­nom­men vor 30 Jah­ren. Eini­ges aus dem Inter­net, z. B. die meis­ten Töne von Gal­li­po­li-Vete­ra­nen aus der gut aus­ge­stat­te­ten Home­page einer aus­tra­li­schen Vete­ra­nen-Ver­ei­ni­gung. Und die bal­ka­ni­schen Stim­men stam­men aus jugo­sla­wi­schen Doku­men­tar­fil­men der Tito-Ära, von der EBU besorgt. 

Die Aus­schnit­te hab’ ich meh­re­re Tage lang von Mut­ter­sprach­lern Satz für Satz über­set­zen las­sen. Der ein­fühl­sams­te, ein Kroa­te, unter­hält hier eine Kampf­sport­schu­le und sieht aus wie der Abge­sand­te einer Inkas­so-Fir­ma. Er konn­te sich bei der oft blu­mi­gen, eigent­lich unüber­setz­ba­ren Aus­drucks­wei­se der Ser­ben und Maze­do­ni­er gar nicht ein­krie­gen. Etwas schick­te mir auch ein Mos­kau­er Kol­le­ge, den ich vom Prix Euro­pa ken­ne. Wir haben das gan­ze nach häus­li­cher Vor­be­rei­tung am eige­nen Misch­pult in sechs Tagen mit zwei wun­der­ba­ren Tech­ni­ke­rin­nen beim NDR zusammengebaut.

Der zitier­te Kriegs­ge­winn­ler Zahar­off, eine roman­haf­te Figur mit tür­ki­schen und/oder grie­chi­schen Wur­zeln,  hat tat­säch­lich gelebt und war, obwohl ihn kaum einer je gese­hen hat­te, bis in die Drei­ßi­ger Jah­re sogar als Haupt­fi­gur eines Thea­ter­stücks berühmt – im Grun­de ein Pro­to­typ für alle Waf­fen­händ­ler der Grö­ßen­ord­nung Krupp und Stin­nes, die Freund und Feind gleich­zei­tig belie­fer­ten. Dass Chur­chill bei Krupp und der deut­sche Kai­ser bei der eng­li­schen Waf­fen­fa­brik Wickers Akti­en hiel­ten, ist ver­bürgt. Und ähn­lich wird es wohl auch heu­te zugehen.

Mit der Sen­dung bin ich eine Zeit lang durch ost­hes­si­sche Gym­na­si­en gezo­gen. Bei einer Vor­füh­rung im hie­si­gen Muse­um hat­te ich knapp hun­dert Zuhörer. 

Ach – es gäbe so viel zu erzählen …

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