In den Tod – Hurra !

SFB / WDR 1979  (66:34)

AUS DEM MANUSKRIPT:

(…) AUF EINEM KLANGTEPPICH AUS VERLANGSAMTEN SCHLACHT-GERÄUSCHEN UND CLUSTERHAFT VERFREMDETEN FETZEN DES DEUTSCHLAND-LIEDS:

VETERAN ANTHONY  You could pick your spot ! There were so many of them !

ÜBERSETZER  Es waren so viele ! Man hielt ein­fach rein …

SPRECHER  Die Geschosse tre­f­fen, drin­gen ein. Sie töten, zer­fet­zen, ver­stüm­meln. Keine Übungsmu­ni­tion. Der Haupt­mann, der mit gezo­gen­em Degen vorang­ing, aufrecht, Monokel im Auge, Zigarre im Mund, stürzt – und bleibt liegen. Die rote Farbe auf seinem Gesicht ist Blut.

Und viele, die jet­zt hin­fall­en – links und rechts und plöt­zlich über­all — sie ster­ben echt.
Tod aus Maschi­nengewehren, wass­er- und luft­gekühlter, geöl­ter, in Gurten und Trom­meln gebün­del­ter, automa­tisch häm­mern­der Tod. 500 Schuss pro Minute. Dicht wie Hagel­sturm.

Das ist nicht der Krieg, den sie trainiert haben – im Som­mer auf dem Übungsplatz bei Pots­dam. Der alte Kampf als “Kriegshandw­erk” ist über­holt. Hier zählt nur Ver­nich­tung, schnell und gründlich, maschinell. Zwanzig­stes Jahrhun­dert.

Aus den Rüben­feldern winken, wim­mern, rufen, schreien die Getrof­fe­nen. Sie liegen da mit Bauch­schüssen und Kopf­schüssen, mit Nasen­schüssen, Ohren­schüssen, Hals-, Gelenk- und Hoden­schüssen, Rück­en­mark- und Nieren­schüssen, Magen­schüssen – zäh­neklap­pernd vor Kälte und zit­ternd vor Tode­sangst…

“In den Tod – Hur­ra!” / Live-Mis­chung vor Pub­likum in der Rei­he “Die Funkstunde” des Deutschen Rund­funkmu­se­ums Berlin mit H. K. (Regie), Jonas Bergler (Tech­nik) und den Stim­men von Wolf­gang Unter­tauch­er, Hel­la Hag­beck und Hans Häußler, 1980.


Feinde wie wir

Jugend auf den Schlacht­feldern des Ersten Weltkriegs

Aus dem Arbeits­man­uskript 2013
(mit eini­gen Selb­stz­i­tat­en aus der 35 Jahre älteren Vor­läufer-Sendung
“In den Tod – Hur­ra!” s. o.)




GRAB-, KRATZ- und KLOPFGERÄUSCHE / STIMMEN 

ERSTER DIGGER (DEUTSCH)  … Deutsche Lin­ie da – britis­che Lin­ie hier … Sie sehen den Abstand ! 

ZWEITER DIGGER  Hier haben wir zwei deutsche Sol­dat­en gefun­den … 22 Meter Abstand … Preußis­che Husaren … 

ERSTER DIGGER  Der eine lag hier, der andere hier …

ERZÄHLER  50 Deutsche haben sie in let­zter Zeit hier aus­ge­graben.

ERSTER DIGGER (DEUTSCH) Das ist vom Ersten Weltkrieg !

ERZÄHLER Sie nen­nen sich “Dig­gers”, die Kriegsarchäolo­gen im Neubau­vier­tel der flämis­chen Kle­in­stadt. Sie find­en: Tun­nel, unterirdis­che Kom­man­dostellen, Muni­tion und Stachel­draht, Bajonette, Stahlhelme und Kochgeschirr, prim­i­tive Gas­masken, Pfeifen, Stiefel, Eheringe … falsche Zähne, abge­broch­ene Bajonettspitzen, Patro­nen, Stachel­draht.

Und sie find­en ihn.

ERSTER DIGGER Franz Engel …


ERZÄHLER Das, was von Franz Engel übrig blieb. Ein paar Knochen. Eine Gürtellschnalle. Die Erken­nungs­marke, aus Zinkblech. Umzuhän­gen, wo sein Hals war. 

ERSTER DIGGER Men­schliche Reste …

ERZÄHLER Ein Sol­dat aus Neu­rup­pin in Bran­den­burg. Reserve-Infan­terie-Reg­i­ment 206. Er wurde neun­zehn Jahre alt. 

(…)

VETERAN GLUSKA Sehen Sie mal: Vor dem Ersten Weltkrieg war ja dieser wahnsin­nige Konkur­ren­zkampf Eng­land gegen Deutsch­land, nicht wahr ! Wir waren ja eine sehr unbe­queme Konkur­renz, und der Englän­der glaubte, Deutsch­land als Han­del­sna­tion zu ver­nicht­en.

Audio 2 / 3–03 Wis­sen Sie, was wir gesun­gen haben ? Das bekan­nte Lied von Lis­sauer: „Was schert uns Russ’ / was schert uns Fran­zos’ / Schuss um Schuss ! / Wir alle haben nur einen Feind: / Eng­land !“

DAS GEDICHT (CHORISCH) AUF EINE WUCHTIGE ORGEL-PARAPHRASE:

VERTEILTE STIMMEN  Dich wer­den wir has­sen mit langem Hass / Wir wer­den nicht lassen von unserm Hass / Hass zu Wass­er und Hass zu Land / Hass des Hauptes und Hass der Hand / Hass der Häm­mer und Hass der Kro­nen /  Drossel­nder Hass von siebzig Mil­lio­nen / Sie lieben vere­int / Sie has­sen vere­int / Sie haben alle nur einen Feind: / Eng­land !” 

KLANG UND TEXT ABRUPT ENDEND

VETERAN GLUSKA Das war auch unsere Ein­stel­lung !


Mit flämis­chen Augen­zeu­gen der Kämpfe 1914/15 auf dem deutschen Sol­daten­fried­hof in Lange­mark (1978)

VETERAN DAWTON  We had been pre­pared for a Ger­man con­flict for two or three years before.

ERZÄHLER Auf Krieg mit Deutsch­land waren wir seit zwei, drei Jahren vor­bere­it­et – so erin­nert sich der alte Mann aus dem Hafen­städtchen Whit­stable im Süden Eng­lands. Und sein Nach­bar Turn­er sagt:

VETERAN TURNER Even years ago before the war we were always read­ing books where the Ger­mans were sup­posed to have invad­ed us.


ERZÄHLER In den Büch­ern wur­den wir von Deutsch­land immerzu erobert, lange vor dem Krieg.

VETERAN TURNER And I believe it was the same in Ger­many. They were always afraid that Eng­land was going to invade them.


ERZÄHLER Und die Deutschen hat­ten wohl Angst, dass  w i r  sie über­fall­en.

KLANGWOLKE 2

ERZÄHLER Europa wogt, tanzt und taumelt im Kriegs­fieber. Es schießt Salut und schre­it Hur­ra ! Wirft Zylin­der, Basken­mützen, Sto­hhüte und Türken­feze in die Luft. Lässt Stiefel knallen, Glock­en läuten und die Dudel­säcke schnar­ren.

(…)

VETERAN DER SERBISCHEN ARMEE 1 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER Dieser Mon­tene­griner ist schon mit Vierzehn Sol­dat gewor­den. Um Ser­bi­en zu vertei­di­gen.

VETERAN DER SERBISCHEN ARMEE 2 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER  Er und seine Schul­fre­unde wan­derten von der ser­bis­chen Süd­gren­ze 250 Kilo­me­ter über Skop­je und  Mitro­vi­ca bis zur Dri­na-Front.

VETERAN DER SERBISCHEN ARMEE 3 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER  Und dieser ging als Siebzehn­jähriger mit seinen Kumpeln aus dem Städtchen Čačak ein­fach los, immer nach Nord­west­en, wo die Front sein sollte.  

Bloß den Krieg nicht ver­passen! Sie sind fast noch Kinder. Haben kein Gewehr und keine Uni­form. Ziehen von Kaserne zu Kaserne, viele Tage. Unter­wegs müssen sie um Brot bet­teln.

MRS. TURNER  They were all young­sters. And hard­ly any of them came back.

ERZÄHLER Alle so jung, erin­nert sich Mrs. Turn­er aus Whit­stable – und kaum ein­er kam zurück.

VETERAN HALLADAY  If you ever went out to Poelka­pelle in Bel­gium you found a lit­tle boy’s grave there — four­teen. He was in the Irish reg­i­ment, the lit­tle boy …


ERZÄHLER In Poelka­pelle in Bel­gien ist das Kriegs­grab eines kleinen Jun­gen aus dem irischen Reg­i­ment. Er war 14.

VETERAN HALLADAY  His moth­er found he was out there and was claim­ing him. And as he was com­ing down the line with the escort they both got killed. 


ERZÄHLER Seine Mut­ter wollte ihn zurück­haben. Also holten sie ihn von der Front. Unter­wegs wur­den sie getötet — er und sein Begleit­er.

(…)

ERZÄHLER  Wir waren alle so jung. Ich war sechzehn, meine Fre­unde höch­stens achtzehn Jahre.

TÜRKISCHES KRIEGSLIED / DARAUF:

ERZÄHLER Ich ziehe in den Krieg, Mut­ter / dem Feind ent­ge­gen / Oh, meine Jugend ! / Das 13. Batal­lion marschiert in den Krieg / Oh, meine Jugend …

DAS LIED BIS ZUM ENDE DES FOLGENDEN TEXTES, DANN ÜBERGEHEND IN ENTFERNTE KLANGWOLKE MIT ANGEDEUTETEN FOLKLORISTISCHEN ELEMENTEN UND SOLDATENLIEDERN

ERZÄHLER  Auch in weit ent­fer­n­ten Eck­en der Türkei pack­en junge Män­ner ihre Sachen. Alle, die in diesem Jahr Zwanzig wer­den, rück­en ein. In Staub­wolken gehüllt ziehen Grup­pen klein­er Mehmets, wie sie nach dem Aller­weltsvor­na­men zärtlich heißen, zu den Rekru­tierungsstellen. Von Neusee­land und Aus­tralien, ihren neuen “Fein­den”, haben wohl die wenig­sten gehört. In vier Wochen wer­den sie ver­bis­sen aufeinan­der ein­schla­gen.

Das größte Heer der Welt sam­melt sich in Rus­s­land: dreiein­halb Mil­lio­nen Mann, acht von zehn sind Bauern­söhne.

Auf den Bahn­höfen des Riesen­re­ichs nehmen die Sol­dat­en Abschied. Wild sind sie und aus­ge­lassen, tanzen, schreien durcheinan­der. Ihre Müt­ter weinen, und die Väter seg­nen die beschwip­sten zukün­fti­gen Helden. 

In Eng­land formiert sich die Massen-Armee des Kriegsmin­is­ters Her­bert Kitch­en­er: “Kitchener’s Army”. An jed­er Mauer das Plakat mit seinem steilen Schnur­rbart und dem sug­ges­tiv­en Zeigefin­ger: ICH WILL HAARGENAU DICH !

In einem hal­ben Jahr zwei Mil­lio­nen vol­un­teers — “Kriegs­frei­willige”. 

Vor dem Ein­stel­lungs­büro in Scot­land Yard standen sie kilo­me­ter­weit Schlange.

WALTZING MATHILDA” (ORIGINAL) ALS TEIL DER KLANGWOLKE 

ERZÄHLER Die Aus­tralier wur­den nicht gefragt. Eng­land hat den Krieg im Namen aller Kolonien und Domin­ions aus­gerufen – ob sie wollen oder nicht. 

ZITAT-SPRECHER HALL Mein Name ist Fred­er­ic Hall. Ich bin aus New South Wales. Mein Vater war Tankwart. Dad­dy wählte immer Labour. In den let­zten Wochen vor dem Krieg sam­melten wir Unter­schriften gegen die geplante Wehrpflicht.

Aber dann meldete ich mich sog­ar frei­willig  — aus Patri­o­tismus, nehme ich an. Es ging ja, wie man immer sagte, um den “Krieg, der alle Kriege abschafft” –  “The war to end all wars“. Meine Hal­tung hat sich bald geän­dert. Aber dann war es schon zu spät.

KLANGWOLKE WEG

VETERAN HALLADAY  I was an appren­tice motor body mak­er. I was get­ting five shillings a week in Eng­lish mon­ey which was not much them days.

ERZÄHLER Dieser ein­fache Sol­dat aus dem Mut­ter­land des britis­chen Wel­tre­ichs lernte Karosseriebauer und bekam nur fünf Schilling die Woche.

VETERAN HALLADAY There was lot of unem­ploy­ment. Unem­ploy­ment ! And it was the unem­ploy­ment side and bad pay that drove them in the army !

ERZÄHLER  Große Arbeit­slosigkeit und schlechte Bezahlung – deshalb ging man zum Mil­itär.

VETERAN HALLADAY  It ’s not the work­ing class peo­ple who want war ! It ’s the rich who have invest­ed in ammu­ni­tion works and all that, mak­ing the mon­ey.

ERZÄHLER Das Geld machen die Reichen – mit der Rüs­tung. 

Er zum Beispiel: Zacharias Basileos Zaharoff aus einem Armen­vier­tel Istan­buls, jet­zt Pate aller Waf­fen­händler in Europa. Der frühere Hand­lungsreisende der schwedis­chen Rüs­tungs­fir­ma Nor­den­felt ist Geschäfts­fre­und der Krupp-Dynas­tie und damit auch des deutschen Kaisers, der einen Teil seines Pri­vatkap­i­tals gün­stig bei Zaharoffs englis­ch­er Waf­fen­schmiede Vick­ers angelegt hat. Auf sein­er Schmiergeldliste führt der  “Händler des Todes” Regierungs­beamte und Mil­itärs aller kriegführen­den Staat­en. Zaharoff ken­nt wed­er Fre­und noch Feind. Geschosse aus dem Zaharoff-Konz­ern Vikers  schießen aus den Rohren aller Kriegsparteien. Englis­che Granat­en sind mit Spezialzün­dern der deutschen Fir­ma Krupp verse­hen — für einen Schilling und drei Pence das Stück.

Tag und Nacht rollen die Waf­fen­trans­porte. 

Die Heimat pro­duziert, die Front ver­braucht – Granat­en, Sol­dat­en.

KOMMANDO Abteilung halt ! – Gewehr ab ! – Rührt euch !

ERZÄHLER Schallplat­te der Deutschen Gram­mophon, Herb­st 1914.


BÜRGERMEISTER  Schwere Zeit­en sind über uns hereinge­brochen. Feinde ring­sum. Nach 44 Jahren zwingt man uns die Waf­fen in die Hand, um nach segen­sre­ichen Jahren des Friedens unser Hab und Gut und unsere Stel­lung als Groß­macht zu vertei­di­gen. Wie ein Mann hat sich Deutsch­land erhoben, und freudig ziehen die Söhne unseres Volkes hin­aus, um in bluti­gen Schlacht­en deutsche Ehre und deutsches Eigen­tum zu schützen. 

Unser geliebtes Reg­i­ment … Hur­rah ! Hur­rah !

DIE MENGE  Hur­rah ! Hur­rah ! Hur­rah !

GESANG, IN KLANGWOLKE // ÜBERGEHEND / DARAUF


ERZÄHLER  Sep­tem­ber 1914. Nach Anfangser­fol­gen, die in der Heimat bejubelt wur­den, kommt der Feldzug gegen Frankre­ich nicht vom Fleck. Gen­er­alleut­nant von Falken­hayn, der “Mann mit den eis­er­nen Ner­ven”, genehmigt sich noch fünf Reserveko­rps – Lehrlinge und junge Arbeit­er, Angestellte, ganze Klassen höher­er Schüler mit den Lehrern, Stu­den­ten – an der Spitze ihre Pro­fes­soren. 120 000 Mann. Gemessen, gewogen, betastet, abgek­lopft – tauglich !

Jed­er von ihnen kann laden, zie­len, die Fußlap­pen wick­eln und das Bajonett auf­pflanzen — auch Franz Engel aus Neu­rup­pin. 

 
ZITAT-SPRECHER FRANZ ENGEL Mein Kriegstage­buch … Wir sind eingek­lei­det. Tre­f­flich charak­ter­isierte Feld­webel Ger­sten­berg den Wech­sel vom bish­eri­gen ins neue Leben, indem er aus­rief: „Es ist dies der wichtig­ste Moment, in dem der Men­sch sich vom Tier unter­schei­det !“

ERZÄHLER Am Bahn­hof wird das Reg­i­ment ver­laden. Die jun­gen Män­ner sin­gen, dass die Hei­de wack­elt. Patri­o­tismus und Frei­bier. Müt­ter weinen. Väter ste­hen in der Menge stramm; über­re­ichen ihre Söhne stolz dem guten, klu­gen, für­sor­glichen Vater­land. 

Es wird sie nie mehr hergeben. 

Mäd­chen aus allen deutschen Volk­sliedern begleit­en die sin­gende Truppe … wer­den mit­geris­sen, sträuben sich ein wenig, lachen, sin­gen … 

Ein Pri­man­er­aus­flug — von der Heimat in den Tod ! Hur­ra ! Schnell hinein, bevor der Krieg zu Ende geht !

Franz Engel taucht im Feld­grau unter, das alle gle­ich macht.

LANGE KREUZBLENDE IN KLANGWOLKE  # ///, BEGINNEND MIT MÄNNER-CHORGESANG

… Wildgänse rauschen durch die Nacht / mit schrillem Schrei nach Nor­den. / Unstäte Fahrt ! Habt acht, habt acht ! / Die Welt ist voller Mor­den …

ERZÄHLER Grau-in-Grau bewe­gen sich die stoff­be­span­nten Helme auf und ab. Män­ner — Neben­män­ner — Hin­ter­män­ner — Vor­der­män­ner. Knaben­gesicht an Knaben­gesicht. Räder knirschen, Pferde schnauben. Ein­tönig klap­pen die Stiefel.

MÄNNERCHOR Wir sind wie ihr ein graues Heer / und fahr ’n in Kaisers Namen. / Und fahr ’n wir ohne Wiederkehr / rauscht uns im Herb­st ein Amen …

ERZÄHLER Ihr Leben hat eine Rich­tung bekom­men: nach West­en.
Das Große-Ganze denkt und han­delt jet­zt für sie. Nur als Kinder durften sie so unbeschw­ert sein.


KLANGWOLKE UNTER DEN LETZTEN SÄTZEN WEG

(…)

ERZÄHLER  Ein schwungvoller Pfeil auf den Gen­er­al­stab­skarten markiert den preußis­chen Kriegs­plan: Durch­bruch im West­en, Frankre­ich schla­gen, dann die nack­te deutsche Faust gegen Rus­s­land. Bedauer­licher­weise führt der große Schwenk durch die neu­tralen Län­der Bel­gien und Lux­em­burg.

VETERAN GRASSMANN  Bei mir eigentlich immer Erstaunen: Was machen wir bloss hier ? Wie kön­nen wir über die bel­gis­che Gren­ze ein­marschieren in ein damals doch friedlich­es Land — Bel­gien ? Da fall­en wir ein wie in Fein­des­land, bren­nen da die Höfe ab und rauben das Vieh und schießen auf die Zivilis­ten !

ZITAT-SPRECHER DANILOV  Uns Infan­ter­is­ten von der Zweit­en Rus­sis­chen Armee hat man 50 Kilo­me­ter vor der ost­preußis­chen Gren­ze aus­ge­laden. Nur der Gen­er­al­stab weiß, warum.

ERZÄHLER Auch er schreibt Tage­buch: der 18jährige Gym­nasi­ast Vik­tor Danilov. Er kommt aus Roslawl in der westrussis­chen Oblast Smolen­sk. 

ZITAT-SPRECHER Fast ohne Pause marschieren wir elende Straßen ent­lang. Wir sind erschöpft und halb ver­hungert. Die Verpfle­gung kommt nicht nach. Wir haben unsere eis­er­nen Ratio­nen längst verzehrt.

Die Straßen sind ver­stopft von Flüchtlin­gen und Vieh …

ERZÄHLER In Bel­gien notiert der Schüler Franz Engel:

ZITAT-SPRECHER ENGEL 20. Sep­tem­ber 1914. Die Sonne strahlt. Der Him­mel: wolken­los. Gefan­gene Englän­der wer­den vorüberge­führt, einige darunter, die noch vor kurzem in Deutsch­land Fußball gespielt und gewon­nen haben. 

Der Unter­führer lässt sein Pferd tänzeln. Wen­det schnei­dig und reit­et die Marschkolonne ent­lang. Pfer­deäpfel säu­men unsern Weg nach Frankre­ich.  

Wenn die Blät­ter fall­en“, sagt der Kaiser, „seid ihr wieder zu Hause !“ 

Die Blät­ter wer­den langsam gelb.

(…)


ERZÄHLER  6. August 1914: Die Save abwärts, drei Lastkähne der Donau-Dampf­schif­fahrts­ge­sellschaft, 2000 Mann. Wie Heringe. 

Der Jour­nal­ist Egon Erwin Kisch, jet­zt Kor­po­ral im VIII. Prager Korps der öster­re­ichisch-ungarischen Stre­it­macht auf dem Weg nach Ser­bi­en. Er führt einen “Schwarm” von zwölf Sol­dat­en in den Krieg.

Im Bosnis­chen Bjeli­na ist schon Ori­ent. Kisch notiert den Ruf des Muezzin …  

TAGEBUCH-STIMME KISCH … ver­schleierte Frauen, kleine Mäd­chen in Pluder­ho­sen, weißbär­tige Türken unter Fez und Tur­ban. 

10. August  Soeben die ersten Leichen des Krieges gese­hen. In der Totenkam­mer des Mil­itär­lagers liegt der eine in der Uni­form des 73. Reg­i­ments; der andere nackt, von Schrap­nel­lkugeln durch­löchert, blutüber­strömt, die Hände gefal­tet.

Dien­stag, 11. August  Nach­schub von vierzehn­hun­dert Mann ist angekündigt. Arme Rekruten ! Bevor sie noch mit dem Gewehr Bescheid wis­sen, dienen sie als Kugelfang. Die Jungs tun uns aus tief­ster Seele leid. Schon beim Vor­marsch wur­den einige erschossen.

Don­ner­stag, 13. August. Seit Bjeli­na begleit­et uns ein schwarz­er Wächter­hund, der seine Truppe ver­loren hat. Im Gefecht wurde er durch einen Schuss am Rück­en ver­let­zt und schle­icht jet­zt müde und blutig hin­ter uns her. Wir, wie immer­fort auf öster­re­ichis­che und ser­bis­che Leichen und schreck­lich ver­wun­dete Men­schen stoßen, haben mit diesem Hund gren­zen­los­es Mitleid.

KLANGWOLKE, WIE FERNER GESCHÜTZDONNER 

ERZÄHLER  In Flan­dern die ersten Sol­daten­gräber. Auf der Straße Blut­lachen. Das Blut ist eingetrock­net, schwarz. Zer­fet­zte Bäume, zer­schossene Häuser. Und Tierka­dav­er. 

TAGEBUCH-STIMME ENGELS  Entset­zlich das Brüllen der Kühe, die nicht mehr gemolken wer­den. Mit riesi­gen Eutern, zer­fressen von Milch­brand, irren sie umher.

ERZÄHLER  Der Über­mut wie weggewis­cht. Blass der Major, blass der Ober­lehrer, blass der Korps-Stu­dent mit den Men­su­rnar­ben. 

Dich­tung und und Wahrheit wollen nicht mehr zusam­men­passen. 

ZITAT-STIMME ENGELS  Haupt­mann von Keitz ver­li­est noch ein­mal den Befehl des Kaisers: “Vor­wärts und drauf mit Gott !”

Unser Batail­lon hat über hun­dert Fußkranke.

KLANGWOLKE WEG

SCHALLPLATTE DER DEUTSCHEN GRAMMOPHON, HERBST 1914:

SCHAUSPIELER-STIMME “Stillge­s­tanden ! Der Feind will uns den Weg nach Frankre­ich nicht freimachen. Darum müssen wir kämpfen ! Es geht auf Leben und Tod ! Mit Gott für König und Vater­land !”


VETERAN HENSEL  Da war die Reg­i­mentskapelle noch vorne weg. Die hat gespielt ! Dann ist irgend­je­mand gekom­men und hat gesagt: Kinder, wir sind doch jet­zt unmit­tel­bar an der Feind­berührung — wie kön­nt ihr hier noch spie­len ! Hat die Musik natür­lich sofort aufge­hört.

VETERAN GLUSKA  Und dann begann der Krieg.

(…)

ERZÄHLER 6 Uhr 30. Aufwachen zum Ster­ben ! 

Dun­st liegt über den Feldern. Vögel fliegen auf. 

Franz Engel aus Neu­rup­pin rückt den Sturm­riemen zurecht. Der Feind in 300 Metern Ent­fer­nung. Kaser­nen­hofdis­tanz.

Nur der Haupt­mann ahnt, dass sie alle zum Ver­brauch bes­timmt sind. Ihre Masse soll den Feind in Span­nung hal­ten, abnutzen, ihn müde machen. Gesiegt wird später und von anderen – vielle­icht.

Von Osten rollt Nach­schub aus den „Rekru­ten­de­pots“. Die voraus-blick­ende Heimat schickt Ersatz. Und schon Ersatz für den Ersatz.

 
Die Hor­nisten blasen. Sturm­sig­nal. “Rückt vor – rückt vor – schneller vor – vor – vor!”.

Nie­mand muss Franz Engel in den Kampf hinein­treiben. Die Furcht, jet­zt zu ver­sagen – das Vater-Land, das strenge zu ent­täuschen – ist stärk­er als Tode­sangst.

Mit einem sportlich-ele­gan­ten Satz schwingt er sich über den Erd­wall.

(…)

ERZÄHLER Die Vol­un­teers in Kitch­en­ers Army sind 16, 17 höch­stens 18 Jahre alt. Sie erleben ihre Hölle 1916 an der Somme. Zwei Drit­tel der englis­chen Batal­lione in Frankre­ich beste­hen aus “Kriegs­frei­willi­gen”, frisch aus der Heimat und völ­lig uner­fahren.

Viele sind als “Pals Bat­tal­ions” in den Krieg gezo­gen – alle Mann aus ein­er Stadt, einem Sport­club, einem Waren­haus, ein­er Reed­erei, ein­er Kohlen­zeche – alle bei der sel­ben Ein­heit ! “Join togeth­er — serve togeth­er”. 

ZITAT-STIMME FRANK MUNROE   Am Mor­gen der schreck­lichen Schlacht ließ sich Cap­tain Mor­ri­son von seinem Bat­man heißes Rasier­wass­er brin­gen und die Uni­for­men aus­bürsten. Zur Feier des Tages zog er seine Sil­ber­sporen an. 

Mit begeis­tertem Gejohle ver­fol­gten wir Sol­dat­en das höl­lis­che Bom­barde­ment auf die deutschen Stel­lun­gen, mit dem der Sturm vor­bere­it­et wer­den sollte. Vom Navy Rum, den sie herum­re­icht­en, kamen manche bei den 11th For­resters kaum noch auf die Beine. 

ERZÄHLER Der junge Kor­po­ral Egon Erwin Kisch notiert in Ser­bi­en:

ZITAT-STIMME KISCH  Haupt­mann Spudil erscheint in sein­er ele­gan­testen Uni­form, mit dem Ver­di­en­stkreuz ange­tan, den Schur­rbart in die Höhe gezwirbelt, als ob er zur Hochzeit gin­ge, und sagt: “Mor­gen um 5 UHR !”

Gegen ein Uhr nachts bekommt der Ober­leut­nant eine ver­schlossene Mel­dung. Ich weiß sofort, was sie enthält, denn er reicht seinem Burschen Uhr und Brief­tasche.

Der Sturm wird Hun­derten von uns das Leben kosten.


ERZÄHLER  Wie ein Stand­bild ste­ht der geg­ner­ische Kom­man­deur auf dem Schanzw­erk, nur wenige hun­dert Meter ent­fer­nt. 

SERBISCHER VETERAN 1 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER “Vor­wärts, Brüder !” sagt er. “Zit­tert nicht um euer Leben, wie ich nicht um meines zit­tere. Alles für unsere Heimat, unser Ser­bi­en !“ Und der Kom­man­deur ein­er Nach­barein­heit:

SERBISCHER VETERAN 2 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER  “Kam­er­aden ! Es geht los ! Nur zwei Möglichkeit­en: Ein ehren­voller Tod. Oder ein Sklaven­leben im eige­nen Land.

SERBISCHER VETERAN 3 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER  Gute Män­ner, sagt er, sind unsterblich !

TAGEBUCH-STIMME FRANZ ENGEL Manchem ist der Mut ver­flo­gen. Da geht unser Haupt­mann von Weyrauch noch ein­mal die Schützen­lin­ie ent­lang, Monokel im Auge, Zigarre im Mund. Und neue Zuver­sicht ergreift die Truppe.

ERZÄHLER Der Haupt­mann als men­schlich­es Maß in diesem maßlosen Geschehen. Vater und Beschützer. Idol. Fast ein Heiliger. Das Vater­land in Per­son.

VETERAN GLUSKA   Ja — es war noch so, dass unsere Offiziere nach dem Schema 1870/71 mit uns vorgin­gen. Sie gin­gen tat­säch­lich uns voran mit gezo­gen­em Degen, als ob ’s keine Maschi­nengewehre gab.

VETERAN GRASSMANN  Der Offizier muss ste­hend das Gefecht durch­machen. Es ist unwürdig, sich in den Dreck zu schmeißen !

VETERAN HENSEL Kennze­ich­nend dafür ist, das unser dama­liger Kom­man­deur, Graf Pour­talès, mit aufgepflanztem Seit­engewehr vor dem Batail­lon voraus stürmte und uns zurief: “Mir nach, Jungs !”


ERZÄHLER Bei Albert an der Somme lauern die 9. Inniskillen Fusiliers aus Ulster, irische Farm­er­söhne meist. Auf der Brust­wehr ste­ht der Kom­man­deur. Durch ein Megaphon wün­scht er seinen Jungs “the best of luck”. 

Und alle hat­ten fröh­liche Gesichter”, sagt ein Augen­zeuge später.

Die jun­gen Män­ner aus dem Pals’ Batal­lion “New­cas­tle Com­mer­cials” jagen einem foot­ball nach, den ein bekan­nter Sportler nach den Deutschen kickt.

SERBISCHER VETERAN 2 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER “Als der Angriff beschlossen war”, sagt er, “haben wir alle vor Freude getanzt und gesun­gen”.

SERBISCHER VETERAN 1 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER Sie kon­nten den Befehl zum Sturm kaum erwarten.


SERBISCHER VETERAN 3 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER Unser Kom­man­deur hat noch gefragt: Wer geht frei­willig zuerst?

Jed­er hat gerufen: Ich — Herr Offizier !  Dann ist er selb­st aufge­sprun­gen. “Das MG mit seinen 26 Kilo”, sagt er, “war auf ein­mal leicht wie eine … Fed­er”.  Wollte nur vor­wärts, vor­wärts ! Es lebe Ser­bi­en, unser König Peter ! Auf ein­mal war er voller Blut.

Kein­er von denen, sich sich zuerst gemeldet hat­ten, kam aus der Schlacht zurück.

VETERAN BECKER Um 6 Uhr 30, als wir da aus dem Graben her­ausklet­terten und wie eine Men­schen­woge gegen den Feind wateten, denn an ein Laufen war gar nicht zu denken, set­zte von drüben ein der­art rasendes Infan­terie-Maschi­nengewehrfeuer ein. Man glaubte, die Luft kocht. Alles war in Rauch gehüllt. Man kon­nte sich zum Teil gar nicht mehr sehen. Und die Flach­bah­ngeschütze, die haut­en dazwis­chen. Es war ein furcht­bares Erleb­nis. 

KLANGWOLKE

ERZÄHLER Ring­sum die hohen schmutzig-braunen Erd­fontä­nen der Granatein­schläge. Und ihr Luft­druck. Und der Höl­len­lärm – dieses Rollen, Pras­seln, Häm­mern, Jaulen … Das Gebell der Maschi­nengewehre. Pfeifen und Zwitsch­ern.


ANZAC (Aus­tralian and New Zealand Army Corps)-VETERAN  The bul­lets came down like “Ffffft … Ffffft …”

(IMITIERT DAS GERÄUSCH)

SERBISCHE VETERANEN (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER “Mit einem Schlag”, sagt er, “ballerte alles los, was wir hat­ten – die ganze Artillerie”. Sie wur­den fast taub. Es klang wie Wel­tun­ter­gang. 

SERBISCHER VETERAN 3 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER Er sagt das etwa so: “Eine Dunkel­heit kam über uns – Pul­ver, Rauch und Blei“.

(…)

ERZÄHLER  Auf dem Schlacht­feld ist das eingeübte deutsche Angriff­stem­po – 180 Schritt in der Minute – lei­der nicht zu hal­ten. Das “Feld der Ehre” ist ein aufgewe­icht­es Rüben­feld. 

Beladen wie ein Pack­e­sel watet der Sol­dat Franz Engel feind­wärts. Er schleppt Tor­nister, Brot­beu­tel und Spat­en, Feld­flasche und Zelt­bahn, Alu­mini­um-Kochgeschirr, zwei Patro­nen­taschen. Allein das Mauser-Gewehr mit aufgesteck­tem Bajonett wiegt viere­in­halb Kilo. Wie soll er damit stür­men ?

Aus dem Angriff, hun­dert­mal geübt, wird ein hunds­ge­meines Stolpern. Kriechen. Fall­en.

TAGEBUCH-STIMME KISCH  Die Ser­ben feuern wie ver­rückt. Nicht weit vor unserem Graben liegt der lustige Haupt­mann Spudil. Eine Granate hat ihm den Kopf abgeris­sen. Die funkel­nagel­neue Extrau­ni­form ist mit Blut begossen. 

Auf offen­em Feld ein Offizier, nur noch leise röchel­nd: Ober­stleut­nant Kučera. Ich kenne seine Braut.

ERZÄHLER  Zur befohle­nen Zeit — sev­en twen­ty­five a. m.  – schrill­ten die Sig­nalpfeifen der Zugführer, und 60 000 Mann ver­lassen gle­ichzeit­ig die Schützen­gräben an der Somme in Frankre­ich. Marschieren in die Killing Fields hinein – mit 60 Pfund Gepäck (200 Schuss Patro­nen, Essen für zwei Tage, Hand­granat­en, Spat­en und Sig­nal­raketen) –  einige mit Brief­tauben in Kör­ben als Kuriere zu den Feuer­leit­stellen. Andere mit dick­en Rollen Stachel­draht.

Dann das Ger­at­ter der Kugel­spritzen 08 – britis­ches Mod­ell, deutsche Wer­tar­beit. Jed­er Schuss ein Tre­f­fer !

VETERAN RICHARDY Wir arbeit­eten uns sprung­weise her­an. Und Sie wer­den es kaum für möglich hal­ten: Das war so wie auf dem Kaser­nen­hopf und wie ’s im Exerzier­re­gle­ment ste­ht …

VETERAN KUHNERT … auf “Sprung auf !” eine Hock­stel­lung. “Marsch-Marsch !” auf­sprin­gen und dementsprechend laufen. Das geschah auf bre­it­er Front gle­ichzeit­ig, und die Folge war, dass die Schüsse über­all ein Ziel hat­ten.

VETERAN HENSEL Es ist mir durch einen Quer­schläger das linke Auge ‘raus­geris­sen wor­den, wobei das Jochbein, das linke Jochbein zer­split­tert war und dementsprechend eine ziem­lich tiefliegende Narbe hin­ter­ließ.  Ich nahm meinen Tor­nister vor und sagte mir: Ich komme ins Lazarett, und da muss ich wenig­stens saubere Wäsche haben. Hab mir Unter­wäsche ‘raus­ge­sucht und die übern Arm genom­men und bin damit im wahrsten Sinne des Wortes aus der Lin­ie getorkelt.

VETERAN ANTHONY When the Ger­mans did advance all hell was let loose. They must have come over in their thou­sands. We could popp them off as easy as any­thing.

ERZÄHLER  Als sie kamen, brach die Hölle los, erin­nert sich Frank Antho­ny. Es müssen Tausende gewe­sen sein. Nichts leichter als sie abzuk­nallen.

VETERAN ANTHONY  They were in lines … What I couldn’t under­stand, is why they came over so close togeth­er. Instead of apart ! A mat­ter of about five yards apart ! But you couldn’t miss !

ERZÄHLER In geschlossen­er For­ma­tion, keine fünf Meter von einem zum anderen, waren sie nicht zu ver­fehlen !

VETERAN ANTHONY They came in their mil­i­tary hon­ors with their piked hats – hun­dreds upon hun­dreds of young Ger­man boys, and they were popped off easy. And for every Eng­lish­man that was killed there must be dozens of Ger­mans falling. 

ERZÄHLER Sie kamen mit ihren Pick­el­hauben, Hun­derte und Aber­hun­derte. Alle blutjung. Und wur­den ein­fach abgek­nallt. Für jeden britis­chen Sol­dat­en fie­len Dutzende von Deutschen.

VETERAN GLUSKA  Besin­nungs­los und ohne Hem­mungen und ohne eigene Entschlüsse machte man das eben. Dies war unab­wend­bar !

KLANGWOLKE / EINANDER ÜBERKREUZENDE ZITAT-STIMMEN:

…  Dem Sol­dat­en ist das kalte Eisen in die Hand gegeben. Er soll es führen ohne Scheu. Er soll dem Feind das Bajonett zwis­chen die Rip­pen ren­nen. Er soll sein Gewehr auf ihre Schädel schmettern. Das ist sein Gottes­di­enst …

… Es kommt nicht darauf an, dass der Einzelne von uns gesund nach Hause kommt, son­dern dass unser geliebtes Vater­land siegre­ich …

… Krieg ist Welthy­giene !

KLANGWOLKE ZÜGIG WEG

VETERAN GLUSKA Da ist man mehr wie ein Automat. Wir hat­ten kein hero­is­ches Gefühl — nix !

VETERAN GLUSKA Es wagte ja auch über­haupt kein­er, das Gewehr wegzuschmeißen und zu retiri­eren. Da hätte schon der Nach­bar, der Sol­dat, das ver­hin­dert.

ERZÄHLER  Dien­stun­ter­richt für den Infan­ter­is­ten des Deutschen Heeres, Aus­bil­dungs­jahr 1915/16:


ZITAT-STIMME FRANZ ENGEL (KENNTNISNEHMEND) “Wer ohne Befehl zurück­ge­ht oder durch ängstliche Aus­rufe mit sein­er Feigheit die Kam­er­aden ansteck­en sollte, wird mit dem Tode bestraft. Jed­er Vorge­set­zte ist berechtigt, von der Waffe Gebrauch zu machen, um seinen Befehlen im Falle der äußer­sten Not Gehor­sam zu ver­schaf­fen”.

ERZÄHLER Zaud­ernde wer­den “zurück­ge­führt” – “mit allen Mit­teln der Diszi­plin”. Klartext:Wer sich in die Hosen macht und flieht, wird erschossen.

Als Ausweg nur das Helden­tum.

ZITAT-STIMME KISCH  Mittwoch, 16. Dezem­ber  Heute hat­te ich Gele­gen­heit, ser­bis­che Orig­i­nal­be­fehle zu lesen: “Gegen fliehende Batail­lone ist eigenes Geschützfeuer zu eröff­nen, gegen fliehende Unter­abteilun­gen Maschi­nengewehrfeuer, gegen fliehende Schwärme Gewehrfeuer. Einzelne Flüchtlinge sind von der Feld­polizei niederzu­machen”.

VETERAN BECKER  Man stolperte über die Toten weg. Und der Zugführer, der Leut­nant, fiel ja auch gle­ich. Erst kriegte er ’n Schuss und fiel hin und stand wieder auf … sprang auf und lief noch ’n paar Schritte. Kriegte dann einen tödlichen Schuss und fiel dann hin …

ERZÄHLER Der deutsche Haupt­mann von Weyrauch, der mit gezo­gen­em Degen vorang­ing, aufrecht, Monokel im Auge, Zigarre im Mund – stürzt – und bleibt liegen. Die rote Farbe auf seinem Gesicht ist Blut.

Oh Gott — ich glaube — ich bin … 

Getrof­fene kriechen zurück. Tot der Vater, ster­bend der Sohn. Der Lehrer tröstet den Schüler, dem die eine Brust­seite zer­fet­zt ist. Bei jedem Atemzug schiebt sich eine blankblutige Rippe in die Wundöff­nung. Atem­luft brodelt her­aus. 

Einige wühlen sich in die Erde. Oder ste­hen steif im Feuer, kich­ernd, unfähig, nur einen Fin­ger zu bewe­gen.

Viele schreien. Aber manche ster­ben laut­los. Eine Granate und BUMM. Keine let­zten Worte.

VETERAN BECKER Wir haben ja in der kurzen Zeit von acht bis zehn Minuten unge­fähr 31 Offiziere und über elfhun­dert Mann ver­loren. Alles feld­grau von unserm Graben bis zum feindlichen … lag alles tot.

ERZÄHLER  Der Sol­dat Franz Engel fühlt und denkt — nichts. Die Spitze seines Bajonetts sucht den Feind. Den unsicht­baren. Über­all ver­streut graue Uni­form­stoff­bün­del, die sich noch bewe­gen. Nicht der einzelne Sol­dat — ganze Kom­panien sind das Ziel. Alles was da wim­melt, wird ver­til­gt. Wie Ungeziefer.

Vick­ers-Maschi­nengewehre feuern 500 Schuss pro Minute und erset­zen jew­eils hun­dert Einzelschützen. In Tun­neln unter der ersten Lin­ie des Geg­n­ers gezün­dete Land­mi­nen schleud­ern Men­schen meter­hoch in die Luft. Flieger wer­fen Bomben mit der Hand von oben auf das Schlacht­gewim­mel. Flam­men­wer­fer ver­back­en Stoßtrup­ps zu grausi­gen schwarzen Skulp­turen.

20. Jahrhun­dert. Der rit­ter­liche Kampf ist abge­sagt.

KLANGWOLKE WEG

ERZÄHLER  Es ist Nacht, als das Aus­tralian and New Zealand Army Corps das Ziel der lan­gen Reise ans­teuert – die Hal­binsel Gal­lipoli. Der Plan, den Win­ston Churchill aus­ge­heckt hat, soll die Dar­d­anellen offen hal­ten – Nach­schub­weg für das alli­ierte Rus­s­land und den späteren Zugriff auf das Fes­t­land der Türkei.

Auf die jun­gen Män­ner mit den keck­en Out­back-Uni­formhüten wartet ein winziger Streifen Strand, 600 Meter in der Länge; vom Wass­er bis zur Steilküste kaum fün­fzig Schritt.

ERSTER  ANZAC-VETERAN  It was a stu­pid­i­ty. I nev­er heard of such things as army was con­cerned. The Ger­mans had forty­fied that place. Made it almost impreg­nable.

ERZÄHLER Was für ein Wahnsinn, sagt dieser Vet­er­an. Die deutschen Waf­fen­brüder der Türken hat­ten die Stelle befes­tigt und prak­tisch unein­nehm­bar gemacht.

ZWEITER  ANZAC-VETERAN  Two Aus­tralian boats beyond the head ran direct­ly into the fire of Turk­ish machine-guns. And they were lying dead either in the boat or on the beach. Two boats of Aus­tralians. Dead.

ERZÄHLER Zwei aus­tralis­che Lan­dungs­boote fuhren ger­adewegs in das Feuer der türkischen Maschi­nengewehre. Und schon waren die Schalup­pen und der Strand mit Leichen über­sät.

DRITTER  ANZAC-VETERAN  When we advanced there was just a mass of bul­lets. The ground was hop­ping with bul­lets as if it was hail­ing. 


ERZÄHLER Ein Kugel­re­gen, dicht wie Hagel. Der Boden hüpft ihnen förm­lich unter den Füßen.

Ober­halb der Küste lauern – wie die Indi­an­er eines West­ern­films –kriegs­ge­wohnte Trup­pen, aber auch die jun­gen, ahnungslosen Ker­le aus dem Hin­ter­land. Die fün­fte Türkische Armee zählt 84.000 Mann. Ihr Chef heißt Mustafa Kemal, später “Atatürk” – “Vater der Türkei”. 

Sein Ausspruch für die Schul­büch­er: „Mein Befehl lautet nicht ‚Angreifen!’ Er heißt ‘Ster­ben!”

FÜNFTER  ANZAC-VETERAN  Of course they cut the fel­lows to pieces, real­ly mur­dered them actu­al­ly. Use­less!
 

ERZÄHLER Natür­lich macht­en sie Hack­fleisch aus unseren Boys. Bracht­en sie regel­recht um. Sie da hin­auf zu schick­en, war buch­stäblich Mord.

ANZAC-VETERAN It was a mat­ter of dis­or­ga­nized crowds, groups of these fine young pals, not know­ing where to go, no one in charge, no orders, no pos­si­bil­i­ty of offi­cers’ coor­di­na­tion. There was no plan­ing so to speak.

ERZÄHLER  Die bepack­ten Boys aus Syd­ney, New­cas­tle und Can­ber­ra quälen sich die Steilküste der Hal­binsel Gal­lipoli hin­auf; verir­ren sich im dicht­en Buschw­erk. Nie­mand weiß wohin. Keine Pla­nung zu erken­nen. Offiziere macht­los. Kom­man­dos drin­gen nicht mehr durch das Kriegs­ge­brüll. 

FÜNFTER ANZAC-VETERAN And we were intend­ed to land there. And all these hills …

(…)

ERZÄHLER Tannenberg/Masuren. Die Russen haben Teile Ost­preußens im ersten Sturm erobert. Eine Woche später schreibt der Ober­schüler Danilov in sein Tage­buch: 

ZITATOR DANILOV Unsere Freude war ver­früht, der schnelle Sieg in den Masuren ein Geschenk des Zufalls. Erobern und Beset­zthal­ten sind zweier­lei. Der Bat­tal­ion­skom­man­deur ist eine Mumie, die ihr ganzes Leben auf dem väter­lichen Gut ver­schlafen hat. Wer kom­mandiert hier eigentlich ? Wo ver­läuft die Front ? Unsere grandiosen Feld­her­rn leit­en Fan­tasie-Schlacht­en mit Fan­tasie-Ein­heit­en. Sehen uns wohl schon in Berlin.

Doch der Krieg läuft aus dem Rud­er.

Spätabends prescht ein kosakisch­er Meldere­it­er vorbei.“Die Deutschen – die Ula­nen kom­men !” ruft er. Panik. Infan­ter­is­ten feuern blin­d­lings in die Nacht. Unge­sat­telt die ganze Schwadron im Gal­lopp die Chaussee hin­unter … Die Feld­küchen ihr nach. Men­schen wer­den zer­tram­pelt, niederge­walzt. Eine Ambu­lanz über­schlägt sich. 

Dem­nach sind wir auf der Flucht ?

(…)

ERSTER ANZAC-VETERAN  Dig … dig … They were dig­ging lit­er­al­ly for their lifes.

ERZÄHLER (VOICE OVER) Sie gruben tat­säch­lich um ihr Leben, die jun­gen vol­un­teers aus Neusee­land und Aus­tralien – mit dem Bajonett, dem Ess­geschirr, mit blossen Hän­den. Die Erde hart wie Stein. Die Schützen­gräben vor Gal­lipoli wur­den grade 40 Zen­time­ter tief.

ZWEITER UND DRITTER ANZAC-VETERAN  You had fear with you all the time — prac­ti­cal­ly 24 hours a day … Oh, paral­ysed with fear !

ERZÄHLER Du hat­test ständig Angst, sagt der Vet­er­an aus Can­ber­ra. 24 Stun­den jeden Tag. – Wir waren gelähmt vor Angst.

Viele der ganz Jun­gen heulen sich die Seele aus dem Leib. Andere machen ein­fach Schluss

FÜNFTER ANZAC-VETERAN I saw a man ver­bal­ly stand up and walk through towards the snipers. Oh God, I thought … And I yelt to him_ “Get down ! Get down !”

ERZÄHLER Er musste zuse­hen, wie ein­er plöt­zlich auf­s­tand und auf die türkischen Gewehre zumarschierte. Er rief noch: “Runter ! Runter mit dir !”

FÜNFTER ANZAC-VETERAN Just com­mit­ted sui­cide. 

ERZÄHLER Der brachte sich um !

FÜNFTER ANZAC-VETERAN The machine­gun-fire went right across his body. And he walked fifty yards before he fell !

ERZÄHLER Er wurde glatt durch­siebt. Lief noch 45 Meter, bis er umfiel.

Er war nicht der einzige.

KISCH  Um 5 Uhr neuer­lich­er Sturm. Handge­menge unver­mei­dlich. Wir klap­pern vor Angst.

SERBISCHER VETERAN 1 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER Dann mussten die Trompe­ten aufhören, erin­nert sich der ser­bis­che Vet­er­an an die Schlacht bei Mojko­vac. Der fol­gende Befehl hieß: “Stechen !”

Wir hat­ten keine Zeit, die Gewehre zu laden und sind mit dem Bajonett auf alles los­ger­an­nt, was noch gelebt hat. Das war erst ein Blut­bad !

SERBISCHER VETERAN 2 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER Das Gelände war bedeckt von toten Schwabas, wie die Deutschen und die Öster­re­ich­er hier genan­nt wer­den. Aber auch mit Eige­nen.

SERBISCHER VETERAN 3 (SERBO-KROATISCH)

ERZÄHLER  Ach, wie sie gefall­en sind, die jun­gen Men­schen …
Ein­fach abgemäht. Blut­geruch und Pul­ver­dampf. Der Men­sch als Bestie.

(…)

ERZÄHLER  Bei einem Hand­granat­en-Über­fall auf die deutschen Gräben an der Somme in Frankre­ich hat der englis­che Sol­dat Frank Munroe plöt­zlich einen geg­ner­ischen Offizier vor sich. In dessen Stirn klafft ein schreck­lich bre­it­er Riss.

ZITAT-STIMME MUNROE  Er fle­ht mich an, ihn zu töten. Mich durch­fährt es wie ein Blitz: Da haben wir diese Bar­baren all die Jahre bekämpft. Sie gehören ver­nichtet um jeden Preis. Und hier liegt ein­er meines Alters, der bess­er Englisch spricht, als ich das jemals kön­nen werde. Und ich soll ihn aus seinem Elend erlösen. – Als ich später einem Fre­und davon erzäh­le, und er fragt: “Na und — hast du ihn erschossen ?” – da muss ich geste­hen: “Nein, es ging nicht”. Einen schw­er ver­let­zten Hund hätte ich getötet. Aber einen Men­schen …

ERZÄHLER  10. Sep­tem­ber 1914. Kor­po­ral Kisch unter­sucht die ver­lasse­nen ser­bis­chen Schützen­gräben. 

ZITAT-STIMME KISCH  Nein — das waren keine “Ham­meldiebe”, keine “Ziegen­schän­der”, die uns gegenüber lagen. Eine franzö­sis­che Gram­matik liegt im Graben, daneben ein ser­bisch-franzö­sis­ches Dik­tionär. Fünf Meter ent­fer­nt das Notizbuch eines Schülers der 6. Realschulk­lasse mit dem Stun­den­plan.

ERZÄHLER Leere Patro­nenkar­tons. Der Augen­zeuge notiert: 


ZITAT-STIMME KISCH “Deutsche Met­all­pa­tro­nen­fab­rik in Karl­sruhe”. Das rus­sis­che Gewehr, das ein Serbe auf der Flucht zurück­ließ, trägt den Auf­druck: “Niemiezka­ja fab­rike oruschia i munizii, Berlin”.

(…)

ERZÄHLER Lange­mark in Flan­dern. 

VETERAN HENSEL  Links und rechts, so weit wie ich sehen kon­nte, waren die gefal­l­enen deutschen Frei­willi­gen. Alle tot und hingemäht. Links und rechts von mir, soweit wie ich sehen kon­nte – wie auf dem Kaser­nen­hof aus­geschwärmt die zehn Mann und der Grup­pen­führer –– tot.

Das hat mich furcht­bar mitgenom­men. Diese ganze Angriff­s­lin­ie, diese ganze Welle, ist in das Maschi­nengewehrfeuer hineinge­gan­gen, und (sie) sind alle abgemäht wor­den.

Die hat­ten gar keinen Abstand, nichts !

Schreck­lich ist das, wenn ich daran denke, wie links und rechts über­all die Gefal­l­enen lagen, tot.

ERZÄHLER Und eben­so ordentlich aufgerei­ht liegen die Zehn­ten West Yorks vor den Resten des Dör­fchens Fricourt an der Somme. Und gle­ich nebe­nan zwei schot­tis­che Pals’ Bat­tal­ions. Und The 9th Irish Fusiliers liegen mause­tot vor Poz­ière – in der sel­ben For­ma­tion, die sie let­ztes Jahr auf den grü­nen Hügeln Irlands eingeübt hat­ten.

VETERAN HENSEL An einen Kam­er­aden kann ich mich noch beson­ders gut erin­nern. Der lag unge­fähr so zehn, zwanzig Meter von mir ent­fer­nt. Und das war ein junger, hüb­sch­er Frei­williger, der nicht gle­ich tot gewe­sen war. Und er hat­te blondes Haar und blonde Lock­en. Und er lag da und hat­te das Gesicht zu mir gewen­det, als ob er schliefe. Und der Wind spielte so in seinen Lock­en.

Das werde ich niemals vergessen.

SCHALLPLATTE DER DEUTSCHEN GRAMMOPHON, HERBST 1914:

KOMMANDEUR  “Still­ge­tanden ! Sol­dat­en — ihr habt euch geschla­gen wie die Helden ! Manch­er Tapfere hat auf dem Felde der Ehre sein Leben lassen müssen. Aber jede feindliche Kugel haben wir zehn­fach heimgezahlt. Deutsch­land in der Welt voran ! Kam­er­aden — die deutsche Fahne geht hoch ! Achtung ! Präsen­tiert das Gewehr !” 

MARSCHMUSIKVERDÄMMERND

(…)

SERBISCHER TRAUERGESANG / MÄNNERSTIMME (SOLO) UND MÄNNERCHOR, ABWECHSELND

ERZÄHLER (DARAUF) Seit Wochen hängt der Sol­dat Franz Engel aus Neu­rup­pin in einem Stachel­drahtver­hau vor Lange­mark. Im Gesicht der Aus­druck maßlosen Erstaunens. 

Einen Monat nach der ersten Flan­dern­schlacht, beschließt der Gen­er­al­stab, diese Offen­sive vor­erst abzublasen. Sie hat 200 000 Tote und Ver­wun­dete gefordert. 

Nachts, in einem sump­fi­gen Waldge­bi­et, 10 Kilo­me­ter vor der rus­sis­chen Gren­ze, erschießt sich Gen­er­al Sam­sonov, Oberkom­mandieren­der der Zweit­en Rus­sis­chen Armee. 30 000 Russen sind ver­wun­det oder tot. Auch 10000 Deutsche. 

An der Dri­na 36 000 Opfer. An der Somme mehr als eine Mil­lion.

Nach einem knap­pen Jahr wird das Aben­teuer bei Galipol­li abge­brochen. 100 000 Tote, eine Viertelmil­lion Ver­let­zte.

Schon im zweit­en Kriegs­jahr wer­den die Prothe­sen knapp.

In den Geschichts­büch­ern ste­ht: “Die strate­gis­chen Ziele wurde nicht erre­icht”.

SINGING-PUB / AUSGELASSENE STIMMUNG / ES WIRD PLÖTZLICH STILL / EINE EINZELNE STIMME SINGTAND THE BAND PLAYED WALTZING MATHILDA”(ERIC BOGLE):

They col­lect­ed the wound­ed, the crip­pled, the maimed / And they shipped us back home to Aus­tralia.

ERZÄHLER Sie sam­melten uns Krüp­pel ein und schafften uns heim nach Aus­tralien.

The arm­less, the leg­less, the blind and the insane / Those proud wound­ed heroes of Suvla

ERZÄHLER  Diese stolzen Helden – ohne Arme, Beine, blind und wahnsin­nig  gewor­den.

And when the ship pulled into Cir­cu­lar Quay / I looked at the place where me legs used to be

ERZÄHLER  Und ich schaute ‘runter, wo mal meine Beine waren …

And thank Christ there was no one there wait­ing for me / To grieve and to mourn and to pity 

ERZÄHLER Zum Glück wartete kein­er, um mich zu bemitlei­den. 

And the Band played Waltz­ing Matil­da / When they car­ried us down the gang­way / Oh nobody cheered …

ERZÄHLER Und als sie uns an Land bracht­en, schrie nie­mand “Hur­rah !”

They just stood there and stared / Then they turned all their faces away.

ERZÄHLER Sie standen und gafften und dreht­en sich weg.

DAS STIMMENGEWIRR IN DER SINGING-PUB SCHWILLT WIEDER AN. DARAUF NACH EINER KURZEN PAUSE:

ERZÄHLER  Nach dem Ersten Weltkrieg wird der Waf­fen­händler Zaharoff vom britis­chen Pre­mier Lloyd George mit dem Bath-Orden aus­geze­ich­net und darf sich nun “Sir Basil Zaharoff” nen­nen. Er wird Kom­man­deur der franzö­sis­chen Ehren­le­gion und schmückt seine Brust mit Medaillen aus 31 Natio­nen. Als er 1936 in Mona­co stirbt, ist der “Kauf­mann des Todes” ein­er der reich­sten Män­ner der Welt.

ATMO WEG / ABSAGE

Aus der Werk­statt

(Briefz­i­tat)

Lieber N…

auch “Feinde wie wir” war natür­lich Knochenar­beit, vor allem bei der Beschaf­fung der O-Töne. Die Basis hat­te ich durch eigene Auf­nah­men mit deutschen und britis­chen Lange­mark-Über­leben­den – aufgenom­men vor 30 Jahren. Einiges aus dem Inter­net, z. B. die meis­ten Töne von Gal­lipoli-Vet­er­a­nen aus der gut aus­ges­tat­teten Home­page ein­er aus­tralis­chen Vet­er­a­nen-Vere­ini­gung. Und die balka­nis­chen Stim­men stam­men aus jugoslaw­is­chen Doku­men­tarfil­men der Tito-Ära, von der EBU besorgt. 

Die Auss­chnitte hab’ ich mehrere Tage lang von Mut­ter­sprach­lern Satz für Satz über­set­zen lassen. Der ein­fühlsam­ste, ein Kroate, unter­hält hier eine Kampf­s­ports­chule und sieht aus wie der Abge­sandte ein­er Inkas­so-Fir­ma. Er kon­nte sich bei der oft blu­mi­gen, eigentlich unüber­set­zbaren Aus­druck­sweise der Ser­ben und Maze­donier gar nicht einkriegen. Etwas schick­te mir auch ein Moskauer Kol­lege, den ich vom Prix Europa kenne. Wir haben das ganze nach häus­lich­er Vor­bere­itung am eige­nen Mis­ch­pult in sechs Tagen mit zwei wun­der­baren Tech­nikerin­nen beim NDR zusam­menge­baut.

Der zitierte Kriegs­gewinnler Zaharoff, eine roman­hafte Fig­ur mit türkischen und/oder griechis­chen Wurzeln,  hat tat­säch­lich gelebt und war, obwohl ihn kaum ein­er je gese­hen hat­te, bis in die Dreißiger Jahre sog­ar als Haupt­fig­ur eines The­ater­stücks berühmt – im Grunde ein Pro­to­typ für alle Waf­fen­händler der Größenord­nung Krupp und Stinnes, die Fre­und und Feind gle­ichzeit­ig beliefer­ten. Dass Churchill bei Krupp und der deutsche Kaiser bei der englis­chen Waf­fen­fab­rik Wick­ers Aktien hiel­ten, ist ver­bürgt. Und ähn­lich wird es wohl auch heute zuge­hen.

Mit der Sendung bin ich eine Zeit lang durch osthes­sis­che Gym­nasien gezo­gen. Bei ein­er Vor­führung im hiesi­gen Muse­um hat­te ich knapp hun­dert Zuhör­er. 

Ach – es gäbe so viel zu erzählen …

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