Ein europäisches Haus

Prag auf acht Eta­gen

MDR / RBB 2009  (54:19)


MANUSKRIPT-AUSZÜGE:


EINE KAKOPHONISCHE MISCHUNG AUS MUSIKSTÜCKEN, DIE AUF VERSCHIEDENEN ETAGEN DES PRAGER WOHNHAUSES ZU HÖREN SEIN WERDEN: JAZZ, BACH, CHOPIN, INDISCHE RAGAS

Das Haus ist hoch und bre­it und aufge­donnert. Bau­jahr etwa 1890. Grün­derzeit. Riesen­weiber mit Kanonenkugel-Busen stem­men über­ladene Balkone, Nymphen räkeln sich auf Mauer­vor­sprün­gen, Ken­tau­ren reck­en Mar­mor-Fack­eln in die Luft. Abends ist das Haus beleuchtet wie ein Luxus­dampfer vor dem Aus­laufen. 

Acht Eta­gen – dreizehn Miet­parteien. Die Men­schen, die Sie hören wer­den, leben wirk­lich. Nur das Haus, das besagte, gibt es nicht …
Das heißt: Es ste­ht an jed­er Ecke zwis­chen Wen­zel­splatz und Karls­brücke. In der Pařižská. Oder in der Maiselo­va. An der Ecke Havel­ská / Michal­ská. In der Kapro­va, Rytiřská. In der Melantri­cho­va, gle­ich hin­term Alt­städter Ring. Ein Haus voller Geschicht­en. Und satt an Geschichte. Es ist …

Ansage  Ein Europäis­ches Haus. (…)

U-BAHN-STATION / EIN- UND AUSFAHRENDE ZÜGE / LAUTSPRECHER-DURCHSAGEN / DIE SCHRITTE EILIGER PASSAGIERE

Ansage  Souter­rain 

MILAN KUSÝ, TSCHECHISCH / DARAUF:

Milan Kusý ste­ht jeden Tag im Ein­gang zur Metro-Sta­tion und verkauft die Obdachlosen­zeitung “Novi Pros­tor” – etwa “Neuer Raum” oder “Land in Sicht”. Kein gesun­der Arbeit­splatz. Jede ein­fahrende U-Bahn lässt die Zeitungs­seit­en flat­tern. Herr Kusý ist dauernd erkäl­tet. Er trägt einen grün-grauen Par­ka und Fäustlinge. Man kann davon leben, sagt er. Aber nur, wenn man eis­ern jeden Tag herkommt. Son­st ver­liert man seine Stammkun­den. Hier sind es an die 50, am andern Stan­dort — in der Vinohrad­ská – 30. Die Zeitschrift kostet 20 Kro­nen, 15 für die Organ­i­sa­tion der Obdachlosen, fünf für den Verkäufer. Das muss reichen. Mit 50 Jahren sind die Arbeitschan­cen nahe Null. 

MILAN KUSÝ, TSCHECHISCH

Mit 38 hat­te Herr Kusý, gel­ern­ter Dreher und Bag­ger­fahrer, ein Taxi geleast. Er wollte sich selb­ständig machen. Aber schon nach einem hal­ben Jahr: Unfall und Totalschaden.  Der Leas­ingver­trag lief weit­er. Die Ver­sicherung zahlte nur schlecht. Er flog aus der Woh­nung. Die Frau ließ sich schei­den. 

Eine Weile ver­suchte sich Herr Kusý als Verkäufer in einem Erotik-Laden an der Gren­ze. Seit fünf Jahren ste­ht er hier mit der Zeitung “Land in Sicht”. Er über­nachtet bei Fre­un­den und zahlt, was er grade so übrig hat.

MILAN KUSÝ, TSCHECHISCH

Das alles glaubt man erst, wenn es passiert ist, sagt Herr Kusý.

(…)

TREPPENHAUS / STIMMEN / DIE JAZZBAND JETZT HALLIG ENTFERNT / SCHRITTE TREPPAUF

Diese wun­der­bar kühlen Trep­pen­häuser ! Falsch­er Mar­mor an den Wän­den. Das seit Jahrzehn­ten mit Pappe verklebte Fen­ster der Concierge. Solide Ste­in­stufen, “Stiegen” hießen sie im Prager Deutsch — leicht zu gehen, bre­it und nicht zu hoch. Am Mor­gen immer etwas feucht. Geruch von Seifen­lauge. Man hastet nicht, man steigt. 

Ansage  Hoch­parterre oder “Mez­zanin”. 

TÜRKLINGEL  

Müller” ste­ht  auf dem Plas­tikschild. Der Löwenkopf aus Mess­ing mit dem Klin­gel­griff im Maul ist wohl gestohlen wor­den. Nein, ich bin nicht angemeldet. Auch Pan Tau – Sie erin­nern sich – kon­nte ein­fach durch die Wand gehen. Wir sind in Prag  — und im Radio !

ENTFERNT RADIOMUSIK, VON WERBESPOTS UNTERBROCHEN

TÜRGERÄUSCH / SCHRITTE IM FLUR

Hana Valen­tová  Ohhh … I’m Hana and … (SIE LACHT VERLEGEN)

Hana Valen­tová, 23 Jahre alt,  eine Unter­mi­eterin. Stu­dentin auf der Prager Film- und Fernseh-Hochschule.

HANA (TSCHECHISCH, DARAUF:)

Als sie zum ersten Mal diese Ein-Raum-Woh­nung sah, war sie geschockt, sagt Hana. Junkies hat­ten hier gewohnt. Dreck und Löch­er in den Wän­den. Aber der Blick aus dem Fen­ster hat sie dann doch überzeugt.

SCHRITTE ZUM OFFENEN FENSTER / STRASSENGERÄUSCHE (PASSANTEN-STIMMEN, MÜLLABFUHR, AMBULANZEN)

Hana sieht: 

Simse, Nis­chen, Balustraden … Tita­nen­schenkel und Engelpopos … Vom Staub ergraute Drachen mit Lichtern aus Tauben­schiss… Die Sonne, wenn sie unterge­ht, pro­jiziert den Schat­ten unseres Haus­es auf die gegenüber­liegende Fas­sade.

TAUBENGEFLATTER / DAS FENSTER WIRD GESCHLOSSEN / SCHRITTE
IM ZIMMER /
HANA, TSCHECHISCH / DARAUF:

Sie leben hier zu zweit, Hana ist ver­heiratet. Sie haben nur einen Tisch, an dem sie essen und arbeit­en. Und bügeln muss man ja auch irgend­wo. Schlafz­im­mer, Wohnz­im­mer, Küche und Arbeit­splatz … Alles auf 20 Quadrat­metern. 

Ewig geht das nicht, sagt Hana. Zwei kleine Zim­mer, ein Garten —
das wäre schön. Aber dann müssten sie Geld auftreiben. Das The­ma ist zur Zeit tabu.

(…)

TREPPENHAUS / EIMERKLAPPERN / DIE ENTFERNTE JAZZ-MUSIK

Und noch ein­er wohnt auf dieser Etage … 

TÜRKLINGEL / “Dobry den!  — Dobry den!” / GERÄUSCHE DER
MASSAGE-PRAXIS

Auf dem Weg in sein Kabuff — früheres Dien­st­boten­z­im­mer — muss der Unter­mi­eter Num­mer 2 jedes Mal auf Zehn­spitzen die Mas­sage-Prax­is von Her­rn Beranek durch­queren. 

N. N. (TSCHECHISCH) / ZIMMERTÜR

Ich selb­st bin nicht wichtig”, sagt der junge Mann. Er ist Anar­chist. 

N. N. (TSCHECHISCH)

 Er ver­suche ein­fach, sagt Herr Non­ame, sich vom Zeit­geist abzukop­peln. Was anderen so wichtig sei – Kar­riere und viel Geld — inter­essiere ihn die Bohne.

Das Studi­um der Poli­tolo­gie hat er ger­ade been­det und schreibt jet­zt – was für ein Zufall ! – für die Obdachlosen­zeitschrift “Land in Sicht”. Milan, den Verkäufer in der Metro, hat er bish­er nicht getrof­fen. Er selb­st geht meist zu Fuß.

Und Ihre Vision, Herr … ?

 N. N. (TSCHECHISCH)

Eine Gesellschaft, die sich selb­st organ­isiert, ohne Gewalt und Repres­sion … In der sich die Men­schen ver­wirk­lichen kön­nen — ohne jede Form von Hier­ar­chie … Alle sollen gle­ich und frei sein.

TREPPENHAUS / ENTFERNT DAS SIGNALHORN EINER AMBULANZ / STIMMEN / AUTOR KLOPFT AN TÜREN / EINE TÜR WIRD GEÖFFNET  

Ansage  Erster Stock – die Bele­tage.

Petr Adler (AUF DEUTSCH)  Ich bin so eine mit­teleu­ropäis­che Mis­chung.  Meine Mut­ter war arisch-deutsch und mein Vater jüdisch-tschechisch.

Das ist Herr Adler, ein Jude, der in diesem Haus die Hitlerzeit über­lebt hat und die Zeit danach. Seine Frau ist Kun­sthis­torik­ern und fast blind.

Frau Adler  Jet­zt bin ich schon in Pen­sion …

Petr Adler  Schau’n SieSie find­en hier prak­tisch nie­man­den, der rein slaw­is­ch­er oder ger­man­is­ch­er Abstam­mung wäre. Alle sind Mis­chlinge – irgend­wie ! 

Frau Adler  Ja !

Herr Adler  Meine Mut­ter hat sich im Krieg zur tschechis­chen Nation bekan­nt und hat die Lebens­mit­telka­rte mit einem „T“ gehabt – also „Tschechisch“. Mein Vater hat­te das „J“ dort – das war ja klar …   

J“ für „Jüdisch“  

Herr Adler  … Aber jet­zt ist eben die Sache kom­pliziert: Weil er vor oder nach einem Datum geboren wurde und nie zur jüdis­chen Reli­gion gehört hat, ist er kein „Gel­tungsjude“. Er durfte nicht die Prax­is ausüben, die ärztliche, musste den Stern tra­gen, aber er musste nicht ins KZ. Die arische Frau hat ihn geschützt. 

DER PARKETTBODEN KNARRT

Das ist der Ordi­na­tion­sses­sel meines Vaters, der dann unge­fähr 20 Jahre lang auf dem Balkon stand und jet­zt so auss­chaut … 

HERR ŠVÁB SINGT NEBENAN / BEIM EINTRETEN: STIMME NAH

Herr Šváb nebe­nan singt den Kid­dush — am Vor­abend des Sab­bat.
“Geseg­net seist Du / Herr, unser Gott / König des Uni­ver­sums,
der die Wein­reben wach­sen lässt … !”

JAKUB ŠVÁB (ENGLISCH, DANN TSCHECHISCH / DARAUF:)

Wer ich bin ? Ein ein­fach­er Jude in Prag … Hier geboren, immer hier gelebt – die ganzen 30 Jahre. 

Herr Šváb ist Frem­den­führer, spezial­isiert auf jüdis­che Touris­ten.

Die jüdis­che Gemeinde Prags – früher ein­mal über 40 000 Mit­glieder – kommt heute auf keine 2000 und zer­fällt in eine Rei­he religiös­er Split­ter­grup­pen. 

Herr Šváb ist unab­hängig – “obwohl”, so sagt er, “meine Fre­unde glauben, dass ich ortho­dox bin”. Das macht vielle­icht sein Patri­archen-Bart. 

Anti­semitismus ?

Außer den paar Neon­azis, sagt Herr Šváb, diskri­m­iniert uns hier nie­mand.

Petr Adler  Den pop­ulären „Volks-Anti­semitismus“ gibt es immer — und selb­stver­ständlich: je mehr Juden desto mehr. Also sehr stark ist er nicht, weil
die Juden ja jet­zt Man­gel­ware sind. 

Autor  Aber das ist jet­zt nicht ein vor­rangiges Prob­lem – dass man sagt: Oh,
jet­zt fängt das hier auch bei uns wieder an, auf ’ne andere Art ?

Petr Adler  Es hat nie aufge­hört ! Auch nach dem Krieg nicht. Das war eine fürchter­liche Ent­täuschung für meinen Vater. Der hat gedacht, die Juden wer­den umjubelt sein, die zurück­kom­men. Keine Spur davon selb­stver­ständlich !  

Autor  Also auch die Emi­granten wur­den …

Adler  Emi­grant und Jude – na, das ist schon ein bis­serl zu viel ! 
(FRAU ADLER LACHT IM HINTERGRUND)  

(…)

GERÄUSCHE AUF DEM FLUR

Der Flur ist vollgestellt und dunkel. Ein Lichtschacht überträgt Gerüche und Geräusche aus dem Hostinec U Poš­ty unten. Schweine­fleisch mit Knödeln – Stammessen. Nur 96 Kro­nen.

Vor dem ersten Weltkrieg was das alles eine Woh­nung,
“herrschaftlich”. An hohen stuck­verzierten Deck­en flat­tern Vögel, wach­sen Früchte – häu­fig übertüncht und kaum noch zu erken­nen. 

Ich sage “Dobry den” ! “Guten Tag”, sagt die alte Frau, die vor ihrer Tür ste­ht. “Kom­men Sie doch ‘rein !”

ZIMMERTÜR WIRD GESCHLOSSEN

Zuzana Pod­melová (AUF DEUTSCH) Meine Groß­mut­ter, die stammte aus Halle an der Saale, mein Groß­vati aus einem kleinen prov­inziellen Städtchen in Böh­men, mein Vati war aus Prag, meine Mut­ti aus Wien …

Zuzana Pod­melová, 86 Jahre alt. Alle­in­ste­hend. 

Um diese Tageszeit kann man sie gewöhn­lich auf der Strasse sehen. Dann stiefelt sie in Turn­schuhen, mit Einkauf­s­ruck­sack, weiße Base­ball-Cap, zum Mit­tagstisch im jüdis­chen Gemein­de­haus. 

Nur heute ist ihr nicht zum Aus­ge­hen zumut.

Pod­melová  Meine Mut­ti war Gläu­big. Aber wir waren reformierte Juden, alle. Wir haben nie kosch­er gegessen. Wir haben die großen Feiertage gefeiert …
Die jüdis­che Kul­tur, das ist nicht nur Reli­gion. 

Als Hitler an die Macht kam, war Zuzana Dreizehn. Fünf Jahre später wur­den Öster­re­ich und dann das über­wiegend deutsch-sprachige Gren­zge­bi­et der Tsche­choslowakei vom großen Nach­barn einkassiert.

Pod­melová  Das war eine Asy­lanten-Woh­nung. Zuerst kamen Groß­vati und Groß­mut­ti aus Wien, und die haben bei uns gewohnt. Und dann kam mein Onkel und meine Tante und meine Cou­sine. Diese drei wohn­ten auch bei uns.

Autor   Da waren Sie schon wie viele in der Woh­nung ?

Pod­melová  Da waren wir fünf mehr … Also wir drei — Vati, Mut­ti und ich … Groß­vater und Groß­mut­ti und die drei aus Karls­bad – Onkel, Tante und meine Cou­sine. Wir hat­ten einen Hund …

Autor  Das war schon Num­mer neun !

Pod­melová  … der wohnte im Badez­im­mer. Wir habe es uns eingeteilt, wann — wer – wohin … Wie lange er baden kann und so … Damit wir nicht alle auf ein­mal — Wir haben auf einan­der Rück­sicht genom­men. 

TREPPENHAUS / JUGENDLICHE STIMMEN, GELÄCHTER / ENTFERNT: JAZZMUSIK AUS DEM PARTERRE / FAHRSTUHL

Der Fahrstuhl zit­tert, rumpelt, knirscht — ein verziert­er Käfig an Draht­seilen. Ängstliche gehen bess­er zu Fuß. Fast unhör­bar krächzt eine weib­liche Stimme die Zahl der Eta­gen.

DIE STIMME (TSCHECHISCH)

Ansage  Die zweite Etage.

BEIM AUSSTEIGEN KLAVIERMUSIK (EINE GAVOTTE VON J. S. BACH) / TÜRGERÄUSCH, SCHRITTE  / KLAVIERMUSIK JETZT NAHENDET 

Melkusová  Milch … oder ?

Autor  Ein biss­chen …      

Lud­mil­la Melkusová, 86 Jahre alt,  Klavier­lehrerin.

KNARRENDE SCHRITTE AUF ALTEM PARKETT   

Autor  Sie trinken keinen Kaf­fee ?

Melkusová   Sehr wenig.

Autor  Dankeschön ! … Haben Sie noch Stu­den­ten zur Zeit ?

Melkusová  (AUF DEUTSCH)Noch eine Stu­dentin. Sie ist schon Mag­is­ter … 

Autor  Sie sind in diesem Haus geboren …

Lud­mi­la Melkusová  Ja … Im Jahre 1922 schon … (SIE LACHT) Ich war am Kon­ser­va­to­ri­um 25 Jahre, bis ich pen­sion­iert wurde.

Ein Brud­er ihres Groß­vaters war ein Buch­binder. Später kam er zu Geld mit bedruck­ten Kranzschleifen und kaufte das Haus gegenüber.

Autor  Kann man die Fen­ster auf­machen ? — Wenn Sie mir mal zeigen, wo da drüben diese Druck­erei war …

Melkusová  Das sind diese zwei schmutzi­gen Fen­ster …

Autor  Weil hier so viel gebaut wird !

DAS FENSTER WIRD GEÖFFNET / BAUGERÄUSCHE UND STIMMEN-GEWIRR AUF DER STRASSE / AUSRUFERIN

Autor   Das gehört heute ein­er Fir­ma – der Markt ?

Früher Obst und Gemüse, heute Sou­venirs. Über­all die gle­ichen Wap­pen­teller, Vasen, Spe­jbl-und-Hurvinek-Mar­i­onet­ten. Stan­dar­d­isierte Buden mit stan­dar­d­isiertem Kitsch. 

Melkusová  Man hört fast nie tschechis­che Sprache hier …

Die Händler kom­men aus Bul­gar­ien, aus Rus­s­land und aus der Ukraine, die Touris­ten aus der ganzen Welt. 

DAS FENSTER WIRD WIEDER GESCHLOSSEN

Autor  Wir wollen nicht so viel kalte Luft rein­lassen … Dankeschön !

Den größten Umsatz aller Zeit­en machte der Groß­vater drüben,
als Tomáš Masaryk starb, 1937 – bis 1935 Staat­spräsi­dent.
Eine Vater­fig­ur. 

Melkusová    Gegenüber, da machte man die Schleifen – Trauer­schleifen …

Autor  “In tiefer Trauer” oder so etwas stand darauf … 

Melkusová   Oui …Die ganze Fam­i­lie helfte (half) – über die Nacht auch … 

Autor   Die Men­schen waren alle so sehr trau­rig …

Melkusová   Ja, ja !

Prag wehrte sich mit Trauer­schleifen – gegen Hitler.

SCHRITTE IM ZIMMER

Autor  Was ist das ? (LIEST“Con­tredanse …”  

Melkusová  Das ist Chopin … Wenn Sie wollen ? 

Die Noten auf dem Klavier sind noch aufgeschla­gen.

Melkusová  Aber ich weiß nicht wo meine …

Frau Melkusová sucht ihre Brille.

Melkusová  (ENTFERNTIch spiele nicht mehr, und ich kann nicht mehr mit meinen Brillen sehen … (SCHRITTEIch sehe so schlecht …  (SIE  SEUFZTAch, ich weiß nicht wo sie liegt … 

Autor  Am Fen­ster­brett ist noch eine Brille … 

Melkusová  Also: Frédéric Chopin, “Con­tredance” … 

SIE SPIELT / HARTER SCHNITT IN:

RUNDFUNK-AUFNAHME VOM EINMARSCH DER DEUTSCHEN TRUPPEN IN PRAG / MARSCHMUSIK / SPULGERÄUSCH

Im März ’39 wurde Prag beset­zt. Der Rund­funkmann Petr Adler hat noch Ton-Kopi­en in der Schublade.

JAN MASARYK, TSCHECHISCH / DARAUF:

Die Stimme von Jan Masaryk, Sohn von Tomáš Masaryk, Außen­min­is­ter der tsche­choslowakischen Exil­regierung in Lon­don — Herb­st 1939.

JAN MASARYK

… Hitler und seine Bande … Die Geduld der west­lichen Demokra­tien ist erschöpft … Unser Pro­gramm ist die freie Tsche­choslowakei in einem freien Europa …”

SPULGERÄUSCH

Petr Adler  Die deutsche Okku­pa­tion war arg. Das war wirk­lich Lebens­ge­fahr fortwährend. 

Autor  Das deutsche Mil­itär war immer anwe­send, sicht­bar …

Adler  Anwe­send, marschierend, sin­gend … Und wir kön­nen Ihnen bis heute
„Auf der Hei­de blüht ein kleines Blümelein“ und anderes bis zum „Horst-Wes­sel-Lied“ vorsin­gen …

Frau Adler (SINGT) „Und das heißt: Eri­ka …“ (SIE LACHT)

(…)

FAHRSTUHL / STOCKWERK-ANSAGE (TSCHECHISCH

Ansage  Die dritte Etage.

TÜR / AUTOR: “Dobry večer !” / GEDÄMPFTE MUSIK 

Eine ele­gante Woh­nung. Neue Sach­lichkeit. Fotos an den Wän­den, groß­for­matig, streng schwarz-weiß. Franz Kafkas Prag: Sein Schul­weg, Woh­nung an der Teinkirche, die Treppe der Arbeit­er-Unfall-Ver­sicherung (Kafkas Dien­st­stelle), das Arbeit­shäuschen in der Alchimis­ten­gasse, der Neue Jüdis­che Fried­hof …

Jan Parik (AUF DEUTSCH)  Für mich war das Kaf­ka und Prag, immer !
Sie sind sich­er auch gepil­gert zu Kafkas Grab …

Autor   Nee …

Parik   Geht mal hin !

Jan Parik, Fotograf. Jahrgang 1936. 

Autor  Sie sind in Wro­claw geboren …

Parik   … in Bres­lau !

Autor  In Bres­lau, als Deutsch­er …

Parik   Als Deutsch­er — im jüdis­chen Kranken­haus. Mein Vater sprach deutsch, der hat Deutsch studiert. Und meine Mut­ter war Deutsche. Und ich bin ein richtiges Kap­i­tal­is­ten-Kind.

Autor   Aha …

Parik   Mein Vater hat immer gesagt: Wenn es schlecht geht, dann gehen wir in die Tschechei. 

Autor  Aber die Geschichte hat Sie ja dann schnell einge­holt …

Parik   Ganz schnell einge­holt !

Die “deutsche Zeit”, so erfahre ich,  über­stand der kleine Jan aus Bres­lau bei seinem tschechis­chen Groß­vater. Mit 19 wurde er Stu­dent.

Parik   Ich studierte auf der Filmhochschule, die in dieser Straße ist.

Die berühmte FAMU. Dort anzukom­men war nicht ein­fach, in den Fün­fzigern …

Autor  Was wäre da ein Hin­derungs­grund gewe­sen ?

Parik  Ein Hin­derungs­grund war mein kap­i­tal­is­tis­ch­er Back­ground und jüdis­ch­er Back­ground.

Autor  Das Jüdis­che auch ?

Parik   Das Jüdis­che auch – das mocht­en die Kom­mu­nis­ten nicht. Ich hab mich immer dazu bekan­nt, dass ich die Kom­mu­nis­ten nicht mag.Die haben mich ’57 aus der Schule geschmis­sen ! 

(…)

An herb­stlichen Regen­t­a­gen wie heute verdicht­en sich die Gassen der Alt­stadt zu Schwarz-Weiß-Bildern von Jan Parik, dem Kaf­ka-Fotografen aus dem drit­ten Stock. Die Nymphen an der Häuser­front gegenüber sehen mür­risch aus. Trotz der hohen Fen­ster ist das Zim­mer jet­zt ganz dunkel.

(…)

TREPPENHAUS / FAHRSTUHL 

Ansage  Die vierte Etage.

Hier oben wohnt  der let­zte Kom­mu­nist im Block, ein jugendlich wirk­ender Mit­tfün­fziger. 

TÜRGLOCKE / TÜR

Und damit ich gle­ich Bescheid weiß …

Josef Skála  (AUF TSCHECHISCH / DARAUF:)

Ich bin kein Mil­lionär !” Dr. Josef Skála lächelt offen­siv. Aus der Erb­masse des Kom­mu­nis­mus, habe er nicht eine Kro­ne mitgenom­men. Sein Ur-Groß­vater hat die KPČ mit­ge­grün­det, 1921. Er selb­st – Absol­vent und später Lek­tor für Philoso­phie und Geschichte an der Karl­suni­ver­sität — nen­nt sich heute “freiberu­flich­er Marx­ist” und ver­di­ent seinen Leben­sun­ter­halt als Auf­sicht­sratvor­sitzen­der ein­er Export­ge­sellschaft …

Skála wäre lieber Uni­ver­sität­slehrer geblieben. Doch obwohl er nie Agent oder Mit­glied der Staatssicher­heit gewe­sen sei, ste­he er – auf Grund sein­er Überzeu­gun­gen — seit ’89 auf der schwarzen Liste. Allerd­ings sei er “stolz genug, diese unge­bilde­ten Poli­tik­er, die heute an der Spitze ste­hen, zu ignori­eren !”

Zur Zeit wird unser Volksver­mö­gen prak­tisch für nichts an aus­ländis­che Inve­storen ver­scher­belt. “Wir sind Gas­tar­beit­er im eige­nen Land”, sagt Herr Skála.

(…)

FAHRSTUHL 

Ansage  Fün­fte Etage. Pent­house.

Auf diesem Trep­pen­ab­satz: Stahl und Glas. In der Ecke, selb­st-leuch­t­end, ein klein­er Bud­dha (AUTOR LIEST)LMC – Elec­tron­ic Job Mar­ket — Spo­jení s eli­tou” — In Kon­takt mit der Elite”. 

Also dann …

TÜRGERÄUSCH / TIBETANISCHE MUSIK

Libor Malý   This is my teacher …(AUF DAS ENGLISCHE ORIGINAL:)Ein Online-Lama aus Tibet   It’s great !  Er sendet Botschaften im Netz … Some­times I’m say­ing: Bud­dha was the best man­age­ment con­sul­tant I’ve ever­met … Bud­dha war der beste Man­age­ment-Berater, dem ich je begeg­net bin … Klein­er Scherz

Libor Malý, Jahrgang 1968,  dirigiert die größte Job-Börse in Tschechien. 40 000 User loggen sich hier täglich ein. Der Büro-Kom­plex reicht bis zur näch­sten Quer­straße.

Libor Malý   I was born in Prague in 1968 … I was two, three months when the Sovi­et army came to Prague to lib­er­ate us from this West­ern cap­i­tal­is­tic devi­a­tion which start­ed to hap­pen these times … Er war noch ein Baby, als die Rote Armee erschien, um die Prager “von der kap­i­tal­is­tis­chen Verir­rung zu befreien, die damals grassierte”, sagt Herr Malý. Auf einem Foto sieht man ihn im Kinder­wa­gen, ein sow­jetis­ch­er Tank biegt grade um die Ecke. 

…  I start­ed to work as a pro­gram­mer … Der Ökonomie-Stu­dent wurde Pro­gram­mier­er … and then sur­pris­ing­ly … und weil damals nach der Wende ’89 nie­mand so richtig bescheid wusste I became a mar­ket­ing man­ag­er of that soft­ware house … stieg er kurz darauf zum Mar­ket­ing-Man­ag­er der sel­ben Soft­ware-Fir­ma auf … And then after a few years I became head hunter … ver­suchte sich als Head­hunterund 1995 grün­dete Herr Malý dieses erste Job-Por­tal der Repub­lik … I had a good time with a good idea at a good place and I just suc­ceed here.

Der Mann ist prak­tizieren­der Bud­dhist. Bud­dha lehrt, wie man als Boss mit 180 Leuten richtig umge­ht, sagt er … 

Seine Feng-Shui-Bera­terin hat den kleinen Brun­nen aus­ge­sucht, und auch diese schöne Stat­ue – die Grüne Tara, eine Art weib­lich­er Bud­dha. Schützt vor der Angst und führt zur Erleuch­tung.

Autor  You have … scents …

Libor Malý   I have the essence from many herbs … Die Gerüche laden die Luft pos­i­tiv auf … The cristal in the mid­dle of the room — again this is Feng Shui — and it con­cen­trates ener­gy … Auch der Kri­tall, der von der Decke baumelt, ist Feng Shui. Konzen­tri­ert die Energie … There is more con­trol of what’s hap­pen­ing in the office … Alles läuft dann kon­trol­liert­er ab …  

Was noch ?  … You have sun­shine inside the offices … Leuchtröhren in der Decke, die Son­nen­licht simulieren …Hey – the sun is shin­ing — it’s good !  It’s of course not so cheap … Das alles war nicht grade bil­lig. Und noch etwas … What I want to show you is this thing … Ein kurios­es Etwas aus Kupfer, sieht aus wie ein Vogel­häuschen. Ein Kabel führt in die Wand … It’s get­ting all the neg­a­tive elec­tro­mag­net­ic smoke and sends it back out­side … Fängt den Elek­tros­mog ein und leit­et ihn ab … out of the com­pa­ny !
I think it’s from Ger­many …Kommt wohl aus Deutsch­land !  

Libor Malý  Com­plete­ly use­less – but it works ! (ER LACHT)

Autor  Inter­est­ing !

Libor Malý  And the sun is shin­ing – even inside !  Manche glauben schon, der Boss tickt nicht ganz richtig, sagt Herr Malý. Aber: Die sind gern hier ! … It’s a win-win-solu­tion … I need to have the best moti­vat­ed, best peo­ple who work as good and as much as they can for me – to earn my mon­ey … Er brauche die motiviertesten Mitar­beit­er, die besten, fleißig­sten Leute, damit sie ihm das Geld ver­di­enen … There is no trick ! Bud­dhism works with the mind !

Das Ei des Bud­dha !

Son­st kann jed­er denken, was er will !  … We are not a church, we are a busi­ness … Das hier ist keine Kirche, son­dern Geschäft !

ATMOBÜRO MALÝWEG

WOHNUNG PARIK / ENTFERNT IN DER GASSE NUR NOCH EINZELNE STIMMEN, EINE TURMUHR SCHLÄGT

Mit­ter­nacht vor­bei. Von sein­er Woh­nung aus sieht Jan Parik, Kafkas Fotograf, die Lichter auf der Klein­seite, jen­seits der Moldau. Nach der Rück­kehr aus Ameri­ka ist ihm Prag – nach und nach – fremd gewor­den.

EINE TURM-UHR SCHLÄGT 

Parik  (MÜDE UND NACHDENKLICHDas sind andere Men­schen, sind alles andere Men­schen !

Autor  Inwiefern ?

Parik   Ich weiß es nicht. Ich hab alte Fre­unde getrof­fen, und wir hat­te uns vielle­icht für ein paar Minuten was zu sagen. Das war alles ! Ich lebe mit mein­er Frau, mit meinem Kind, hier eigentlich zurück­ge­zo­gen. Wie in einem Elfen­bein­turm … Splen­did iso­la­tion …  

Ich hab einen Fre­und, aber der ist über Achtzig und hat mir jedes Mal erzählt, dass er tod­trau­rig ist und dass seine Frau gestor­ben ist … Und er ist nicht gut drauf … Ich lieb’ ihn abgöt­tisch – aber diese Leute wer­den ein­mal nicht sein … 

Autor  Es geht eine Welt mit unter – die Sie im Grunde auch für ihre Fotos brauchen …

Parik   Exakt was Sie sagen ! Das ist wie ein Nährbo­den … Wie ’ne Pflanze ohne Erde. Die kann nur ’ne Weile im Wass­er existieren, dann geht sie ein oder ver­färbt sich irgend­wie … Ich suche jet­zt ’ne Antwort …

➤Fea­tures (deutsch/In­fo-Texte)