Der Riss, in dem wir leben

Antwort­mail an einen Kol­le­gen während der Arbeit an „Objek­tive Lügen – Sub­jek­tive Wahrheit­en / Radio in der Ersten Per­son“ (2013), geschrieben im Okto­ber 2012



Lieber …

Dein Echo hat mich umge­hauen. Län­gere Briefe bekom­men wir ohne­hin nur noch sel­ten. Und dann so einen … Pour-le-merite für Deine frei­willige (!) Fron in diesem Text-Berg­w­erk. Entsprach so unge­fähr mein­er eige­nen Mal­oche – spiegel­bildlich: der Berg an Noti­zen, Auss­chnit­ten, Fea­ture-Tex­ten und immer wieder neuen “Mindmaps” auf der einen Seite, die langsam entste­hende Zusam­men­schrift auf der anderen. Wie Kohle schip­pen. Ein eher natur­wüch­siger Prozess, das Gegen­teil von “wis­senschaftlich” – was man sich­er noch merkt (und merken darf). 

Mein (vor­läu­figes ?) Aufhören, was das eigentliche Fea­turemachen ange­ht, ist mir nicht leicht gefall­en. Der Kör­p­er hat seinen Teil mit entsch­ieden. Andern­falls hätte ich mir die Zeit für diese “Inven­tur” wahrschein­lich nicht genom­men. Manch­es ist mir dabei klar­er gewor­den – und vieles unklar geblieben. 

Gedanken über die Zukun­ft des Medi­ums (und “der Welt” im all­ge­meinen) gehen auch mir natür­lich ständig durch den Kopf und sind im Haus Kopet­zky ein Früh­stück­s­the­ma. Wie es mor­gen, näch­stes Jahr oder in zehn Jahren weit­erge­hen wird, weiß nie­mand. Die Debat­te im pro­fes­sionellen Bere­ich dreht sich lei­der vor allem um die tech­nis­che Entwick­lung, das mul­ti­me­di­ale Trans­port­mit­tel. Aber das “Medi­um” ist eben nur die halbe “Mes­sage” (das hat­te schon der Erfind­er der pro­vokan­ten For­mulierung, McLuhan, zugeben müssen). Wir Autoren sind zu allererst für Inhalte zuständig. 

In diesem Sinn ver­ste­he ich mich – auch mit “Radio­jahre” – als gedanklich­er “Zulief­er­er” im Hin­ter­grund. Die Medi­en­wis­senschaft pro­duziert vor allem Seifen­blasen, mit denen die Prax­is nicht viel anfan­gen kann. Aber auch bei uns, den Mach­ern, sieht ’s the­o­retisch dünn aus. Eine größere Arbeit über das doku­men­tarische Fach im mul­ti­me­di­alen Zeital­ter fehlt bish­er. Der SWR betreibt zu diesem The­ma seit einiger Zeit einen “Dokublog”, wo ich mich etwas ein­schal­ten möchte. Aber rat­los sind wir im Grund alle. Trifft das nicht auf viele Bere­iche zu: Poli­tik, Wirtschaft, Erziehung …

Die pro­gramm­liche Umset­zung muss lei­der Sache der Medi­en­poli­tik, des “Appa­rats” (ARD etc.) und nicht zulet­zt der Indus­trie (Apple, Microsoft) bleiben. Da liegt auch der Hund begraben. Wir sind Zaungäste. 

(…) Fea­ture, Hör­spiel und ähn­lich­es war — bis auf die unmit­tel­bare Nachkriegszeit man­gels Alter­na­tiv­en – nie mehrheits­fähig. Anspruchsvolles Radio ist immer Min­der­heit­en­pro­gramm gewe­sen. Sam­stag­mor­gens sendet Deutsch­land Radio Kul­tur immer Reprisen aus den “gold­e­nen” Fün­fziger Radio­jahren (Hans Rosen­thal etc.) Da graust ’s einem aber !

Im Ver­gle­ich zu den meis­ten anderen Län­dern auf der Welt fahren wir mit den Öffentlich-Rechtlichen z. Z. ja noch gut. Das wird so lange gehen, als die Radiover­sorgung von Min­der­heit­en nicht an der Quoten-Elle gemessen wird – also nicht mehr allzu lang. Deshalb ist es schon legit­im, über andere “Plat­tfor­men” zu räsonieren – was natür­lich mehr die Nachk­om­menden als uns selb­st bet­rifft.

Wir erleben eine Über­gangszeit – nein: einen Riss, der vor allem durch kom­mu­nika­tion­stech­nis­che Entwick­lun­gen aus­gelöst  wurde, und ich bemühe mich, dies als über­aus schmer­zliche und unumkehrbare Tat­sache zu akzep­tieren. Die Medi­en­poli­tik­er und -the­o­retik­er tun ja nur so, als hät­ten sie alles kom­men sehen und die Zukun­ft im Griff. Ich denke: Noch lohnt es sich, die Möglichkeit­en des deutschen Radiosys­tems zu nutzen. Immer wieder gibt es kleine Son­nen­strahlen (wie Deinen Brief), die das Gemüt erhellen und manch­mal auch unseren Autoren-Eros anstacheln.

(…) Apro­pos Hei­drun: Die milde Rüge, ihren Anteil betr­e­f­fend, hab’ ich ver­standen. Unser Arbeits- und Lebensver­hält­nis war ja schon ein­mal The­ma ein­er ganzen BR-“Notizbuch”-Sendung (Jut­ta Predi­ger). Bei Pro­jek­ten, die wir von A (Idee) bis Z (Stu­dio) gemein­sam erar­beit­et haben – z. B. bei den 16-stündi­gen hr2-Radio­ta­gen – ist meine Frau immer gle­ichrangig erwäh­nt wor­den; son­st auch mehrmals unter “Mitar­beit”. Wir hat­ten aber eine klare Auf­gaben­tren­nung. Der Autor im tradierten Sinn war ich. Da gab ’s nie Konkur­renz zwis­chen uns. Freilich lässt sich die spezielle Form unser­er Zusam­me­nar­beit, die über die beschreib­baren Funk­tio­nen hin­aus­ge­ht, kaum angemessen for­mulieren. 

Der “schreiende Säugling nebe­nan“, unser Jan, ist ja nun bald 36, und ich kann mich nicht mehr recht erin­nern, wie das war. Hei­drun hat damals ihren Job im SPIEGEL-Sekre­tari­at aufgegeben (ohne allzu großes Bedauern, übri­gens), um bei­des unter einen Hut zu brin­gen. Damals hat sie noch, soweit möglich, mitrecher­chiert und alle Manuskripte getippt. Wir sind zusam­men gereist, und auch die Inhalte haben wir natür­lich immer disku­tiert.

Aber Du hast schon recht: Das alles sollte ich bei ein­er Neuau­flage etwas deut­lich­er erk­lären. Vielle­icht höre ich noch mal in die Predi­ger-Sendung ‘rein – Hei­drun war da, wie ich mich erin­nere, ziem­lich detail­liert. Zu intim wäre mir das alles nicht, “wenn ’s der Wahrheits­find­ung dient”.

So – jet­zt hat­test Du wieder genug zu lesen. Das kommt davon ! Die Rechtschreibfehler sind notiert. 

Danke !