Der Kunstkopf-Mann

Let­zte Reise des Töne­fängers Matthias von Spal­lart nach Ama­zonien.


Herb­st 1980. In Basel packt ein Mann behut­sam das Nagra-IV-Auf­nah­megerät mit den blitzen­den Knöpfen und Schal­tern und 120 Spulen Mag­net­band reise­fer­tig zusam­men, dazu ein Paar der ger­ade erst erfun­de­nen Dum­my Head Mikro­phone für Kun­stkopf-Auf­nah­men, die – in den eige­nen Ohren getra­gen – den Klang so räum­lich wiedergeben sollen, wie keine andere Tech­nik zuvor…

NDR Kul­tur / DLF 2018 –– Erzäh­ler: Tom Vogt –– Dauer: 54:26 (NDR) / 49:30 (DLF) –– Pro­duk­tion: 11. bis 15. Sep­tem­ber 2017 im NDR-Stu­dio –– Erstausstrahlung: Am Welt­tag des Radios 2018 (13. Feb­ru­ar) –– Öffentliche Vor­führun­gen: „Lange Nacht der Kun­st und Musik“ (Kun­sthalle Pfaf­fen­hofen a. d. Ilm 2018), Bre­mer Hörki­no (2019) –– Wan­der­ausstel­lung „Radio­phon­ic Spaces“ (Basel, Berlin, Weimar 2018/19).
 

Matthias von Spal­lart, etwa 1971


AUS DEM MANUSKRIPT:

ZWEI GITARREN-AKKORDEKETTENSÄGEN / STÜRZENDER BAUMRIESE
(aus dem nach Spal­larts Tod fer­tiggestell­ten Hörstück „Brasil“, 1982)

DARAUF:


Ansage 

ZWEITER und DRITTER BAUMRIESE FÄLLT / AKUSTIK ZÜGIG WEG

Erzäh­ler  Es war … gegen Ende der Mag­net­bandzeit. Das analoge Zeital­ter klang aus und wech­selte zum dig­i­tal­en – ein glei­t­en­der Über­gang. Wie eine lange und kaum wahrnehm­bare Blende. 

Ein Radiostück blieb mir im Gedächt­nis – „Brasil“. Halb Fea­ture, halb Hör­spiel, zum ersten Mal gesendet 1982. Autor: Matthias von Spal­lart. 

Ich hat­te ihn nie gese­hen, seine Stimme nie gehört. Kein Foto. Kein Video. 
Das Inter­net kam erst Jahre später.

Ich kan­nte seine Sto­ry nur vom bit­teren Ende her. 35 Jahre hab ich sie mit mir herumge­tra­gen. Bis ich Diesen da begeg­nete. Radiomen­schen wie er.

STIMMEN:

 –– Die Bilder sind alle da. Man sieht ihn, man spürt ihn auch noch.

 ––  Er hat sich gerne in gepflegten Bars bewegt. Er hat gern gute  Zigar­ren ger­aucht.

––  Man hat einen Kamel­haar­man­tel, den man nach­läs­sig über die erst­beste Stuh­llehne wirft… (GELÄCHTER). 

  –– Er war ein her­vor­ra­gen­der Koch.

–– „Wart’, ich muss noch den Fond fer­tig machen!“ Und dann stand er an einem alten Kochherd und hat Sachen „reduziert“… Hat eingekocht, bis nur eine braune dicke Soße war, die ganz wun­der­bar geschmeckt hat. Ich stand vis-à-vis und hab nur ges­taunt und dachte: Dies Freudi­ge, an dieser Soße zu arbeit­en – wie er im Stu­dio an seinen Stück­en gear­beit­et hat.

 –– Die Nuan­cen waren wichtig. Auch seine Hand­be­we­gun­gen, wenn er darüber gesprochen hat, wie er ein Huhn in Salz zubere­it­et. Das hat­te eine ähn­liche Gestik, wie ein Fade-out oder wie ein drama­tis­ch­er Bogen zu sein hat.

–– Er hat nicht Rösti und Leber­li gemacht … (GELÄCHTER). 

–– Ich  glaube eben, dass der Matthias nicht auf der Erde stand, son­dern der war in der Luft. Ab und zu wirk­lich nicht ganz auf dem Boden. 

–– Er war irgend­wo ein Traumtänz­er, aber ein großar­tiger Regis­seur und Schaus­piel­er. Und er hat den Schaus­piel­ern immer vorge­spielt, wie die Rolle eigentlich angelegt sein müsste.

PASSAGE AUS DER ARBEIT AN EINER RADIOFASSUNG VON GEORG BÜCHNERSDANTONS TODMIT v. SPALLART ALS REGISSEUR UND DEM SCHAUSPIELER WOLFGANG REICHMANN IN DER ROLLE DES ST. JUST 

(1981 KURZ VOR SPALLARTS TOD MITGESCHNITTEN)
 

SPALLART / REICHMANN IN RASCHEM WECHSEL:  Was ist das Resul­tat? ––– Was ist das Resul­tat? ––– Meine Damen und Her­ren: Was ist das Resul­tat? ––– 

Rhetorische Frage: Was ist das Resul­tat? Ja? ––– Ja! ––– 

(MIT GRÖSSEREM DRUCK) Was ist das Resul­tat? ––– Was ist das Resul­tat? Sagen Sie ’s mir, Mon­sieur Le Ger­gues: Was ist das Resul­tat??


Erzäh­ler  Die von Spal­larts: Eine Kün­stler­fam­i­lie – Maler, Musik­er, Büh­nen­bild­ner, Schaus­piel­er seit dem frühen 19. Jahrhun­dert. 

Die Eltern von Matthias ste­hen bis zum Kriegs­jahr 1944 auf der Bühne in Berlin. Dann wird der Vater zwangsverpflichtet. 

O-Ton Mareile Grieder  Der sollte Nazipro­pa­gan­da mit­machen, und das wollte er nicht.

Erzäh­ler Mareile, Spal­larts Halb­schwest­er. 

O-Ton Grieder  Am 6. Dezem­ber 1944 sind wir über die Gren­ze in Riehen bei Basel in die Schweiz geflo­hen. Matthias war da ein Baby und ich drei Jahre alt.

Erzäh­ler  Mile­na von Eckardt, die Mut­ter, wird schnell zum Liebling des Basler Pub­likums. Zwei Jahre nach der Flucht spielt sie wieder Haup­trollen, etwa die „Jüdis­che Frau“ in Brechts „Furcht und Elend des Drit­ten Reich­es“.

Wenn der berühmte Fritz Kort­ner zu Spal­larts ein­ge­laden ist, muss der Sohn jedes Mal „den Hahn machen“. Er kann so entzück­end krähen! 

Auch der Flüchtlingsjunge wird Schaus­piel­er. Und später Hör­spiel­regis­seur. 

STIMMEN:

–– Matthias von Spal­lart kam mir vom ersten Ken­nen­ler­nen an eigentlich vor wie eine Fig­ur aus dem Neun­zehn­ten Jahrhun­dert. Möglicher­weise hing das zusam­men mit der aris­tokratis­chen Herkun­ft seines Vaters und auch sein­er Mut­ter. Er schien mir wie kopf­schüt­tel­nd in die Welt zu blick­en. Ein selt­sames Erstaunen: „Ist denn das über­haupt möglich?“

––  Es hieß mal, er würde unter dem Ruhm sein­er Eltern lei­den – weil die so bekan­nt waren. Ob das nun stimmt ?

––  Kann schon sein! Zwei so starke Fig­uren: Der strenge Vater und die Mut­ter, die ihn vergöt­tert hat. 

––  Unter so einem Vater hätte ich gelit­ten.

 –– Matthias ist irgend­wo an seinen eige­nen Ansprüchen zer­brochen, gescheit­ert … Dass er dann irgend­wann sein Berg­seil in seinen Cit­roen gepackt hat und los­ge­fahren ist…

–– Macht der ’ne erfol­gre­iche Sache und hängt sich uff!

GESCHÄFTIGES UMHERGEHEN / EINPACK-GERÄUSCHE: DRUCKKNÖPFE, REISSVERSCHLÜSSE, SCHNALLEN, SCHACHTELN, BÜCHSEN 
DARAUF:

Erzäh­ler Okto­ber 1980. Math­ias von Spal­lart ist jet­zt 36 Jahre alt. 

An diesem Herb­st­tag packt er seinen Ruck­sack, den Kof­fer und eine Met­al­lk­iste – 120 Spulen Ton­band sind darin. Auch Bat­te­rien. Er prüft die sil­ber­nen Regler und Schal­ter des Auf­nah­megeräts. Und die Kopfmikro­phone. 

Reiseziel: Brasilien.

Von Spal­lart hat Blut geleckt: Eine Land­schaft – ein Land–– drei­di­men­sion­al –– im Radio! Und keine Zeile Text. 

Die neue Tech­nik macht es möglich. 

Eine Demo-Schallplat­te:


DEMO

MANN Hal­lo Ivonne! … FRAU  I can see you … MANN  Ich bin unge­fähr 10 Meter von dem Ton­bandgerät ent­fer­nt … (KOMMT NÄHER) … Wie geht ’s Dir? Her­zlich willkom­men, liebe Fre­unde der Kopf­stereo­phonie !

DARAUF:

Erzäh­ler Die erste Kun­stkopf­sendung in deutsch­er Sprache liegt ein Jahrzehnt zurück. Sie hieß „Demo­li­tion“ nach einem nor­damerikanis­chen Sci­ence-Fic­tion-Roman: „The Demol­ished Man“, etwa „Der dekon­stru­ierte Mann“. Aber auch: „Der zer­störte Mann“. Das Hör­spiel war die Sen­sa­tion der Berlin­er Funkausstel­lung 1973.

Was von Spal­lart sieben Jahre später in den Schalenkof­fer legt, ist nicht die Urform jenes„Dummy Head“ aus Hart­gum­mi; nicht diese gruselige Nach­bil­dung eines men­schlichen Kopfes mit Kun­stohren und her­aushän­gen­den Kabe­len­den. 

Es gibt eine Rei­sev­er­sion, ger­ade erst erfun­den. Sie heißt MKE 2002. Die bei­den Mikro­phone trägt man dort, wo unsere eige­nen Mikros wach­sen: Ohrmuschel und Trom­melfell. 

So wird der Träger selb­st ein Kun­stkopf-Men­sch. 

DEMO HOCH  

Meine Wei­h­nacht­skarte 2017 mit Sennheis­er MKE 2002

MANN Ich ste­he halb links, Sie rechts … Ich bin jet­zt nur noch unge­fähr 10 Zen­time­ter von Ihrer Kopfhaut ent­fer­nt … Und nun komme ich noch näher … noch näher … an Ihr linkes Ohr her­an. Und anschließend … eben­so nah an Ihr recht­es Ohr …

ÜBERGEHEND IN FLUGHAFEN-ATMO. DARAUF:

Erzäh­ler  Als er sich in Genf zum Flug nach Rio de Janeiro von sein­er Fre­undin Chris­tine ver­ab­schiedet, ist Spal­lart bere­it. Etwas wird geschehen. Eine medi­ale Pio­nier­tat. Pauken­schlag. 

Er hat die Stelle im Sender gekündigt. Er hat ein Tes­ta­ment gemacht.

Alles auf Anfang! 

DIE FLUGZEUGGERÄUSCHE VERKLINGEN 

O-Ton Christoph Bug­gert Ich hab in Erin­nerung, dass da jemand bei uns in der Redak­tion auf­tauchte und dem man anmerk­te: Der fordert sich etwas ab. Gab diesem Pro­jekt in seinem Leben eine ganz große Bedeu­tung. Und dieser her­aus­fordernde Aspekt hat uns inter­essiert.

Erzäh­ler Christoph Bug­gert, der fed­er­führende Pro­gram­m­mach­er in Frank­furt am Main. Funkanstal­ten in vier Län­dern unter­stützen Spal­larts Aben­teuer.

O-Ton Bug­gert Man muss träu­men dür­fen … Es ging um eine große exis­ten­tielle Bewährung. Und das sind Voraus­set­zun­gen, wo was ganz Großes entste­hen kann. Wo auch Scheit­ern möglich ist. Aber wir haben schon dieses Risiko, das er per­sön­lich einzuge­hen bere­it war, bru­tal aus­genutzt.

Erzäh­ler Natür­lich gab es auch ein Exposé: 

Als rot­er Faden dient das akustis­che Ein­drin­gen in einen frem­den Kon­ti­nent 
von den Rän­dern her durch ver­schiedene Zwis­chen­zo­nen bis ins mythis­che Herz dieses Erdteils. Am Ende die Ent­deck­ung von Indus­triean­la­gen inmit­ten ein­er noch urweltlich zugeschnit­te­nen Natur“.


O-Ton Bug­gert  Man merk­te ihm von Anfang an an: Junge, das ist ein gigan­tis­ches Pro­jekt. Also hof­fentlich über­forder­st Du Dich nicht sel­ber! Wir schaf­fen die Voraus­set­zun­gen – Reisekosten, tech­nis­che Aus­rüs­tung und so weit­er. Aber dann hing alles an ihm.


ANFANGSSZENE VONBRASIL“ > IM FAHRENDEN BUS 

DARAUF:

Erzäh­ler  Brasilien. Okto­ber 1980. Von Spal­lart notiert:

Die Transama­zon­i­ca: ein Staub­tun­nel im Urwald. Der Bus über­füllt. Dunkel­häutige Män­ner mit Flinten und Leinen­säck­en. Tag und Nacht auf dieser Straße…“

Ich stelle mir vor: 

Der Mann mit dem South Amer­i­can Hand­book im Kof­fer – geistre­ich­er Träumer, Hob­by-Koch – der Joyce- und Her­man-Melville- und Joseph-Con­rad-Ken­ner  – sen­si­bler Hör­spiel­regis­seur, sitzt schwitzend, unge­waschen, eingek­lemmt zwis­chen Män­nern, die seit Tagen unter­wegs sind. Arme Teufel, Aben­teur­er aus Not. Er lässt kein Auge von der Kiste mit den Kun­stkopf-Mikro­pho­nen. 

Nur ein Wort ver­ste­ht er: Marabá. Das ist der Sam­melpunkt ein­er Elends-Prozes­sion zu den Damm­baut­en im Eisen­erzge­bi­et Grande Cara­jás. Oder zur Hölle der Sier­ra Pel­la­da. Dort, im Malar­ia-Fieber, wühlen Hun­dert­tausende nach Gold. 

Die Anderen schließlich wer­den weit­er­reisen zum Jarí, einem von hun­derten Neben­flüssen des Ama­zonas, mächtiger als Rhein und Donau. 

Am Jarí liegt der Pri­vatbe­sitz des Daniel Kei­th Lud­wig, Mul­ti­mil­lionär aus Nor­dameri­ka. Die Parzelle, groß wie Bel­gien, hat der reiche Mann gekauft – 16 000 Quadratk­ilo­me­ter … Wald.

SZENE AUSBRASIL“: REGENWALD-RODUNGMOTORSÄGEN, FALLENDE BÄUME, WALKIE-TALKIES. DARAUF:


Inmit­ten der Rodung die Haupt­stadt: „Monte Doura­do“ – „Gold­berg“.
 
Alles Made in USA: Häuser, Maschi­nen, Super­markt, Wassertürme, sog­ar die Feuer­hy­dran­ten und Briefkästen. Und die Pri­vat­polizei. Mit­tlerer West­en am Ama­zonas.

Dreißig­tausend Ein­wohn­er. 

In weit­em Umkreis ließ der Unternehmer mit dem deutschen Namen Euka­lyp­tus­bäume pflanzen: schnell wach­sendes Holz als Rohstoff. Aus Japan kam eine Papier­fab­rik samt Kraftwerk. Die schwamm schlüs­selfer­tig hin­ter einem Schlepp­schiff 25 000 Kilo­me­ter um den Globus. 

VERKLINGENDE RODUNGSGERÄUSCHE / WEG

Doch … als Spal­lart an sein Ziel kommt, ste­ht die Pro­duk­tion schon wieder still. Nach drei Euka­lyp­tus-Ern­ten ist der Urwald­bo­den aus­ge­laugt, verkarstet. Schädlinge erledi­gen die let­zten Bäume !

O-Ton Aldo Gar­di­ni  Er wollte eigentlich den Her­rn Lud­wig tre­f­fen. Und mit dem Mann wollte er reden.

Erzäh­ler Ihn her­aus­fordern.

O-Ton Gar­di­ni  Das war eigentlich die Idee: Ein poli­tisch engagiertes Stück zu machen. 


O-Ton Gar­di­ni
  Und am Schluss war ’s ganz was anderes.

Erzäh­ler Vier Sender in Europa warten auf das große Ding. Den Scoop, „Zivil­i­sa­tion­ss­chock“: Hier die Indios-wie-Gott-sie-schuf – dort der blasshäutige Bösewicht mit Namen und Adresse. 

Ein­er hat das alles vorgemacht: Hen­ry Ford, 40 Jahre früher. Auch in Ama­zonien. Der Autokönig brauchte Latex für die Reifen­pro­duk­tion, und der Rohstoff quoll aus zweiein­halb Mil­lio­nen Mor­gen Kautschuk­wald am Tapa­jós. Doch „Ford­lan­dia“ war ein Ver­lust­geschäft. Nach 25 Jahren zogen die Yan­kees weit­er. Teile der Ruinen­stadt sind heute noch zu sehen.  

O-Ton Bug­gert  Das war die Zeit des begin­nen­den poli­tisch-ökol­o­gis­chen Kampfes – Club of Rome und alles, was damals die poli­tis­che Szene bewegte. Und es war auch eine gewisse biographisch und per­sön­lich geprägte Empörung eines empörten Europäers mit ein­er qua­si ange­le­se­nen Empörung. Und da hat er uns auf ein­er Karte gezeigt: Ich gehe gradewegs auf ein­er richtig mit dem Lin­eal gezo­ge­nen Lin­ie durch den brasil­ian­is­chen Urwald. Und am Ende stoße ich auf den Ein­bruch des mod­er­nen Indus­triezeital­ters. Und da werde ich mich damit auseinan­der­set­zen. 

Erzäh­ler  Doch Mis­ter Goldfin­ger, den der Reisende aus der kleinen, fer­nen Schweiz zur Rede stellen will, ist nicht zu Hause. Er lebt 83jährig abgeschirmt in New York City und betätigt sich als Kun­st­mäzen. 

O-Ton Gar­di­ni  Völ­lig unmöglich, an diesen Men­schen her­anzukom­men. Völ­lig unmöglich.

Erzäh­ler  Den dum­men Fehler in Brasilien hat der Land­käufer längst abgeschrieben. Eine Mil­liarde Dol­lar Ver­lust. Den Brasil­ian­ern wird er die ver­rostete Papier­fab­rik, die Häuser und die Wassertürme und die nagel­neue Eisen­bahn am Ende … “schenken”. Auch das ruinierte Grund­stück.

Und von Spal­lart? War er angemeldet? Hat man ihm ein Inter­view ver­wehrt? Wollte nie­mand mit ihm reden? Das Stück Radio, das von all­dem übrig bleiben wird, gibt keine Auskun­ft. 


ZWEI GITARREN-AKKORDE >< SZENE AUSBRASILMIT RUDERGERÄUSCHEN UND STIMMEN 

DARAUF:

Erzäh­ler  Endlich, nach Wochen und im let­zten Augen­blick, der Bescheid aus Brasil­ia: Die Indi­aner­be­hörde FUNAI genehmigt Tonauf­nah­men im Ipitin­ga-Reser­vat.

A Fun­dação Nacional do Índio dient dem “Schutz unkon­tak­tiert­er Völk­er vor Ein­drin­glin­gen“. 

Als Berichter­stat­ter muss man lange warten.



Reiseno­ti­zen:

Auf der Suche nach den Bewohn­ern des Urwalds. Im Boot sind außer mir der Boots­mann und einige Jäger.”

INDIO-SIEDLUNG > ANNÄHERUNG UND ERSTER KONTAKT

Nach sechs Stun­den erre­ichen wir eine Insel, mit­ten im Fluss gele­gen. Sie wird von einem Indi­an­er und seinen drei Kindern bewohnt. Auf dem höch­sten Punkt der Insel ste­hen seine bei­den stro­hgedeck­ten Bam­bushüt­ten. Die Jäger sind unten am Fluss geblieben.

Eigentlich sollte hier ein Dorf ste­hen, aber die Indi­an­er sind vor eini­gen Wochen in ein anderes Reser­vat umge­siedelt wor­den. Nur er, Sohn eines Häuptlings, wollte seine Heimat nicht ver­lassen.

Er ist scheu und mei­det meinen Blick. Füh­le mich gehemmt“.

Vier Taschen­mess­er als Gast­geschenk. 

Ich stelle mir vor: 


Von Spal­lart mit den Kun­stkopf-Ohren und dem umgeschnall­ten Bandgerät – befan­gen wie der Indio vor ihm, dem man aus der Haupt­stadt wieder einen stum­men Gast geschickt hat.

INDIO SPRICHT MIT SEINER TOCHTER 

DARAUF:


Erzäh­ler Der Kun­stkopf-Mann steuert behut­sam die Auf­nahme aus. Achtet auf jede Bewe­gung. Die Mikro­phone in den Ohren sind empfind­lich gegen „Kör­per­schall“. Selb­st eigene Schluck­geräusche muss er unter­drück­en. Hier entste­hen die schön­sten Auf­nah­men der Reise.

DIE STIMMEN LANGE FREI STEHEN LASSEN


In der Hütte sitzt der Indi­an­er und erzählt. Die Kinder schaukeln sacht in ihren Hänge­mat­ten. Sie leg­en ihren Kopf auf den Rand, lassen ein Bein her­aushän­gen“.

So sparsam müsste mein Erzähltext sein“, schreibt von Spal­lart an den Rand der spär­lichen Noti­zen. „Kein Wort zu viel“. Er stre­icht die let­zte Zeile durch. „Am besten gar kein Text. Mein Hörstück muss klin­gen – nicht schwatzen“. 


WIEDERHOLTE TÖNE EINER KNOCHENFLÖTE

KULISSE WEG
 

O-Ton Salmo­ny  Durch all diese wilden und aben­teuer­lichen Zonen hin­durch ist er da vorge­drun­gen in diese zarte Kom­mu­nika­tion. 

O-Ton Gar­di­ni  So etwas nimmt man nur ein­mal im Leben auf. Ich hab’ Jahre später mal eine Sendung gemacht in einem Bergge­bi­et in der Schweiz. Und da war ich in einem Stall, und da hat der Bauer mit seinem Enkel gesprochen. Und als ich das geschnit­ten habe, dachte ich: Der spricht genau wie der Indi­an­er am Ama­zonas…


O-Ton Sass  Ach!


O-Ton­Gar­di­ni Ohne jeden Druck, ganz fein. Mit ganz wenig Stimme. Ganz entspan­nt. 


O-Ton­Sass Das ist schön!


O-TonGar­di­ni  Kri­tik­er später haben immer gesagt: Warum wird dieser Indi­an­er nicht beim Namen benan­nt, son­dern ein­fach: „Der Indi­an­er“? Und nie­mand ist auf die Idee gekom­men, dass die sich gar nicht ver­ständi­gen kon­nten. Matthias wusste gar nicht, wie der heißt. Der wurde da hin gebracht, abge­laden, die sind wegge­gan­gen und haben ihn am anderen Tag wieder geholt … Hat ein­fach zuge­hört. 


AUSBRASIL“ > DER RITT
  
DARAUF:

O-Ton Gar­di­ni Er hat viele gute Auf­nah­men mit­ge­bracht … Das Reit­en in den Wald, wo der Sat­tel knar­rt, und in der Ferne hört man Affen schreien. Ich kann minuten­lang zuhören!    


O-Ton­Bug­gert  Solche Geräusch­panora­men gibt es in der Radi­ogeschichte nicht viele. Das war damals sen­sa­tionell, weil wir Kun­stkopf-Auf­nah­men, drei­di­men­sion­ale authen­tis­che Tonauf­nah­men aus dieser Welt, noch nicht kan­nten. 

O-Ton Baum­gart­ner  Da hast du wirk­lich das Gefühl, du bist mit­ten im Urwald. Und du hörst ringsrum alles – von vorne, von hin­ten, von links, von rechts…

O-Ton Bug­gert  Wir gin­gen ja damals davon aus: Das wird über­haupt die Zukun­ft sein! 


KULISSE ETWAS STEHEN LASSEN / DANN WEG

Erzäh­ler Andern­tags. Nach den stum­men Zwiege­sprächen mit dem Indio ohne Namen, steigt der Töne­fänger wieder in das Kanu der FUNAI. Wie verabre­det. 


Der Cul­ture Clash – hier die Ure­in­wohn­er, dort der Aus­beuter des Regen­walds – hat vor dem Mikrophon nicht stattge­fun­den. Plan und Wirk­lichkeit wollen nicht zusam­men­passen. Die Wirk­lichkeit sagt „Nein“.


GLEICHMÄSSIGE SCHRITTE IM DSCHUNGEL LANGSAM EINBLENDEN


Von Spal­lart driftet ab. 

Ich denke: Der Rock des Reporters war ihm zu eng. Was hätte ein Mis­ter Lud­wig zu sagen gehabt ? „Sor­ry – tut mir leid“?

Spal­lart ist Kün­stler. Die Dinge sprechen zu ihm. Ket­ten­sä­gen, gemarterte Bäume. Und der noch unberührte Wald.


SCHRITTE / NATURSTIMMEN

Erzäh­ler  Nun ist er frei, umspült von Sound. Ist nur noch Ohren­men­sch – wehr­los in der großen ama­zonis­chen Umar­mung. 

Noch nie so etwas erlebt ––– Wie vor dem Sün­den­fall“, schreibt Spal­lart auf.

Licht­jahre ent­fer­nt: Europa – und das Funkhaus – und der Stu­dio-Beleg­plan Woche 43 – und das Grab der Mut­ter (neun Jahre ist sie tot – an Krebs gestor­ben). 

Kaum noch erkennbar: Der Schat­ten des Vaters.

DIE KULISSE WIRD UNTER DEM LETZTEN SATZ DES ERZÄHLERS ZÜGIG AUSGEBLENDET 

Erzäh­ler  Johannes von Spal­lart. 80 Jahre ist er alt. Seit 60 Jahren Schaus­piel­er. Ein ultra­strenger Christ mit Sym­pa­thien für die radikale Brud­er­schaft der Rosenkreuzer.


O-TonGrieder  Er war so ein asketis­ch­er Typ.

Erzäh­ler  Sagt die Schwest­er. Die Ehe der Eltern ging in den Fün­fziger Jahren zu Bruch.

O-Ton Grieder  Unsere Mut­ter war eine Voll­blutschaus­pielerin, eine Leben­skämpferin. Sie musste sich von ganz unten wieder hochar­beit­en. Aber sie war über­fordert mit uns Kindern. Sie hat mich ins Inter­nat ver­frachtet mit Fün­fzehn. Und Man­ti dann auch nach Sar­nen zu den Benedik­tin­ern. Er war nicht glück­lich da.


Erzäh­ler Der 12jährige Matthias, genan­nt „Man­ti“, schreibt dem fer­nen Vater aus dem Knaben­in­ter­nat. 

O-Ton Grieder  Da sind Briefe von Man­ti, als Kind, wo man sieht, dass er es seinen Eltern möglichst recht machen wollte. Da musste ich wirk­lich fast weinen, wie ich das gele­sen hab! Mir ist der Ein­druck geblieben, dass er sehr unter Druck stand unter seinen Eltern … Ja … (SIE SEUFZT)


Erzäh­ler Viele Briefe schreibt der Sohn. Und bekommt zu Wei­h­nacht­en nur eine Auto­gramm­postkarte. 

Später, als Regis­seur, hat er seinen Vater sel­ten engagiert – zulet­zt als Beicht­vater in ein­er Szene von James Joyce.

Nur eine kleine Radiorolle.

AUSSTEPHEN DAEDALUS“, HÖRSPIEL, DRS 1976  
FUNKBEARBEITUNG UND REGIE: MATTHIAS VON SPALLART

PRIESTER (JOHANNES VON SPALLART)  Son­st noch etwas, mein Kind ?

STEPHEN DAEDALUS Ich war nei­disch gegen andere, eit­el, unge­hor­sam.

PRIESTER  Son­st noch etwas, mein Kind ?

STEPHEN DAEDALUS Ich habe die Sünde der Unkeuschheit began­gen, Vater.

PRIESTER  An dir selb­st, mein Kind ?

STEPHEN DAEDALUS Und mit anderen.

PRIESTER  Mit Frauen, mein Kind ?

STEPHEN DAEDALUS Ja, Vater.

PRIESTER  Wie alt bist du ?

STEPHEN DAEDALUS Sechzehn, Vater.

PRIESTER  Du bist sehr jung, mein Kind! Ich fle­he dich an: Lass ab von dieser Sünde! Es ist eine schreck­liche Sünde! Sie tötet den Kör­p­er. Sie tötet die Seele… Lass ab davon. Um Gottes Willen …

DER HÖRSPIEL-TON WIRD VON DER REGENWALD-KULISSE ABGELÖST / DARAUF:



Erzäh­ler  Der Töne­fänger jet­zt allein mit sein­er Aus­rüs­tung. Ein kahles Zim­mer in der Urwald-Lodge. Für Hänge­mat­te und Moski­tonetz und für die Klei­der ein paar Hak­en. 

Einzel­heit­en hat er später kaum erzählt.

Ich sehe ihn im Halb­dunkel des Regen­walds: Mit seinen Kun­stkopf-Ohren sam­melt er: Vogelschreie  –  Zikaden, Moski­tos – Gewit­ter und leisen Regen – ent­fer­nte Stim­men und Arbeits­geräusche. 

Es ruft von über­all: Hör zu ! Nimm auf ! Da musst Du hin! 

In den Man­groven bis zum Bauch im Wass­er. Jagdfieber.

Hör’ nur – Kun­stkopf-Mann!

WEITER AUF DER KULISSE:

O-Ton Gar­di­ni  Ich hab’ ihm das nicht zuge­traut, dieses Stereo-Nagra, was sehr schw­er ist, acht Kilo, plus etwa 20, 30, 40 Spulen Ton­bän­der immer mitzu­tra­gen, und dann in den Urwald zu gehen, wo man von Moski­tos umschwirrt wird. Er war zer­stochen von oben bis unten, durfte sich aber nicht bewe­gen, um die Auf­nahme nicht kaputt zu machen. Eine unglaubliche Stra­paze! 


Erzäh­ler Wenn er Töne aufn­immt, muss er starr sein wie ein Denkmal. 
Sobald er den Kopf dreht, kreist der Urwald um ihn. Den Radio­hör­ern würde schwindelig.

O-Ton Gar­di­ni   Und er hat sich nicht bewegt und hat sich stechen lassen!  Und dann alle Vier­tel­stunde das Band wech­seln! Da waren so Schräubchen drauf, wo man die Spule befes­tigt. Und wenn man das ver­gisst oder es run­ter­fällt, im Urwald – dann ist Feier­abend – oder? Das find­est du nicht mehr im Laub. 

Erzäh­ler  Schweißtreibende Luft … Der seifige Glanz, der sich auf der Haut und auch auf den Geräten zeigt … Sorge, dass die Ton­bän­der verder­ben … Band­salat … Manch­mal kleben sie an seinen Hän­den.

Ein­mal täglich Sint­flut. Dann wick­elt er die teueren Geräte in sein Regen­cape.

Die läng­ste Zeit des Tages schweigt der Wald. 

Oft pirscht der Töne­fänger nachts.

Ich stelle mir vor: 
 

Der Lichtkegel sein­er Taschen­lampe streift die gel­blichen Pupillen der Kaimane in den Sumpftüm­peln ring­sum. Die Nacht so schwarz. Die Sterne riesig. Glüh­würm­chen wie Schneegestöber. 

Es atmet –– seufzt –– es schnar­rt und schnar­cht –– es stöh­nt. 

Fis­che platschen irgend­wo. 

Das „Mythis­che Herz dieses Erdteils“. So ste­ht es im Entwurf.

Es soll angestrebt wer­den, diese Welt in einem Hör­spiel zu verge­gen­wär­ti­gen mit den spez­i­fis­chen Mit­teln des Radios. In Geräuschen also…“

Und nun … mit­ten­drin!

Es zieht ihn in die Urwald-Lodge zurück, voller Neugi­er. Draußen in der Wild­nis ist der Kun­stkopf-Mann wie taub. Er kann nicht hören, was die bei­den Mikro­phone in den Kun­stohren, die er über seine eige­nen stülpt, tat­säch­lich aufnehmen. Die Tech­nik lauscht für ihn. Nur das Zuck­en eines Zeigers zeigt die Stro­mim­pulse an, die als Töne auf den Ton­band­spulen des Recorders lan­den. 

Von Spallert set­zt seine Kopfhör­er auf und schal­tet auf Play­back.

EINSCHALTGERÄUSCH / DAS FROSCHKONZERT 

Fährt vor … 

VORLAUFGERÄUSCH / ANDERE STELLE

Und noch ein Stück …

VORLAUFGERÄUSCH / ANDERE STELLE    

Das Klang­bild, das er „live“ im Wald erlebt hat, klingt in sein­er Auf­nahme noch tiefer, schär­fer, plas­tis­ch­er … Sur­round.

Eine Super-Totale, die ihn ein­saugt. Umschlingt. 

In der voll­ständi­gen Dunkel­heit des prim­i­tiv­en Zim­mers pro­duziert sein Hirn­spe­ich­er beim Zuhören Gräs­er, Tiere, Urwaldriesen, Einge­borene auf alten Stichen … Büch­er – Joseph Con­rad, Hum­boldt – was er so „im Kopf hat“. Erlebtes und Erin­nertes.

Der Töne­fänger hört nun seinen Urwald. Und das wer­den später auch die Radio­hör­er so erleben. Und jed­er anders!

Glück­lich schläft er ein.

FROSCHKONZERT UND ANDERE NATURGERÄUSCHE NOCH EINE WEILE STEHEN LASSEN UND WEG

Erzäh­ler  Natür­lich – es kann auch anders gewe­sen sein.

O-Ton Heil­mann  Ich krieg das nicht zusam­men. Wir haben ihn immer abge­hoben in sein­er Gedanken­welt erlebt.

O-Ton Sass  Man kommt ja hin­ter das Geheim­nis eines Men­schen gar nicht. Das bleibt immer ein Rät­sel.


Erzäh­ler  Die auf­be­wahrten Flug- und Schiffs- und Bustick­ets zeigen für die neunte Reise­woche wieder stärkere Bewe­gung: Der Töne­fänger kreuz und quer im Ama­zonas-Delta.

ZWEI GITARREN-AKKORDE  > STADT-ATMO (BELÉM) ABRUPT HOCHZIEHEN
VERKEHR, REKLAME-LAUTSPRECHER, „INDIO“-SPEKTAKEL

DARAUF:

Erzäh­ler In der zehn­ten Woche kommt er in die große Stadt. Die Stadt erbebt von Wer­be­botschaften. Fazen­deiros mit den bre­itkrem­pi­gen Hüten stellen ihren Reich­tum aus. 

Auf der Aveni­da Pres­i­dente Var­gas tanzt und trom­melt „Urbevölkerung“. Stu­den­ten der Eth­nolo­gie demon­stri­eren, Ara-Fed­ern auf dem Kopf. 

SCENE AUSBRASIL“ (HOTELGARTEN)

Erzäh­ler  Außer­halb der Stadt das Luxu­shotel. Im Garten ein Stück prä­pari­ert­er Urwald. Tiere in Käfi­gen: Pan­ther, Tapire, Wol­laf­fen, Papageien. 

Er: plöt­zlich Tourist unter Touris­ten. Noch in Brasilien und schon wieder in Europa.


FREMDENFÜHRER IM VORÜBERGEHEN ÜBER LATEX-GEWINNUNG (ITALIENISCH) / STIMMENGEWIRR


Das Indiodorf ist Pflicht­pro­gramm. Wie auf Knopf­druck zapft der Gum­mizapfer Gum­mi. Grässliche Pira­nhas, luft­getrock­net – hun­dert­fach als Sou­venir. Kriegstanz im 20-Minuten-Takt.

Abends ein kleines Lokal.

SZENE AUSBRASIL“ / DARAUF

Erzäh­ler  Von Spal­lart notiert:

Dann begin­nt eine schwarze Schön­heit zu sin­gen. Der junge Mann wen­det sich ihr zu. Ver­schlingt sie mit den Blick­en“.

Und:

Hier kön­nte ich bleiben“.


DAS LIED, LÄNGER FREI STEHEND / ÜBERGEHEND IN 
FLUGZEUG-ATMO > LANDEANFLUG, INNEN

DARAUF:

Erzäh­ler Drei Tage später ist er wieder Pas­sagi­er. Rio-Casablan­ca-Genf. Vom tro­pis­chen Dampf­bad – Lei­den­schaft und Trägheit – in das kalte, ungeduldige Europa. 

Käl­teschock.

Der Vater wartet mit einem Erd­nüss­chen auf das Erscheinen des Vogels aus der Kuck­uck­suhr. Die Mut­ter stickt an ein­er Auton­um­mer auf dem Kissen. 
Der Sohn ste­ht vor der großen Weltkarte. 
Draußen, vor dem Schre­ber­garten­häuschen, weht die Schweiz­er Fahne, die der Vater mor­gens aufge­zo­gen hat. Der neue Wagen wird bewun­dert…“

Selt­same Kritzelei von einem Zwis­chen-Stop in Salvador/Bahia … Da ist er wieder: Vaters Schat­ten. Und der Sohn so klein, in kurzen Hosen.

Als das Flugzeug auf der Schweiz­er Piste auf­set­zt, hat von Spal­lart noch acht Monate, drei Wochen und zwei Tage lang zu leben. 


GERÄUSCH UNTER DEM LETZTEN SATZ WEG

O-Ton Gar­di­ni  Es ist etwas sehr Entschei­den­des passiert mit ihm da drüben – wo er eine andere Qual­ität des Lebens erlebt hat, die es hier nicht gibt.

O-Ton Mareile Grieder  Er hat­te immer wun­der­schöne Fre­undin­nen (LACHT).

Erzäh­ler  Die Schwest­er.

O-Ton Chris­tine Riva   Als er zurück kam, war er trau­rig. Er war depres­siv. Und ich denke, das hat sehr viel damit zu tun, dass er sich dort in Brasilien ver­liebt hat.

Erzäh­ler  Chris­tine, die Fre­undin.

O-Ton Riva  Math­ias war ein Men­sch, der hat sich immer wieder mal ver­liebt. Und dann ist er nach Hause gekom­men und hat geweint, war trau­rig. Ich wusste dann ein­fach: Das ist jet­zt so! 

Er hat sich ja dann ’ne kleine Woh­nung genom­men. Und dann kam er wieder zurück. Manch­mal nachts ist er durch das Haus gegeis­tert. Und dann ist er wieder ver­schwun­den. Und dann ist er wieder gekom­men und gegan­gen. Also – das war … 

Ich denke, er hat mir auch nichts gesagt, um mich nicht zu ver­let­zen. Ich wusste das nicht, bis dann die Briefe kamen. Ja – dann war das klar für mich.

Erzäh­ler  Sie wohnen im Elsass, gle­ich hin­ter der Schweiz­er Gren­ze auf einem alten beschei­de­nen Bauern­hof. Kein Bad, Plump­sk­lo in der Sche­une. Im Win­ter ist es kalt.

O-Ton Riva  Es war ein ein­fach­es Leben, aber es war inter­es­sant.

Erzäh­ler Zehn Jahre lang – bis zu der ver­flucht­en Reise.

O-Ton Riva  Es gab einen Moment, da hab ich mir über­legt, ob ich so weit­er­leben möchte … Wie soll ich sagen? Ich habe  diesen Men­schen geliebt. Es gab mir aber auch neue Blick­winkel für mein Leben. Ich kann zum Beispiel nicht mehr sagen: „Mein Mann“ – das ist für mich so Besitz ergreifend. Ich bin im Grunde genom­men sehr dankbar.


ZWEI GITARREN-AKKORDE

Erzäh­ler Früh­jahr 1981. Jeden Tag fährt Matthias von Spal­lart in seinem Cit­roen zum Sender Basel, wo er noch vor kurzem angestellt war. Wenn die All­t­agspflicht­en erledigt sind, teilt er mit dem Ton­regis­seur Aldo Gar­di­ni das leer­ste­hende Stu­dio.

O-Ton Gar­di­ni  Er kam mit den Bän­dern zu mir und hat gesagt: Was hältst du davon. Ich hab’ nie auf die Uhr geguckt. Wenn sechs Uhr war, haben wir weit­er gemacht, bis Zehn oder Elf. Weil ich fand das so span­nend. Ich hab immer ges­taunt, dass man in der Zusam­me­nar­beit so tiefe Emo­tio­nen erleben kann. Dass man sich näher kommt als mit jeman­dem, mit dem man zusam­men­lebt. Ist ganz ver­rückt!   

AUSBRASIL”-MATERIAL > VON SPALLART MIT SCHWEREN SCHRITTEN IM REGENWALD

 DARAUF:

Erzäh­ler Ein paar Wochen dieser Rausch. Hören, auswählen, blenden und mon­tieren. In den Kopfhör­ern der Regen­wald, klar und trans­par­ent. Das Stu­dio bläht sich zur Welt.

Im Bauch, im Kopf, im ganzen Mann ist das Stück schon fer­tig. Nun muss es noch gemacht wer­den. 

STOP- UND RÜCKSPULGERÄUSCHE

Die Erleb­nisse, wie im Traum aufgeze­ich­net, ste­hen jet­zt in Maschi­nen­schrift auf Karteikarten: 

Band 33: Ipitin­ga, Urwald, Affe … Band 45: Mara­jo-Insel, Ritt – 
1. Reit­en, später Nach­mit­tag, 2. Reit­en durch Wass­er, 3. Däm­merung, Zikaden, ent­fer­nte Brül­laf­fen.


Band 37 – Indi­an­er mit Knochen­flöte 1–5 /  Vögel antworten – 
Take 6: Zwiesprache mit Vogel  / abge­brochen – Sieben wie Take 1

Band 38: Stürzende Bäume.

 RODUNG WIE ZUVOR: BAUM FÄLLT – UND WEG

Reg­is­ter, Tabellen, Berichte. Die Stop­puhr. Das Radio hat feste „Slots“ – Sendezeit­en von bes­timmter Länge. Man muss kürzen. Kill Your Dar­lings! 
Viele Meter Ton­band rieseln auf den Fuß­bo­den. Oder in die Tonne. 
Sie nan­nten das „Blutiger Schnitt”! 

O-Ton Bug­gert Eine ganze Aura nimmt plöt­zlich konkrete For­men an. Und die Aura ver­s­tummt langsam. Es muss eine große Ent­täuschung für ihn gewe­sen sein, als er nun zurück kam, dass er fest­gestellt hat: Ganz ohne Worte komme ich nicht aus. Das muss ihn sehr, sehr bewegt haben. Das war fast eine Nieder­lage.

Erzäh­ler Die Leere danach. Kein Pauken­schlag. Die Medi­en­welt dreht sich ungerührt weit­er. 

O-Ton Riva  Er hätte gern mehr Res­o­nanz gehabt. Und die hat er nicht bekom­men. 

O-Ton Palm  Er war ja auch eit­el!

O-Ton Gar­di­ni  Offen­sichtlich hat es ihn nicht mehr inter­essiert, wie es dann zum Schluss wird. Dass er gesagt hat: Es hat alles keinen Sinn mehr. 

Erzäh­ler  So düster begin­nt das let­zte halbe Jahr. Alles wieder auf Null. Er ver­sucht es mit Fernsehregie. 

O-Ton Gar­di­ni  Da waren natür­lich zwanzig, dreißig Leute engagiert. Und um Sechs hat­ten die alle Feier­abend. Das kon­nte er nicht begreifen, dass man nicht so begeis­tert bei der Sache war, dass man jet­zt weit­er arbeit­et. Und mit dem kon­nte er nicht umge­hen. 


Da war er allein dann.

O-Ton Heil­mann  Er hat dann keine Konzes­sio­nen gemacht. 

Erzäh­ler  Nach weni­gen Tagen ein Krach mit dem Haupt­darsteller. Und aus.

O-Ton Heil­mann  Und dass das so total in die Bin­sen ging — das war für ihn ziem­lich schlimm.

O-Ton Gar­di­ni  Und dann ging er zum freien The­ater. Und da hat er gesagt: Weißt du, Aldo, das geht ja eigentlich nur noch um ’s Geld, das ganze. Und das ist so frus­tri­erend! Das ist furcht­bar! 

Das ganze führt nir­gends mehr hin.


Erzäh­ler
  In der düsteren St. Mar­tin­skirche mit dem Sensen-Tod an der Stirn­wand spielt von Spal­lart den Engel in Hugo von Hof­mannsthals „Großem Weltthe­ater“.

Der Fre­und besucht ihn in der Sakris­tei, die den Schaus­piel­ern als Garder­obe dient.

O-Ton Gar­di­ni  Und dann hat er sich split­ter­nackt aus­ge­zo­gen und hat dann das Engel­skostüm ange­zo­gen. (BEWEGT) Und dann ist er durch einen Gang wegge­gan­gen. Als Engel. Guckt zurück. Sagt „Ciao Aldo!“ 

So hab ich ihn das let­zte Mal gese­hen. 

Als Engel im Nachthemd. Mit Flügeln.

O-Ton Chris­tine Riva  Am let­zten Tag waren wir zusam­men. Er hat mir noch vorge­le­sen – „Der Tor und der Tod“ …

Erzäh­ler (EHER BEILÄUFIG):

Es scheint mein ganzes so ver­säumtes Leben / Ver­lorne Lust und nie geweinte Trä­nen / Da tot mein Leben war, sei du mein Leben, Tod!“

Hugo von Hof­mannsthal, 1894.

O-Ton Riva  Ich bin eingeschlafen, und als ich erwacht bin, war ich alleine.

O-Ton Mareile Grieder  Also – da haben sie ihn gefun­den. Im Wald auf der Schartes­lo­he, nicht allzu weit weg von Dor­nach auf der Höhe. Und er hat sich da erhängt. Sein Auto stand da. Und anschließend hat er noch ’ne Zigarette ger­aucht. Und dann ist er halt run­terge­sprun­gen am Seil. Genick­bruch.

Das waren Wild­hüter, die ihn gefun­den haben, also Bauern. Ich hab dann mit denen noch tele­foniert. Dann haben sie gesagt, sie hät­ten den Baum gefällt, an dem das passiert ist.

O-Ton Gar­di­ni  Beim Matthias war ’s ja auch so, dass er sich auf einem Berg in der Nähe von Basel auf einem hohen Baum aufge­hängt hat – an der Stelle, wo man Blick hat zu diesem Bauern­haus. Fünf, sechs, sieben Kilo­me­ter. Wahnsin­nig!

Und da fuhr ich gle­ich auf diesen Bauern­hof. Und beim Hinge­hen sah ich das abge­dunkelte Zim­mer. Eine Lampe. Und da drunter saß weinend Chris­tine. Und da hat sie Probear­beit gehört von Matthias, wie er mit Wolf­gang Reich­mann, dem bekan­nten Schaus­piel­er, einen Text eingeübt hat. 

So inten­siv!

O-Ton Riva (AUF BASELDEUTSCH)  Ja, der Wolf­gang Reich­mann. Die haben sich sehr gut ver­standen  

O-Ton Gar­di­ni (AUF BASELDEUTSCH)  Ganz wun­der­bar, wie die zusam­men den Text erar­beit­et haben!

 DIE AUFNAHME :

SPALLART / REICHMANN  Ich frage nun –– rhetorisch: Soll  die geistige Natur in ihren Rev­o­lu­tio­nen mehr Rück­sicht nehmen als die physis­che –– –– 

SPALLART Ich würde über­l­ogisch sein! –– –– Ich frage: Soll die geistige Natur in ihren Rev­o­lu­tio­nen mehr Rück­sicht nehmen als die physis­che ? 

REICHMANN Was liegt daran, ob sie nun an ein­er Seuche oder an der Rev­o­lu­tion ster­ben ? –– –– 

SPALLART Er sagt: Schauen Sie, was ist denn schon Ster­ben, was ist schon Blut, was sind Leichen ? Nichts. Das ist ja der gemeine Trick, was alle faschis­toiden Typen haben, was der Adolf hat­te und was der Goebbels hat­te. 

SPALLART / REICHMANN Soll eine Idee nicht eben­so gut wie ein Gesetz der Physik ver­nicht­en dür­fen, was sich ihr wider­set­zt ? Soll über­haupt ein Ereig­nis, das die ganze Gestal­tung der moralis­chen Natur, das heißt, der Men­schheit umän­dert, nicht durch Blut gehen dür­fen?

Erzäh­ler Georg Büch­n­er, „Dan­tons Tod“. Ger­ade erst aufgenom­men. 

O-Ton Riva  Und –– ja, das war dann das Ende. Die Frau hat dann noch ein paar Mal geschrieben. Und ich hab ihr dann eine Tode­sanzeige geschickt.

Erzäh­ler (ZITIERT EHER BEILÄUFIG): 


Wir zeigen an den Tod unseres Matthias von Spal­lart, der in die ersehnte Ruhe und Ewigkeit heimkehren durfte. Besich­ti­gung bis Don­ner­stag, den 22. Sep­tem­ber 1981, auf dem Fried­hof am Hörn­li, Basel“.


O-Ton Salmo­ny  Dieses The­ma hat ihn schon lange beschäftigt. Er hat Jean Amery gele­sen, „Hand an sich leg­en“.

Erzäh­ler (ZITIERT)  

Muss man leben, muss man da sein – nur weil man ein­mal da ist ?“


STIMMEN 

Salmo­ny / Riva / Palm / Heil­mann / Sass / Gar­di­ni / Baum­gart­ner (MONTIERT

––  Ob wir nun wirk­lich dahin­ter kom­men, warum er sich aufge­hängt hat…?

–– Es ist nicht das erste Mal, dass er ver­sucht hat, sich das Leben zu nehmen. Das hat er schon ein­mal ver­sucht, als er im Mil­itär war. Es ist sein gutes Recht, und man hat das so hinzunehmen.

 –– In dieser Welt, wie sie gewor­den ist, hätte er sich gar nicht hal­ten kön­nen.

––  Das hat er irgend­wo gespürt, dass der Raum immer enger wird.

 –– Der hat­te so hohe Ansprüche an sich. War ja auch Berg­steiger. Weißt du: die Vier­tausender! Das ist hoch hin­auf! Hoch hin­auf! (SIE LACHEN) Da braucht es  nur noch etwas kleines … und …

––  Ich denke, er hat­te kein ein­fach­es Leben – mit sich sel­ber. Wirk­lich nicht!

Erzäh­ler Und der Kun­stkopf ?

O-Ton Bug­gert  Diese Tech­nik war nicht aus­gereift. Es hat sich sehr schnell her­aus­gestellt, dass wir leben­den, durch die Welt gehen­den Men­schen teil­weise mit unseren Augen hören. Unsere anderen Sinne unter­stützen das Hören. Und wahrschein­lich ist es auch, dass wir mit den Ohren ein biss­chen sehen. 

Vieles, was wir hören, ist eigentlich gar nicht zu hören, son­dern das hören wir hinein.

O-Ton Baum­gart­ner  Schade, dass sich die Tech­nik nicht durchge­set­zt hat. 
In „Brasil“ war sie genau richtig.

Erzäh­ler Der Autor tot, das Radiostück „Brasil“ nicht fer­tig. Im Funkhaus des kopro­duzieren­den HR in Frank­furt sind Kol­le­gen mit den let­zten Hand­grif­f­en beschäftigt. Sprecher­texte wer­den aufgenom­men und noch ein­mon­tiert.

Von Spal­larts Asche im Fam­i­lien­grab auf dem nahen Haupt­fried­hof. 

O-Ton Riva  Er hat zu mir gesagt: Wenn mir mal etwas passiert – ich will nur an einem Ort liegen, und das ist bei mein­er Mut­ter im Grab.

O-Ton Gar­di­ni  Und da liegt er in Frank­furt wenige Meter vom Stu­dio weg. Und ich bin da am Abend nach den Auf­nah­men über den Fried­hof gegan­gen und dachte: Ich muss den Matthias noch sehen – ich will das Grab noch sehen. 

Und es war alles zugeschneit. Und da ging ich an die Pforte und hab nach der Num­mer gefragt – wo er etwa liegt. Und da hat er mir eine Num­mer gegeben und gesagt: “Drit­ter Cran (franz.) C” und so. 

Meine Schritte waren die einzi­gen in diesem weißen Schnee. Und alle Gräber zugedeckt. Und ich bin da hin und her gegan­gen und hab das Grab nicht gefun­den. War völ­lig verzweifelt. Ich wusste: Das muss ganz in der Nähe sein. Ich finde es nicht. Und ich arbeite seit drei Tagen an seinem Pro­jekt. Und er weiß nicht, wie toll das gewor­den ist, das Ganze. 

Erzäh­ler  „Brasil“ erringt den Schweiz­er Radio­preis „Prix Suisse“. Beim Prix-Italia-Wet­tbe­werb in Venedig trifft das Hörstück knapp daneben. „Kön­nte  vielle­icht etwas fröh­lich­er sein“, sagt ein Jury-Mit­glied in der Mit­tagspause.

(GELÄCHTER)  Gar­di­ni That’s life !  


***

Info: Ekke­hard Sass war Mitar­beit­er am Manuskript von „Brasil“. 
Aldo Gar­di­ni ––> Mit­gestal­ter der Klang-Dra­maturgie, Ton­tech­niker und Fea­tureau­tor bei Radio Basel. 
Ste­fan Heil­mann und Claude Pierre Salmo­ny ––>  Funkregis­seure, Kol­le­gen von Matthias von Spal­lart. 
Mareile Grieder ––> Halb­schwest­er von Matthias von Spal­lart. IhrVater, Gün­ther Rit­tau, war Kam­era­mann bedeu­ten­der Filme: „Metrop­o­lis“, „Der blaue Engel“, „Kinder,  Müt­ter und ein Gen­er­al“. 
Ver­e­na Palm ––> Ton­tech­nikerin in Basel. 
Dr. Christoph Bug­gert ––> Leit­er der Hör­spiel-Abteilung des Hes­sis­chen Rund­funks von 1976 bis 2002.

Der Dra­maturg Niko­laus Klocke hat die Pro­duk­tion von „Brasil“ im hr betreut und mit hr-Regis­seur Fer­di­nand Lud­wig und Aldo Gar­di­ni nach Spal­larts Tod zu Ende gebracht. 
Wal­ter Baum­gart­ner ––> Schweiz­er Schaus­piel­er, Autor und Hör­spiel­d­ra­maturg. Chris­tine Riva ––> lebte zehn Jahre mit Matthias von Spal­lart zusamme
n.



Alles oder nichts

Eine Mail über die Entste­hung des Radiostücks „Der Kun­stkopf-Mann“

Juli 2018 – Lieber neugieriger N. N.

Die Recherchen und Auf­nah­men für das gedachte „aller­let­zte“ Pro­jekt, das mich hin­ter­rücks ange­fall­en hat – ein Fea­ture ? Hör­spiel ? Eine Hybrid­form oder „nur“ ein langer Text in Roman­form ? – habe ich nun größ­ten­teils hin­ter mir. Der viertägige Aufen­thalt in Basel (Hei­di mit sep­a­ratem Lady’s pro­gram) war eine reine Freude und der olle Autor wieder mal echt glück­lich. Vier­mal fuhren wir mor­gens mit der S-Bahn aus Lör­rach uff Arbeet, weil ein Schweiz­er Hotelz­im­mer zweiein­halb mal so teuer gewe­sen wäre. Dafür waren die dor­ti­gen Kol­legIn­nen mit ihren Erin­nerun­gen, ihren Analy­sen, der Offen­heit und Gast­fre­und­schaft ger­adezu ver­schwen­derisch.

Hier noch mal die Kürzest­fas­sung mein­er akustis­chen Träumerei (hab’ noch keinen Sender kon­tak­tiert, weil ich erst den größten Teil der Recherchen hin­ter mich brin­gen wollte): 


Das Stück – nen­nen wir ’s mal so – han­delt von dem Schweiz­er Kol­le­gen Matthias von Spal­lart, der vor 35 Jahren mit Nagra und Kun­stkopf-Equip­ment (Sennheis­er-Bügel)  in den ama­zonis­chen Regen­wald auf­brach, auf ganz­er Lin­ie scheit­erte und, noch ehe das Klanghör­spiel fer­tig pro­duziert war, in einem Wald bei Basel erhängt gefun­den wurde. Für die Rekon­struk­tion gibt es eine Menge Inter­views und alle nur denkbaren akustis­chen Doku­mente ein­schließlich der Sende­fas­sung, die beim HR nach dem Tod des Autors ent­stand.

Die Sto­ry ist vielschichtig und reicht weit über das “pri­vate” Schick­sal hin­aus. Sie berührt auch die Radi­ogeschichte. Als ein­er der Ersten wollte Sp. mit dem ger­ade in Mode kom­menden Kun­stkopf einen hal­ben Kon­ti­nent in Tönen und nur in Tönen “ein­fan­gen” und dieses Klan­bild mit ein­er ökol­o­gis­chen War­nung vor der Ver­nich­tung des Regen­walds verknüpfen. 


Diese Ten­denz stammte ursprünglich von Ekke­hard Sass, einem der meist­beschäftigten SFB-Fea­turi­an­er, den ich in der Nähe von Basel 84jährig aufge­spürt und befragt habe. Dann gab ’s noch neben Aldo Gar­di­ni andere Kol­le­gen und Ex-Kol­le­gen aus dem Basel­er Funkhaus, die Schwest­er und eine ehe­ma­lige Geliebte von Sp., in Deutsch­land u. a. Ursu­la Rup­pel (die als HR-Hör­spielchefin mit Unter­la­gen aus dem Archiv geholfen hat) und Christoph Bug­gert, der sein­erzeit fed­er­führend war. 
 

 Das Pro­jekt musste scheit­ern, zumal sich Sp. vom Sub­kon­ti­nent Ama­zo­nia und let­ztlich auch von ein­er brasil­ian­is­chen Sän­gerin über­wälti­gen ließ, die ihm wie eine Göt­tin des Ursprünglichen erschienen sein muss. Leicht zu erken­nen, dass ich mir – eigentlich zum ersten Mal – eine STORY und eine Art Roman­fig­ur als Pro­tag­o­nis­ten angelacht habe. 


Fast alle erzählten mir, dass “Brasil” – so hieß die Sendung schließlich – zu Spal­larts Opus Mag­num wer­den  sollte. Welch­er unser­er heuti­gen Kol­le­gen verbindet sich noch so exis­ten­tiell mit einem einzel­nen Pro­jekt? 


Nun weißt Du alles und darf­st mich ruhig bedauern. Aber wenn ’s geling ?

Und wenn nicht ?


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