Der andere Kanal

Nach­ruf eines West­kol­le­gen auf das DDR-Radio

SFB + ORB 1993  (57:13)


Akus­ti­sches Grund­mus­ter der Sen­dung sind Klang­flä­chen, kom­po­niert aus sämt­li­chen Pau­sen­zei­chen und Sen­d­er­ken­nun­gen des DDR-Rund­funks – Radio DDR I und II, Stim­me der DDR, Ber­li­ner Rund­funk, Jugend­ra­dio DT 64, Radio Ber­lin Inter­na­tio­nal, DS-Kul­tur. Auch die ein­ge­blen­de­ten Ton-Doku­men­te ent­wi­ckeln sich aus die­sem Geräusch­tep­pich.

AUS DEM MANUSKRIPT:

ERZÄHLER  Die Stra­ßen­bahn der Linie 82 fuhr vom Bahn­hof Ost-Kreuz Rich­tung Ober­schö­ne-wei­de / Mahls­dorf-Süd. Ich nahm immer die­se 82, wenn ich Euch besuch­te – dort im Ost-Ber­li­ner Funk­haus. Das war sel­ten. Aber ich hat­te Euch täg­lich im Ohr. Sechs­und­neun­zig-drei hört sie­ben­und­neun­zig-Kom­ma-sie­ben MHz.

(…)

Auf Erden war das alles kom­pli­zier­ter: Visum, Geld­um­tausch, Kon­trol­len. Vie­le Jah­re ging das nur auf Ein­la­dung, im Rudel. Spä­ter durf­ten wir allein.

STRASSENBAHN QUIETSCHT IN DER KURVE, HÄLT

Die Nale­pa­stra­ße ! Aus­stei­gen ! Ich im Pulk der Spre­cher, Redak­teu­re, Sekre­tä­rin­nen und Ton­meis­ter. Musi­ker mit Gei­gen­käs­ten. Alle Rich­tung Funk­haus. Uff Arbeet ! Da war Leben drin.

Nach der Wen­de wur­de unser Trüpp­chen aus der 82 immer klei­ner. Immer klei­ner.

FRAU Z. (LIEST)  “Sehr geehr­te Frau … ! Gemäß Arti­kel 36 des Eini­gungs­ver­tra­ges ist die ‘Ein­rich­tung Hör­funk und Fern­se­hen’ zum 31. 12. 1991 auf­ge­löst. Damit enden auch sämt­li­che Arbeits­ver­hält­nis­se. — Hier­mit kün­di­ge ich das zwi­schen Ihnen und uns bestehen­de Arbeits­ver­hält­nis vor­sorg­lich zum nächst zuläs­si­gen Ter­min. Eine Wei­ter­be­schäf­ti­gung über die­sen Zeit­punkt hin­aus ist wegen des Weg­falls der ‘Ein­rich­tung’ aus den o. g. Grün­den nicht mög­lich …”

ERZÄHLER   So endet Radio­ge­schich­te – mit freund­li­chen Grü­ßen.

SCHNELLL ZURÜCKLAUFENDES BAND

Das müsst Ihr uns noch mal von vorn erzäh­len. Alles ! Ihr habt eine Stun­de Zeit. Erzählt uns von Eurem – lei­der ver­murks­ten – Pro­jekt, mit dem Radio die Welt zu ver­än­dern …

(… …)

INTERVIEW MIT FRAU P.   Wir sind ins Haus bestellt wor­den, um 13 Uhr. Kamen in den sechs­ten Stock. Vor dem Fahr­stuhl stan­den wir alle … Und wie vie­le stan­den da auf dem Flur ? … Na, die gesam­te Tech­nik – Hun­dert. Dann wur­de jeder ein­zeln rein­ge­ru­fen, muss­te sei­nen Namen sagen. Det Tele­fon lag aufm Tisch. Und da wur­de einem gesagt, ob man genom­men wur­de oder nicht … Wer sag­te Ihnen das ? … SEHR BEWEGT Aus Mainz, namen­los … Und was sag­te die Stim­me ? … Es tut uns leid, Sie wer­den nicht über­nom­men. Und – ich hab den Hörer hin­ge­legt — und bin raus­ge­gan­gen … 

Wie lang waren Sie beim Funk ? … 35 und ein hal­bes Jahr …