Berg der heiligen Zwietracht

Felsendom und Klage­mauer — Wem gehört Jerusalem ?

(NDR 2000)

AUS DEM ERZÄHLER-TEXT:  Aus­graben. Sich in die Ver­gan­gen­heit hinein­wühlen … Eine kollek­tive Lei­den­schaft in dieser Stadt. Man sucht Beweise, gräbt nach stein­er­nen Besitzurkun­den — hier die Juden, dort die Moslems. Zwei Nach­barn stre­it­en um das selbe Grund­stück. 

Erzäh­ler: Hans Rain­er Lange – 54:11 – PREMIO ONDAS 2000


AUS DEM MANUSKRIPT:

AUTOR SCHALTET DEN PC EINPC FÄHRT HOCH

Denn siehe: Es ste­ht geschrieben … 

KEYBOARD- UND MAUS

… im World Wide Web. Im neuen Buch der Büch­er. Such­wort: „Jerusalem, Tem­pel­berg“…

COMPUTERSTIMME: „WILLKOMMEN !“ / KEYBOARD- UND MAUS-GERÄUSCHE 

… www.thewall.org … Alle 60 Sekun­den ein Foto. Fast live. Ich kann das Foto ver­größern — die Mauer, die Men­schlein — klick ! … Noch ein Mausklick: Real Audio — der Ton zum Bild — 15, 1 Kilo­byte pro Sekunde. 

STIMME AUS DEM COMPUTER, SUGGESTIV: „The West­ern Wall ten feet in front of us … Nur drei Meter ent­fer­nt … The area fills one with awe … Der Ort erfüllt uns mit Ehrfurcht … They just tell us, that the schi­na, the divine pres­ence, nev­er left the West­ern Wall. Man sagt, das Göt­tliche hat diesen Ort nie ver­lassen …You can almost feel it here in front of us, around us, sur­round­ing us ! Es ist über­all!

WÄHREND DER LETZTEN SÄTZE HAT SICH DAS SOUNDFILE AUS DEM COMPUTER (MONO) IN DIE REALE SZENE VOR DER KLAGEMAUER (STEREO) VERWANDELT: BAR MITZVAHEIN KLANGGEWIRR AUS VIELEN STIMMEN, GEBETEN, GESÄNGEN.

In den Mauerspal­ten nis­ten Schwal­ben, flitzen kleine Eidech­sen. Der Kotel ist die Stütz­mauer des Tem­pel­bergs — nicht die Wand des Tem­pels, wo Rab­bi Jesus gelehrt hat. Dreißig Jahre nach dessen Tod trieben die Zeloten, eine ultra­ortho­doxe mil­i­tante Gruppe, Israel in einen aus­sicht­slosen Krieg. Die Römer unter Titus Flav­ius ver­nichteten die Stadt. Und den Tem­pel.

DIE BAR-MITZVAH-FEIER

Viel los heute mor­gen ! Zweimal die Woche Bar Mitz­vah. Das Fest der Knaben. Mit 13 dür­fen sie zum ersten Mal aus der Tho­ra lesen. Mann unter Män­nern. Ein­er von zehn, laut Gesetz. 

Da kom­men sie gerit­ten, im Tri­umphzug auf den Schul­tern ihrer Väter, Onkel, Brüder. In kleinen flat­tern­den Gebetsmän­teln, die Tef­fil­in um Arm und Stirn geschnürt. 

Junge und ganz alte Män­ner sin­gen, tanzen, klatschen vor Begeis­terung, verzückt — wie David vor der Bun­deslade, damals. Wiegen gold­verzierte Schriftrollen im Arm.

STIMME AUS DEM COMPUTER (REAL AUDIO) UND REALE TUNNEL-TOUR:

We will now walk inside from the West­ern Wall plaza. We’re enter­ing the entry way to the tun­nels. O.k. … Jet­zt geht’s in den Tun­nel ! … The light­ing is quite dra­mat­ic now … Drama­tis­ches Licht ! … The secret pas­sage…

Aus­graben … Sich in die Ver­gan­gen­heit hinein­wühlen … Eine kollek­tive Lei­den­schaft in dieser Stadt. Man sucht Beweise, gräbt nach stein­er­nen Besitzurkun­den — hier die Juden, dort hin­ten irgend­wo die Moslems.

Zwei Nach­barn stre­it­en um das selbe Grund­stück. Die Immo­bilie ist nicht groß — ein Hügelchen — zer­nagt, durch­löchert, ange­bohrt von allen Seit­en. Fuchs­bau, Schweiz­er Käse. Hätte auf drei Fußballfeldern Platz.

STIMME (DEUTSCH) Das ist ein Gefühl … Man kann das … Wir treten auf die Steine und auf die Straßen, die unsere Eltern und Großel­tern in den let­zten 3000 Jahren getreten haben. Und hier in diesem Ort hat der Tem­pel ges­tanden … und König David und König Salomon … Und eine zweite Sache ist ein ganz ein­fach­es Gefühl, dass wir sind jet­zt zu Hause. Das ist der Ort für jeden Men­schen. Jerusalem war, ist und immer wird sein die Haupt­stadt von den Juden. Und jed­er Jud hat eine beson­dere Ver­bun­den­heit mit Jerusalem. Dort ist jed­er Men­sch, jed­er Jud zu Hause!

FREMDENFÜHRER It’s mov­ing … It’s a mir­a­cle that we are back here — after all these years ! Here we are ! Ein Wun­der, wieder hier zu sein — nach all den Jahren! 

Und da oben, ein paar Meter über uns: das Moslem-Vier­tel … Men­schen, Kar­ren, Teestuben, Bazar. Und der Felsendom mit sein­er Gold­kup­pel. Und die Al-Aqsa Moschee, nach Mek­ka und Med­i­na der heilig­ste Ort des Islam. 

BAZAR / GEBETSRUF / FERNSEH-ÜBERTRAGUNG DES FREITAGS-GEBETS 

Hier schallt die Fre­itagspredigt aus den Fernse­hern: „Lasst die Flagge wehen ! Das Land wird frei sein ! Und der Ruf ‘Allah ist größer !’ wird am Him­mel Palästi­nas und in jed­er Straße unseres heili­gen Jerusalem ertö­nen. Denn Jerusalem, die Haupt­stadt, gehört uns…!“

Fünf­mal täglich der Gebet­sruf — „Es gibt keinen Gott außer Gott …“ — Und er mis­cht sich mit den Psalmen und Gesän­gen an der Klage­mauer. Und mit der Litanei der Fre­itagsprozes­sion, die durch die Via Dolorosa zieht zur Grabeskirche, wo man lebens­große Kreuze mieten und wie Jesus durch die Alt­stadt wanken kann — „Rent a cross“.

FRANZISKANER The Thir­teenth Sta­tion. Here Jesus is tak­en down from the cross(…)

EINE GLOCKE / GESANG DER PILGER, ENTFERNT SICH 


Die Bibel hat recht !
Der Koran hat recht !
Der Tal­mud …

Amen ! 
Und Amen !
Und Amen !


Uri Avneri, Jour­nal­ist und Frieden­skämpfer, sagt:

AVNERI  Frieden hat hier nie geherrscht, nicht einen einzi­gen Tag. Jeden­falls nicht in den let­zten 60 Jahren, in denen ich hier lebe. Nicht einen einzi­gen Tag Frieden ! Friede war hier nie — es war immer Kriegszu­s­tand zwis­chen — es ist keine Sache von ein paar Extrem­is­ten. Es ist die Sache der bei­den Völk­er — zwei großer nationaler Bewe­gun­gen. Im Grunde haben Sie hier ein kleines Land, das bei­de der Völk­er als ihr exk­lu­sives Vater­land betra­cht­en. Bei­de Völk­er bestre­it­en nicht nur die Rechte des anderen Volkes auf das Land son­dern prak­tisch sog­ar die Exis­tenz des anderen Volkes seit Gen­er­a­tio­nen. Bei­de Seit­en haben ihren Schädel voll von Mythen, Sagen, Äng­sten, Trau­mas, Vorurteilen — Stereo­typen, die mit der Wirk­lichkeit über­haupt nichts zu tun haben. Und das zu beseit­i­gen, ist eine his­torische Auf­gabe und nicht so leicht.

EHRENBERG Kein Zweifel, dass die Juden waren dort zuerst!

Der Berlin­er Rab­bi Yitzhak Ehren­berg.

EHRENBERG Wir fan­gen an mit unserem Stam­m­vater Abra­ham. Das ist etwa so 3800 Jahre zurück — bevor der Islam über­haupt auf der Welt gewe­sen. Und auch als die Juden später, 3000 Jahre zurück, nach Israel gekom­men und später in Jerusalem den Tem­pel gebaut haben — das ist doch klar, daß das war ein jüdis­ch­er Tem­pel und kein mus­lim­is­ch­er Tem­pel. Das ist ein jüdis­ches Patent, eine jüdis­che Erfind­ung ! Das ist doch nicht zu disku­tieren! 

Und Mustafa Abu Sway, der Philoso­phie-Pro­fes­sor aus Ost-Jerusalem, sagt:

ABU SWAY His­to­ry tells us that you might loose what you have … Die Geschichte sagt uns: Man kann alles schnell wieder loswer­den, was man hat … I real­ly don’t care how you call the polit­i­cal sys­tem. I’m not a big fan of names. I real­ly care less, whether it is a Moslem or a Jew or a Chris­t­ian who’s giv­ing orders…

Mir ist es gle­ich, ob ein Moslem, ein Jude oder ein Christ regiert, sagt Pro­fes­sor Abu Sway. Aber ich möchte als Men­sch behan­delt wer­den — ob in Israel oder Palästi­na ! 

Und ein Tep­pich­händler in der Alt­stadt:

HÄNDLER  It’s only con­flict between offi­cial parts from Chris­tians, Jews and Moslems, because of their own busi­ness and inter­ests, which is lead­ing the poor peo­ple into desasters…

Egal ob Chris­ten, Juden oder Moslems — Es sind immer die da oben, die uns arme Leute ins Unglück stürzen! 

TASTATUR / MAUS 

Ein Online-Sem­i­nar aus Brook­lyn. Gen­e­sis — Kapi­tel 1, Vers 1. — 15, 1 Kilo­byte, Real Audio:

STIMME DES RABBI (ERZÄHLER ÜBERSETZT) The day will come, when the Jews will be going to enter the land of Israel, and they will claim the land from the Cananites liv­ing here … Und die Juden nah­men den Kanaan­itern das Land weg … And they will say: Why are you tak­ing our land ? Like the Arabs say: Why are you tak­ing our land ? … Und so fra­gen heute auch die Araber: Warum nehmt ihr uns das Land ? … And the answer we say — which is the only answer that Ben Guri­on could say to the Arabs who claimed: Why are you tak­ing our land ?: “The Bible ! The Bible is the word of God !“… Schon Ben Guri­on hat­te nur eine Antwort: Die Bibel ! Das Wort Gottes ! … God cre­at­ed it ! And he took it from heav­en and he gave it as the promised land to us, the Jew­ish peo­ple ! … Gott gab uns das gelobte Land — uns, den Juden!

STIMME DES FREMDENFÜHRERS IM TUNNEL (ERZÄHLER ÜBERSETZT)
We are right now stand­ing direct­ly across from where the Holy of Holyest was in the tem­ple … Hier war das Aller­heilig­ste … The holyest place on earth for the Jew­ish peo­ple. For mankind … 
Der heilig­ste Ort für die Juden, für die Men­schheit … This is as close that we can come … Hier sind wir ihm am näch­sten … Just take time … few moments … if you have a prayer … if you have any­thing to ask … if you want to speak to the Cre­ator. This is the place to do it ! … Wenn Sie mit Ihrem Schöpfer sprechen möcht­en — dann jet­zt! 

(…)

EIN KNABE LIEST AUS DER THORA. DIE LEIDENSCHAFTLICHE ANSPRACHE EINES RABBI:

Senores e seno­ras — por favor ! Please lis­ten to me ! Today is the biggest day of Mau­rice Sas­son ! El com­p­lo trece annos e un dia…”

Mau­rice Sas­son aus Mexiko ist heute 13 und einen Tag. Kein Kind mehr — sagt der Onkel aus Ameri­ka.

De hoy Mau­rice Sas­son no mas a child — no more baby ! Mau­rice Sas­son is a man ! (…) Keep on going on the same line…!”

TÖNE EINER SCHOFAR.

Ein­er bläst das Wid­der­horn, die Scho­far. Und jet­zt alle vor die Video-Kam­era!

MUSIKANTEN. RHYTHMISCHES KLATSCHEN.

Was am Mor­gen des 7. Juni 1967 an dieser Stelle geschah, nen­nen die einen „Befreiung“, die anderen aber „Nakhbah“, die Katas­tro­phe. Israel hat­te die Jor­danier ver­trieben. Der Sech­stagekrieg, von ara­bis­chen Nach­barn begonnen, war so gut wie zu Ende. Oliv­grüne Sol­dat­en beteten und wein­ten da vorn an der Mauer. „Unsere Fallschir­mjäger standen vor der Mauer wie ins Trance“, erin­nerte sich später Gen­er­al Uzi Sarkiss. 

Immer mehr Israelis drängten in den näch­sten Stun­den Rich­tung Tem­pel­berg. Hier, vor der Mauer, im Magre­bi-Vier­tel, wo die Nordafrikan­er wohn­ten, war nur eine schmale, stink­ende Gasse, fünf Meter bre­it. Tage später gab es das Vier­tel nicht mehr. Über Nacht hat­ten Bull­doz­er die 136 Häuser eingeeb­net. 600 Fam­i­lien waren obdach­los. Nach eini­gen Monat­en ver­schwand auch die Abu-Saud-Straße, in der Jas­sir Arafat als Kind gespielt hat­te. 

KEYBOARD / COMPUTERGERÄUSCH

Denn siehe, es ste­ht geschrieben …

ERZÄHLER (ZITIERT) „Jew­ish fun­da­men­tal­ists plan to demoslish the noble Al-Aqsa Mosque and build their Jew­ish tem­ple in its place. More than thou­sand peo­ple will attend an annu­al meet­ing of the ‘Builders of the Third Tem­ple’…

Vor jüdis­chen Fun­da­men­tal­is­ten warnt diese Home­page in den Far­ben Palästi­nas. Zum Jahre­str­e­f­fen der ‘Erbauer des Drit­ten Tem­pels’, der den Platz der Al-Aqsa Moschee ein­nehmen soll, haben sich über 1000 Radikale angemeldet… 

(GERSHON SALOMON LIEST JESAJA, KAPITEL 2, VERSE 2 UND 4 — HEBRÄISCH)

Das ist Ger­shon Salomon, Grün­der und Führer der „Getreuen des Tem­pel­bergs“, früher Offizier. In einem Gren­zge­fecht mit Syrien, 1958, über­rollte ihn ein Panz­er und er ver­lor ein Bein. Der größte Augen­blick in seinem Leben, sagt er, war die Befreiung Jerusalems. Auf Krück­en stand er vor der Klage­mauer. Seit damals ken­nt er nur ein Ziel: den Bau des Drit­ten Tem­pels. Es gibt auch schon reich­lich Tem­pel­gerät.

SALOMON (ERZÄHLER ÜBERSETZT) Now here I want to show you the incense (ÖFFNET EINEN SCHRANK) … In the Bible God is speak­ing about eleven kinds of incense… Elf Sorten Weihrauch, streng nach bib­lis­chen Rezepten … It smells very good … This is for instance the cin­na­mon … Zimt ! … You can smell it (AUTOR SCHNÜFFELT)…

Salomons Haup­tquarti­er ! Eine skur­rile, etwas ärm­liche und enge Welt in einem Hin­ter­haus der Neustadt, gle­ich neben der belebten Jaf­fa Road. Auf durchge­bo-genen Regalen stapel­weise Flug­blät­ter, Plakate, Autoaufk­le­ber: „DER TEMPEL-BERG MUSS BEFREIT WERDEN!“ 

Er selb­st: ent­waffnend san­ft für einen Aufrührer, der immer wieder so beängsti­gende Schlagzeilen macht. Ein fröh­lich­er Schnur­rbart. Und die fre­undlich­sten Kinder­au­gen der Welt. Sie leucht­en, wenn er ins Erzählen kommt — beson­ders von den let­zten Din­gen.

SALOMON / ERZÄHLER Salomon God, when he speaks about the end times, he’s speak­ing about a war which the Prophet calls it Gog-and-Magog-war … Gott spricht vom apoka­lyp-tis­chen Krieg gegen Gog und Magog — das Böse schlechthin … We are liv­ing now in time of redemp­tion of the Jew­ish — the Israeli nation. The prophets call it the end times. The last days … Die jüdis­che Nation wird wieder­aufer­ste­hen … I believe, when you will come for your next vis­it in Israel, this you will see on the Tem­ple Mount and in Jerusalem ! (LACHT

Wenn Sie näch­stes Mal nach Jerusalem kom­men, sagt Herr Salomon heit­er und zeigt auf eine Com­put­er­mon­tage, die den neuen Tem­pel an Stelle der Al-Aqsa Moschee zeigt — dann wer­den Sie das hier sehen! 

Macht er Scherze ? 

SALOMON / ERZÄHLER Very real, very prag­mat­ic ! … Von wegen. Das ist alles blutig ernst gemeint … The Arab occu­pa­tion of this land, the land of Israel … Jerusalem … and the Tem­ple Mount espe­cial­ly should be fin­ished ! Höch­ste Zeit, dass wir die ara­bis­che Beset­zung ein für alle mal been­den ! The Arabs are here for­eign­ers… 

Das sind Fremde hier … They robbed this place from the Israeli nation … Sie haben diesen Ort ger­aubt. Machen wir uns doch nichts vor, sagt Ger­shon Salomon, und seine blauen Kinder­au­gen leucht­en: Der Krieg ste­ht vor der Tür… 

MAGEN BROSHI The trag­ic thing about Solomon and his fel­lows is, that the man does not believe in God … Das Tragis­che an Salomon, meint Magen Broshi, der frühere Kura­tor der Qum­ran-Rollen im Israel-Muse­um: Dieser Mann glaubt nicht an Gott … It’s all neat nation­al­ism … Alles blanker Nation­al­is­mus! 


BEN DOV / ERZÄHLER Those are no Jews ! … Das sind gar keine richti­gen Juden, sagt der Schrift­steller und Archäologe Ben Dov … They want some­thing to feel, to touch, to see …Die brauchen immer was zum Fühlen, zum Anfassen, zum Sehen… 


MAGEN BROSHI / ERZÄHLER We live still in a mad­house … I don’t have to tell you how dan­ger­ous things like this (are), when you are min­gling pol­i­tics and reli­gion and nation­al­ism … Muß ich Ihnen sagen, wie gefährlich es ist, Poli­tik und Reli­gion zu ver­men­gen ? … This is real dyna­mite ! … Das rein­ste Dyna­mit ! … One man can set fire … Es reicht, wenn ein­er mit dem Feuer spielt!

KEYBOARD / COMPUTERGERÄUSCHE

Und siehe, es ste­ht geschrieben … Ger­shon Salomon schickt eine Blitzmel­dung:

„Ter­ri­ble Destruc­tion on the Tem­ple Mount … Schreck­liche Zer­störung auf dem Tem­pel­berg … Arabs have dug 10 meters — 33 feet — deep over a large area next to the so called Solomon’s Sta­bles …Für einen weit­eren Ein­gang zur neuen Moschee in den soge­nan­nten ‘Ställen Salomons’, der größten Moschee des Mit­tleren Ostens, haben Araber den Tem­pel­berg 10 Meter tief auf ein­er großen Fläche abge­tra­gen… 

Ein erneuter Ver­such, jüdis­che Iden­tität und 2000 Jahre alte Spuren auszulöschen … Heute abend demon­stri­eren wir gegen diese Bar­barei …Wenn ich Dein vergesse, oh Jerusalem, ver­dorre meine rechte Hand!“

 

UNTER DEN LETZTEN SÄTZEN: KIDRON-VALLEY-DEMO EINBLENDEN

Und da marschieren sie durch Ost-Jerusalem — die radikalen „Frauen in Grün“, mar­tialis­che Grup­pen wie „Hüter der Stadt“ und „Zhot arzenu“ („Das ist unser Land“) und „Jer­uscha­lay­im Schelanu“ („Jerusalem gehört uns“). Und die Stu­den­ten aus der Jeshi­wa „Ateret Cohan­im“, „Kro­ne der Priester“ — eine Art Train­ings-Camp für den Dienst im Drit­ten Tem­pel. Und natür­lich die „Getreuen des Tem­pel­bergs“. Fack­eln und Fah­nen. Sie nen­nen es „Alya“ wie die ersten Zion­is­ten — „Land­nahme“, „Besiedelung“. 

Ein Stoßtrupp, vorder­ste Lin­ie. Hier im palästi­nen­sisch besiedel­ten Kidron-Tal wohnt der Feind. Aufreizen­des Front­ge­fühl. Junge kräftige Män­ner mit Brook­lyn-Akzent tra­gen Cow­boy-Stiefel und Gebet­sriemen. Eine Frau hält das Com­put­er-Bild des Drit­ten Tem­pels wie eine Ikone. Die Teenag­er des Stadt­teils drän­gen sich in Grup­pen hin­ter Sper­rket­ten aus gle­ichal­tri­gen israelis­chen Sol­dat­en. Coole Sprüche fliegen hin und her. Sig­nal­later­nen blinken Nachricht­en von einem Hang des Tals zum andern.

BETENDE MÄNNER, STIMMENGEWIRR, GERÖLL

Hin­ter einem Git­ter gegen Stein­würfe geschützt, drehen Aktivis­ten jeden Brock­en voller Andacht hin und her.

BEGEISTERTER APPLAUS / LAUTSPRECHER-STIMME (NADIA MATAR, HEBRÄISCH)

Das ist Nadia Matar, die Jean d’Arc der Siedler­be­we­gung … “Tausende sind hergekom­men, das beweist unsere Schlagkraft“, schre­it sie in das Mikrophon. Sie ver­flucht Moshe Dajan, der die Fahne Israels vom Tem­pel­berg ent­fer­nt hat. Sie zer­reist „die schändliche Vere­in­barung von Oslo“. Schießt auf den Pre­mier. Giftet gegen all die Weich­linge in der Regierung, die der Welt die Stiefel leck­en. „Schluss damit ! Der Tem­pel­berg muss wieder unser sein!“

… Dieser strahlende Berg da drüben — durch die nächtliche Effekt-Beleuch­tung wie das Märchen­schloss in einem Dis­ney-Film. Ein magis­ch­er Ort. Und immer ein Ort der Gewalt. Wie 1970: Salomons „Getreue“ provozierten eine Keil­erei mit duzen­den Ver­let­zten. Oder 20 Jahre später — an jen­em 8. Okto­ber 1990. 

Ein Mon­tag. Erster Tag des Laub­hüt­ten­festes Sukkot — das jüdis­che Erntedank­fest. Heute sei der Tag der Grund­stein­le­gung für den Drit­ten Tem­pel, oben auf der Plat­tform, hat Ger­shon Salomon auf Flug­blät­tern ver­bre­it­et. Der Ver­such war mehrfach fehlgeschla­gen. Dies­mal aber han­dle man mit Zus­tim­mung des Ober­sten Gerichts.

M. Z. (ARABISCH)

Dieser frühere Lehrer aus einem Dorf am Stad­trand Jerusalems, der nicht genan­nt wer­den will, erin­nert sich noch an die Worte des örtlichen Sheikh: „Wir müssen die Moschee beschützen !“ … Wir wussten, dass etwas geplant war, sagt er. Und viele macht­en sich auf den Weg — auch meine Schwest­er, Mut­ter von neun Kindern, und ihr 20jähriger Sohn.

3000 Moslems gelan­gen trotz strenger Kon­trollen auf den Haram. 18 Meter tiefer, vor der Klage­mauer, beten 20 000 Juden. 

Nach ara­bis­ch­er Darstel­lung bewegt sich ein Stoßtrupp der „Getreuen des Tem­pel­bergs“ direkt auf das Tor des Haram zu, schein­bar unbe­hin­dert durch die Polizei.

M. Z. (ARABISCH)

Die ortho­dox­en Juden kamen durch das Tor von West­en, sagt der alte Mann. Sie drängten Rich­tung Moschee. Die Moslems fin­gen an, zu beten: „Alah u akbar ! Gott ist größer — größer als alles !“ Eine verir­rte Trä­nen­gas­granate explodiert mit­ten in ein­er Gruppe moslemis­ch­er Frauen. 

M. Z. (ARABISCH

Die Moslems vertei­digten sich nur mit Steinen, sagt der alte Mann. Mein Neffe sah einen Sol­dat­en, der auf meine Schwest­er anlegte. Er rief noch: “Nicht schießen !” Aber der schoss ihr genau ins Gesicht, mehrere Kugeln. Vier oder fünf trafen ihn selb­st — ihren Sohn. Meine Schwest­er war gle­ich tot. Nach der offiziellen israelis­chen Ver­sion wer­den an diesem Mon­tag 17 Moslems erschossen und mehr als 100 ver­let­zt. Die Palästi­nenser zählen 22 Tote und 400 Ver­wun­dete..

An mehreren Orten der beset­zen Gebi­ete kommt es nach dem „schwarzen Mon­tag“ zu Massendemon­stra­tio­nen. Ara­bis­che Extrem­is­ten schlacht­en rund ein Dutzend Israelis ab.Die gerichtliche Unter­suchung des Mas­sak­ers bestätigt das ein­deutige Ver­sagen der Polizei und der einge­set­zten Gren­ztruppe. Den­noch wird nie jemand angeklagt. Jahre später über­weist der Staat den Hin­terbliebe­nen jew­eils 10 000 Schekel, 5000 Deutsche Mark.

ABENDSTIMMUNG IN DER ALTSTADT: POLIZEISIRENEN / DIE GLOCKEN DER EVANGE-LISCH-LUTHERISCHEN ERLÖSERKIRCHE / GERÄUSCHE EINES REISIGBESENS

Bib­lis­che Ruhe sinkt über das „Jüdis­che“ und das „Moslemis­che“ und das „Christliche Vier­tel“ der Alt­stadt. Zeit die Kerzen anzuzün­den. Zeit für das Abendge­bet. 

EINE FRAU SPRICHT DIE BRACHA, EIN MANN SINGT DEN ANFANG EINER KORANSURE. INNERES EINER JERUSALEMER REFORM-SYNAGOGE: GEMEINDEGEBET UND GESANG
DER GOTTESDIENST GEHT ZU ENDE / STIMMEN: „SHABBAT SHALOM !“ — „SHABBAT SHALOM !“ — „SHABBAT SHALOM!“



Jeri­cho
Haupt­stadt der Ungeduld 

(SFB / NDR / SR 1994) DAS GOLDENE KABEL (1995)

Erzähler/in: Car­men-Maja Antoni, Peter Simonis­chek – Dauer 57:04

Ein kurz­er Manuskrip­tauszug:


ANSAGE Das Wun­der geschah am 13. Sep­tem­ber 1993 vor dem Weißen Haus in Wash­ing­ton. Zögernd und jede Gemüt­sre­gung ver­ber­gend, reichte Jizhak Rabin, Min­is­ter­präsi­dent Israels, dem Führer der Palästi­nen­sis­chen Befreiung­sor­gan­i­sa­tion, Jas­sir Arafat, die Hand. An diesem Tag ent­stand der Plan zu ein­er Sendung mit dem Titel „Jeri­cho – Haupt­stadt des Wun­ders“. Denn jen­er kleine Ort im Jor­dan­tal soll Sitz ein­er Art Über­gangsregierung wer­den, des palästi­nen­sis­chen Rats. Monate vergin­gen, Monate des Schreck­ens. Blutige Monate im Gaza­s­treifen und in West­jor­danien. Auch in Jeri­cho. Die Begeis­terung des 13. Novem­ber wurde schal. Nun endlich hat die israelis­che Besatzung ihren Wacht­posten in Jeri­cho geräumt.
Aber ist das schon der Friede?“


ERZÄHLER Die 30-Kilo­me­ter-Fahrt im Sam­mel-Taxi von Jerusalem nach Jeri­cho kostet fünf Neue Shekel. Das Taxi ist ara­bisch. Es hat blaue Num­mern­schilder. Zu den Sied­lun­gen der West­bank mietet man ein israelis­ches mit gel­ben Num­mern­schildern. Kosten­punkt 100 Shekel. Kein Araber fährt dich dor­thin.

DER WAGEN HÄLT ANUNTERHALTUNG DES FAHRERS MIT EINEM WACHPOSTENDANN LEBHAFTER DIALOG ÜBERSPRECHFUNK.

Mizpeh Jeri­cho – die jüdis­che Sied­lung auf der “Höhe über Jeri­cho” – reckt ihren schlanken, hohen Wasser­turm wie einen Dro­hfin­ger zum Him­mel: “Dieser Hügel ist beset­zt !”

(…)

STIMME DES IMAM

In jen­er Nacht vor über tausend Jahren” – so erläutert der Imam die Absicht Gottes – “schuf Allah die Klam­mer zwis­chen Mek­ka und Jerusalem (…) Und seit damals ist uns Palästi­na heilig. Und am kost­barsten ist uns Jerusalem. In Ewigkeit“.

Die Moschee von Jeri­cho riecht neu, nach Kalk und Mör­tel und jor­danis­chen Dinar. 

Drei Mil­lio­nen hat der Pracht­bau ange­blich gekostet. Das Minarett ragt an die 40 Meter hoch, kalk­weiß. Land­marke und Dro­hfin­ger. Wie der Wasser­turm da oben in der Sied­lung… …

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