Autonome Maifestspiele

Gesen­det im DLFBRHRWDR und RBB mit den Unter­ti­teln “Der geleb­te Wider­spruch” oder “Der Stein und das Bewusst­sein” (2005).

Spre­cher: Der Autor.


Aus der Sen­dung des Deutschlandfunks:

POLIZEISIRENEN / HUBSCHRAUBER


Auf­ge­reg­te Stim­me:  Hey, das sind doch Schwei­ne ! Jetzt fängt es wie­der an zu stinken!


ABSCHUSS EINER TRÄNENGAS-GRANATE / ZISCHENDES GERÄUSCH

AUF DIE AUSKLINGENDE ATMO:

Frau aus der Ora­ni­en­stra­ße  Das sind Kids aus den abso­lut unters­ten Bil­dungs­schich­ten mit ’n paar Zuge­reis­ten aus Span­dau oder sonst­wo, und für die ist das Action, Event. Das ist wie ein Kampf­spiel. Dann ist es der Sinn und Zweck sich zu trau­en, einen Stein zu schmei­ßen.  Es ist gar nicht der Sinn und Zweck, alles in Schutt und Asche zu machen ! Es geht gar nicht so sehr dar­um, auto­nom, frei oder sonst was zu sein, son­dern um sich zu spü­ren!  Die wis­sen real, und das sagen sie auch: Sie haben doch eh kei­ne Chance.

N. N. (männ­lich)  Ja, es ist die Fami­lie, die ich mir sel­ber aus­su­che. Bei der ande­ren Fami­lie … auf die hat­te ich kei­nen Ein­fluss. Als ich gebo­ren wor­den bin, hat mich nie­mand gefragt, ob die Welt so sein möch­te wie ich sie gra­de haben will. Und mein Vater — der war dann halt auf ein­mal mein Vater. Und jetzt häng ich halt mit Leu­ten rum, die ich gut finde. 

Autor Abge­kop­pelt von zu Hause?

N. N.  Ich hab mit mei­ner Fami­lie nicht mehr viel zu tun, nee. 

Jun­ge Frau  Auto­nom sein hat noch nichts damit zu tun, dass man sich auch von sei­nen Eltern los­lö­sen muss. Ich find ’s auch völ­lig o.k., dass mei­ne Eltern mir Geld zah­len — ein­fach, weil ich noch in der Aus­bil­dung bin. Mei­ne Eltern haben sich ent­schie­den, mich in die Welt zu setzen … 

Stim­me (IM HINTERGRUND) Naja …

Jun­ge Frau  Und so ein biss­chen müs­sen sie halt die Kon­se­quen­zen dafür tragen. 

N. N.  Ich krieg jetzt 40 Euro im Monat von mei­ner Mut­ter, aber ich würd’ von mei­ner Mut­ter auch nicht mehr Geld haben wol­len, weil sie’s ein­fach nicht hat. Weil sie halt extra dafür arbei­ten gehen müss­te, also mehr arbei­ten müss­te noch, um mir das Geld für mei­ne Aus­bil­dung zu geben. Wenn ich mir jetzt vor­stel­len wür­de, ich wür­de immer zu die­ser Aus­bil­dung gehen und wür­de in einer 1‑Zim­mer-Woh­nung woh­nen, da würd’ ich irgend­wann wahr­schein­lich total wegbrechen.

DURCHSAGEACHTUNGACHTUNGHIER SPRICHT DIE POLIZEIICH FORDERE SIE ERNEUT AUFDEN BEREICH DER STRASSENECKE FREI ZU MACHEN UND IN RICHTUNG SÜDEN ABZUWANDERN. SOLLTEN SIE DIESER AUFFORDERUNG NICHT NACHKOMMENWERDEN GEGEN SIE ZWANGSMITTEL IN FORM VON TRÄNENGAS EINGESETZT!”

HUBSCHRAUBERGERÄUSCHPOLIZEI-SIRENENRUFE: “MOLOTOWSTEINELEUCHTSPUHRGESCHOSSE!” – HYSTERISCH SCHLUCHZENDES MÄDCHEN:

Mäd­chen  Das geht doch nicht so! Ich hab doch gar nichts getan! Die haben ein­fach nur noch zugehauen!

Ande­rer Mann  (EHER RATLOS)  Beru­higt sie psy­cho­lo­gisch!  

BERLINER ABENDSCHAU”-BERICHT:

Repor­ter 1  Seit 14 Uhr wird das Hal­te­ver­bot rund um den Mau­er­park kon­se­quent umge­setzt — genau­so wie ab 15 Uhr das Fla­schen- und Dosen­ver­bot. Sämt­li­che Zugän­ge zu der Grün­an­la­ge, aus der im ver­gan­ge­nen Jahr 2000 Fla­chen auf Poli­zei­be­am­te geflo­gen sind, wer­den kontrolliert.

Mode­ra­tor   Kei­ne Schlacht im Alko­hol­rausch! Dass es ruhig bleibt, bezwei­feln aber selbst Gutwillige. 

Repor­ter 2  Erwar­ten Sie denn Gewalt­tä­ter, sie haben Per­so­nen­kon­trol­len durch­ge­führt … Haben Sie schon was fest­ge­stellt? Haben Sie Waf­fen gefunden?

Repor­ter 1  Ein akti­ves Team der Poli­zei als Kon­flik­t­ak­tiv … Anti-Kon­flikt-Poten­ti­al der Poli­zei ist hier vor Ort sozu­sa­gen … Es wird ver­dammt viel getrun­ken, aber im Grun­de ist die Poli­zei mit ihrer Stra­te­gie zur Zeit voll auf Erfolgs­li­nie und hat alles unter Kontrolle. 

PUNK-BAND: „BULLENSCHWEINEBULLENSCHWEINE …“

SPRECHCHÖRE: “STEIN FÜR STEIN !” – „NAZIS RAUSNAZIS RAUS!” / WEG

BAHNHOFS-ATMO

Autor (Stu­dio)  U‑Bahnhof Ebers­wal­der Stra­ße kurz vor Mitternacht.

Jun­ge  Das ist näm­lich das Pro­blem: Die gan­zen Leu­te, die hier rumrennen…

Mäd­chen … haben kei­ne Ideo­lo­gie mehr ! 

Jun­ge  … haben gar kee­ne  Ahnung davon, was sie hier über­haupt machen!

Mäd­chen Man sieht kaput­te Fens­ter­schei­ben und ähn­li­ches, was alles Jugend­li­che waren, die ein­fach mal Frust haben. 80 Pro­zent sind ein­fach Arbeits­lo­se, die sich ein­fach denken …

Jun­ge  Genau! Und wegen den Scheiß-Autonomen …

Mäd­chen  Poli­zis­ten kom­men, und wir kön­nen uns schla­gen, und wir kön­nen end­lich mal den gan­zen Frust, dass mei­ne Freun­din mit mir Schluss macht oder was weiß ich, raus lassen !

Autor  Wie lebt Ihr denn ? Seid Ihr auch so vol­ler Frust ?

Mäd­chen  Ich bin vol­ler Frust!

Jun­ge  Wir sind schon vol­ler Frust, aber wir wis­sen auf jeden Fall, unse­ren Frust auszuleben.

Autor  Wie? (SIE LACHEN ANZÜGLICH)

Mäd­chen  Was ist denn mit den Scheiß-Auto­no­men, Schatz?

Jun­ge  Na, dass irgend­wel­che Arbeits­lo­se, die eben die gan­ze Zeit vom Staat leben… 

Mäd­chen  Das sind aber doch kei­ne Auto­no­men … Die Autonomen…

Jun­ge  Moment – eh ! Die meis­ten von den Auto­no­men sind ein­fach nun mal arbeits­los. Irgend­wel­che Punks oder irgendwelche…

Mäd­chen  Nein, nein … Ich kenn die Bewe­gung zu gut ! Ich war da lan­ge genug mit drin ! Die Auto­no­men — das bil­det ’ne ganz ande­re Grup­pe als die Pun­ker. Sie wol­len für sich was Eige­nes auf­bau­en, sie wol­len Umbruch und sie haben auch gute Ideen dahin­ter. Aber ein Groß­teil sind Jugend­li­che, die kön­nen sich nicht  arti­ku­lie­ren und  ken­nen sich nicht aus und haben auch gar kei­ne Lust da drauf.  Weil Poli­tik … „Ach, Poli­tik ist Schei­ße! Der Staat ist Schei­ße! Poli­ti­ker sind dumm!“ Das ist so!

Jun­ge  Über­leg’ doch: Wer geht denn heut noch von den Jugend­li­chen wählen ?

Autor Ihr geht wäh­len, Ihr beiden?

Jun­ge  Also, ich war n’ paar mal wäh­len. Aber ick geh auf jeden Fall nicht noch mal wäh­len, weil ick nicht wüss­te, wat.

DRUCKLUFTGERÄUSCH EINER ANFAHRENDEN U‑BAHN

Mäd­chen Für mich gibt’s halt drei For­men von Faschis­mus: braun, grün und rot. Die Brau­nen … brau­ner Faschis­mus sind Nazis, grü­ner Faschis­mus sind Poli­zis­ten, und roter Faschis­mus ist die ANTIFA. Weil alle Leu­te ande­re Leu­te ausgrenzen. 

Autor  Was bleibt für Euch noch ?

Mäd­chen  (PARODISTISCH) Ent­eig­nung! (SIE LACHEN)

EIN U‑BAHN-ZUG ENTFERNT SICH

SONG: „IN MEINEM KOPF IST EINE BOMBEICH WILLDASS SIE EXPLODIERT“ – PFLASTERSTEIN / SCHERBEN / AUFRUHR 

ABENDSCHAU-JINGLE

TV-Mode­ra­to­ren  Guten Abend mei­ne Damen und Her­ren ! In die­sem Jahr haben sich die soge­nann­ten Auto­no­men schon mal mit eini­gen Vor­ab-Aktio­nen warm gemacht. Ver­stärk­te Vor­be­rei­tun­gen seit einer Woche auch bei der Poli­zei. Bei­na­he täg­lich war sie im Ein­satz gegen spon­ta­ne Haus­be­set­zun­gen — wie letz­ten Don­ners­tag an der Elde­na­er Strasse.

Poli­zei-Spre­cher  Wir haben natür­lich ana­ly­siert, was hat sich so auf Stö­rer­sei­te in den letz­ten Jah­ren verändert ?

Sozio­lo­ge vor Ort  Alles, was wir pro­gnos­ti­zie­ren kön­nen, ist, dass die all­ge­mei­ne Situa­ti­on sicher­lich dazu führt, dass vie­le jun­ge Leu­te ein­mal im Jahr die Sau rauslassen! 

GETRAGENE HINTERGRUNDMUSIK (KEYBOARD)

Autor (Stu­dio)  1. Mai 2004, Ora­ni­en­platz, 12 Uhr 30.

Pre­di­ger einer frei­kirch­li­chen Gemein­de  Jesus, von Dir kommt aller Frie­de, den Men­schen jemals brauch­ten. Und wir legen die­sen Frie­den auf die­sen 1. Mai — auf jeden der Demons­tra­ti­ons­zü­ge. Wir beten um Schutz auf den Stra­ßen Ber­lins. Jesus, wir beten, dass Du dei­ne Engel sen­dest so vie­le, wie Poli­zis­ten auf den Stra­ßen sind. Seg­ne die Ein­satz­kräf­te die­ser Stadt, dass sie per­sön­lich geschützt sind, dass Du in jedes Poli­zei­fahr­zeug hin­ein­kommst, jeden Ein­satz­lei­ter berätst durch Dei­ne Weis­heit. Amen!

GEMEINDE ANTWORTET ENTHUSIASTISCH: “AMEN !” /  SONG: “HERE I AM TO WORSHIPHERE I AM TO SAY THAT YOUREMY GUIDE …”

Autor   Chris­ten, Sta­li­nis­ten, Maoisten.

RASCHE KREUZ-BLENDE IN SPRECH-CHÖRE: “INTERNATIONALE VÖLKERMORDZENTRALE USA-BRD … VIVAVIVA – PALÄSTINA !” 

Agi­ta­tor  … Ja, Leu­te, reiht Euch ein ! Für eine Welt ohne Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung ! Für eine Welt, in der es kei­ne Krie­ge, kei­ne Frau­en­un­ter­drü­ckung, kei­nen Ras­sis­mus mehr gibt …

SPRECHCHOR: “NIENIENIE WIEDER DEUTSCHLAND !”

Autor  Wie ist denn die­ser Spruch ‚Nie wie­der Deutsch­land’ zu interpretieren? 

Mit­läu­fer  Das weiß ich auch nicht ganz genau. Ich hab da auch schon mit­ge­ru­fen heu­te — ohne genau zu wis­sen, was und wer sich das über­legt hat…

SPRECHCHOR: “NIENIENIE WIEDER DEUTSCHLAND !”

Autor (Stu­dio)  Gedan­ken­spie­le im Kietz-Café.

CAFÉ-ATMO

Ers­ter Mann  Wir sind zual­ler­erst gegen Deutsch­land. Also wir wol­len bei­spiels­wei­se … Es ist für uns auch erst mal o.k., wenn es ’ne gemein­sa­me pol­nisch-fran­zö­si­sche Gren­ze gibt … 

Autor “Pol­nisch-fran­zö­si­sche Grenze” ? 

Ers­ter Mann  Eine gemein­sa­me !

Autor  Ich muss dem so ’n biss­chen nachlauschen …

Ers­ter Mann  „Deutsch­land von der Kar­te strei­chen, Polen muss bis Frank­reich reichen …“

Autor Hab’ ich noch nie gehört… 

Autor als Erzäh­ler  Deutsch­land als Geschichts­müll. Die­ses Land ist für die “Anti­deut­schen” seit dem Holo­caust erledigt.

Zwei­ter Mann  Es geht halt um Natio­nal­staa­ten und ins­be­son­de­re Deutsch­land abzu­schaf­fen und nicht, sich ein Deutsch­land her­bei­zu­re­den, was ’ne wohl­mei­nen­de klei­ne Welt­macht ist oder so. 

Ers­ter Mann  Es wäre gut gewe­sen, den Mor­gent­hau-Plan durch­zu­set­zen, also Deutsch­land zu ’nem Acker­staat zu machen und ihn wirk­lich kom­plett zu deindus­tria­li­sie­ren und halt wirk­lich kaputt zu machen, ja ! Bei die­sem Hoch­was­ser in Dres­den bei­spiels­wei­se, da haben ANTIDEUTSCHE in Dres­den wie auch alle ande­ren Anti­deut­schen die ich ken­ne, sich gewünscht, dass es höher steigt. 

Autor  Weswegen ?

Ers­ter Mann  Ganz klar, weil da Deutsch­land zer­stört wird. Und da saß ich auch vorm Fern­se­her und dach­te mir: Na ja, ich fänd ’s eigent­lich ganz gut, wenn’s höher steigt. Wegen mir kann ganz Deutsch­land unter Was­ser ste­hen. Ganz klar !

PUNK-BAND UND DEMONSTRANTEN: „DEUTSCHLAND MUSS STERBEN /  DAMIT WIR LEBEN KÖNNEN ! /  DEUTSCHLAND VERRECKE !”

Agi­ta­to­rin  O.k. — das war’s hier von uns. Denkt dar­an: nicht so viel Alko­hol ! Seid ver­nünf­tig ! Ach­tet auf die Mann-Deckung ! Und wir sehen uns gleich am Heinrichplatz !

KREUZBERGORANIENSTRASSE – EINE ART VOLKSFEST-ATMO MIT RHYTHMISCHEM KLATSCHENPFIFFENDICHTEM STIMMENGEWIRR

Autor  Schlach­ten­bumm­ler…

Jun­ger Mann mit schwä­bi­schem Akzent  Jetzt bin ich extra von Stutt­gart hier ange­reist, woll­te mal dabei sein …

Autor  Du bist von Stutt­gart hier ? 

Jun­ger Mann Ja, von Stutt­gart noch mal 40 Kilo­me­ter weiter.

Autor  Extra her­ge­kom­men ?

Jun­ger Mann  15 Stun­den her­ge­fah­ren ! Wir sind erst heu­te mor­gen um acht ange­kom­men, sind die gan­ze Nacht durch­ge­fah­ren … Da haben wir halt erst mal geschla­fen im Park drü­ben. Ich schätz noch ein, zwei Stun­den — dann erst geht die Ran­da­le rich­tig los…

Autor  So lang bleibt ihr hier…

Jun­ger Mann  Ja, bis um halb sie­ben, dann geh’n wir rüber zum Zug und fah­ren wie­der heim.

Tür­ki­sche Jugend­li­che  Ganz ehr­lich, wir wis­sen nicht, um was es hier geht. Wir wis­sen, dass es sich um Revo­lu­ti­on han­delt, aber mehr auch nicht.

Tür­ki­sche Jugend­li­che  Hat irgend­was mit Arbeit zu tun … So arbeits­los oder so. Ich glaub, die setz­ten sich ein für mehr Bil­dung — kann das sein?

Betrun­ke­ner  Absa­ge! Der 1. Mai ist ein Fei­er­tag, kein Krawalltag!

Kiez­be­woh­ner  Bin hier der Haus­wart von die­sem Block. Das sind für mich tota­le Idio­ten. Es ist scha­de, dass man so was hier als Bür­ger sehen muss!

Autor  War­um machen die das Ihrer Mei­nung nach ?

Kiez­be­woh­ner Ich glau­be, das wis­sen die sel­ber nicht. Viel­leicht wol­len die auf sich auf­merk­sam machen, auf die­se Mise­re, die hier gera­de so in Kreuz­berg ist. Die haben wir ja so unwahr­schein­lich hier. Aber über­wie­gend sind det ja hier gar­nich die Kreuz­ber­ger. Weil, zum Bei­spiel: Ich kenn hier mei­nen gan­zen Block. Ich hab hier den gan­zen Hun­der­ter Block… Da is fast gar kee­ner bei. Nee, glob’ ick nich…

ORANIENSTRASSE / ECKE HEINRICHPLATZ – ETWAS SPÄTER /  “ABENDSCHAU”-BERICHT:

Fern­seh-Repor­ter  20 Uhr, Hein­rich­platz. Mit der Dun­kel­heit kommt die Dumpf­heit. Plötz­lich flie­gen Stei­ne, Fla­schen, Leucht­ra­ke­ten ohne erkenn­ba­ren Anlass. Ver­mumm­te schei­nen der Poli­zei eine Schlacht regel­recht auf­zwin­gen zu wol­len. Die Poli­zei kommt ohne schwe­res Gerät. Auch kein Schlag­stock­ein­satz, der Unbe­tei­lig­te tref­fen könn­te. Immer wie­der stür­men Ein­hei­ten vor, um sich ein­zel­ne Gewalt­tä­ter her­aus­zu­grei­fen. Immer wie­der Rück­zug durch die Men­ge ohne Ein­satz gegen die Men­ge. Nur ver­ein­zelt kom­men Schau­lus­ti­ge zu Schaden. 

AUFGEREGTE STIMMUNG / BUH-RUFE / POLIZEISIRENEN 

Autor Kreuz­berg, 24 Uhr – Kanns­te mir erzäh­len, war­um Ihr das macht? Ich kapier’ das nicht ganz…

Hei­se­res Mäd­chen  Was? Stei­ne wer­fen? Pass auf — ich kann ’s Dir ganz ein­fach erklä­ren. Es geht dar­um, dass die armen, die schwä­che­ren Leu­te unter­drückt wer­den. Ich zum Bei­spiel bin ein rei­ches Kind. Aber ich seh ein­fach nicht ein, war­um ande­re Leu­te irgend­wel­chen patri­ar­cha­li­schen Maß­nah­men unter­le­gen sein müs­sen. Und der Staat labert nur rum, weiß­te! Und so was kotzt mich an. Ich bin eigent­lich ein fried­lie­ben­der Mensch. Aber wenn ich so was höre, so was sehe — dann geh’ ich sogar gegen den eige­nen Staat an! 

Autor  Der Staat muss ja irgend­wie drauf ant­wor­ten. Und das tut er ja auch…

Hei­se­res Mäd­chen  Ja, schon. Aber has­te mal gese­hen, die GRÜNEN reden sich den Mund fusselig…

Rufe  Eh – komm weg, weg, weg!

Autor Geh biss­chen auf die Sei­te! Pass auf, pass auf!

HASTIGE SCHRITTE. POLIZEISIRENEN.

Hei­se­res Mäd­chen  Was hast du mich gefragt als letztes?

Autor  Ob Du nicht meinst, dass alles dadurch noch schlim­mer wird, weil der Staat  gezwun­gen wird, immer här­ter zurückzuschlagen?

Männ­li­che Stim­me  Könnt Ihr nicht auf­hö­ren mit Eurem Interview?

Hei­se­res Mäd­chen  Okay…

RUFE (“Weg da! Weg da! Hei­di!”) / GERENNE / PFEIFFKONZERT / KRACHER / ENTFERNTE LAUTSPRECHER-DURCHSAGEN 

DIE SZENE BERUHIGT SICH / NUR NOCH EINZELNE SCHRITTE UND STIMMEN / GLASSPLITTER UND LEERE DOSEN AM GEHWEG

Autor (im Stu­dio)  Der 2. Mai. 

RBB REGIONAL-PROGRAMM:

Fern­seh-Repor­ter  Nicht viel zu tun für die Stein­set­zer heu­te Vor­mit­tag am Hein­rich­platz im Gegen­satz zu den Vor­jah­ren. Und auch sonst kaum wahr­nehm­ba­re Schä­den in Kreuz­berg. Hier ein paar zer­bro­che­ne Fens­ter­schei­ben, dort eine ange­ko­kel­te Müll­ton­ne oder der Abdruck im Asphalt. 60 Sach­schä­den zählt die Poli­zei bis­her, dar­un­ter in Kreuz­berg kein Auto. Dafür 250 ver­letz­te Poli­zei­be­am­te in den bei­den ver­gan­ge­nen Nächten. 

Poli­zei­spre­cher  Es han­delt sich ganz über­wie­gend um leich­te Blessuren.

Fern­seh-Repor­ter  Es sieht so aus, als sei das zwei­tä­gi­ge über­aus gewalt­tä­ti­ge Kra­wall-Ritu­al der letz­ten Jah­re durchbrochen.

Innen­se­na­tor im Fern­se­hen  Also, ich hab den Ein­druck, die Auto­no­men wer­den älter…

EIN MOTORRAD HÄLT

Mann  Wie sieht ’s aus ?

Autor  Bitte ?

Mann  Wie sieht ’s aus ? Gibt ’s irgend­wo noch Verletzte ?

Autor  Ich weiß es nicht … Ich hör’ kei­nen Funk … Ich hab hier ’n Tonbandgerät !

Mann  Ach so …

DAS MOTORRAD ENTFERNT SICH

➤ Fea­tures (deut­sch/­In­fo-Tex­te)