Zwischen Wüste und Elfenbeinturm

Ein Sem­i­nar­bericht

Von der schö­nen Aus­sicht aus den Elfen­bein­tür­men am Rande der Wüsten” — so über­schrieb ein Stu­dent seine Sem­i­narar­beit im Fach­bere­ich Kom­mu­nika­tions- und Medi­en­wis­senschaften der Uni­ver­sität Leipzig im Som­merse­mes­ter 1994. Als Sem­i­narleit­er hat­te ich den Zus­tand und die Zukun­ft­saus­sicht­en des Gen­res Radio-Fea­ture zum The­ma gemacht. 

Der stu­den­tis­che Befund in Kurz­fas­sung:
Die Zuhör­erzahlen stag­nieren. Nur noch mar­gin­al nimmt der Radio-Doku­men­taris­mus am gesellschaftlichen Diskurs teil. Das Fea­ture-Pub­likum ist “über­al­tert”. Eine jün­gere Autoren- und Zuhör­er-Gen­er­a­tion wächst kaum nach. Fea­ture wirkt elitär, wie aus dem Elfen­bein­turm. “Priv­i­legierte Geschicht­en­erzäh­ler”, “Ohren­rauschfa­natik­er”, “Sek­tier­er an den Reglern” hal­ten mit ein­er Art Altersstarrsinn an der “reinen Lehre” fest, ver­schanzt hin­ter ihrem öffentlich-rechtlichen Kul­tur­auf­trag — während sich ander­er­seits “die Pri­vat­en” nur noch “durch den Zeit­punkt ihrer Verkehrsnachricht­en” von einan­der unter­schei­den.

Die Wet­tbe­werb­snachteile des “hohen Fea­tures” (“Quotenkiller”, “Kind aus erster Ehe, dessen Unter­halt schon lange unan­genehm zu Buche schlägt”) wur­den aber auch als beson­dere Stärken des Gen­res beschrieben. Das Radio-Fea­ture, for­mulierte ein Stu­dent, sei wie ein “Hak­en im Pro­gramm, an dem meine Sinne hän­gen bleiben”. Und eine Kom­mili­tonin zitierte den Sprach­psy­cholo­gen Friedrich Kainz: “Der Lust­wert erhöht sich, wenn Schwierigkeit­en über­wun­den wer­den müssen. Die ästhetis­che Auf­fas­sung ist nicht weich­lich, sie mutet uns Anspan­nung der Kräfte zu Allerd­ings: Schon den jun­gen Jour­nal­is­ten werde in den aktuellen Abteilun­gen des pri­vat­en (aber zunehmend auch des öffentlich-rechtlichen Rund­funks) “als erstes klargemacht, nicht mehr als anderthalb oder zwei, aller-höch­stens aber drei Minuten für ihre Beiträge zu pla­nen”. Sie lern­ten nicht, ein The­ma zu entwick­eln. Es genüge, das The­ma anzureißen, zu “über­fliegen”. Die “For­mate” oder “Pro­gramm-Pro­file” ver­langten es so.

Das Halb-Stun­den-Fea­ture ste­ht auf der Liste anste­hen­der Verän­derun­gen ganz oben. Auch kürzere For­mate wur­den angeregt. Zitat: “Es gibt The­men, die sich nach zwei Stun­den noch nicht erschöpft haben. Es gibt andere, bei denen eine halbe Stunde reicht, 20 Minuten, 15 gar (… ) 15 Minuten kön­nen je nach The­ma eine inten­si­vere Wirkung her­vor­rufen als eine Stun­densendung, bei der man nach 15 Minuten umschal­tet (… ) Das Fea­ture sollte sich von den alten Län­gen­vor­gaben auch ide­ol­o­gisch lösen. Es muss flex­i­bler wer­den.

Sollte das Fea­ture auf die lange Form also ganz verzicht­en ? Hieße das nicht — auf ein anderes Feld über­tra­gen -, den Seit­enum­fang von Roman- und Sach­buch­manuskripten der ver­min­derten Konzen­tra-tions­fähigkeit unser­er Video-Clip-Kids anzu­passen ?

Dem Nach­wuchs eine Chance” zu geben, sei ein wichtiges Argu­ment für kürzere Fea­ture-For­men, schrieb eine Stu­dentin. Anfänger müssten sich aus­pro­bieren kön­nen (“Kein­er wird als Fea­ture-Autor geboren”). Son­st werde das Genre eindi­men­sion­al. Es ver­greise. Also: Großes Haus und Probe­bühne, das Stun­den­fea­ture und die kurze Form nebeneinan­der.

Nur: w i e kurz darf ein Fea­ture sein, das den Namen noch ver­di­ent ? Wo ist zeitlich die untere Gren­ze ? Fea­ture heißt ja: tiefer schür­fen, ein The­ma gründlich­er — von allen Seit­en — behan­deln. Ist ein Kurz-Fea­ture über­haupt denkbar ?

Gewiss: “Kleine” The­men erlauben auch die kleine Form. Aber sind das dann noch Fea­ture-The­men. Ander­sherum: “Große” The­men, in kleine For­mate gepresst, wer­den nur noch ober­fläch­lich angekratzt. Das aber leis­ten die Autoren aktueller Kurzbeiträge eben­so gut, nur schneller (und bil­liger).

Fea­ture-Fast-Food — ein klas­sis­ches Para­dox­on. Das anspruchsvolle, sper­rige Pro­dukt ver­weigert sich der leicht-kon­sum­ier­baren Zubere­itung, der Por­tion­ierung in ohren­gerechte Hap­pen. Hil­ft dann vielle­icht das bessere Mar­ket­ing und mehr Reklame-Lärm ?

Der “Durch­schnittshör­er”, monierten die Stu­den­ten, wisse ja gar nichts von dem Ange­bot “Fea­ture”. Das Pro­dukt müsse “in der Radi­oland­schaft erst ent­deckt wer­den”, es sei nicht präsent: “Aus Höflichkeit hört kein­er Radio (… ) Wenn man eine Ware verkaufen will, müssen die Käufer von der Exis­tenz dieser Ware wis­sen”. Und: “Fea­ture ist ein Luxu­sar­tikel des Pro­gramms, und dementsprechend muss er bewor­ben wer­den”.

Die Krise des Fea­tures — ein Fall für die Mar­ket­ing-Abteilung ? Liegt das ganze Heil in ein­er besseren “Verkaufe” ? Ist der Inhalt nur noch zweitrangig, die Ver­pack­ung alles ? 

Zitat aus ein­er Sem­i­narar­beit: “Als gele­gentlich­er Hör­er kann ich sagen, dass mir die Fea­tures im Gedächt­nis geblieben sind, in denen mir auch der Erzäh­ler plas­tisch wurde, indem er mich teil­haben ließ an seinen Gefühlen, den Beun­ruhi­gun­gen, Erle­ichterun­gen, Über­raschun­gen bei der Begeg­nung mit denen, die das Fea­ture durch ihre Geschichte oder ihre Stimme tra­gen; indem er seine Mei­n­ung deut­lich wer­den ließ, sie mir aber nicht auf­drück­te, und mich zwang, mir meine eigene zu bilden …”

Para­dox: Das Wort “Fea­ture” ist in aller Munde. Alle Pro­grammsparten nehmen es für sich in Anspruch. Das hässliche Sprachderivat “ver­fea­turen” wurde zum Mode­be­griff. Aber nur wenige Fachkol­le­gen / -kol­legin­nen kön­nen das Wort in die Prax­is über­set­zen. Kaum eine Hand­voll investiert noch “blood, sweat and tears” in diese sehr kom­plexe Tätigkeit.

Das akustis­che Fea­ture in sein­er ursprünglichen Bedeu­tung (als per­fek­te Sym­biose von “emanzip­iertem”, das heißt auf weit­en Streck­en für sich selb­st sprechen­dem O-Ton und hineinkom­poniertem Text) ist sel­ten gewor­den, während kon­ven­tionelle Text-Fea­tures mit “akustis­ch­er Unter­malung” wieder bre­it­en Raum ein­nehmen — ein Salto rück­wärts in die Zeit vor P. L. Brauns “Hüh­n­er”, “8 Uhr 15, OP III Hüft­plas­tik”, “Hyä­nen” und “Glock­en in Europa”. Und dies angesichts tech­nis­ch­er Entwick­lun­gen, von denen Braun & Co vor 25 Jahren ver­mut­lich nicht ein­mal geträumt haben — man denke nur an die Bril­lanz dig­i­taler Tonaufze­ich­nung und -ver­ar­beitung.

So ver­liert das gehätschelte, kost­spielige Son­ntagskind des Radios allmäh­lich an Kom­pe­tenz. Als kul­tur­poli­tis­ches Feigen­blatt und Ali­bi für die Gebühreneinzugs­berech­ti­gung des öffentlich-rechtlichen Sys­tems vor­läu­fig noch geduldet, hält das Fea­ture eine äußerst ver­wund­bare Stel­lung.

Was also tun ?

Jede Gat­tung bezieht ihre Stärke aus großen Entwür­fen. Der let­zte “große Wurf” — die Erfind­ung des akustis­chen Fea­tures — liegt über ein Viertel­jahr-hun­dert zurück. “Hüh­n­er” und “Hyä­nen” sind Geschichte. Das Fea­ture der neun­ziger Jahre muss auf die Verän­derun­gen der Welt und der Medi­en-Welt mit neuen Entwür­fen antworten.

Eine Rei­he for­maler Mit­tel sind ver­braucht oder haben an Wirk­samkeit ver­loren. “Klas­sis­che” Felder sind vom Fernse­hen belegt oder — wie das “akustis­che Reise­bild” im Zeital­ter des Massen­touris­mus — anachro­nis­tisch. Die Frage, welche the­ma­tis­chen Kat­e­gorien dem Hörmedi­um am ehesten entsprechen oder — anders aus­ge­drückt — sich “dem Bildmedi­um entziehen” (Braun), müsste am Anfang ein­er Stan­dort­neubes­tim­mung ste­hen.

Welche Felder sind noch (oder wieder) zu beset­zen ?

Die Inten­sität der geforderten “ständi­gen Diskus­sion” wird davon abhän­gen, ob “die Fea­ture-Fam­i­lie” noch fähig ist, ein Grup­penge­fühl zu entwick­eln, ver­gle­ich­bar mit dem britis­chen Doc­u­men­tary Film Move­ment der 3oer und 4oer Jahre, dem schöpferischen Kraft­feld um die “Cahiers du Cin­e­ma” in den 50er und frühen 60er Jahren oder der enthu­si­astis­chen Erfind­er-Gemein­schaft aus Pro­gram­mgestal­tern, Autoren und Tech­nikern im SFB der 60er und 70er Jahre. Öffentlich aus­ge­tra­gen­er Stre­it und the­o­retis­che Arbeit aus der gegen­seit­igem Ken­nt­nis neuer Pro­duk­tio­nen müssen wieder selb­stver­ständlich wer­den.

Ich plädiere für eine lustvolle Hin­wen­dung zu jen­em oft ver­nach­läs­sigten, schemen­haften Gegenüber, genan­nt “Hör­er” oder “Pub­likum”; für ein Neues Autoren-Fea­ture, das kom­pe­tent vor­ge­tra­gene, orig­inelle und möglichst provozierende Stand­punk­te mit den Errun­gen­schaften des “akustis­chen Fea­tures” (tech­nisch und dra­matur­gisch) verbindet.

Das Fea­ture wird gebraucht. Es gehört zur (Medien-)Kultur dieser Repub­lik. Freilich müssen die Gegen­stände unser­er Bemühun­gen das Pub­likum ange­hen, also in umfassen­dem Sinn The­men der Zeit sein. Der Hör­er müsse spüren, schrieb eine Leipziger Stu­dentin in ihrer Sem­i­narar­beit, “dass sich ein Autor nur seinetwe­gen ins Auf­nahmes­tu­dio bzw. an den Schreibtisch geset­zt” habe.

Ich füge hinzu: Eine neue Gen­er­a­tion von Autoren, Regis­seuren und All­round­tal­en­ten des Radios muß mobil­isiert wer­den.

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