anderen Seite einzunehmen - und sei es die von Jack the Ripper.

Entmystifizierung heißt seine Leidenschaft. Unbekanntes, Unerklärliches ängstigt - den einzelnen wie die Gesellschaft. Der Reporter erklärt, indem er beschreibt. Er kann Monster in Menschen zurückverwandeln und Horrorszenarien in vorstellbare Orte. Er macht die Welt wieder kenntlich.

Ausgangspunkt des Reportagefeatures ist immer die erlebte Wirklichkeit. Der Reporter muss ERLEBEN. Wie viel er an Mut, Überzeugungskraft und ökonomischer Unsicherheit dafür investiert, ist seine persönliche Sache. Keine Standesvertretung nimmt ihm die Entscheidung ab. Erlebnisse sind individuell, nicht mehrheitsfähig und nicht beliebig reproduzierbar.

Als typische Einzelgänger, besessen von „ihrem“ Thema, sind Reporter immer in Gefahr, sich zu verrennen. Sie verlieren leicht die Bodenhaftung. Erfahrene Fluglotsen müssen sie dann behutsam zur Erde zurück- dirigieren. Die professionelle Arbeitsteilung Reporter/ Redaktion ist Voraussetzung für ein gelungenes Reportage-Feature.

Auch die Fakten, die der Reporter (zugleich der Reportage-Feature-AUTOR) zusammenträgt, sind anderer Natur als die Stoffsammlung des Internet. Er sammelt Fahrkarten und Prospekte, er notiert Farben, Gerüche, Wetterphänomene, er steckt alles ein, was am „Tatort“ herumliegt. Stoff aus erster Hand, „aus dem Leben“, ist immer eine persönlichen Wahl. „Nothing’s true for everybody“ formulierte Orson Welles in einem Interview. Der Untertitel seiner Radio-Show The Mercury Theatre on the Air hieß programmatisch „First Person singular“.