Denn dafür benutzt das Radio unser Gehirn: als Bühne, als Projektions-fläche eigener Imagination. Radio "vertont" nicht das Sichtbare, ist nicht "Fernsehen ohne Bild" - Radio produziert Vorstellungen, innere Bilder. Es ist in den Worten unseres Lehrmeisters Orson Welles "The Theatre of Imagination". Und diese schöne Umschreibung trifft besonders auf den Hörfilm zu.

PROBLEM NUMMER 3: DIE AMBIVALENZ DES ORIGINAL-TONS

Mitte der 80er Jahre unternahm ich den Versuch, das weithin unbekannte Territorium der UdSSR akustisch abzubilden. Der Radiohörer vernahm das "Reich des Bösen" (Ronald Reagan) als marschierende Stiefel-Kolonnen und knirschende Panzerketten auf dem Pflaster des Roten Platzes. Dieser Sound war ergänzungsbedürftig. Allerdings reichte mir das bloße Hinhören und Wiedergeben damals nicht aus. Ich wollte mit Hilfe des O-Tons auch in die historischen und sozio-politischen Tiefenschichten vordringen.

Von heute aus betrachtet, war das Ergebnis zwiespältig. Zuviel versuchte ich dem O-Ton als Bedeutungsträger zuzumuten. Bei einer Diskussion nach der Vorführung des Hörstücks MOSKAUER ZEIT in Berlin lobte ein Zuhörer die Panzerketten-Metapher, die mit einer Rundfunkrede Michail Gorbatschows montiert war. Was er da gehört hatte, waren allerdings beileibe keine Panzerketten, sondern die Geräusche startender Lastkraftwagen und Baumaschinen. Das akustische Bild sollte "Schwung" und "Aufbruch aus der Lethargie" ausdrücken - also das genaue Gegenteil.

Die Arbeit mit Originalgeräuschen bedeutet auch: mit Enttäuschungen leben lernen. Der norwegische Wasserfall klingt wie die häusliche Dusche, das Schaum- bad hingegen wie ein knisternder Kamin, die