Denn anders als das unwissende Mikrophon, das immer nur eine Summe des augenblicklich Hörbaren abbildet, hören Menschen selektiv und reflektierend; filtern aus den Umgebungsgeräuschen - wie mit einem Equalizer - der Reihe nach einzelne Frequenzen heraus; identifizieren die dazu gehörenden Schallereignisse und ihre Bedeutung. Und zusätzlich vollführen unsere Augen Schwenks und Zooms und vervollständigen die akustischen Mitteilungen aus unserer Umwelt durch optische. So kommt es, dass wir auf der anderen Straßenseite - durch all den Verkehr hindurch - eine Person schreien hören (sie reißt ja den Mund auf, sie tut aufgeregt u.s.w.) - doch die Aufnahmeapparatur registriert nichts dergleichen, nur einen Cocktail aus Motorenlärm.

PROBLEM NUMMER 2:

Der Hörer (der Empfänger unserer Audio-Botschaft) hört ja gar nicht unsere Aufnahme. Was an seinem/ihrem Trommelfell ankommt - in Luftschwingungen umgewandelte Tonreize - entspricht zwar noch weitgehend dem Original. Aber der kurze Weg bis zum Hörzentrum im Gehirn genügt, aus dem Original unterschiedliche Kopien zu machen, und zwar so viele Kopien wie es Zuhörer gibt.

Wir gleichen die akustischen Eindrücke mit unserem eigenen Erinnerungs-Archiv ab, fügen hinzu, filtern, füllen Lücken auf. "Der Wald im Radio", sagte ein kluger Selbst-Beobachter, ist der "Wald unserer Erinnerungen". Hören ist Erinnern und Vergleichen. Das Geräusch der herandonnernden Lokomotive lässt unseren Hirnspeicher ein ganzes Arsenal von Lokomotiv-Abbildungen und -Eigenerinnerungen durchrasen. Was wir - Millisekunden später - tatsächlich "hören", ist bereits unsere Version. Das Original war kaum mehr als ein Rohling, ein Muster, und je klarer dieses Muster ausfiel, umso vielfältiger und "farbiger" sind nun die Kopien.