Deshalb ärgert mich das Wort „Collage“, diese begriffliche Mogelpackung. Denn sie gibt vor, der Zuhörer einer Radiosendung habe auch nur annähernd die Freiheit eines flanierenden Museumsbesuchers. Beileibe nicht ! Was immer wir tun in unserem Metier: Wir erzählen - wie die Märchentanten und Großmütter, diese Erzählprofis aller Breiten und Zeiten: „Und dann ... und dann ... und dann ...“
Wir bestimmen das Tempo, beschleunigen, verlangsamen, setzten zur Stretta, zur effektvollen Schlusssteigerung, an. Wir machen Pausen zum Luftholen. Für die Spanne unserer Sendung sind wir die Herrscher der Zeit. Wir beherrschen auch die Zeit unserer Zuhörer. Sie sind uns ausgeliefert ! (Schlimmer noch: Sie sitzen uns auf dem Knie und wollen immerzu etwas erzählt haben).

Zu keiner Zeit, an keinem anderen Ort ist hingebungsvoller über Medienwirkung theoretisiert worden, als in der Sowjetunion der 20er und frühen 30er Jahre. Filmkünstler wie Pudowkin, Wertow, Dowschenko und vor allem Eisenstein entwickelten einen ausgefeilten Kanon dramaturgischer Gesetze. Im Zentrum: die MONTAGE.

Laut Sergej Michailowitsch Eisenstein (1898 - 1948) ist Montage „die Syntax des folgerichtigen Aufbaus aller Einzelfragmente eines künstlerischen Films“, eine „elementare Regel filmischer Orthographie“ (Eisenstein war Ingenieurstudent und Architekt, im Pionierkorps der Roten Armee baute er Brücken). Vor allem aber ist Montage „filmisches Erzählen“, die Technik des gestalteten Nacheinander - nicht zu verwechseln mit Chronologie. Ein Zeitablauf, über den berichtet wird, kann z. B. durch andere Perioden und Schauplätze unterbrochen werden (Rückblenden etc.), ohne dass wir Hörer aus dem Tritt geraten. Bereitwillig überspringen wir Jahre und Jahrzehnte.