Hochzeit mit dem Feind

Bun­deswehr nimmt NVA — Album ein­er Vere­ini­gung
SFB / BR / Funkhaus Berlin / NDR, WDR 1991 (Auszüge)

Am Rand der Gemeinde Dabel, Kreis Stern­berg, Bezirk Schw­erin (2000 Ein­wohn­er), hin­ter Kiefern und Birken, geschieht das nie Dagewe­sene: Zwei Armeen vere­ini­gen sich; die Geg­n­er — schw­er bewaffnet und in jahrzehn­teal­tem Mis­strauen erstar­rt — feiern Hochzeit. Alle Mann im gle­ichen Rock.

Wie in vie­len anderen Gar­nison­städten der ehe­ma­li­gen DDR schwören NVA-Offiziere nun auf Schwarz-Rot-Gold ohne Ham­mer und Zirkel; geloben Rekruten in feier­lich­er Zer­e­monie, “der Bun­desre­pub­lik Deutsch­land treu zu dienen und das Recht und die Frei­heit des deutschen Volkes tapfer zu vertei­di­gen”. Allerd­ings: Alte Gewohn­heit­en und Denkmuster sind schw­er­er zu wech­seln als Uni­for­men, und die kleine Mannschaft der Bun­deswehr-Instruk­teure (West) — in Dabel sechs Mann gegenüber tausend­vierund-neun­zig Sol­dat­en und hun­dert­fün­fund­fün­fzig Zivi­langestell­ten (Ost) — wirkt zuweilen wie ein Fähn­lein ver­sprengter Pio­niere oder Mis­sion­are unter fremd­stäm­mi­gen Kriegern.

Beruf­sof­fiziere, samt und son­ders SED-Parteim­it­glieder und auf Befehl und Gehor­sam gedrillt, sollen nun die Grund­sätze der inneren Führung (“Bürg­er in Uni­form”) ver­wirk­lichen. Die Wehrpflichti­gen aber sind ohne Moti­va­tion. Der Staat, den sie im Ern­st­fall unter Ein­satz ihres Lebens vertei­di­gen müssten, wird viele nach der Mil­itärzeit vor­erst in die Arbeit­slosigkeit ent­lassen. Die um-gek­lei­de­ten, “gewen­de­ten” Vorge­set­zten sind unglaub-würdig. Und die neue Frei­heit ver­leit­et zu “Diszi­plin­losigkeit”, Leck-mich-am-Arsch-Stim­mung und offen­er Ran­dale.

Eine Woche lang hat Hel­mut Kopet­zky die meck­len­bur­gis­chen Vere­i­ni-gungswe­hen beobachtet — in der Wach­stube, in den Mannschaft­sunter-kün­ften, auf dem Exerzier­platz, im Dien­stz­im­mer des Kom­man­deurs, in der Mil­itär­wohn­sied­lung, im Dorf.