Geräusch-Inszenierung versus “Authentizität”

Einige Anmerkun­gen über die Vieldeutigkeit von Geräuschen im Radio 
Erschienen in CUT-Mag­a­zin(“Fea­ture-Work­shop”)

Natür­lich erhal­ten Sie den O-Ton von Sevil­la”, schreibt der Autor an die Fea­ture-Redak­tion. Und er meint: Sevil­la soll in seinem Stierkampf-Fea­ture Hör­platz sein, akustisch anwe­send, unver­wech­sel­bar. Doch am Ende wird der Autor besten­falls eine Kollek­tion von O-Tönen aus Sevil­la mit­brin­gen, eine Auswahl von Klan­gereignis­sen, die er (und so nur er) auf Ton­band aufgeze­ich­net hat. Den O-Ton “Sevil­la” gibt es nicht. 

Sobald wir das Mikrophon in die Hand nehmen, begin­nt die “Manip­u­la­tion”. Schon die Beschaf­fen­heit der Auf­nahme-Appa­ratur, das ver­wen­dete Spe­icher­ma­te­r­i­al, der prak­tis­che Umgang mit den Geräten, Wet­ter, Jahres- und Tageszeit, Wahl des Orts, der Rich­tung, des Auf­nah­mewinkels u.s.w. entschei­den über den akustis­chen Ein­druck, den das Hör­pub­likum von der ‘objek­tiv­en Wirk­lichkeit’ erhal­ten wird.

Die 1:1 Auf­nahme ist also keineswegs ‘die Wirk­lichkeit’ und schon gar nicht ‘die Wahrheit’, vielmehr weit­ge­hend ein Zufall­spro­dukt — während es doch darum geht, das Charak­ter­is­tis­che eines Ortes / ein­er Sit­u­a­tion zu über­mit­teln.

Anders als das unwis­sende Mikrophon, das immer nur eine Summe des augen­blick­lich Hör­baren abbildet, hören wir selek­tiv und reflek­tierend. Wir fil­tern aus den Umge­bungs­geräuschen — wie mit einem Equal­iz­er — der Rei­he nach einzelne Fre­quen­zen her­aus, iden­ti­fizieren die dazu gehören­den Schallereignisse und ihre Bedeu­tung; und zusät­zlich vollführen unsere Augen Schwenks und Zooms und ver­voll­ständi­gen die akustis­chen Mit­teilun­gen aus unser­er Umwelt durch optis­che. So kommt es, dass wir auf der anderen Straßen­seite — durch all den Verkehr hin­durch — eine Per­son schreien hören (sie reißt ja den Mund auf, sie tut aufgeregt u.s.w.) — doch die Auf­nah­meap­pa­ratur reg­istri­ert nichts der­gle­ichen, nur einen Cock­tail aus Motoren­lärm.

Das Grundgeräusch unser­er Umwelt — ein tiefen­be­tontes Bre­it­bandgeräusch (der kanadis­che Kom­pon­ist und Kom­mu­nika­tions- wis­senschaftler Richard M. Schafer spricht von ein­er “LoFi-Laut­sphäre”) verschlingt/ eli­m­iniert die einzel­nen im Raum verteil­ten Schallsig­nale unter­schiedlich­er Fre­quenz und Mod­u­la­tion. Es bleibt: ein Gemenge, ein Brei, akustis­ch­er Schlamm. Das Klang­bild, das der Men­sch früher­er Zeit­en dank sein­er bei­den Ohren immer stereophon — räum­lich wahrgenom­men hat, tendiert heute zur Mono­phonie (gle­ich Monot­o­nie). Die akustis­chen Infor­ma­tio­nen in ihrer Massierung löschen einan­der gegen­seit­ig aus — als würde ein und das selbe Blatt Papi­er immer und immer wieder beschrieben, bis nichts mehr zu entz­if­fern ist.

Die unmit­tel­bare sinnliche Wahrnehmung unter­schei­det sich von der tech­nis­chen Aufze­ich­nung und Über­mit­tlung eines Schallereigniss­es noch in einem anderen wesentlichen Punkt: Der Men­sch am Ort des Geschehens ist in der Lage, eine Sit­u­a­tion (also auch ihre akustis­che Kom­po­nente) augen­blick­lich — “in the flash of an eye” — in sich aufzunehmen. Sie schmilzt “im Augen­blick” zusam­men..

Unser Medi­um hinge­gen ist die Zeit, das Ver­stre­ichen von Zeit. Was das Auge müh­e­los in Sekun­den­bruchteilen “liest”, muss unser Ohren-Hirn-Kom­plex zumeist erst analysieren und inter­pretieren, das heißt wohl auch: in “Bilder” umset­zen. Das Geräusch der her­an- don­nern­den Loko­mo­tive läßt meinen Hirn­spe­ich­er ein ganzes Arse­nal von Loko­mo­tiv-Abbil­dun­gen und -Eigener­in­nerun­gen durchrasen. Und obwohl dies mit unglaublich­er Geschwindigkeit geschieht, ver­läuft dieser Iden­ti­fizierung­sprozess doch langsamer als das Erken­nen und Erfassen von Bildern. Schon dieser Umstand erlaubt mir keine “mon­tage rapi­de”, keine Flut von Geräuschen ana­log zu Eisen­steins Odessaer Treppe. Die organ­isierte Bilder­flut des “Panz­erkreuzer Potemkin”, zum Beispiel, zwingt den Betra­chter in die Filmhand­lung hinein. Die Kun­st des rapi­den Schnitt-Wech­sels erzeugt nicht Chaos son­dern Kon­ti­nu­ität, Zusam­men­hang, nicht Über­füt­terung son­dern emo­tionales Mit­ge­hen.

Hören aber braucht Zeit. Das Auge liest ab — wie früher Mori­ta­tentafeln (wir haben unser Lesetem­po nur gesteigert), das Ohr aber hört hin. Der angeschlossene Dechiffrier- und Denkap­pa­rat unseres Gehirns analysiert den akustis­chen Reiz — in Strom­schwankun­gen umge­wan­delte Luftschwingun­gen -, pro­duziert entsprechende Bilderin­nerun­gen, set­zt Reflex­io­nen in Gang. Licht und Ton sind Schwingun­gen, Physik. Wir erst laden sie mit Inhalt und Bedeu­tung auf, jed­er Men­sch — und jed­er anders.

Der Wald im Radio”, las ich irgend­wo, “ist der Wald unser­er Erin­nerun­gen”. Die Welt ist unsere Wahrnehmung von Welt, und alle Arten der Wahrnehmung — auch die akustis­chen sind immer sub­jek­tiv. Hören ist Erin­nern und Ver­gle­ichen, ist Gedanke­nar­beit, Hin­wen­dung, Aktiv­ität. Es gibt im Akustis­chen kein Syn­onym für das Wort “glotzen”.

Die Anpas­sung an die bürg­er­lich ratio­nale und schließlich hochin­dus­trielle Ord­nung, wie sie vom Auge geleis­tet wurde, indem es die Real­ität vor­weg als eine von Din­gen, im Grund als eine von Waren aufz­u­fassen sich gewöh­nte, ist vom Ohr nicht eben­so geleis­tet wor­den”, kon­sta­tieren Theodor W. Adorno und Hanns Eisler in ihrem Buch “Kom­po­si­tion für den Film” (München 1969). Hören sei, ver­glichen mit dem Sehen, “anar­chisch”. Man könne sagen, “dass wesentlich mit dem selb­stvergesse­nen Ohr, anstatt mit den flinken, abschätzen­den Augen zu reagieren, in gewiss­er Weise dem spätin­dus­triellen Zeital­ter und sein­er Anthro­polo­gie” wider­spreche.

Der” O-Ton aus Sevil­la ? “Liefern Sie O-Töne (Plur­al)”, müsste der Redak­teur seinem Stierkampf­spezial­is­ten antworten, möglichst viele selek­tiv gehört und aufgenom­men. Und erschaf­fen Sie Sevil­la neu — im Stu­dio. Sie kön­nen es nicht ein­fach aufnehmen !” 

Erst die Ton-Mis­chung nach der sub­jek­tiv erlebten Wirk­lichkeit (nach der Erin­nerung des Autors) stellt die Vielfalt und Dynamik des akustis­chen Ortes Sevil­la wieder her. Der Geräusch-Inszena­tor hat das wun­der­volle — wohl auch ziem­lich ein­same — Priv­i­leg, Zeit und Raum seines Radio-Fea­tures zu beherrschen. Er schafft ein kon­trol­liertes Nacheinan­der. Den ein­fälti­gen tech­nis­chen Ton­ver- arbeitungs-Kom­plex, der nur sum­marisch fressen kann, füt­tert er dosiert mit den Bestandteilen des “Sound­scape”.

Er trans­portiert das Frag­men­tarische sein­er Schal­lauf­nah­men in die Zeit- und Raumebene der Sendung; weist ihnen Ort, Zeit­punkt und Bedeu­tung zu.

Kein Job für Puris­ten. Autoren- und Regis­seurs-Handw­erk.

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