Geräusch-Inszenierung versus “Authentizität”

Einige Anmerkun­gen über die Vieldeutigkeit von Geräuschen im Radio 

Erschienen in CUT-Mag­a­zin (“Fea­ture-Work­shop”) 2000

Natür­lich erhal­ten Sie den O-Ton von Sevil­la”, schreibt der Autor an die Fea­ture-Redak­tion. Und er meint: Sevil­la soll in seinem Stierkampf-Fea­ture Hör­platz sein, akustisch anwe­send, unver­wech­sel­bar. Doch am Ende wird der Autor besten­falls eine Kollek­tion von O-Tönen aus Sevil­la mit­brin­gen, eine Auswahl von Klan­gereignis­sen, die er (und so nur er) auf Ton­band aufgeze­ich­net hat. Den O-Ton “Sevil­la” gibt es nicht. 

Sobald wir das Mikrophon in die Hand nehmen, begin­nt die “Manip­u­la­tion”. Schon die Beschaf­fen­heit der Auf­nahme-Appa­ratur, das ver­wen­dete Spe­icher­ma­te­r­i­al, der prak­tis­che Umgang mit den Geräten, Wet­ter, Jahres- und Tageszeit, Wahl des Orts, der Rich­tung, des Auf­nah­mewinkels u.s.w. entschei­den über den akustis­chen Ein­druck, den das Hör­pub­likum von der ‘objek­tiv­en Wirk­lichkeit’ erhal­ten wird.

Die 1:1 Auf­nahme ist also keineswegs ‘die Wirk­lichkeit’ und schon gar nicht ‘die Wahrheit’, vielmehr weit­ge­hend ein Zufall­spro­dukt — während es doch darum geht, das Charak­ter­is­tis­che eines Ortes / ein­er Sit­u­a­tion zu über­mit­teln.

Anders als das unwis­sende Mikrophon, das immer nur eine Summe des augen­blick­lich Hör­baren abbildet, hören wir selek­tiv und reflek­tierend. Wir fil­tern aus den Umge­bungs­geräuschen — wie mit einem Equal­iz­er — der Rei­he nach einzelne Fre­quen­zen her­aus, iden­ti­fizieren die dazu gehören­den Schallereignisse und ihre Bedeu­tung; und zusät­zlich vollführen unsere Augen Schwenks und Zooms und ver­voll­ständi­gen die akustis­chen Mit­teilun­gen aus unser­er Umwelt durch optis­che. So kommt es, dass wir auf der anderen Straßen­seite — durch all den Verkehr hin­durch — eine Per­son schreien hören (sie reißt ja den Mund auf, sie tut aufgeregt u.s.w.) — doch die Auf­nah­meap­pa­ratur reg­istri­ert nichts der­gle­ichen, nur einen Cock­tail aus Motoren­lärm.

Das Grundgeräusch unser­er Umwelt — ein tiefen­be­tontes Bre­it­bandgeräusch (der kanadis­che Kom­pon­ist und Kom­mu­nika­tions- wis­senschaftler Richard M. Schafer spricht von ein­er “LoFi-Laut­sphäre”) verschlingt/ eli­m­iniert die einzel­nen im Raum verteil­ten Schallsig­nale unter­schiedlich­er Fre­quenz und Mod­u­la­tion. Es bleibt: ein Gemenge, ein Brei, akustis­ch­er Schlamm. Das Klang­bild, das der Men­sch früher­er Zeit­en dank sein­er bei­den Ohren immer stereophon — räum­lich wahrgenom­men hat, tendiert heute zur Mono­phonie (gle­ich Monot­o­nie). Die akustis­chen Infor­ma­tio­nen in ihrer Massierung löschen einan­der gegen­seit­ig aus — als würde ein und das selbe Blatt Papi­er immer und immer wieder beschrieben, bis nichts mehr zu entz­if­fern ist.

Unser Medi­um
ist die Zeit


Die unmit­tel­bare sinnliche Wahrnehmung unter­schei­det sich von der tech­nis­chen Aufze­ich­nung und Über­mit­tlung eines Schallereigniss­es noch in einem anderen wesentlichen Punkt: Der Men­sch am Ort des Geschehens ist in der Lage, eine Sit­u­a­tion (also auch ihre akustis­che Kom­po­nente) augen­blick­lich — “in the flash of an eye” — in sich aufzunehmen. Sie schmilzt “im Augen­blick” zusam­men..

Unser Medi­um hinge­gen ist die Zeit, das Ver­stre­ichen von Zeit. Was das Auge müh­e­los in Sekun­den­bruchteilen “liest”, muss unser Ohren-Hirn-Kom­plex zumeist erst analysieren und inter­pretieren, das heißt wohl auch: in “Bilder” umset­zen. Das Geräusch der her­an- don­nern­den Loko­mo­tive läßt meinen Hirn­spe­ich­er ein ganzes Arse­nal von Loko­mo­tiv-Abbil­dun­gen und -Eigener­in­nerun­gen durchrasen. Und obwohl dies mit unglaublich­er Geschwindigkeit geschieht, ver­läuft dieser Iden­ti­fizierung­sprozess doch langsamer als das Erken­nen und Erfassen von Bildern. Schon dieser Umstand erlaubt mir keine “mon­tage rapi­de”, keine Flut von Geräuschen ana­log zu Eisen­steins Odessaer Treppe. Die organ­isierte Bilder­flut des “Panz­erkreuzer Potemkin”, zum Beispiel, zwingt den Betra­chter in die Filmhand­lung hinein. Die Kun­st des rapi­den Schnitt-Wech­sels erzeugt nicht Chaos son­dern Kon­ti­nu­ität, Zusam­men­hang, nicht Über­füt­terung son­dern emo­tionales Mit­ge­hen.

Hören aber braucht Zeit. Das Auge liest ab — wie früher Mori­ta­tentafeln (wir haben unser Lesetem­po nur gesteigert), das Ohr aber hört hin. Der angeschlossene Dechiffrier- und Denkap­pa­rat unseres Gehirns analysiert den akustis­chen Reiz — in Strom­schwankun­gen umge­wan­delte Luftschwingun­gen -, pro­duziert entsprechende Bilderin­nerun­gen, set­zt Reflex­io­nen in Gang. Licht und Ton sind Schwingun­gen, Physik. Wir erst laden sie mit Inhalt und Bedeu­tung auf, jed­er Men­sch — und jed­er anders.

Das Auge liest ab
Das Ohr hört hin


Der Wald im Radio”, las ich irgend­wo, “ist der Wald unser­er Erin­nerun­gen”. Die Welt ist unsere Wahrnehmung von Welt, und alle Arten der Wahrnehmung — auch die akustis­chen sind immer sub­jek­tiv. Hören ist Erin­nern und Ver­gle­ichen, ist Gedanke­nar­beit, Hin­wen­dung, Aktiv­ität. Es gibt im Akustis­chen kein Syn­onym für das Wort “glotzen”.

Die Anpas­sung an die bürg­er­lich ratio­nale und schließlich hochin­dus­trielle Ord­nung, wie sie vom Auge geleis­tet wurde, indem es die Real­ität vor­weg als eine von Din­gen, im Grund als eine von Waren aufz­u­fassen sich gewöh­nte, ist vom Ohr nicht eben­so geleis­tet wor­den”, kon­sta­tieren Theodor W. Adorno und Hanns Eisler in ihrem Buch “Kom­po­si­tion für den Film” (München 1969). Hören sei, ver­glichen mit dem Sehen, “anar­chisch”. Man könne sagen, “dass wesentlich mit dem selb­stvergesse­nen Ohr, anstatt mit den flinken, abschätzen­den Augen zu reagieren, in gewiss­er Weise dem spätin­dus­triellen Zeital­ter und sein­er Anthro­polo­gie” wider­spreche.

Der” O-Ton aus Sevil­la ? “Liefern Sie O-Töne (Plur­al)”, müsste der Redak­teur seinem Stierkampf­spezial­is­ten antworten, möglichst viele selek­tiv gehört und aufgenom­men. Und erschaf­fen Sie Sevil­la neu — im Stu­dio. Sie kön­nen es nicht ein­fach aufnehmen !” 

Erst die Ton-Mis­chung nach der sub­jek­tiv erlebten Wirk­lichkeit (nach der Erin­nerung des Autors) stellt die Vielfalt und Dynamik des akustis­chen Ortes Sevil­la wieder her. Der Geräusch-Inszena­tor hat das wun­der­volle — wohl auch ziem­lich ein­same — Priv­i­leg, Zeit und Raum seines Radio-Fea­tures zu beherrschen. Er schafft ein kon­trol­liertes Nacheinan­der. Den ein­fälti­gen tech­nis­chen Ton­ver- arbeitungs-Kom­plex, der nur sum­marisch fressen kann, füt­tert er dosiert mit den Bestandteilen des “Sound­scape”.

Er trans­portiert das Frag­men­tarische sein­er Schal­lauf­nah­men in die Zeit- und Raumebene der Sendung; weist ihnen Ort, Zeit­punkt und Bedeu­tung zu.

Kein Job für Puris­ten. Autoren- und Regis­seurs-Handw­erk.

Radio ist Sound – Wie wir Töne zum Sprechen brin­gen

Aus meinem Beitrag für den SWR Docublog > Radioblog vom 25.02.2015


Merken Sie sich den Ter­min: 5. April, 20 Uhr ! Schal­ten Sie dann das Erste Pro­gramm des SFB-Hör­funks ein, und Sie wer­den eine Sen­sa­tion erleben !   (“Nacht­de­pesche” Berlin, 31. 3. 1967)

Die “Sen­sa­tion” war das “voll-stereo­phone” SFB-Fea­ture „Hüh­n­er“ des Berlin­er Autors Peter Leon­hard Braun (* 1929) über indus­trielle Tier­her­stel­lung und Ver­w­er­tung – ein The­ma, dessen skan­dal­trächtige Seit­en öffentlich noch kaum disku­tiert wor­den waren. Von ein­er “his­torischen Stunde” schrieb “Die Welt”. Dies in ein­er Zeit der Totenglöckchen und Nachrufe, als das Fernse­hen dem Hörmedi­um schon gewaltig zuset­zte.


ERZÄHLER  So sitzt es mir im Gemüt … Bauern­haus, Land, Grün (…)

FACHSTIMME 1  Ein Hof ist ein Pro­duk­tions­be­trieb …

FACHSTIMME 2  Der Bauer ist land­wirtschaftlich­er Unternehmer …

FACHSTIMME 1  Zwanzig Hüh­n­er …

BAUER  Fün­f­tausend …

FACHSTIMME 1 Fün­fzig­tausend …

FACHSTIMME 2   Hun­dert­tausend …

BOSS  Halbe Mil­lion … 

Zunächst saßen die Hör­er bei diesem Open­ing von ein­er knap­pen Minute eingek­lemmt zwis­chen ihren Erwartun­gen und den Aus­sagen der Fach­leute.  Das nach­fol­gende Stere­ogeräusch, ein bis dato im Radio nie gehörtes Crescen­do bis zum Auss­teuerungs-Lim­it – REGIE-ANWEISUNG: HÜHNERHALLE, PANORAMAEFFEKT / VOLLE, DAS THEMA UND DIE NEUE TECHNIK AUSDRÜCKENDE WIRKUNG  sollte sie davon überzeu­gen, dass die Beschrei­bung ein­er “Farm” mit hun­dert­tausenden Hüh­n­ern längst Wirk­lichkeit war. Die Akustik sprach selb­st, nicht nur als Doku­ment oder bloßes Hin­ter­grundgeräusch, son­dern gle­ich­berechtigt mit dem tra­di­tionell höher gehan­del­ten Text.

1967 floss der Strom noch aus der Steck­dose. “Hun­dert Meter Kabel war die max­i­male Reich­weite”, erin­nert sich der heute 86jährige Peter Leon­hard Braun an das mak­ing-of der Hüh­n­er­fab­rik-Sendung. Erst ein paar Jahre später bekam die Auf­nah­me­tech­nik Beine. 1973, als ich selb­st zur SFB-Fea­ture-Mannschaft stieß, war “Mono” noch die vorherrschende Schwarzbrot-Tech­nik. Dann, als stereophon aufge­sat­tel­ter Autor, durfte ich wie eines jen­er Ein-Mann-Orch­ester der Nachkriegszeit herumwan­deln: vorn die Beck­en und das Xylophon, große Trom­mel auf dem Rück­en, auf dem Kopf der Schel­len­baum.

Inzwis­chen liefern erschwingliche Pock­e­treko­rder mit inte­gri­erten Mikro­pho­nen (Gewicht 200 Gramm ein­schließlich Akku, Handy­for­mat) für 300 Euro bril­lanteste Stereo-Auf­nah­men . Und doch tre­ffe ich bei Radiowork­shops Autoren der jün­geren Gen­er­a­tion, die in ihrem Beruf­sleben noch nie so ein Stereoteil in der Hand hat­ten und vom hid­den micro­phone träu­men, das man gar nicht mehr extra aus dem Sakko ziehen muss. Arme Men­schen, denke ich. Was ihnen alles ent­ge­ht  !  

48 Jahre nach Brauns “Hüh­n­ern” erk­läre ich noch immer geduldig den kleinen Unter­schied mit der großen Wirkung.  Etwa so: Schall­wellen erre­ichen bei­de Ohren und entsprechend die nach Links und Rechts lauschen­den Kapseln unseres Stereo-Mikrophons niemals gle­ichzeit­ig. Die ent­fer­n­ten Dom­glock­en links von uns erre­gen die mikroskopisch feinen Haarzellen des linken Innenohrs um Sekun­den­bruchteile früher als der Spatz auf der recht­en Seite. Das Gehirn schließt aus dem Laufzeitun­ter­schied und dem dif­ferieren­den Fre­quen­zspek­trum auf die Beschaf­fen­heit des Raums, in dem das Schallereig­nis stat­tfind­et.  Ein Mono-Sig­nal, bei dem alle Klang- und Rich­tungsan­teile des Orig­inal­tons in einem Punkt zusam­menges­taucht sind, gle­icht dage­gen einem  Sound­knödel, einem dumpfen akustis­chen Schleimk­lumpen. 

Die größte Errun­gen­schaft der Stereo-Tech­nik heißt: Trans­parenz. Der Knoten wird entwirrt. Wir kön­nen ein­tauchen in einen vielschichti­gen Klang, der unser­er wahrgenomme­nen “Wirk­lichkeit” nahekommt.  Aus­ge­feil­ter Real­sound ist unser Heimvorteil ! Klangäs­thetisch kön­nten wir mit knack­senden, ver­rauscht­en, einkanali­gen O-Tönen im medi­alen Wet­tbe­werb kaum Punk­te sam­meln.  Die Leute sind dol­by-sur­round- und blu-ray-ver­wöh­nt.  

Nun lässt sich aber die “wahrheits­ge­treue” Wieder­gabe ein­er bes­timmten, vom Autor erlebten akustis­chen Sit­u­a­tion sel­ten mit ein­er einzi­gen Tonauf­nahme erre­ichen. Das ein­fältige Mikrophon liefert immer nur die Summe aller vorhan­de­nen Einzel­geräusche. Das Mate­r­i­al für ein dif­feren­ziertes Sound­scape, dem länger als 15 Sekun­den zuzuhören sich lohnt, gewin­nen wir durch selek­tives Aufnehmen sein­er einzel­nen Bestandteile. Habt ihr schon einen Kam­era­mann beobachtet, der sich mit einem neuen Film­set ver­traut macht – wie er glotzt, schnüf­felt, die Augen zusam­menkneift; wie er Einzel­heit­en bemerkt, vormerkt oder gle­ich wieder ver­wirft ? So sehen (und hören !) wir ja auch in Wirk­lichkeit: selek­tiv.

Wom­öglich müssen wir also die “Orig­i­nalk­länge” im Stu­dio neu erschaf­fen: das, was uns typ­isch erscheint; was wir über diesen Ort, diese Sit­u­a­tion  aus­sagen möcht­en; was uns beein­druckt hat; was wir als Summe unser­er Ein­drücke noch “im Ohr haben”. Mon­tage und Klang-Mis­chung sind akustis­ches Nach-Erzählen dessen, was wir an Ort und Stelle gehört und erlebt haben – mit Hil­fe der beson­deren “Wörter”, „Sil­ben“, “Buch­staben” unseres The­mas. Gutes Radio, Fea­ture zumal, ist Rekon­struk­tion und bedeutet auch fast immer kom­prim­ierte Zeit.

Zwei Beispiele aus eigen­er Pro­duk­tion: SAO PAULO / VIELE KLAGENDE, FLEHENDE STIMMEN. Hier sind sie gelandet — die Armut­sem­i­granten aus dem Nor­dosten Brasiliens. Ihre Heimat haben sie ver­lassen, ihre Träume nicht gefun­den, es gibt kein Zurück. Die täglichen Zusam­menkün­fte in den Bethallen der “Igre­ja Pen­te­costal Deus é Amor” (“Gott ist Liebe”) und der anderen neo-charis­ma­tis­chen Pfin­gstkirchen geben ihnen Gele­gen­heit, den über­wälti­gen­den Frust kollek­tiv her­auszuschreien. Mein Stereo-Mikrophon badet im Chor der 800 Unglück­lichen. Das schauer­liche Crescen­do, das in Wahrheit zweiein­halb Stun­den dauert, wird später im Stu­dio auf zweiein­halb Minuten verdichtet. Radio hat ein eigenes Zeit­maß.

Oder: PSALMODIERENDE THORA-STUDENTEN VOR EINER HISTORISCHEN SYNAGOGE AM RAND DER KLEINSTADT JERICHO (WESTJORDANLAND) Nach Schließung des israelis­chen Wacht­postens soll der Ort in palästi­nen­sis­che Ver­wal­tung überge­hen. Dage­gen protestieren diese jun­gen Män­ner. Die Regierung stellt ein Ulti­ma­tum. Bis zum Abend muss der Ort geräumt sein. Was die Akustik erzählt, vernehme ich zunächst als Ohren­zeuge: Jüdis­che Gebete und der moslemis­che Gebet­sruf um die Mit­tagszeit ver­mis­chen sich zu ein­er har­monis­chen Wort-Musik nach der gle­ichen phry­gis­chen Ton­leit­er. Der gemein­same kul­turelle Ursprung und – ich wage es kaum zu denken – die friedliche Zukun­ft bei­der Völk­er wer­den hör­bar. Eine akustis­che Utopie.

Allerd­ings ste­hen Moschee und Syn­a­goge anderthalb Kilo­me­ter von einan­der ent­fer­nt. Die 1:1-Aufnahme kön­nte den Zusam­men­klang nie abbilden. Für das Auf­nah­megerät, eingepegelt auf die nahen Stim­men der Betenden, wäre der weit ent­fer­nte Gebet­srufer nahezu unhör­bar. Als Autor rekon­stru­iere ich die Szene später aus fol­gen­den Bestandteilen: Tho­ra-Schüler I, II und III / Funk-Verkehr aus dem Laut­sprech­er eines Mil­itär­jeeps / Hub­schrauber-Kulisse / Muezzin (andern­tags aus der Nähe aufgenom­men) / Erzäh­ler. Nach ein­er sim­plen Par­ti­tur wer­den O-Ton-Par­tikel zu einem akustis­chen Text geord­net, der beinah ohne Wörter auskommt. 

Den Sound­puris­ten und Fliegen­beinzäh­lern wer­den die Haare zu Berg ste­hen.  Darauf nur diese Antwort (siehe Blog vom 14. Feb­ru­ar):  Gradmess­er für das Gelin­gen kann keine nach­prüf­bare “Authen­tiz­ität” sein, son­dern einzig und allein die aus dem Gehörten ableit­bare Glaub­würdigkeit . 

Mehr ist nicht zu haben.

Mar­cel Prousts Sandtörtchen
und die gespe­icherten Klänge der Welt

Aus meinem Beitrag für den SWR Docublog > Radioblog vom 18.02.2015



Um es ein für alle­mal zu sagen: Als Sender wie Empfänger beste­he ich auf meinen sub­jek­tiv­en Wahrnehmungen, mein­er Sicht der Dinge, meinen shades of life. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich traute, das Wort “Ich” ungeschützt anzuwen­den, zumal im Fea­ture, dem Radio-For­mat,  das sich gern Begriffe wie “objek­tiv”, “inves­tiga­tiv”, “unbestech­lich”,  “unpartei­isch” an den Hut steckt. 

Das kam so: Jedes der son­ntäglich live gesende­ten, fea­ture-ähn­lichen Radiostücke des SFB-Jugend­funks, bei dem ich 1971 anf­ing (“Wir um Zwanzig”) hat­te bis zu sechs Autor(inn)en. Es kon­nte sein, dass in rauchgeschwängerten nächtlichen Redak­tions-Sitzun­gen Satz für Satz per Akkla­ma­tion bestätigt wer­den musste. Wir ver­standen uns als Kollek­tiv. “Ich” zu sagen ver­bot sich von selb­st. Wir sagten “wir” und erk­lärten allen anderen die Welt (der Geist der 68er Revolte zog noch durch das Funkhaus).  

Je ne regrette rien! 

Doch nach und nach ging mir das Licht auf, dass unsere Ansicht­en und Wahrnehmungen “der Welt” nicht in jedem Fall kom­pat­i­bel sein kon­nten. Die fort­ge­set­zten Kom­pro­misse öde­ten mich an. Nach­denken über das “ICH” im ver­meintlich “neu­tralen” Medi­um wurde mein Steck­enpferd. Kon­ver­titen sind die Schlimm­sten ! 

Ich erzäh­le das so aus­führlich, weil ich – auch beim Lesen einiger Doku- und Radioblogs – befürchte, dass durch die all­ge­meine Ver­füg­barkeit der Pro­duk­tions- und Ver­bre­itungsme­di­en und die Aus­dehnung des Dampfra­dios ins Netz hinein eine neue Art “Kollek­tivis­mus” entste­ht. Wenn alle “Ich” sagen & senden, meint am Ende nie­mand mehr sich selb­st.  

Zurück zu den Basics, den Tönen: Radio ist Sound ! Beim Errat­en unkom­men­tiert­er Geräusche – das habe ich selb­st getestet – hören keine zwei von uns das gle­iche, abge­se­hen vielle­icht von arche­typ­is­chen Schallereignis­sen: Big Ben, die tick­ende Uhr, his­torisches Schreib­maschi­nen-Geklap­per, das auch auf der Liste der ausster­ben­den Geräusche ste­ht; oder von Aufmerk­samkeits- und Warnsignalen ver­schieden­er Herkun­ft –  Klän­gen, die so ein­fach sind wie Pik­togramme – hier for Ladies, dort for Gen­tle­men. 

Kom­plexe Geräusche brauchen Kon­text. Der wichtig­ste Kon­text sind unsere eige­nen Erin­nerun­gen. Was ich nie zuvor gehört habe – das Uner­hörte – bleibt rät­sel­haft. Hören ist erin­nern und ver­gle­ichen. Unser Gehirn ist Pro­jek­tions­fläche akustis­ch­er Wahrnehmungen. Es – das Gehirn – googelt als Such­mas­chine nach Bedeu­tun­gen und gle­icht das Gehörte mit unserem Erin­nerungs-Archiv ab. Impulse wer­den dechiffriert und mit erin­nerten Sin­ne­sein­drück­en ver­glichen. Im audi­torischen Cor­tex, im “Hörzen­trum” also, entste­ht aus dem orig­i­nalen Schallereig­nis eine indi­vidu­elle Kopie. Was ich Mikrosekun­den später tat­säch­lich “höre”, ist bere­its meine Ver­sion. Das Orig­i­nal war kaum mehr als ein Rohling, ein Muster. Je kom­plex­er und reiz­in­ten­siv­er das Muster, um so vielfältiger und “far­biger” die per­sön­liche Kopie.

Ein berühmtes Beispiel für diese zere­brale “Ver­schal­tung” stammt aus Mar­cel Prousts Hauptwerk “Auf der Suche nach der ver­lore­nen Zeit”. Aus­lös­er in diesem Fall sind Les Petites Madeleines, muschelför­mige Törtchen aus soge­nan­ntem Sandteig: 

In der Sekunde nun, da dieser mit den Gebäck­krümeln gemis­chte Schluck Tee meinen Gau­men berührte, zuck­te ich zusam­men und war wie geban­nt durch etwas Ungewöhn­lich­es, das sich in mir vol­l­zog. Ein uner­hörtes Glücks­ge­fühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekan­nt blieb, hat­te mich durch­strömt. (…) Und mit einem Mal war die Erin­nerung da. Der Geschmack war der jenes kleinen Stücks ein­er Madeleine, das mir am Son­ntag­mor­gen in Com­bray (…) meine  Tante Leonie anbot, nach­dem sie es in ihren schwarzen oder Lin­den­blü­ten­tee getaucht hat­te

Der Geschmack des Törtchens zum Tee ist in der Lage, “das uner­messliche Gebäude der Erin­nerung zu tra­gen”. Der Ich-Erzäh­ler assozi­iert:

… Das graue Haus mit sein­er Straßen­front (…) und mit dem Haus die Stadt, vom Mor­gen bis zum Abend und bei jed­er Wit­terung; den Platz, auf den man mich vor dem Mit­tagessen schick­te; die Straßen, in denen ich Einkäufe machte; die Wege, die wir gin­gen, wenn schönes Wet­ter war (…);  alle Blu­men unseres Gartens und die aus dem Park von Swann und die Seerosen der Vivonne und all die Leute aus dem Dorf und ihre kleinen Häuser und die Kirche und ganz Com­bray und seine Umge­bung. All das, was nun Form und Fes­tigkeit annahm, Stadt und Gärten, stieg aus mein­er Tasse Tee …   

Mein Getränk der Erin­nerung ist der heiße, kräftig gesüßte marokkanis­che Pfef­fer­minz­tee aus dem Jahr 1961, als ich ein Jahr nach dem Erd­beben von Agadir (15 000 Tote) als Frei­williger des Inter­na­tionalen Zivil­dien­stes dort einen Kinder­garten bauen half. In jed­er Mit­tagspause kam der Tee in großen Kan­nen. Kaum fließt das sprudel­nde Wass­er heute über die Minze­blät­ter, steigen aus der Kanne Bilder, die in 50 Jahren nicht verblasst sind: weiße Mauern; nack­te Füße auf staubi­gen zer­furcht­en Wegen; der kleine Hafen am Stad­trand; dösende Fis­ch­er; abends die dick­en Back­en der Flöten­spiel­er in einem halb-zer­störten Kul­turhaus. Für meinen Namensvet­ter Stef­fen Kopet­zky (“Marokko — Tage­buch ein­er Reise” 2006) gehört der “im Beu­tel verabre­ichte” Pfef­fer­minz­tee hinge­gen “ganz und gar der Sphäre der Erkäl­tung und des nasskalten Unbe­ha­gens” an.  Daran, dass jede der genan­nten Kopi­en anders aus­fällt, scheit­ert häu­fig der Ver­such, mit Tönen mehr zu sagen, als mit Wörtern. “Lieder ohne Worte” zehren meist von ihren Titeln, von der Sprache also. Ohne Sprach­prothe­sen bleiben auch Geräusche vieldeutig, ambiva­lent. Und missver­ständlich. 

Als Radiomach­er habe ich das oft erlebt. 1988 ver­suche ich für hr2 das wei­thin unbekan­nte Ter­ri­to­ri­um der UdSSR akustisch abzu­bilden. Als Radio­hör­er haben wir uns daran gewöh­nt, die Sow­je­tu­nion als End­loss­chleife marschieren­der Stiefel-Kolon­nen und knirschen­der Panz­er­ket­ten auf dem Pflaster des Roten Platzes wahrzunehmen. Ich möchte mit Hil­fe doku­men­tarisch­er Tonauf­nah­men auch den Subton der Verän­derun­gen hör­bar machen, die sich östlich des Eis­er­nen Vorhangs vol­lziehen. Ich greife also “in die Geräuschk­iste”, lasse Last­wa­gen starten, Bau­maschi­nen wer­den ange­wor­fen, Dampfram­men und Press­lufthäm­mer set­zen ein – akustis­che Meta­phern für “Appell” und “Auf­bruch”. Und damit unter­male ich eine Radioansprache des Gen­er­alsekretärs Michail Gor­batschow über sein Lieblings­the­ma “Per­e­stroi­ka”, Umwand­lung. Nach ein­er Vor­führung des akustis­chen Hör­spiels in der West-Berlin­er “Galerie am Chamis­so-Platz” meldet sich ein­er zu Wort und lobt den “Ein­fall mit den Panz­er­ket­ten”. Diesen Russen, sagt er, sei “bekan­ntlich nicht zu trauen”. Da haben wir’s ! Beim Stich­wort “UdSSR” denkt der Mann reflex­haft an das “Reich des Bösen”. Als einziger in dieser Runde hört er Panz­er, wo doch Last­wa­gen rollen. Weil: Wir hören, was wir denken.  Für die Ver­mit­tlung des Gehörten muss ich mir als Radioau­tor allerd­ings Zeit nehmen, und den Hör­ern muss ich für die Rezep­tion, das Nach-Hören, wiederum Zeit geben

So ver­bi­etet sich der allzu häu­fige Gebrauch ein­er mon­tage rapi­de, die sich der Radio­pi­onier Alfred Braun vom Film abguck­en wollte.  Ganz ohne das Medi­um der Sprache, wie gesagt, wird mein Atmofilm im doc­u­men­tary sel­ten auskom­men. Wie kön­nten meine Zuhör­er son­st erfahren, dass der Sänger und Ziehhar­moni­ka-Spiel­er auf dem zen­tralen Mark­t­platz von Tallin (Est­land) ein ehe­ma­liger sow­jetis­ch­er Offizier in Uni­form ist – vor ein paar Jahren noch respek­tiert, wenn nicht gefürchtet. Und jet­zt schlägt er sich als Straßen­musikant durchs Leben. “Ein Tag in Europa” am 28. Feb­ru­ar 1999, eben­falls in hr2, dauerte von acht Uhr mor­gens bis Mit­ter­nacht und war eine Minia­turen-Samm­lung aus den Klän­gen, Geräuschen, der Musik und den (unüber­set­zten!) Sprachen und Dialek­ten des Kon­ti­nents – mal drei, mal sieben, mal zwölf Minuten lang; das Ergeb­nis ein­er hal­b­jähri­gen Aut­o­fahrt, 41000 Kilo­me­ter mit Hei­drun durch 32 Län­der – sender­fi­nanziert (Das waren noch Zeit­en !) 

Auch hier genügten zweizeilige Mod­er­a­tions­texte (Wer? Was ? Wo?), um die Hör­erphan­tasie auszulösen. Aus einem Inter­view mit mir selb­st:   

Herr Kopet­zky — beschreiben Sie ihre Vorge­hensweise !   

Sechsmonatiges Driften mit offe­nen Ohren. Immer auf Emp­fang, der Reko­rder als Audio-Sofort­bild­kam­era.

Aber ist das nicht allzu … pri­vat. Wo bleibt das Exem­plar­ische? 

Ich denke mir das so: Indem ich ein Hör-Phänomen (Stim­men, Geräusche, Musik) aus der Klangumwelt her­aus-isoliere, erhält das zufäl­lig Gehörte, Belauschte auf ein­mal Bedeu­tung. In den besten Momenten wird es sog­ar exem­plar­isch. 

Es wäre arro­gant, den Hör­ern weiszu­machen, so oder so klinge (oder gar: so sei) ein bes­timmter Ort in Europa. So kann auch die Auswahl der Klan­gereignisse für diesen Radio­tag nicht „aus­ge­wogen“, „repräsen­ta­tiv“, im Sinn abstrak­ter Erb­sen­zäh­lerei „richtig“ sein.  “Ein Tag in Europa” ist der Gesamtein­druck ein­er lan­gen, sehr per­sön­lichen Expe­di­tion; keine Bestandauf­nahme, keine akustis­che Kar­tografie, nichts für die Abteilung „Doku­men­ta­tion“. Der Zufall ist ein ver­lässlich­er Begleit­er (Aber der Zufall — sagte der Natur­wis­senschaftler Louis Pas­teur — “trifft nur den vor­bere­it­eten Geist”).

? Also mal prak­tisch … Sie kom­men in eine fremde Umge­bung – und dann ? 

Lauschen ! Ich richte mein „Hör­rohr“ auf die noch unbekan­nte Stadt und ent­decke (es ist Mit­tagszeit), dass die Ein­wohn­er Käfige mit Singvögeln auf die Balkone gestellt haben. Das ist anders, als in mein­er Berlin­er Straße. Und es klingt wun­der­schön. Da ich gewöhn­lich im Stadtzen­trum, in ein­er Haupt­straße, lande, wird mich natür­lich der Verkehrslärm stören. Die Sit­tiche kön­nen mit dem Krach nicht mithal­ten. Ich wan­dere also etwas herum. Es gibt ja auch Seit­en­straßen …

? Sie manip­ulieren den Verkehrslärm ein­fach weg ? 

Ja, mein Gott — wür­den Sie gern 16 Stun­den lang nur Straße hören. 

? Herr Kopet­zky, ich danke Ihnen für dieses Gespräch !

Was Töne sagen – und was nicht

Aus meinem Beitrag für den SWR Docublog > Radioblog vom 14.02.2015

Meine” erste Stereo-Aus­rüs­tung – sendereigenes UHER-Report, zwei Sennheis­er MD421-Mikro­phone, Kopfhör­er und viel Kabel­ge­bam­mel – trug ich Mitte der 70er Jahre stolz aus dem Berlin­er Haus des Rund­funks in die Klang­welt. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten bin­au­r­al von den Bäu­men. Ich musste ihren Klang nur noch “ein­fan­gen”. 

Ähn­liche Klan­glust muss den Radio­pi­onier Alfred Braun, Schüler des Regis­seurs Max Rein­hardt, erfüllt haben, als er 1929 an gle­ich­er Stelle – allerd­ings noch monophon – von einem akustis­chen Film träumte, der 

in schnell­ster Folge traum­mäßig bunt und schnell vorüber glei­t­en­der und sprin­gen­der Bilder, in Verkürzun­gen, in Über­schnei­dun­gen, im Wech­sel von Großauf­nah­men und Gesamt­bild mit Auf­blendun­gen, Abblendun­gen, Überblendun­gen bewusst die Tech­nik des Films auf den Funk übertrug: 1 Minute Straße mit der ganz laut­en Musik des Leipziger Platzes, 1 Minute Demon­stra­tionszug, 1 Minute Börse am schwarzen Tag, 1 Minute Maschi­nen­sym­phonie, 1 Minute Sport­platz, 1 Minute Bahn­hof­shalle, 1 Minute Zug in Fahrt … 

Schon im ersten Rund­funk-Jahrzehnt zeigte sich der Ehrgeiz, “Wirk­lichkeit” allein durch Töne, durch Geräusch abzu­bilden. Als es dann Anfang der Sechziger Jahre gelang, die bei­den Kanäle ein­er stereo­pho­nen Auf­nahme dem UKW-Sendes­ig­nal “aufzu­mod­ulieren” (englisch: Fre­quen­cy Mod­u­la­tion” – FM), schien das Ziel erre­icht: Mikro­phone und Laut­sprech­er in Stereo-Anord­nung als Ver­längerung unser­er bei­den links und rechts am Schädel ange­bracht­en Schall­samm­ler übertru­gen das aufgenommene Klang­bild an viele Orte zugle­ich – in andere “Wirk­lichkeit­en”. Statt der eindi­men­sion­alen, ärm­lichen Ton­doku­mente der frühen Radio­jahre – so schien es – erk­lang nun plöt­zlich “die Sache selb­st”. 

Peter Leon­hard Braun, ein ander­er Pio­nier, der die Möglichkeit­en des Mehrkanal-Tons für das Radio-Fea­ture ent­deck­te, sprach for­t­an von der “Emanzi­pa­tion des Orig­inal­tons”. Es stimmte ja: Hör­er waren zu Ohren­zeu­gen gewor­den. Allerd­ings zu Ohren­zeu­gen ein­er … Auf­nahme. 

Wir Sound­begeis­terten der 60er und 70er Jahre haben bald erfahren, dass wir dem “reinen Medi­um” ein­fach zu viel zutraut­en. Was wir draußen in the field auf­nah­men und was unsere Hör­er hörten, war nur eine Teil­wirk­lichkeit. Denn jed­er von uns hörte etwas anderes. Wir lern­ten: Schon die Beschaf­fen­heit der Auf­nahme-Appa­ratur, das ver­wen­dete Spe­icher­ma­te­r­i­al, der prak­tis­che Umgang mit den Geräten, Wet­ter, Jahres- und Tageszeit, Wahl des Orts, des Auf­nah­mewinkels, ja sog­ar die Win­drich­tung entschei­den über das auf den Ton­trägern fix­ierte Ergeb­nis:

1991 … Nach São Luis / Maran­hão, in den nordöstlichen Bun­desstaat Brasiliens, bin ich von DAAD und Goethe-Insti­tut als Leit­er eines Fea­ture-Sem­i­nars ein­ge­laden. Es ist Son­ntag. In den Garten­bäu­men hin­ter dem Hotel toben Springäf­fchen herum. Son­st gedämpfte Stim­men, Kinder­lachen, Zikaden-Klangtep­pich. Ich muss das Mikrophon nur aus dem Fen­ster hal­ten … Dieselbe Straße dann am Mon­tag­mor­gen: Brül­len­der Verkehrslärm haut mich aus dem Bett, Stau-Gehupe, akustis­ches Baby­lon. Wäre ich noch Son­ntagabend abgereist, bliebe von der Mil­lio­nen­stadt São Luis eine tro­pis­che Idylle in Erin­nerung (und auf meinem DAT-Band). Wie klin­gen Orte, wie klingt die Welt “wirk­lich” ? Der Ein­fach­heit hal­ber zitiere ich aus meinem Buch “Objek­tive Lügen – Sub­jek­tive Wahrheit­en / Radio in der ersten Per­son”: 

Sobald wir das Mikrophon in die Hand nehmen, begin­nt die “Manip­u­la­tion” – wobei natür­lich die handw­erk­lich-gestal­ter­ische (manus — die Hand) und nicht die inhaltlich-ver­fälschende gemeint ist. Erst der Autor trans­portiert das Frag­men­tarische sein­er Ein­drücke in die Zeit- und Raumebene der Sendung; weist ihnen Ort, Zeit­punkt und Bedeu­tung zu. Dabei bewegt er sich immer auf dem schmalen Grat zwis­chen Verdich­tung und Fik­tion­al­isierung. Gradmess­er für das Gelin­gen kann keine nach­prüf­bare “Authen­tiz­ität” sein, son­dern einzig und allein die aus dem Gehörten ableit­bare Glaub­würdigkeit (…) Die Wirk­lichkeit im Radio ist, was wir von ihr mit­teilen. Wir, die einzel­nen, die Sub­jek­te mit Namen und Geburts­da­tum. Wir — die Autoren !


Nun lese ich im SWR-Radio-Blog von Chris­t­ian Grasse (10. 2. 2015) unter der Über­schrift “So klin­gen Metropolen” über eine Rei­he von Inter­net-Pro­jek­ten, die vorgeben, net­zweit die reine Klang-Wirk­lichkeit aus­gewählter Orte per stream 1:1 auf meinen Rech­n­er zu trans­portieren. Eric Eber­hhardt (“You are lis­ten­ing”) nimmt den lokalen Polizei­funk “von St. Peters­burg bis New York” als Sound­ve­hikel; der Berlin­er Udo Noll (“Radio Aporee”) hat bere­its 28 000 Sound­scapes ein­er virtuellen Klang­weltkarte zuge­ord­net mit Titeln wie “Tree with dry leaves, Daisen-in gar­den, Kyoto” oder ein­fach “Linz, Öster­re­ich“. Ver­schiedene Apps verknüpfen – wenn ich recht ver­ste­he – “zum Ort passende Auf­nah­men” per Smart­phone und GPS-Sen­sor mit inter­essierten Zuhör­ern “wie ein Audio­gu­ide im Muse­um”. Grasse ver­wen­det dafür den Begriff “hyper­lokales Radio”.

Dass ich als ana­log sozial­isiert­er Oldie (Jahrgang 1940) mit solchen Ver­such­sanord­nun­gen nicht allzu viel anfan­gen kann, darf hier keine Rolle spie­len. Allerd­ings fällt mir bei den genan­nten Pro­jek­ten eine begrif­fliche Unschärfe auf. Ist “Wirk­lichkeit”, “Authen­tiz­ität” beab­sichtigt ? Wird sie durch ihre Behand­lung wie z. B. durch den Ein­satz von Soundtep­pichen (ambi­ent music) – siehe Eric Eber­hard – nicht sog­ar wider­rufen, zumin­d­est aufgewe­icht ? Was hat das Live-Exper­i­ment der kon­ven­tionell gespe­icherten, bear­beit­eten und von Ton­trägern gesende­ten Auf­nahme eigentlich voraus ? 

In den 70er Jahren begann der Kom­pon­ist Bill Fontana aus Cleve­land / Ohio Klänge aus ihrem Kon­text zu lösen und per Tele­fon, später durch Satel­li­ten­tech­nolo­gie in andere Hör-Umfelder zu über­tra­gen. Das Ergeb­nis nan­nte er “Sound sculp­tures”. Am bekan­ntesten wur­den seine “Klang­brück­en” Köln – San Fran­cis­co (1987) und Köln – Kyoto (1993) in Zusam­me­nar­beit mit Klaus Schön­ing (WDR). Hier wie dort standen Mikro­phone und Laut­sprech­er an öffentlichen Orten. Am Mis­ch­pult des WDR “verdichtete” Bill Fontana die jew­eili­gen direkt über­tra­ge­nen Geräusche zu ein­er Live-Kom­po­si­tion. 

Die Live-Geräusche, nehme ich an, unter­schieden sich nicht sub­stantiell von vor­pro­duziertem Mate­r­i­al. Bei­des unter­lag den gle­ichen Zufäl­ligkeit­en und Sub­jek­tiv­itäten. Was das Pub­likum auf der anderen Seite der Ver­such­sanord­nung jew­eils zu hören bekam, war nicht “San Fran­cis­co”, nicht “Kyoto”. Man hörte eine Pre-Selec­tion, gefiltert durch das ästhetis­che Tem­pera­ment eines Sound­kün­stlers – nicht “Wirk­lichkeit”, son­dern eben Klangkun­st. 

Die Medi­en­wis­senschaft­lerin Petra Maria Mey­er, Pro­fes­sorin an der Muthe­sius Kun­sthochschule Kiel, brachte es in einem Vor­trag 1999 auf den Punkt: Wenn es durch tech­nis­che Vor­rich­tun­gen (Verknüp­fun­gen) dem Zuhör­er ermöglicht werde, “an Geschehnis­sen des ‘Lebens’ an fast allen Orten dieser Welt teilzuhaben”, dann werde er “diese Teil­habe nur empfind­en, wenn er das zu Sehende und zu Hörende für ein tat­säch­lich­es Geschehen” halte. Das Ferne werde “in der Livesendung nur dann für ‘das Leben’ gehal­ten”, wenn es auch authen­tisch erscheine

Viel Kon­di­tion­al auf ein­mal. Oder in den Worten Bill Fontanas auf sein­er Home­page: A sound is all the pos­si­ble ways there are to hear it.

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