Der Amazonas

Aus dem dre­itägi­gen Radio-Event des Hes­sis­chen Rund­funks, Pfin­g­sten 2002 (stark gekürzt)

(…)

Belém, Regierungssitz des Staates Pará …

HAFEN (MARKTGEDRÄNGE UND -GESCHREI, SCHIFFSDIESEL, BRÜLLENDE SCHWEINE)

Es schillert, blitzt, schlägt um sich — Welse und Pira­nhas, Piraru­cu-Leichen, aufgeschlitzte junge Haifis­che. Die unverkauften Kreb­se in den Kör­ben nur noch grauer Schlamm. Schweine mit paar­weis’ zusam­menge­bun­de­nen Beinen zap­peln auf schmutzigem Pflaster.

AUFGEREGTE UND BELUSTIGTE STIMMEN

Ein Gigo­lo in gel­ben Box­er­shorts knallt sein­er Lieb­sten gegen Mit­tag eine grade Rechte ins Gesicht. Ein Faden Blut.

(…) GERÄUSCH DER BARCO / EINE GRUPPE SCHÜLERSIE SINGEN

… Jesus … Fre­und und Zuver­sicht … Eine Gruppe Inter­natss­chüler fährt sin­gend in die Ferien. Duf­tend wie Limo­nen­seife. Blank wie der Tag.

Dies hier ist ein plumpes kleines Flusss­chiff, offen, ohne Seit­en­wände. Keine 15 Meter lang. Aus Holz. Es heißt “Deus é Conosco” — “Gott mit uns”.

Auf diesen Ama­zonas-Schif­fchen braucht man keine Reservierung. Ein paar Stun­den vor der Abfahrt bringt man die Hänge­mat­te an Bord und sucht sich zwei Hak­en — das genügt.

Jet­zt hän­gen wir Reisenden wie zwei Lagen Fle­d­er­mäuse von der niedri­gen Decke. Über uns baumeln Taschen, Tüten, Früchte, Vogel­bauer. Jede dieser Hänge­mat­ten führt ihr Bin­nen­leben, ist Pri­va­traum — manche lang und schmal und ruhig; andere sind aus­ge­beult wie Hosen­taschen, kantig, eck­ig, immer in Bewe­gung.

Wenn die junge Mut­ter links nach Ihrem Kind schaut — das schon schlum­mert wie die Erb­se in der Schote -, fängt die ganze Hänge­mat­ten-Rei­he an zu pen­deln, und es knufft und pufft von allen Seit­en.

Der Ama­zonas ist die einzige Fern­straße Ama­zoniens, die ganzjährig befahrbar bleibt, und nicht eine einzige Brücke überspan­nt ihn auf seinem end­losen Weg quer durch den amerikanis­chen Kon­ti­nent.

MÄDCHENSTIMMEN

Mein Ohr gewöh­nt sich an den Lärm des Schiff­s­mo­tors. Durch die offene bre­ite Luke sehe ich das ölschwitzende Diese­lag­gre­gat vib­ri­eren.
Die Indiomut­ter in der Hänge­mat­te nebe­nan set­zt ihrem Knaben schillernde Insek­ten auf den Bauch. Die lassen sich zerteilen, reg­los — Flügel, Beine, Rüs­sel, Hin­ter­leiber. Keine Flucht­be­we­gung.

Die Mäd­chen auf der anderen Seite wollen meinen Namen immer wieder hören, lachend weit­er­sagen — und den eige­nen buch­sta­bieren: I-va-ne-te … A-na-di-va … Ju-li-a-na … Ga-bri-e-la …

Und weil Son­ntag ist, spielt eine blaue Mannschaft gegen eine rote auf dem Fußballplatz am Ufer — der Geg­n­er ist samt Anhang mit dem weißen Schiff gekom­men, das am Steg vertäut liegt. 
Die Türen der winzi­gen Kirche ste­hen weit offen. Man kann einen Lid­schlag lang hinein­se­hen. Weiße Vögel reit­en auf den schwarzen Wasser­büf­feln, pick­en die Insek­ten weg. Ein Reit­er schwenkt den Cow­boy-Leder­hut und fol­gt uns Reisenden ein kurzes Stück flus­sauf.

(…)

HUNDEGEBELL / STIMMEN / GEBRÜLL VON ZEBU-OCHSEN / FRÖSCHE, MOSKITOS UND ZIKADEN

Herkules entlädt sein Jagdgewehr. Taper­in­ha, Kleine ver­fal­l­ene Hütte, heißt das Anwe­sen dort am Wass­er, tat­säch­lich ein weiß leuch­t­en­des Her­ren­haus mit großen Fen­stern, Veran­da und Aus­sicht­sturm. Runde Säulen stützen das ziegelgedeck­te Vor­dach über der bre­it­en Fre­itreppe.

STIMMEN, NÄHER KOMMEND / DERMOSKITOTANZ

Zwei junge Auf­se­her hüten eine kleine Herde Zebus und Wasser­büf­fel für den dono, den Besitzer, in der Stadt San­tarém. Jet­zt, bei Son­nenun­ter­gang, ist die Stunde der Moski­tos. Nack­te Beine stampfen. Hände knallen auf Waden, Schenkel. Wir alle tanzen diesen wilden bluti­gen Kriegstanz. Unsere Hand­flächen fär­ben sich rot..

EINE TÜR WIRD GEÖFFNET / SCHRITTE UND STIMMEN

Die Halle kühl und feucht. Tro­pis­ch­er Schim­mel überzieht die Mauern. Von Ter­miten aus­ge­höhlte Fen­ster­rah­men — sie zer­stäuben, wenn wir sie berühren.

An den Wän­den eine Foto-Galerie. Mäd­chen in den weißen Klei­dern der Jahrhun­der­twende. Schnapp­schüsse in morschen Rah­men, sorgfältig beschriftet:
“Panora­ma von Taper­in­ha” … “Blick von der Kakaopflanzung gegen Nord nach starkem Gewit­ter, zir­ka 5 Uhr nach­mit­tags” … “Wasser­büf­fel im Schlamm” … “Unseren lieben Gast­fre­un­den zur Erin­nerung an die unvergesslich schö­nen Tage von Taper­in­ha Juni bis Sep­tem­ber 1927” … “Schwim­mende Inseln in der Ama­zonas-Mün­dung” … 

Daneben eine Pro­mo­tions-Urkunde — voller Stock­fleck­en, schw­er leser­lich: 
“… Quod bon­um felix faus­tum for­tu­na­tum … ex decre­to illus­tris philosopho­rum God­ofre­dum Hag­mann ordi­nis … hoc tem­pore deca­mus exhibi­ta dis­ser­ta­tione: Die dil­lu­viale Wirbeltier­fau­na in Völk­lin­shofen (Oberel­sass) …” Aus­gestellt 1898.

Er hat­te sich mit der Eiszeit befasst, dieser Dr. Got­tfried Hag­mann, geboren 1874 in der Schweiz, gestor­ben 1946 in Brasilien; nat­u­ral­isiert­er Brasil­ian­er; viele Jahre Chef-Zoologe des welt­berühmten Goel­di-Muse­ums von Pará. Ein Gen­er­al­ist der alten Schule, weit­gereist. 

Dieses Haus kaufte er von Miguel Anto­nio Pin­to Guimareis, genan­nt Barão de San­tarém. Sein Por­trait hängt auch an der Wand: ein würde­volles Manns­bild, weißer Voll­bart, Orden auf der Brust. Kein Bild von Dr. Hag­mann selb­st. Und doch ist er all­ge­gen­wär­tig.

EINE TÜR WIRD GEÖFFNET / WESPEN UND ZIKADEN / HERCULANOS STIMME

Spin­nen und Wespen wachen über diesen ganzen Plun­der, die Relik­te eines Forscher­lebens: Beschla­genes Mess­ing- und Kupfer-Gerät, von Grünspan über­zo­gen … Ther­mome­ter, Hygrom­e­ter, Sex­tan­ten. In einem Winkel sind prähis­torische Scher­ben zusam­menge­fegt. 

(…)

Und endlich: Dr. Hag­mans Bib­lio­thek — ein fes­ter Begriff für die Gebilde­ten des unteren Ama­zonas, ein bib­li­ographis­ch­er Mythos in 500 Kilo­me­tern Umkreis. Der Padre in Aru­man­du­ba hat sie erwäh­nt, auch der Lehrer des Colé­gio Dom Aman­do in Monte Ale­gre … Aber wenige haben sie je betreten. 

Man öffnet einen Büch­er­schrank, zwei Meter bre­it, drei Meter hoch.

DER SCHRANK WIRD MÜHSAM GEÖFFNET

Der jün­gere der bei­den Auf­se­her schlägt den Staub von insek­ten­z­er­nagten led­er­nen Bücher­rück­en und losen Papieren. Ein wildes Durcheinan­der: Triv­ial­ro­mane, bün­del­weise Briefe in Frak­turschrift, Kochrezepte, mete­o­rol­o­gis­che Tabellen, Atlanten, Wörter­büch­er … Der Him­mel und seine Bewe­gun­gen … Die Bud­den­brooks … Zwei Lehrbüch­er der Anatomie … Zwei Bände Die tro­pis­che Agrikul­tur … Die Seele des Kindes …

Ehrfurcht im Gesicht, lehnt der Auf­se­her im Tür­rah­men.

Wir ent­deck­en eine Stu­di­en­aus­gabe der Flo­ra brasilien­sis von Carl Friedrich Philipp von Mar­tius und Auszüge aus Hum­boldts 30bändiger Reise in die Neue Welt unter dem Äqua­tor. 

… Am 10. Mai … In der Nacht war unsere Piroge geladen wor­den, und wir schifften uns etwas vor Son­nenauf­gang ein, um wieder den Rio Negro bis zur Mün­dung des Casiquiare hin­aufz­u­fahren … Der Mor­gen war schön, aber mit der steigen­den Wärme fing auch der Him­mel an, sich zu bewölken …”

Alexan­der von Hum­boldt gelangte nur bis zum Ober­lauf des Rio Negro. Er fand bestätigt, daß der Casiquiare die Flußsys­teme des Ama­zonas und des Orinoco verbindet. 

(…) 

WASSERFLAPPEN AN DER BOOTSWAND / ZIKADEN / FROSCH-KONZERT / BRÜLLAFFEN

Das Bei­boot schlägt an die Bor­d­wand. Laut­los schwingt die Barke um die Anker-Leine. Mit ihr bewegt sich dieses Riesen­plan­e­tar­i­um da oben, ein Nachthim­mel voll Stern­schnup­pen. Die hell­sten Sterne — Ori­on, Zen­tau­rus, Sko­r­pi­on — wer­fen ihren Wider­schein aufs Wass­er wie bei uns zu Hause nur der Mond. 

Fis­che platschen hier und dort im schwarzen Fluss. Es schnar­cht und seufzt aus der Kajüte unten. Wet­ter­leucht­en über­all. Die Licht­spiele der Glüh­würmer, das viel­har­monis­che Konz­ert der Grillen und Lurche, der düstere Chor der Brül­laf­fen, der wie ein aufk­om­mender Sturm durch den nahen Wald heult — wie soll da unsere­in­er ein­schlafen ?

MORGENSTIMMUNG AUF DER MAICÁ

Der Tag begin­nt mit Schmetter­lings­gestöber. Schillernde Insek­ten über dem Spiegel der Maiká. Sie bildet einen weit­en flachen See mit kleinen Inseln. Baum­grup­pen in allen Grün­schat­tierun­gen. Ein Kün­stler aus der Nazaren­er-Schule hätte so das Paradies gemalt.

Lobge­sang begrüßt die aufge­hende Sonne. Auf der weit­en glat­ten Wasser­fläche nur der Cap­tain und sein Boot. Er fängt Pira­nhas für das Mit­tagessen. Tau reg­net von den Bäu­men im Man­groven­wald.

Arten­ster­ben ? Ökokatas­tro­phe ? Wenn das stimmt, stirbt dieser Teil der Welt in vol­lkommen­er Schön­heit. 

(…)

SANTARÉM: PARADE ZUM NATIONALFEIRTAG, MILITÄRKAPELLE NÄHERKOMMEND / TROMPETENSIGNALE 

Die Zuschauer­tribüne. Die polierten Helme der Poli­cia Mil­i­tar. Die Posten­kette. Und die zer­lumpten, bar­füßi­gen Kinder. Sie verkaufen Fäh­nchen aus Papi­er. Zum Winken. ORDEM E PROGRESSO ste­ht darauf. Ord­nung und Fortschritt. Heute ist Nation­alfeiertag.

EINE PARADIERENDE BLASKAPELLE SPIELT DIE BRASILIANISCHE NATIONALHYMNE

Vor einem Viertel­jahrhun­dert war diese Urwald­stadt San­tarém ein ver­schlafenes Nest. Dann kamen Heere von Gold­such­ern nach Ama­zonien. Das Städtchen wurde Nach­schub­hafen und Ver­sorgungsplatz für die Gold­mi­nen im Hin­ter­land. Durch­gangs- sta­tion. Viel Geld blieb hier hän­gen.

Nur zehn Jahre dauerte der Boom. Die Män­ner kehrten zurück, einige zehn­tausend — krank und arbeit­s­los. Kein Zuhause mehr. Heute sind 60 Prozent der Ein­wohn­er ohne feste Arbeit. Bin­nen 30 Jahren wuchs die Kle­in­stadt im Nir­gend­wo von 50 000 Ein­wohn­ern auf eine Viertelmil­lion.

ATMO AM FLUSS / PFAHLSIEDLUNG 

Hölz­erne Hüt­ten auf dün­nen, zer­brech­lichen Stelzen, durch Stege ver­bun­den. Unter den Hüt­ten Sumpf und Mod­der. Da wühlen die Schweine und pick­en die Hüh­n­er. Um den Abfall, der herun­terk­latscht, stre­it­en sich ver­lauste Köter mit den Rat­ten und den Kak­er­lak­en — und den Urubus, den Geiern, die den Him­mel über San­tarém bevölk­ern.

ALTE MÄNNER TRATSCHEN UND SCHERZEN / GELÄCHTER

Vier Kumpel liegen im Schat­ten eines aufge­bock­ten Kanus — zahn­lück­ig, ver­wit­tert. Sie heißen Nel­son, Welling­ton, Julio Cae­sar und Mes­sias. Nel­son lebt von der Hand in den Mund. Welling­ton ist manch­mal Fis­ch­er, manch­mal Bauer. Julius Cae­sar kann eigentlich alles: schrein­ern, mauern, kochen. Aber nur, wenn’s sein muss. Mes­sias geht bei Nacht auf Krokodil­fang. 

Dann nimmt er die Taschen­lampe in den Mund, fix­iert das Biest, holt mit dem Pad­del aus und peng !” 

STIMMEN / GELÄCHTER 

(…)

Die Mas­ten der neuen Über­landleitung ste­hen mit­ten auf der zer­furcht­en Haupt­straße. Die Aveni­da Caste­lo Bran­co — “Allee zum weißen Schloss” — ist ein ver­müll­ter Tram­pelp­fad. Zebu-Ochsen grasen vor den Häusern. Durch die Vorstadt kriecht der Qualm aus kokel­nden aus­ge­höhlten Baum­stümpfen, in denen Holzkohle gebran­nt wird. Noch haben die Bewohn­er nicht den steifen Gang des Städters, der zu ger­aden Flächen passt. 

Die Urwald­stadt San­tarém liegt 780 Kilo­me­ter Luftlin­ie von Belém, der Haupt­stadt des Bun­desstaates Pará, ent­fer­nt. Wenn die riesi­gen Fün­fachser, Frachtschiffe zu Land, nach 1800 Kilo­me­tern durch Wald und Savanne lehmverkrustet in den Straßen auf­tauchen, dann wer­den sie bestaunt, als wären sie aus Seenot heimgekehrt. 

(…) 

Später am Tag fahren wir Baden. Das Kanu liegt eingekeilt zwis­chen anderen Booten und Treib­holz und Abfall und Schlingpflanzen und plan­schen­den Kindern. Sehr vie­len Kindern. 

DER FLUSS: ENTFERNTE SCHIFFSDIESEL / VOGELSCHREIE, KINDERSTIMMEN 

Auf der schim­mern­den Fläche spie­len Del­phine zwis­chen den weißen hölz­er­nen bar­cos. Da sind Schwärme von Fis­cher­booten mit bun­ten Segeln und Frachter, beladen mit riesi­gen Stäm­men aus Tropen­holz. 

(…) 

DER FLUSSHAFEN VON SANTARÉM

Die meis­ten bar­cos ver­lassen die Häfen am Fluss gegen Abend. Dann erfüllt Motorenge­brumm den Ama­zonas und seine Nebe­n­arme, und wenn die Nacht sinkt, blinkt eine Milch­straße von Lichtern auf dem schwarzen Wass­er rund um die Städte und Städtchen. Man reist in Ama­zonien, wenn die Hitze nachge­lassen hat … 

AUF DERDEUS É CONOSCO” / DAS GLEICHMÄSSIG QUIETSCHENDE GERÄUSCH DER HÄNGEMATTEN 

Manch­mal fährt die “Deus é Conosco” dicht am Ufer, um der Strö­mung auszuwe­ichen. Dann riecht es brack­ig an Bord — mod­rig, erdig. Der Bug zerteilt schwim­mende Inseln aus Gras. Baum­riesen ste­hen schwarz in der war­men, feucht­en Nacht. Die Tür zum Steuer­haus ist offen. Drin­nen leuchtet nur der Kom­pass und die grüne Anzeige des Echolots. Das Schif­fchen zit­tert vor Erschöp­fung, hechelt, dampft … kol­benglühend. Treib­stoffnebel fällt. 

Die Fle­d­er­maus­rei­he der Schläfer im Gle­ich­takt. 

HARTER SCHNITT IN HAFEN-ATMO / DIEDEUS E CONOSCOLEGT AN

Jedes Anlege­manöver eine Zirkusvorstel­lung. Gauk­ler, Akro­bat­en, Schlangen­men­schen. Schwitzende Ath­leten stem­men Mehlsäcke. Die “Deus e Conosco” weiß bestäubt. Am Ufer baden halb­nack­te Chauf­feure die Chevro­lets der lat­i­fun­di­ar­ios. Ben­zin­lachen. Unter einem Son­nensegel spie­len die Matrosen Domi­no.

Die Stadt heißt Ita­coa­t­iara, “Bemal­ter Stein” auf Indi­an­isch. Vierzig­tausend Ein­wohn­er. Am Han­del­spi­er wer­den Baum­stämme ver­laden — Holz vom Rio Madeira, aus Mato Grosso und Rondô­nia.

SCHRITTE IN DER FAST LEEREN HAUPTSTRASSE

Die Sonne im Zen­it. Das Städtchen zer­fließt vor den Augen. Der Fluss ist flüs­siges Blei. Wenige Pas­san­ten pressen sich in den armdün­nen Schat­ten. Der Super­markt. Die Bäck­erei. Die land­wirtschaftliche Geräte­hand­lung. Das Büro der Vere­inigten Groß­grundbe­sitzer. Obst­markt, Fried­hof — alles leer, geschlossen, hitze­tot. Keine Liebess­chreie aus dem Stun­den­ho­tel “Mira­mar”. Nur ein Hund auf allen Vieren. Vom anderen Ende der Stadt ganz schwach noch das Klack­en der Domi­nos­teine. 

(…) 

BODINHO STIMMT DIE GITARRE

Ita­coa­t­iara, abends. In lan­gen Ket­ten ziehen Rei­her, Störche und Enten über den Fluss zu ihren Schlaf­plätzen. Dort, auf den Inseln, sind die Bäume weiß und schwarz und braun von Vögeln. 

Vor den Chur­ras­co-Restau­rants in der Stadt flack­ern Grillfeuer. Fernsehschirme flim­mern. Zwei, drei Huren kreisen lust­los um den städtis­chen Musik­tem­pel, beäugt von ihren Zuhäl­tern. Fle­d­er­mäuse schwär­men durch die Lichtkegel der Straßen­lam­p­en. Auf dem Fluss ziehn die bar­cos ihre Bahn — schwache Lichtin­seln voll bunter Hänge­mat­ten. Tal­wärts die Bugsier­schiffe — Baum­le­ichen­züge zu den Sägew­erken.

Man kann jet­zt mit­ten auf der leeren Fahrbahn schlen­dern. Die blanke Erde ist noch warm. Vom Wass­er weht ein schwach­er Wind herüber..

(…)

FLUSSHAFEN MANAUS

Vor 100 Jahren lagen hier die Gum­mi-Dampfer an den Piers. Man war plöt­zlich sünd­haft reich. Eine Stadt im Kaufrausch. Man­aus bestellte sich Europa, diesen Sehn­sucht­skon­ti­nent, in Einzel­teilen: eine Straßen­bahn aus Eng­land, ein pom­pös­es Denkmal aus Ital­ien, die Prima­bal­le­ri­na Anna Pawlow­na aus Rus­s­land. Die Hafen­piers, die Mark­thalle, das Haupt­zol­lamt, die Bürg­er­steige an der Praça Ama­zon­i­ca kamen kisten­weise. Auch die Oper.

Der Rausch dauerte knapp 30 Jahre (…) Der Preis für Rohgum­mi fiel drastisch. Und Man­aus war ‘raus. Fün­fzig Jahre Kater­stim­mung. Nun aber ist der Boom zurück­gekehrt. 

PLÖTZLICH EINBRECHENDES REKLAMEGESCHREI / MOTORENLÄRM AUF DER ORLA 

Alles fast wie damals. Die Reichen stellen wieder ihren Reich­tum aus. Im Kaufhaus des japanis­chen Konz­erns YAMADA bewacht Per­son­al in per­fekt sitzen­den Uni­for­men die Luxu­s­güter der Ersten Welt — für die novo-ricos, die Geld­säcke, der Drit­ten: Givenchy, Yves Saint Lau­rent, Dior, Calvin Klein. Schul­ranzen für 100 Reais. Super-Bar­bi­es in Kinder­größe — 220 Reais. Ganze 180 Reais, 90 EURO, beträgt der offizielle Min­dest­lohn zur Zeit. Hau­sangestellte ver­di­enen 50 EURO monatlich. 

ORLA 

Jeden Abend inter­na­tionaler Automarken-Kor­so. Auf der Ufer­prom­e­nade rollen Pick-ups, Jeeps und Kabrios zum Nei­dis­chw­er­den. Schon am Stad­trand sind die Straßen für die tiefgelegten Road­ster unpassier­bar.

Aus den Kof­fer­räu­men wum­mern Bass­woofer mit vie­len hun­dert Watt. Fette fazen­deiro-Kinder lassen ihre Skate­boards knallen. Ihre Väter mit den bre­itkrem­pi­gen Hüten brüllen in die öffentlichen Tele­fone, wie sie das vom Funkverkehr im Hin­ter­land gewohnt sind — Das-Gesetz-bin-ich-Typen, die neuen Fitz­car­ral­dos.

In den Nobel-Dis­cos schmückt man sich mit bun­ten Ara-Fed­ern. Man spielt Urbevölkerung. Holzhändler­söhne reiben sich an Fazen­deirotöchtern. Jede Woche Karneval.

Vor den Mark­thallen schreien hun­dert Kinder Wass­er aus, in blauen Plas­tik-flaschen. Auf dem heißen Pflaster vor der Kathe­drale brat­en Bet­tler ohne Unter­leib. “Helft den Lep­rakranken !” Sekretärin­nen von Sony und Toy­ota lenken ihre spitzen Absätze mit Anmut durch den Unrat auf den Straßen. Ohne Ekel. 

Auch Oper wird wieder gespielt. Wei­thin leuchtet die ren­ovierte Kup­pel des Teatro Ama­zonas mit den 36 000 Emailka­cheln in Grün, Gelb und Blau, den Far­ben Brasiliens. Der Diri­gent ist Schweiz­er, 17 Orch­ester­musik­er kom­men aus Bul­gar­ien, 16 aus Weißrus­s­land, sieben aus der Rus­sis­chen Föder­a­tion. Kein leichter Job in der seifi­gen Luft Ama­zoniens, die die Geigen platzen lässt und die Klap­pen der Blasin­stru­mente verklebt. Dies­jahr auf dem Spielplan: Mozarts Buf­fo-Oper “Don Gio­van­ni” und Richard Wag­n­ers “Die Walküre”.

TELEPHONSTIMME Escort girls ! Sophis­ti­cat­ed, clean ! — Body build­ing guys for din­ner, con­gress, schooner sail­ing — night and day ! — Um son­ho trop­i­cal !!

(…)

DIE GERÄUSCHE EINESINDIO-DORFSFÜR TOURISTEN

Wir besichti­gen ein “Indiodorf”. Auf Knopf­druck zapft der Gum­mizapfer Gum­mi, schle­icht die Schlange. Die grässlichen Pira­nhas schwim­men For­ma­tion. Gegen Auf­preis tanzt der Indio seinen Kriegstanz. Men­schenopfer nur nach Voran­mel­dung.

MANGROVENWALD / KANU / ENTFERNTES DONNERN 

Wir über­queren den gleißen­den Strom. In einem Tapirí auf Pfählen hausen Touris­ten wie Wilde. Sie winken. 

Mein “Tour­guide” heißt Nel­son (…)

NELSON PFEIFT AUF SEINER VOGELPFEIFE / EINZELNE WALDVÖGEL ANTWORTEN

Ein Wald unter Wass­er. In der Trocken­zeit kön­nten wir zu Fuß gehen. 

Das Don­nerrollen klingt noch fern. Aber plöt­zlich wird es dunkel — wie in einem Haus, als würde jemand vor dem Sturm alle Fen­ster­lä­den schließen. Der Kegel der Taschen­lampe ver­sick­ert im auf­steigen­den Dun­st. Stämme, Lia­nen, Luftwurzeln, Äste … Keine Him­mel­srich­tung mehr.

Nel­son ist ganz still gewor­den. Sagt kein Wort. Vielle­icht schämt er sich. Alb­träume waren nicht verabre­det. Oder hat er ein­fach Angst ? Ein kalter Wind kommt auf. Die Blitze näher, greller — schwe­fel­gelb. Böen schüt­teln das Gewirr der morschen, zent­ner­schw­eren Äste über uns. 

Dann der Guss.

DONNERSCHLÄGE, NAH / TROPENREGEN

Wir bugsieren das flache Boot in eine Lücke zwis­chen Baum­stäm­men. Nichts zum fes­thal­ten. Nur Dor­nen. Zweige wie aus Stachel­draht. Wir schöpfen mit der Kale­basse, was der Him­mel oben reingießt. Schweigend schöpfen wir. 
Und schöpfen.

(…) 

© Alle Rechte beim Ver­fass­er