Auch ich war ein Bittschön

Ort­ster­min im früheren Sude­ten­land (1993, gekürzt, MDR/SFB mit Radio Prag) 

Erzäh­ler An die Stadtver­wal­tung in Šumperk, Frieden­splatz 1, Tschechis­che Repub­lik. Bet­rifft: die Liegen­schaften Dobrovskýs­traße Num­mer 40 und Gen­er­al-Svo­bo­da-Platz Num­mer 2.

Sehr geehrte Damen und Her­ren ! Hier­mit verzichte ich in aller Form vor­sor­glich auf jeden Anspruch, der mir — auch bei Änderung der Recht­slage im Ver­hält­nis der Bun­desre­pub­lik Deutsch­land zur Tschechis­chen Repub­lik -aus oben genan­nten Ver­mö­gens- und Sach­w­erten erwach­sen sollte.

MARSCHMUSIK (SUDETENDEUTSCHER TAG) LANGSAM EINBLENDEN

Gründe: Ich wurde 1940 in der Dobrovskýs­traße Num­mer 40, damals Lenau­gasse, geboren. Šumperk, damals Mährisch-Schön­berg, gehörte seit dem soge­nan­nten “Anschluss des Sude­ten­lan­des” 1938 zum Deutschen Reich.

Meine Fam­i­lie väter­lich­er­seits besaß ein Pelzgeschäft auf dem Gen­er­al-Svo­bo­da-, damals Eichel­bren­ner-Platz Num­mer 4. 1946 bin ich — ein­er unter dreiein­halb Mil­lio­nen Deutschen — aus der damals wieder­errichteten Tsche­choslowakei in das ehe­ma­lige Reichs­ge­bi­et, heute Bun­desre­pub­lik Deutsch­land, zwangsweise umge­siedelt wor­den.

Laut­sprech­er­stimme (EINZUG DER TRACHTENGRUPPEN) … Und nun kommt die Sude­tendeutsche Jugend Berlin…

Her­zlich willkom­men die Sude­tendeutsche Jugend Öster­re­ichs … Wir begrüßen die Arbeits­ge­mein­schaft Sude­tendeutsch­er Stu­den­ten … Nun kom­men die Böh­mer­wäldler — her­zlich willkom­men ! …

Erzäh­ler­Sie wer­den sich vorstellen kön­nen, verehrte Damen und Her­ren im Šumperk­er Rathaus: Dies war kein allzu guter Start ins Leben.

Die “Reichs­deutschen” nan­nten uns “Bittschöns”. Denn wir kamen als Habenichtse. Deshalb waren unsere Leute ganz beson­ders höflich. Bei jed­er Gele­gen­heit sagten sie: “Bittschön !” — “Dankschön !” — “Dankschön !” — “Bittschön !”

Lautsprecherstimme…Und nun zum Abschluss noch der Höhep­unkt: die Sude­tendeutsche Lands­man­nschaft New York mit ihrer Fahne ! …

BEIFALL. MARSCHMUSIK.

Erzäh­ler­Das alles ist nun lange her. Seit beinah 50 Jahren wohne ich in West-deutsch­land. Ich habe hier geheiratet. Mein Sohn ist 17 Jahre alt und wurde in Berlin geboren. Doch jedes Jahr zu Pfin­g­sten m u ß ich mich erin­nern. Dann wird die Zeit zurückge­dreht. Dann ist Suden­ten­deutsch­er Tag.

Red­ner … Sehr geehrte Ehrengäste, liebe Land­sleute ! Mit Ihrem Erscheinen leg­en Sie ein machtvolles Beken­nt­nis zu Heimat, Recht und Gerechtigkeit ab. “Vertrei­bung ächt­en, Heima­trecht acht­en !” So lautet das Mot­to dieses Sude­ten-deutschen Tages. Mit unserem Mot­to fordern wir die Anerken­nung des Heimat- und Selb­st­bes­tim­mungsrecht­es sowie des Recht­es auf per­sön­lich­es Eigen­tum …

Erzäh­ler­Da reden sie an mein­er Statt. Da drück­en sie für mich Gefüh­le aus. Da fordern sie in meinem Namen — “W i r Sude­tendeutschen !”

Red­ner Wie unser verehrter Fre­und und Mit­stre­it­er Otto von Hab­s­burg es ein­mal for­muliert hat, liebe Land­sleute: Die Geschichte ken­nt keinen Schluss-Strich !

STARKER BEIFALL

Erzäh­ler­So viele “Bittschöns” — 30 000 unter einem Dach ! Ich bin kein Fre­und von Men­schen­massen. Auch stört mich diese insze­nierte Back­ob­st­stim­mung, dieses Fichten­nadel-Pathos. Lasst die Toten ruhen ! Was war, das war. Manch­mal hätte ich schon große Lust, die Verzichts-Erk­lärung an das Amt in Šumperk wirk­lich abzuschick­en. Schluss-Strich, Punkt und aus.

SUDETENDEUTSCHER TAG / STIMMENGEWIRR

Und dann — dann hör’ ich diese Sprache wieder — “Paradeis­er”, “Topf’n”, “Kreen”, “Faschiertes”, “Erepp’l” und “Semm’lschmorrn”, “Duchent”, “Karfi­ol”, “Fisol’n” — über­all die Stim­men mein­er Großel­tern. Und ich füh­le: Nix zu machen — du gehörst dazu ! Ein­mal “Bittschön” — immer “Bittschön”.

SCHRITTE IN EINEM TREPPENHAUS. STIMMEN.

In Prag nahm ich Jar­ka an Bord, eine Kol­le­gin vom tschechis­chen — früher tsche­choslowakischen — Rund­funk; neuerd­ings Aus­län­derin mit slowakischem Pass. Ich brauchte ihre Hil­fe. Denn ich fuhr ja durch ein fremdes Land.

STIMMEN. ANKLOPFEN. EINE TÜR WIRD GEÖFFNET.

Jarka(TSCHECHISCH) Sagt Ihnen der Name Kopet­zky etwas ?

SCHRITTE, STIMMEN UND ANDERE GERÄUSCHE IN TREPPEN-HÄUSERN (…)

Erzäh­ler­Gle­ich an unserem zweit­en Tag in Šumperk gin­gen wir ins Rathaus.

BEGRÜSSUNG UND DIALOG, TSCHECHISCH

Wir fan­den ein Adress­buch aus dem Jahr 1940. Mein Geburt­s­jahr !

Kopet­zky (BLÄTTERT, LIEST) Heer­es­stan­dortver­wal­tung … Indus­trie- und Han­del­skam­mer … Reich­sar­beits­di­enst … Werk­luftschutz …

JarkaW­ie hieß die Straße ?

Kopet­zkyLe­nau­gasse.

Stim­men… Niko­laus Lenau … Lenau­gasse ? … Nó !

Jar­ka Sie heißt jet­zt Dobrovskýs­traße. Das Haus soll noch ste­hen.

Kopetzky(liest) … Schu­bert .… Rossi­pal … Schmidt … Kubitschek … Wag­n­er … Sed­latschek … Stanzel, Johann ! 40 … Hier ist Num­mer 40 ! Stanzel, Johann — das war mein Groß­vater

IM FAHRENDEN PKW

Erzäh­ler­Wir fuhren gle­ich hin.

Jar­ka Also hier begin­nen schon neue Häuser … 36 … 38 …

Kopet­zky­Ja … ja … 40 !

JarkaSchau’n Sie mal — das ist eine Über­raschung !

Kopet­zky­Das gibt’s doch nicht !

DAS AUTO HÄLT, DIE TÜR WIRD GEÖFFNET.

Erzäh­ler Vor dem Grund­stück Num­mer 40 park­te ein Berlin­er Auto. Ich sel­ber wohne in Berlin — seit 25 Jahren !

AUTOTÜR WIRD ZUGESCHLAGEN. BLEIBT: DIE AKUSTIK EINER STILLEN VORSTADTSTRASSE MIT SPATZENGEPLÄRR.

Erzäh­ler­Da stand ich vor besagter Liegen­schaft, ein Zwei-Fam­i­lien-Haus, gedeckt mit schwarzem Schiefer. Alles — bis auf den Gara­ge­nan­bau — wie auf alten Fotos. Mein Geburtshaus.

Man erwartet Rührung. Im all­ge­meinen bin ich kein Gefühlsklotz. Aber — die Ergrif­f­en­heit hielt sich in Gren­zen. Bei jed­er Ankun­ft in Berlin nach langer Reise regt sich mehr in meinem Brustko­rb.

Im ersten Stock­w­erk ging ein Fen­ster auf. Da wohn­ten ein­mal meine Großel­tern.

DIALOG, TSCHECHISCH

Jarka­Soll er run­terkom­men ?

Erzäh­ler Sie fra­gen, ob sich gar nichts in mir abspielte — in diesem Augen­blick. Nach 46 Jahren ! Doch. Ich habe einen Film gese­hen. Schwarz-weiß und ganz ver­reg­net, voller Kratzer.

DIE VORSTADT-KULISSE VERSCHWIMMT

Da ist diese hol­prige Straße. Am Bil­drand fan­gen schon die Felder an. Die Sonne scheint, man sieht es an den Schat­ten. Ich bin fün­fein­halb.

Ein klein­er Leit­er­wa­gen ist mit Taschen, Bün­deln voll­gepackt. Ich sitze obe­nauf. Neben mir ein Topf mit Milch. Sie scheint zu dampfen.

Wie viel Leben passt auf einen solchen Kar­ren ? Antwort: 140 Kilo — 35 pro Per­son. Die das überwachen, ste­hen seitlich, junge Män­ner mit Gewehren. Rauchend.

Auf dem Film noch meine Mut­ter und die Großel­tern. Sie weinen. Dann ergreift der Groß­vater die Deich­sel. Mut­ter schiebt. Ich sehe, wie der Leit­er­wa­gen aus dem Bild rollt — ich als Kutsch­er.

STEREO-KULISSE WIE ZUVOR. DIE TÜR WIRD GEÖFFNET. DIALOG, TSCHECHISCH

Erzäh­lerUns öffnete ein Polizeibeamter aus Berlin-Hellers­dorf. Dann erschienen seine Schwiegerel­tern, Herr und Frau Tes­sar, jet­zt Besitzer dieses Haus­es.

Kopet­zkyIn diesem Haus bin ich geboren.

Der Berliner­In diesem Haus ?

DIALOG, TSCHECHISCH

JarkaWenn Sie sich das anse­hen möcht­en …

Kopet­zky­Ja, ja !

TÜRGERÄUSCHE, SCHRITTE IM TREPPENHAUS. GELÄCHTER.

Erzäh­lerIch dachte — während ich auf Lan­desart im Flur die Schuhe aus­zog: 
Nun betrittst du also unter Führung eines deutschen Staats­di­eners auf Urlaub dein Geburtshaus — und zugle­ich das Eltern­haus der jun­gen Tschechin, die jet­zt seinen deutschen Namen trägt — und ihrer Kinder. Und sie haben nie von dir gehört.

Jar­ka Wo wollen Sie anfan­gen ?

Kopet­zkyE­gal

Der Berlin­er­Das ist noch so wie’s war … Das war das Schlafz­im­mer … 
Die Möbel sind alle neu …

DIE KULISSE VERSCHWIMMT

Erzäh­lerUnd wieder lief der Film in meinem Kopf: Ich auf allen Vieren, noch kein Jahr alt. Auf dem Tep­pich liegen Auss­chnei­de­fig­uren mit Hak­enkreuz.

Mut­ter liest einen Brief: “Wie schön muss es sein”, schreibt mein Vater aus Rus­s­land, “wie der kleine Kerl das Händ­chen schon zum Deutschen Gruß hebt Schnitt. Drei Tage später: “Sehr geehrte Frau Kopet­zky … fällt mir schw­er, mitzuteilen … in den Kopf getrof­fen … Helden­tod … Die Bat­terie ver­liert in Ihrem Gat­ten…” Schnitt.

Fremde Leute ziehen bei uns ein, eine tschechis­che Fam­i­lie mit drei Kindern. Wir dür­fen nur noch diesen einen Raum bewohnen — meine Mut­ter, meine Großel­tern und ich.

ERINNERUNGS-KULISSE WEG

Erzäh­ler… Diesen Raum ! Hier ver­bracht­en wir das let­zte Jahr in Mährisch-Schön­berg

Frau Tessar(JARKA ÜBERSETZT) Wie mein Vater erzählt hat, haben die Deutschen geweint, als sie das ver­lassen mussten.

Herr Tes­sar­Als wir hier­her kamen im Jahre 48, waren alle Deutschen schon weg. Hier war nie­mand mehr. Leer kon­nte es hier nicht bleiben. Und so sind wir aufgerufen wor­den, von Lito­var hier­her zu kom­men und das zu beset­zen. Ich denke, meine Mut­ter hat damals 120 000 Kro­nen für dieses Haus bezahlt. An den Staat. Das war viel Geld.

DIALOG, TSCHECHISCH

Erzäh­ler­Während ich so zuhörte und nichts ver­stand, wan­derten die Augen durch die Obst­gärten der Nach­barhäuser — auf die Straße — zu den Hügeln.
Lebenslang ver­traute Ansicht­en: Kalen­der­bilder, Postkarten­mo­tive. Ein Gemenge aus Erzähltem und Erin­nertem.

Meine Heimat — und ? Was sollte ich daraus nun ableit­en ? Waren diese Apfel­bäume, diese Straße, diese Hügel deshalb deutsch ? Mir fehlt ein­fach der Sinn für Stamm­bäume und Grund­buchauszüge. Als ich hier durch Zufall auf die Welt kam, war ich nackt — wie ein Tscheche.

Kopet­zky­Wie kommt Ihnen das eigentlich vor, wenn wir hier plöt­zlich auf­tauchen und all’ die Fra­gen stellen ?

Frau Tessar(JARKA ÜBERSETZT) Ich hab’ ein etwas dummes Gefühl. Wollen Sie damit sagen, daß Sie hier­her zurück­wollen, uns das nehmen wollen — oder ? Man weiß nicht, was man davon denken soll … Natür­lich — wenn Sie als ursprüng-lich­er Inhab­er herkom­men und es sehen wollen — dann zeige ich es Ihnen. Und damit ist es Schluss.

Erzäh­lerIch sagte: Das kann ich ver­ste­hen. Sich­er haben Sie uns Deutsche mehr als Okku­pan­ten in Erin­nerung. Herr Tes­sar protestierte.

Herr Tes­sarIch kann mit dieser Auf­fas­sung niemals ein­ver­standen sein. Weil — wenn ich diese Ein­stel­lung gegenüber den Deutschen haben sollte, so würde ich niemals meine Tochter einen Deutschen heirat­en lassen.

Ich möchte das auflösen, völ­lig auflösen — abschaf­fen, was früher war ! Und ich möchte solche Gefüh­le gegenüber den Deutschen entwick­eln, wie ich sie gegenüber jed­er anderen Nation habe. Obwohl — mein Vater ist im Konzen­tra-tion­slager auf dem deutschen Ter­ri­to­ri­um ums Leben gekom­men. Und ich kön­nte Ihnen erzählen, was der Krieg war und was Deutsch­land war. 

Frau Tes­sarDie Schwiegermut­ter musste dann drei Söhne großziehen.

Kopet­zkyWar Ihr Vater im Wider­stand gegen die Deutschen ?

Herr Tes­sar Ja, er war im Wider­stand (Par­ti­san).

Kopet­zky­Wie alt waren Sie damals ?

JarkaEr ist Jahrgang 37, also er war fünf Jahre alt, als man ihm den Vater genom­men hat.

Herr Tes­sarEs ist schon vor­bei … Es ist schon hin­ter uns … Und es ist gut so …

AUSSEN-ATMO. HÜHNERGACKERN.

Erzäh­ler­Dann waren wir noch kurz im Garten: Hüh­n­er, ein Kar­nick­el­stall. Das hätte mir als Kind gefall­en.

Herr Tes­sarAn dieser Stelle stand ein Zaun, wenn Sie sich noch erin­nern kön­nen. Hier war ein kleines Tor und hohe Apfel­bäume

Erzäh­ler­Groß­mut­ters Apfel­bäume ! Hat­ten sich zu bre­it­gemacht. Zu viel Schat­ten. Auch Groß­mut­ter ist lange tot.

LEBHAFTES GESPRÄCH IM TREPPENHAUS. GELÄCHTER.

Ich glaube, die Fam­i­lie Tes­sar war ganz froh, als wir wieder gin­gen. Ich spürte die Erle­ichterung.

In dieser Straße wohnen keine Deutschen mehr, meinte noch Herr Tes­sar beim Hin­aus­ge­hen. Und ich sagte: Doch — Ihr Schwiegersohn !!

(…)

KLEINE TANZKAPELLE

Erzäh­ler­A­bends Tanz­musik. Zu Gast eine Sude­tendeutsche Lehrergruppe aus dem Bay­erischen. Deutsche Dirndl, weiße deutsche Kniestrümpfe.

Vortänz­erin… Eins — zwei — drei — vier — Dreher … Wieder gehen ! … Dreher … Nochmal ! … Dreher … Und jet­zt, eins — außen tupfen, innen tupfen … Dreh’n ! … Außen tupfen … innen tupfen… Dreh’n ! Und da geht’s von vorn !

Erzäh­lerEs war eine rührende Szene: Diese lebenss­chw­eren Alten, paar­weise verk­lam­mert, mit erhitzten Wan­gen. Polka­seligkeit. Doch die Vorkriegs-Schritte woll­ten nicht mehr recht gelin­gen.

MUSIK HOCII

Wie hat­ten sie getanzt, vor 50 Jahren bei der Hitler­ju­gend und im BDM ! Später waren deutsche Tänze uner­wün­scht, sog­ar ver­boten — “folk­loris­tis­ches Gehupfe ohne sozial­is­tis­ches Niveau” …

MUSIK HOCH
Und jet­zt sind sie “zu olt”. Ver­passtes Leben ! Jed­er Tanzschritt krakelte ein “Ach-wie-schade” aufs Par­kett.

MannNach 48 sind diese Deutschen hier im Lande zum dop­pel­ten Feind gewor­den. Erstens, weil sie Deutsche waren — da war immer noch: Was deutsch ist, ist Faschist. Und zweit­ens hat­te jed­er von uns einen Ver­wandten im west­lichen, also kap­i­tal­is­tis­chen Aus­land. Und damit wurde er Spi­on und Sabo­teur und alles mögliche.

FrauÜber­all ist man schief ange­se­hen wor­den. In jedem Beruf. Und immer die niedrig­ste Gehaltsstufe. Man kon­nte machen, was man wollte … Und Deutsch durfte man nicht sprechen. Wie man auf der Straße deutsch gesprochen hat, ist man schon angepö­belt wor­den.

(…)

STILLE FRIEDIIOFSATMO. SCHRITTE, VOGELSTIMMEN. ENTFERNTER VERKEHR AUF DER ÜBERLANDSTRASSE.

Kopet­zky­Hi­er ruht Frau Anna Schimke, Fab­riks­di­rek­tor­gat­tin — Auf Wieder­se­hen … Die Fam­i­lie Sei­del — Irene Reuter, geborene Sei­del — Max Sei­del — Marie Sei­del — Agathe Sei­del …

Erzäh­ler Die meis­ten Deutschen fand ich auf dem Fried­hof. Schlichte Grab­steine der Schu­berts oder Sei­dels. Und daneben, schief und efeu-über­wuchert, die Fam­i­lien­gruften reich­er Schön­berg­er Fam­i­lien.

Kopet­zky (ENTZIFFERT) … Marie von und zu Eisen­stein, geboren am 28. Okto­ber 1869, gestor­ben 1871 … Dr.Heinrich Edler von Ober­lei­th­n­er … Franz Edler von Ober­lei­th­n­er … Dr. Kon­stan­tin Frei­herr von Chiari, 1877 bis 1932 … Marie Biener, geborene Chiari — Ihr Geist stieg auf zum ewigen Licht …

Erzäh­ler Ich las tschechis­che und deutsche Namen, tschechisch-deutsche und deutsch-tschechis­che: Marie Bruck­müllerová, geborene Gottwal­dová … Jana Hüb­nerová … Marie Schnei­derová …

Nehmen Sie nur meinen Namen: Kopec heißt “der Hügel”. Kopet­zky also “Hügler”. Oder “Der, der auf dem Hügel wohnt”. Der Mäd­chen­name mein­er Frau ist Broschek, ursprünglich mit ž geschrieben — z mit “Hak­en”.

Unsere Vor­na­men dage­gen — “rein ger­man­isch”: Hel­mut, Hei­drun. Fried­gund heißt die Schwest­er mein­er Frau.

Kopetzky(LIEST) Vaclaw Müller … Vojteš­ka Drexlerová …

Erzähler700 Jahre lebten sie zusam­men — seit die Herzöge der Tschechen deutsche Siedler in ihr Land gerufen hat­ten. Seit’ an Seit’ wur­den wie begraben. Das Elend fing im vorigen Jahrhun­dert an. Zunächst nur ide­al­is­tis­che Gedanken­spiele — “Deutsch­er Reichs­gedanke”, “Panslaw­is­mus”, “Renais­sance der tschechis­chen Nation”. Dann intellek­tuelle Zün­deleien. Das aus­tro-deutsche Bürg­er­tum fühlte sich den Slawen über­legen. “Am deutschen Wesen…” und so weit­er und so weit­er. Schla­gende Stu­den­ten sucht­en Stre­it, die “alten Her­ren” saßen kich­ernd an der Theke. Bis zum ersten Weltkrieg flo­gen nur die Bier­sei­del.

Kopet­zky… Dem bewährten Bürg­er­meis­ter im Ersten Weltkriege, Friedrich Rit­ter von Ter­sch, 1836 bis 1915 … (VERSUCHT ZU ENTZIFFERN) Dem Kämpfer — dem Kämpfer für — das — schw­er zu lesen — Deutsch­land …

Erzähler1918 brach die öster­re­ichisch-ungarische Monar­chie zusam­men. 6,7 Mil­lio­nen Tschechen woll­ten endlich ihren eige­nen Staat. 3,1 Mil­lio­nen Deutsche waren nun zur “nationalen Min­der­heit” gewor­den. Doch das Mit- und Nebeneinan­der, in Jahrhun­derten geübt, funk­tion­ierte vor­erst weit­er. Viele kön­nen das bezeu­gen. Zeuge Win­kler:

Win­k­lerIch habe 80 Meter von einem Gasthaus ent­fer­nt gewohnt, als Kind. Und da hab’ ich das so beobachtet. Von den Bier­fässern haben wir in die Gast­stube ‘reinge­se­hen, wie sie getanzt haben, gespielt — ein tschechis­ches Lied, ein deutsches Lied. 

Ein­mal haben die Tschechen getanzt, dann haben wieder die Deutschen getanzt. Die Tschechen sein um die deutschen Mädel gegan­gen — und die Deutschen sind zu den tschechis­chen Mädeln gegan­gen. Und alles ist friedlich ver­laufen …

Erzäh­lerEs gab deutsche Orte und daneben tschechis­che. Auf manchen Karten war die “Sprach­gren­ze” sog­ar markiert. Arbeit­er aus Blau­da — tschechisch Blu­dov — fuhren in die Trebitsch-Weberei nach Mährisch-Schön­berg. Onkel Hans, der Brud­er mein­er Mut­ter, ging in Blu­dov auf die “Tschechen­schule”. Er sprach Tschechisch wie ein Tscheche. Den­noch trug er auf der Straße “deutsch”.

Hans StanzelIch hat­te immer meine weißen Strümpfe und meine Leder­ho­sen. Und da war ich glück­lich !

Erzäh­lerTschechen hat­ten lange Hosen, sagt mein Onkel. Deutsche Frauen tru­gen Dirndlk­lei­der.

Hans StanzelDirndl war deutsch !

Schale­kIch muss Ihnen da etwas zeigen …

Erzäh­lerZeuge Schalek.

Schalek­Se­hen Sie — das ist die Quar­ta des Leit­mer­itzer Gym­na­si­ums. Und das war ich !

Kopetzky19..

Schalek1928.

Kopet­zkyUnd wie viele Deutsche sind auf dem Foto ?

Schalek­Das sind alles Deutsche. Das war ein deutsches Staats­gym­na­si­um in Leit­meritz. Als Mit­telschüler war ich in der soge­nan­nten bündis­chen Jugend, in der Wan­der­vo­gel­be­we­gung. Wir haben da immer im böh­mis­chen Mit­tel­ge­birge zur Son­nwend­feier auf den Basaltkegeln unsere Feuer entzün­det, und als die Däm­merung kam, haben sie auf allen diesen Kegeln geleuchtet. Und dort hat man dann das Böh­mer­land­lied gesun­gen. Sie seh’n in diesem Lied schon irgend­wie die Keime der späteren Entwick­lung.

Kopet­zkyKön­nen Sie das noch ?

Schalek­Das kann man nicht vergessen: “Wir heben unsere Hände / aus tief­ster bit­ter­er Not / Her­rgott den Führer sende / der unsern Jam­mer ende mit mächtigem Gebot / Erwecke uns den Helden / der seines Volks erbarm’ / Das Volk, das nacht­be­laden / verkauft ist und ver­rat­en / in sein­er Feinde Arm…”

Die let­zten zwei Verse sind mir ent­fall­en — ich weiß nur den Schluss noch: “Lass nicht zuschan­den wer­den / dein licht­es Volk auf Erden / und mein­er Mut­ter Land … !”

Erzäh­lerVergiftete Lyrik. Die Wirkung zeigte sich zehn Jahre später, 1938/39, mit dem soge­nan­nten Anschluss und dem Ein­marsch deutsch­er Trup­pen in die “Rest-Tsche­choslowakei”.

DOKUMENT (15. 3. 1939)ReporterHier ist der volks­deutsche Sender “Prag II”, das Mikrophon auf der Galerie des Muse­ums am Wen­zel­splatz.’ Eben hat sich der untere Teil des Wen­zel­splatzes mit Men­schen­massen gefüllt, die ein uns unver­ständlich­es Lied sin­gen. Aber es ist, das hört man, ein Lied der Begeis­terung (…)

FrauAl­so — wir waren ja alle rest­los begeis­tert. Zu 90 Prozent waren wir für den Anschluss. Dass es zufäl­lig der Hitler war — bitte, Zufall ! Wir hät­ten mit jedem Anderen den Anschluss begrüßt. Wir waren Deutsche, wir woll­ten zum Reich !

Erzäh­lerNein, sie haben sich nicht ‘raus­ge­hal­ten, unsere Mährisch-Schön­berg­er. Sie standen in der Schiller­straße, Kopf an Kopf, wenn der Lehrer Kon­rad Hen­lein, Führer der “Sude­tendeutschen Heimat­front”, später Gauleit­er und Reichsstatt-hal­ter, dort sein Gift ver­spritzte. Schön­berg war schon immer eine “deutsche Stadt” gewe­sen. Tausend Tschechen, 15 000 Deutsche. Dann, Im Weltkrieg, wurde diese Über­ma­cht erdrück­end. Viele Tschechen flüchteten ins soge­nan­nte Reich­spro­tek­torat.

(…)

TREPPENHAUS, SCHRITTE UND STIMMEN. EINE TÜR WIRD GEÖFFNET. DIALOG AUF TSCHECHISCH.

Kopet­zkyMein Name ist Kopet­zky.

Jarka­Woran sollte sie sich erin­nern

Kopet­zkyAn den Namen Kopet­zky.

JarkaWar es Ihr direk­ter Ver­wandter in dem Pel­zladen ?

Kopet­zkyEs war mein Vater.

Erzäh­lerE­ichel­bren­ner­platz, dann Hitler­platz … dann Stal­in­platz. Jet­zt Ulice Gen­erála Svo­body. Haus­num­mer 2. Auch hier kan­nte mich nie­mand.

Ich dachte: Dieses Šumperk ist ein Film in fremder Sprache, ohne Unter­ti­tel. Niemals wirst du hier zu Hause sein.

Jar­ka Sie ist im Jahre 50 gekom­men. In dem Jahr war Staatsver­wal­tung in dem Geschäft. Schon zweite oder dritte Gen­er­a­tion, sagt sie. Schon 45 Jahre !

Erzäh­ler­Im Erdgeschoß war das Geschäft: Kopet­zky — Hüte, Pelze, Mützen. Das führende Pelzhaus am Platz. Jet­zt ist dort ein Ram­schladen. Überm Ein­gang sieht man noch den Schat­ten ein­er Leuchtreklame: zwei Buch­staben des Namens, “k” und “y”. Und ein Fuchss­chwanz. Alles verblasst, wie prähis­torische Fresken.

Den Laden hätte ich vielle­icht geerbt.

Es gibt ein Foto: Ich ste­he vor dem Ein­gang, über mir der Fuchs als Fir­men-zeichen. Da muss ich vier gewe­sen sein — 1944. Mein Groß­vater war damals Heeres­liefer­ant. 
(…)

1945, Kriegsende. Die Russen kamen in der Nacht vom 8. auf den 9.Mai nach Schön­berg. Eine Mainacht wie in Liebesliedern, sagt man. In der Lenau­gasse hat mein ander­er Groß­vater die Axt geschärft. “Die sollen hier nur Leichen find­en !” — Er war kaum zu brem­sen.

PAPIERE WERDEN UMGEBLÄTTERT

Archivarin… Gegenüber von Kopet­zky war die Buch­hand­lung Heuer. 
Da sehen Sie: Der Herr Heuer, Jahrgang 98, hat sich da auch das Leben genom­men. Gegenüber vom Geschäft Kopet­zky. Der Herr Heuer …

Erzäh­lerIn West­deutsch­land fand ich Verze­ich­nisse des let­zten Toten­gräbers der Stadt Mährisch-Schön­berg; die Verzwei­flung jen­er Tage — reg­istri­ert mit aku­rat­en “deutschen” Buch­staben.

Kopet­zky­Das ist auch ein Mas­sen­grab …

Archivar­in­Ja, schau’n Sie: Das ist er mit sein­er Frau und ein Sohn, 32 und eine Tochter. Die haben keine Aus­sicht mehr gese­hen. Die haben sich vergiftet. Das sind also zusam­men eins, zwei, drei, vier, fünf Per­so­n­en in diesem Massen-grab — und noch eine Frau, Langerová liegt da dabei. 

Vergiftet, aufge­hängt, erschossen …

(…)

Erzäh­lerZeit der Abrech­nung — nicht Krieg, nicht Frieden. Damals gab es kein Gesetz.

Archivarin (BLÄTTERT UM) Der ist also in Schön­berg nach schw­eren Mis­shand­lun­gen durch die Tschechen ver­stor­ben … Tod im Arbeit­slager…

Erzäh­ler­Aug’ um Auge, Zahn um Zahn … Die soge­nan­nten Ostar­beit­er hat­ten sie mit einem blauen Lap­pen, 10 mal 10, die Juden mit dem gel­ben Stern markiert. Nun tru­gen alle Deutschen weiße Arm­binden mit einem großen “N” wie “Nemec”, “Deutsch­er”.”.

Zwei Drit­tel aller Häuser standen leer. Mährisch-Schön­berg war entvölk­ert. Aus dem Inneren des Lan­des kamen neue Ein­wohn­er, Ver­wal­tungsleute, Polizis­ten. Eine Men­schen­trans­fu­sion.

Alle deutschen Auf­schriften ver­schwan­den, auch die Leuchtreklame über unserem Ein­gang. Mährisch-Schön­berg wurde “ent­ger­man­isiert”.

(…)

ATMOSPHÄRE IN JARKAS ELTERNHAUS. WIEDERSEHENS-SZENE.

Erzäh­ler­Jar­ka — eigentlich Jarmi­la — hat­te mich schon eine Woche lang begleit­et, da erfuhr ich: Sie war selb­st auf einem “Nos­tal­gi­etrip”.

In Nový Malin, einem Dorf bei Šumperk, ste­ht näm­lich ihr Eltern­haus. Deutsche hat­ten es errichtet. Damals hieß der Ort noch Frankstadt. Jarkas Mut­ter stammte aus der Slowakei. Ihr Vater war ein Tscheche und hieß Men­zel. Als die Eltern dort mit staatlich­er Erlaub­nis einge­zo­gen, war das Häuschen besen­rein. Keine Spur mehr von den Deutschen.

Jarka(BEWEGT) Hier hat mein Brud­er immer Honig gestohlen — daran kann ich mich so genau erin­nern. Der Ein­gang existiert nicht mehr, man hat die Brücke weggenom­men. Und von der Brücke bin ich ein­mal ins Wass­er gefall­en, als drei­jähriges Kind. Aber das existiert nicht mehr durch den Bau der Straße.

Frau (JARKA ÜBERSETZT) … Jesus — sie haben fünf Kinder, elf Enkelkinder schon

Erzäh­lerIn gewiss­er Weise war Jarkas Geschichte die Fort­set­zung mein­er eige­nen. Deshalb hat­te sie davon geschwiegen. Seit ihrer Kind­heit war sie nicht mehr hier gewe­sen. 38 Jahre.

Man­nWenn ich aufrichtig sein sollte, hat­ten wir keine guten Erfahrun­gen mit den Deutschen. Nicht in der ersten Repub­lik, nicht während des Krieges und niemals ! Das geht nun schon 200 oder 300 Jahre, dass diese Gebi­ete immer ger­man­isiert wor­den sind.

Die Fab­riken gehörten meis­tens den Deutschen. Und wenn die Tschechen angestellt sein woll­ten, mussten sie eine deutsche Schule besuchen. Amtssprache war nur Deutsch. Wenn man bei der Bahn angestellt sein wollte, musste man nur Deutsch sprechen.

Ich bin damals zur Schule gegan­gen, und als Schüler — als der Lehrer in der Klasse erschien — mussten wir auf­ste­hen und “Heil Hitler !” sagen.

Nach dem Schu­la­b­gang, als ich mit der Grund­schule fer­tig war — als Tscheche kon­nte ich mich um keine andere Arbeit bewer­ben, nur am Hofe eines Bauern zu dienen. Und ich durfte in keine Lehre gehen. ich kon­nte an nichts besseres denken als nur Arbeit auf dem Felde.

Ich meine, dass die Deutschen gegen uns Tschechen weit größere … príšer­nitctví … began­gen haben als wir. Wenn Sie vielle­icht wis­sen, welche Ziele sie mit uns Tschechen im Falle eines endgülti­gen Sieges hat­ten — Aus­rot­tung ! Wo wären wir heute ?

Es hat in der Geschichte niemals gut getan, dieses Zusam­men­leben. Immer haben die Deutschen etwas — Warum haben sie den Krieg ent­fes­selt ? Das Zusam­men­leben hat nie, nie nichts Gutes … Es hat immer nur — er sagt: immer Hölle verur­sacht ! Und wirtschaftlich haben sie uns ruiniert.

Erzäh­lerDeutsche kom­men öfter hier­her, sagte der Mann. Sie gehen durch’s Dorf und fotografieren die Häuser. Wir sind froh, wenn wir sie von hin­ten sehen. Er nahm kein Blatt vor den Mund.

Mann (Jar­ka) Er sagt, er war Zeuge der Vertrei­bung, aber er war dafür — für die Aussiedelung. Und er hätte keine Szene gese­hen, wo die Deutschen mis­shan­delt wor­den wären.

Erzäh­ler Dieser alte Mann in Jarkas Eltern­haus war pen­sion­iert­er Eisen­bah­n­er. Er hat­te 1946/47 mit­ge­holfen, auf dem Bahn­hof Šumperk Deutsche in die Güterzüge zu ver­laden, alte Leute, Kinder. Vielle­icht ja auch mich.

BAHNHOFS-ATMOSPHÄRE. VORÜBERFAHRENDER GÜTERZUG.

Erzäh­lerDer näch­ste Zug von Šumperk nach Hanušovice ging in zehn Minuten. Eine Gruppe Schüler hat­te sich ver­sam­melt, fröh­lich schwatzend. Ich nahm an, sie freuten sich schon auf die Ferien im Gebirge. Freilich kon­nte ich sie nicht ver­ste­hen. Ihr Gepäck war auf dem Bahn­steig aufgeschichtet — Ruck­säcke und Zelt­stan­gen und rußgeschwärzte Kochtöpfe.

SCHIENENBUS-FÄHRT VORÜBER. DIE KULISSE VERSCIIWIMMT.

Erzäh­lerUnd wieder sah ich diesen alten Film. Die Kam­era im Kopf schwenkt über Haus­rat, einge­hüllt in weiße Lein­tüch­er und Deck­en. Kinder sitzen auf den Bün­del-Halden. Men­schen, Kof­fer — alles durcheinan­der, wie nach einem Erd­stoß. Katas­tro­phen­bilder. Großauf­nah­men zeigen Ess­geschirre, Sup­penkellen, Lis­ten, Stem­pel, Schwest­ern­hauben mit dem Roten Kreuz. Auf einem Holztisch wer­den Schmuck­stücke sortiert.

Und da bin ich, mit­ten im Gedränge. Mut­ter ruft: “Nie­mand fasst mein Kind an !” Groß­mut­ter lehnt abseits an der Mauer, sie muss brechen. Groß­vater wirkt wie ver­stein­ert. Er war Zugführer. Schon vor dem ersten Weltkrieg fuhr er jeden Tag nach Schle­sien, über die Sude­ten — Mährisch-Schön­berg — Neiße — Anschlusszug nach Bres­lau. Er hat oft davon erzählt.

Die große schwarze Lok ! Ich will dor­thin laufen. Aber meine Mut­ter hält mich eis­ern fest.

BAHNHOFSKULISSE WIE ZUVOR

Stimme der ArchivarinDas ist jet­zt die Trans­portliste “Mährisch-Schön­berg und Kreis” (BLÄTTERT) … Moment … 16. 8. nach Ful­da … Das muss es sein ! Der 16. 8.

Kopet­zkyZugnum­mer …

Stimme der Archivarin… 4546 … Mährisch-Schön­berg über Gren­züber­gang Wiesau nach Ful­da, 1220 Per­so­n­en …

Erzäh­lerIch besitze noch die Ausweisungspa­piere — den “Trans­portzettel” zum Beispiel, auf Englisch “Trans­porta­tion­card”: “Hel­mut Kopet­zky, Age: five / three quar­ters — male — Nation­al­i­ty: Ger­man — Occu­pa­tion: child”…

Unser Ziel war die US-Zone. Und der ‘Rauss­chmiss wurde von den Sieger-mächt­en überwacht.

EIN ZUG LÄUFT EIN. LAUTSPRECHER-DURCHSAGEN.

IM FAHRENDEN PKW

Erzäh­ler Näch­sten Tag fuhren wir ins Gebirge. Herr Win­kler, Mit­glied ein­er Jagdgenossen­schaft, hat­te mich zur Fährten­suche ein­ge­laden. Immer wieder zeigte er auf Stein­haufen, bemooste Hügel, in der Land­schaft kaum zu unter­schei­den. Nach dem Weltkrieg standen dort noch Häuser. Die Bewohn­er waren deutsch. Dorf für Dorf wur­den sie ver­trieben. Den Nach­barn dien­ten solche Geis­ter­dör­fer dann als Stein­brüche.

Win­kler Vieh hat’s noch im Dorf gehabt. Mil­itär haben sie einge­set­zt damals, und die haben das Vieh sollen füt­tern. Aber ein Sol­dat — der hat ja andere Inter­essen gehabt … und …

Der let­zte Trans­port, wo er weg war — man ging durch das Dorf und nie­mand … (WEINT) … Aber wis­sen Sie, heute das zu erk­lären (WEINT) … Wis­sen Sie — ich hab’ so viel Leid gese­hen in meinem Leben … Men­schlich­es Leid … Ob’s von diesem Volk oder von diesem Volk …

Erzäh­lerEr sagte: Deutsche kom­men sel­ten bis hier­her. Und dann auch nur zum Jagen — Sam­stag, Son­ntag. Das sind “Reichs­deutsche”, nicht “unsere Leit”.

Win­kler­Re­hwild und Hirschwild hat’s hier vieles.

Kopet­zky­Was sind das für Leute, die hier­her kom­men zum Jagen ??

Win­kler­Das sind meis­tens von Euch — Groß­grundbe­sitzer, Fab­rikan­ten oder von Flugge­sellschaften. Ich habe auch den Dol­metsch gemacht. So ein guter Hirsch von 190 Punk­ten — der kostet 6000 Mark. Und die geben das mit der linken Hand, kann man sagen.

DER WAGEN HÄLT. SCHRITTE IN TROCKENEM GRAS. VOGELSTIMMEN.

Win­k­lerIch bin der let­zte Zeuge hier.

Erzäh­ler Wir gin­gen Über steile Wiesen­hänge. Hartes, aus­gedör­rtes Gras. Früher waren das Kartof­feläck­er voller Steine. Die ärm­sten Bauern zogen selb­st den Pflug.

Erzäh­lerDieser aus­gelöschte Ort hieß Schu­bert-Neu­dorf. Der Vater von Franz Schu­bert wurde hier geboren.

SCHRITTE. VOGELSTIMMEN. WIND.

Win­kler­Nu, da hat das Haus ges­tanden — das Schu­berthaus. Da sehen Sie noch diese Grund­mauern davon. Das ist das Wohn­haus gewe­sen, vorn … Und da ist der Gang in den Keller … Und da war ein Pfer­destall … Das war gewiß ein Pfer­destall — entwed­er das oder das … Und was Sie dort drüben sehen, war die Scheuer … Und da ist man in den Keller gegan­gen (SCHRITTE AUF GRAS, TROCKENE REISER, LOSE STEINBROCKEN) Aber kein Glück wer­den wir dort nie find­en …

WinklerSchau’n Sie her !

Kopet­zkyNoch Schnee drin !

Win­kler­Schnee…

Erzäh­ler­Auf diesen Mat­ten trafen sich die Anhänger der “Heim-ins-Reich-Bewe­gung”, lange vor dem “Anschluss” — deutsche Dirndl, weiße Strümpfe — Tausende. Holzstöße bran­nten, und bren­nende Stro­hballen roll­ten effek­tvoll bergab. Diese Massen­tr­e­f­fen waren ille­gal. Doch die örtlichen Gen­dar­men schaut­en ein­fach weg. Im deutschsprachi­gen Gren­zge­bi­et hat­te Hitler viele Anhänger.

Win­kler­Wo der Hitler den 50. Geburt­stag hat­te, kann ich mich erin­nern, da war das ganze Dorf geschmückt. Mit Eichen­laub wurde das geschmückt zu Führers Geburt­stag, ja …

(…)

EISENBAHNWAGGON, INNENSTARK VERFREMDET

Erzäh­ler… Und ich bin in einem Güter­wa­gen voller Men­schen und Gepäck. Da kni­et Groß­mut­ter vor einem Eimer. Sie muss sich dauernd erbrechen. Immer wieder hält der Zug auf freier Strecke. Ab und zu ein Bahn­hof. Lange Rei­hen offen­er Latri­nen. Män­ner, Frauen, Kinder hock­ten da wie Trauervögel. Alle schä­men sich.

Dann die Gren­ze: Türen fliegen auf. Der Bah­n­damm über­sät mit weißen Arm­binden — N wie “Nemec” — “Deutsch­er” … Wolken von Ent­lausungspul­ver. DDT.

Let­zte Ein­stel­lung: ein Sta­tion­ss­child: FULDA … “Alle ‘raus !” Wer von uns kan­nte den Ort ??

TREPPENHAUS. SCHRITTE UND STIMMEN.

Erst kamen wir ins Quar­an­tänelager. Später wur­den wir mit Last­wa­gen verteilt. Ich weiß noch, wie wir diese enge Dachkam­mer bezo­gen — meine Mut­ter, meine Großel­tern und ich. Es war ein heißer Vor­mit­tag im Som­mer 1946.

AUFSCHLIESSEN UND TÜRGERÄUSCII

Herr Kress jr.Das war ja alles offen hier — das war Boden und dies war Boden Das ist jet­zt Küche … Jet­zt ein schönes großes Zim­mer …

Kopet­zky Darf ich mal zum Fen­ster raus­guck­en ?

Erzäh­lerE­ine Kle­in­stadt, 40 000 Ein­wohn­er, vom Krieg schw­er mitgenom­men. Nach zwei Jahren lebten fast 10 000 Fremde in der Gegend.

Frau Kress Mussten alle zusam­men­rück­en ! Aber wir haben uns gut ver­tra­gen ! Mit der Oma, ‘m Opa …

Herr Kress jr.Heute wär’ das unmöglich ! Da würd’ jed­er protestieren !

Frau Kress­Es hat einem doch auch leid getan …

Herr Kress jr.Die Frauen hat­ten Kopf­tuch, wie heute die Türken­frauen — trugen’s nur ein biss­chen anders. Die fie­len auf mit ihrem Kopf­tuch..

Erzäh­ler… Und viele “Bittschön”-Männer hat­ten Schnur­rbärte — wie Tschechen ! Heute kön­nte man uns nicht mehr unter­schei­den. Aber damals — “Bittschööön ! Bittschööön !” riefen uns die ein­heimis­chen Kinder nach.

Wir trafen uns im Gasthof “Reich­sadler”. Dort feierten wir Wei­h­nacht­en und Ostern, wieder Wei­h­nacht­en. Und immer hieß es: “Nextes Johr sann mir d’rhaam !”

Frau Kress­Dann wollen wir mal trinken ! Prost — Prost !

Erzäh­ler­Am meis­ten litt wohl meine Groß­mut­ter. Ihr Tiegelchen mit “Heimat-erde” wollte sie nicht hergeben. Wenn sie ein­mal in die Stadt ging, sagte sie: “Ich geh auf Schem­berg !” Allmäh­lich wurde sie ver­wirrt. Sie hat nie begrif­f­en, was mit ihr passiert war.

TREPPENHAUS

So sind wir “Bittschöns” dage­blieben. Die einen träumten weit­er von zu Haus’ (und manche träu­men immer noch). Die andern baut­en Häuser, grün­de­ten Fab­riken. Kinder kamen auf die Welt. Sie waren keine Bittschöns mehr und keine Reichs­deutschen. Die meis­ten von uns dacht­en sel­ten an die Ausweisung zurück.

Nur ein­mal jährlich wer­den wir daran erin­nert. Dann ist Sude­tendeutsch­er Tag.

KULISSE FRANKENIIALLE, NÜRNBERG

Redner(WEIHBISCHOF C. PIESCHL) … Ist es christlich, dass wir weit­er­hin die Ver­wirk­lichung des Recht­es auf die Heimat, auf die freie Selb­st­bes­tim­mung, die zumut­bare Entschädi­gung oder Rück­gewähr kon­fiszierten, durch Gen­er­a­tio­nen recht­mäßig erwor­be­nen Eigen­tums fordern ? — Ich sage mit gutem Gewis­sen, in der Achtung der Zehn Gebote: Ja !

Als katholis­ch­er und Sude­tendeutsch­er Bischof und auch als Beauf­tragter für die Ver­triebe­nen wieder­hole ich: Auch die Sude­tendeutschen haben Recht und Anspruch auf Ver­wirk­lichung des Recht­es auf die Heimat und freie Ent­fal­tung in der Heimat als einzelne und als Gruppe !

STARKER BEIFALLAUF DIE VERSCHWIMMENDE KULISSE:

Erzäh­ler­Am let­zten Abend saß ich mit Jar­ka aus Prag in der ver­schlis­se­nen Pracht des “Hotel Grand” in Šumperk. Wir sprachen über dieses unselige “Aug’-um-Auge” Spiel: “Meine Leute” — “Deine Leute” — sollte das denn niemals aufhören ?
Wir haben nichts beschönigt, nichts ver­harm­lost. Wir zogen eine saubere Bilanz.
Abwech­sel­nd tranken wir ein pivo aus Hanušovice und ein Bier aus Hanns­dorf, wie Hanušovice ein­mal hieß: “Na zdraví — “Prosit !” — “Auf die Zukun­ft !”

Vielle­icht schick’ ich doch noch diesen Brief nach Šumperk:

…Sehr verehrte Stadtver­wal­tung ! Auf den Anfang meines Schreibens zurück-kom­mend, wieder­hole ich den unum­stößlichen Verzicht auf alle Ansprüche aus den genan­nten Liegen­schaften (siehe oben). Dies bedeutet nicht mein Ein­ver­ständ­nis mit der Tat­sache und Form der Aussied­lung im Som­mer 1946.
Ich schließe hier nur eine Rech­nung ab. Sie würde niemals aufge­hen. Deshalb dieser Schluss-Strich.

Mit den besten Grüßen — Hel­mut Kopet­zky.

P.S. Mein Sohn, geboren 1976, trägt den Namen Jan Kopet­zky, wie Jan Hus, Jan Pal­lach, Jan Neru­da, Jan Ledecký, Jan Kanyza, Jan Potmesil.

Dies zu Ihrer Ken­nt­nis.”

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